Pierre Heinen
Live Dabei - Teil V
V
Der
Regisseur schritt unentwegt auf und ab. Ein unruhiges Gefühl beschlich
ihn. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und der selbe Mann wie vorhin
kam aufgeregt hereingestürmt.
„Schalten sie auf Kanal 7“, befahl er einem der fünf Personen vor den Bildschirmen.
Die obere Flurkamera für den Keller wurde ausgeschaltet, ebenso wie der
gesamte Ton, anschließend wurde Kanal 7 auf den Monitor gelegt. Die
Moderatorin hielt einen Zettel in den Händen und laß die Neuigkeit ab.
„... ebenso wie für seine zahlreichen Romane. Ein Bericht von John Marple“
„Karl Wals ist tot. Ermordet worden. In einem der Hotelzimmer hinter
mir wurde die Leiche vor zwei Stunden entdeckt. Er wollte am späten
Nachmittag nach Trappely abreisen, aber nachdem er das Hotel nicht
verlassen hatte, sah man nach dem Rechten. Die Leiche befand sich auf
dem Bett liegend und wie eben auf der Pressekonferenz bekannt gemacht
wurde, hat der bislang unbekannte Täter ihm die Hände abgeschnitten und
mit mehreren Stichen in die Bauchgegend getötet. Von der Tatwaffe wie
vom Täter fehlt bislang jede Spur. Der ermittelnde Polizeibeamte geht
davon aus, daß der Täter sich noch in der Umgebung aufhält. Ein
auffälliger Mann hatte das Hotel laut Ermittlungen kurz nach der
Tatzeit verlassen. Die Polizei bittet nun um die Mithilfe der
Bevölkerung bei der Suche nach dem Mörder. Der Mann ist etwa ein Meter
neunzig groß, hat kurzes, schwarzes Haar und trug einen ledernen Beutel
bei sich. Unter der unten eingeblendeten Telefonnummer können sie
Informationen und Hinweise einreichen. Hinzuzufügen bleibt aber noch,
daß Karl Wals heute an der umstrittenen Sendung >Live< teilnehmen
sollte. Ohne jede Scham stellte man dort heute einen anderen Mann als
Karl Wals vor. Soweit von John Marple, zurück ins Studio!“
Kanal 7 wurde ausgeschaltet. Der Regisseur war bei jedem Satz bleicher geworden und starrte auf die Schirme.
„Scheiße“, sagte er trocken und setzte sich auf einen Stuhl im dunkeln
Hintergrund des Raumes. Er suchte den Bildschirm auf dem der
vermeintliche Schriftsteller zu sehen war. Alle hatten es sich nach dem
Essen im Kaminzimmer gemütlich gemacht. Einige rauchten, andere waren
von dem lodernden Flammenspiel im Kamin fasziniert. Walter saß neben
der Schiebetür und sah dem tobenden Schneesturm zu. Es war
mucksmäuschenstill, der Sturm schien durch die dicke Verglasung weit
entfernt, nur das Zischen, Fauchen und Knistern des Feuers erfüllte den
Raum. Keinem fiel ein passendes Gesprächsthema ein.
Der Moderator kaute unruhig an seinen Fingernägel.
„Mein Gott! Wir haben einen Mörder da oben“, flüsterte der Regisseur,
der langsam anfing die Situation wahrzunehmen. Mit einem Satz war er
aufgesprungen.
„Rufen sie den Produzenten und die Polizei an und bringen sie mir den
Verantwortlichen der Bergwacht her!“, befahl er dem Mann, der vorhin
hereingestürzt war. Sogleich verließ er wieder hastig den Raum.
„Was hast du vor?“, fragte ihn der Moderator.
„Ein Mörder ist da oben! Ich ...“
„Dafür haben wir keine Beweise!“, fuhr der Moderator energisch dazwischen.
„Das Täterprofil paßt genau. Er trug einen ledernen Beutel und der Typ sah von Anfang nicht wie ein Schreiber aus!“
„Du setzt die Show aufs Spie!“
„Besser als neun unschuldige Leben aufs Spiel zu setzen!“
Gegen zehn Uhr fingen die ersten an ins Bett zu gehen. Nur noch Ben,
Samanta und der angebliche Schreiber verweilten im Kaminzimmer.
„Eigentlich wollte ich hier nicht mitmachen, aber schlußendlich hat
meine Schwester mich überzeugt. Schließlich gibt es eine Million Dollar
zu gewinnen und nette Leute trifft man hier bestimmt auch“, sagte
Samanta.
„Stimmt. Eigentlich bin ich mehr wegen der netten Leute hier“, meinte Ben und sah ihr in die Augen.
„Wir kennen uns erst seit einiger Zeit, bislang finde ich alle sehr
nett und ich hoffe wir werden uns alle besser kennenlernen“, gab sie
ihm zu wissen.
„Mir fallen gleich die Augen zu. Bergluft macht müde, das muß am
Sauerstoff liegen. Also bis Morgen“, verabschiedete sich Ben. Samanta
folgte ihm.
„Gute Nacht“, sagte sie zu dem angeblichen Schriftsteller und beide stiegen die Treppe zu den Schlafzimmern hoch.
„Er ist jetzt allein“, informierte einer der fünf vor der Bildschirmwand.
„Wir müssen die anderen warnen“, meinte der Regisseur und legte seine Stirn in Falten.
Der Verantwortliche der Bergwacht betrat den Raum.
„Was ist los? Probleme?“, fragte er noch etwas verschlafen.
„Dieser Schriftsteller ist keiner. Er ist wahrscheinlich der Mörder von Karl Wals!“, wurde ihm die Situation erklärt.
„Wie? Ermordet?“, fragte der Mann noch nicht ganz bei Sinnen.
„Man fand am Abend die Leiche des Schriftstellers in einem Hotel nicht
weit von hier. Ich gehe davon aus, daß dieser Typ, Karl Wals ermordet,
dessen Identität angenommen und sich hier hereingeschlichen hat“,
erklärte der Regisseur langsamer.
„Und jetzt?“, fragte der Mann aus dem Schlaf gerissen.
„Wir müssen da rauf!“
„Bei dem Sturm, startet der Heli auf keinen Fall!“
„Das dachte ich mir schon. Kann man zur Station klettern?“
„Bei dem Schneesturm, bei Nacht, bei der Lawinengefahr! Das dauert Stunden und ist lebensgefährlich!“
„Verdammt irgend etwas muß man doch machen können!“, fluchte der
Regisseur und rannte mit seinem rechten Fuß gegen den Stuhl auf dem er
vorhin Platz genommen hatte. Dieser fiel scheppernd zu Boden. In dem
Augenblick kam der mit Schnee bedeckte Produzent herein.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.08.2007.
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