Mat D. Skincap

Christus im Kleinwagen

Der Pfad schlängelt sich mäandernd den Berg hinauf. An jeder Kehre scheint das letzte Stück erreicht zu ein. Noch eine Kehre, aber dann... Das Gebäude des Klosters sitzt wie ein Würfel gigantisch auf den behauenen Stein. Kein Windhauch, Stille, Christi Rei.

Wir betreten das Portal des Klosters und blicken in einen dunklen, weißgetünchten Kreuzgang. Ein Mann in Mönchskutte erhebt sich, sein Stuhl knarzt und ächzt unter seinem gewaltigen Gewicht, sein Kopf so rund wie ein deutscher Käsekuchen. Ein Lächeln verzaubert ihn zu Linzer Schnitte. „!Hola!“

Una noche für dormir ist ausgemacht und wir blicken aus einer Mönchszelle über die weiten Auslagen der Hure Mallorca.

Die Kapelle ist kühl und katholisch. Die Kleidung sittsam. Kleine Lampen als Kerzenersatz sorgen für einen sicheren Aufenthalt. Ein „Klageraum“ beherbergt die Photos und Bilder der Bittenden. Der Schutzheilige hat es in sich. Auch uns berührt der Strahl Gottes und wir befinden uns in guter und ausgeglichener Laune.

Herzi duscht ausgiebig den Sand und das Salz von der Seele und möchte die kühle Fürsorge der Klostermauern für eine kleine Siesta nutzen. Auch in meinem Sinne und sogleich in Vollzug.



Callas de Mallorca


Unglaublich. Wenn Sie schläft, schläft sie. Eine Bombe kann einschlagen – sie schläft tief und fest.

„Ich habe gar nichts gehört“.

Diskothekenlärm, Menschengetrappel, -gemurmel, -schreie, und dann die Müllabfuhr, der Müllwagen rangiert, der Motor heult auf, aufladen, klong, klong, abladen, Glasbehälter zurechtschiebe, uuhrz, klapper, aufladen mit Motorgeheul, klirr, schepper, schup, schlaf, pum, ...

Sie schläft!

Anweisungen werden geschrieen, gelacht, geblödelt, helles Frauengekichere, nächste Mülltonne.

Sie schläft!

Müllabfuhr nachts um zwei Uhr. Sauerei!



Zwei dünne, ausgehungerte Hündchen, große braune Augen, trappeln die Straße entlag. „Ach sind die süß!“ „Kläff, Kläff, knuuuurrrr“

Na, wird schon einen Grund haben...

Einfach Nasser mit Hahnenwasser
Wasser rinnt die Beine entlang, nimmt Sand und Staub mit.

„Sparsam umgehen“ steht überall.

Es rinnt und rinnt. Der Sand bleibt in Linien liegen, das Wasser gleitet, drüber, vorbei. Mein Rücken wird gewärmt, gekühlt. Es brennt. Das Wasser umspielt meinen Bauchnabel und tropft am Gemächte.

„Sparsam umgehen“ – es macht hier einfach mehr Spaß als zu Hause.

Noch mal über den Rücken, noch mal vorne, noch mal die Arme, und noch mal den Rücken.

„Sparsam umgehen“ – wie schön!

Und noch mal am Bauchnabel, und die Beine ...

Monetenhatz und Schlabberfatz
„ALDI“ auf Mallorca!? Ist der Name nicht geschützt? Es gibt hier alles. Alles, was man braucht und was man nicht braucht...

Zu Preisen, bei denen sich die Brüder Albrecht im Grabe umdrehen würden, wenn sie tot wären.

Aber es zieht: Die Leute kaufen wie blöde im gewohnten ALDI. Erst beim Zahlen, oder beim Umrechnen im Hotel, oder überhaupt nicht, merken sie in gezuckertem Heimatambiente die Abkocherei. Ein Schritt weiter eine Bar, preist „deutscher Kuchen“ und „Tchibo-Kaffee“ an. Das schmeckt doch schon zu Hause scheußlich!

Wer quält die Hamburger auf Mallorca?
Wir setzen uns in eine Bar, die leckere Hamburger vermuten läßt. Niemand kommt und keiner bedient uns. Der Wirt steht am Tresen und beabsichtigt nicht, einen Schritt vor die Tür zu tun. Nach zehn Minuten gehen wir.

Wir setzten uns in eine Bar, die leckere Hamburger vermuten läßt. Jemand kommt und dieser bedient uns. Die Wirtin steht am Tresen und beabsichtigt nicht, etwas Leckeres vor die Tür zu tun. Nach zehn Minuten bekommen wir einen angekohlten Leberkäse namens „Hamburger“, leckere Fritten, die glücklicherweise mit denen auf dem Bild keine Ähnlichkeit haben und kaum zu glauben: Bohnen. Bohnen? Bohnen! Bohnen...

Der kulinarische Abstieg im Einkaufszentrum war abzusehen, traf uns aber trotzdem unerwartet hart. Einen Tag später sah ich in einem anderen „Restaurant“ die gleiche Kombination. Scheint wohl ein billiges Standardgericht zu sein. Hey! Wir haben es so bestellt. Klappe halten, aufessen, das nächste Mal halt etwas anderes bestellen, mehr bezahlen, Idiot!

Rappazapp am Ballermann
Gelbe Zähne lächeln uns an. Der Parkplatzwächter zeigt in Richtung „Ballermann 6“. „Eine Kilometr“. Wir gehen zu Fuß in flirrender Hitze die Strandpromenade entlang. Überall junge Männer mit kurzen Haaren und Spiegelbrille, junge Frauen, die keine Jungfrauen mehr sind, knappe Bikinis, Tanga´s, mal mehr, mal weniger. Alle paar hundert Meter ein Balenario mit Schirmen und Tischen. Emsige Kellner sorgen dafür, daß Volkes Kehle nicht trocken bleibt. Coole Polizisten dafür, daß doch noch Ordnung zu seinem Recht kommt.

Ein Mädchen drückt uns ein Flugblatt in die Hand: „Party – heute abend!“ Das fünfte Flugblatt mittlerweile. Ein Flugzeug wirbt mit einem Transparent für eine Party heut nacht. Überall stehen Reklametafeln für eine Party heut nacht, was machen wir wohl heut nacht? Nach der Sonneneinstrahlung mit Vitamin A einreiben und Wunden pflegen...

Ein paar Mädchen kommen uns entgegen, überall voll Schaum, Schaumparty ist angesagt. Wir setzen uns hin und sehen zu, wie die Menge unter Schaumkanonaden ertrinkt. Ein Kellner stellt großes Bier auf den Tisch. Ein langer Strohhalm, und nach einigem Zusehen ist das Bier alle und wir voll

Ein Abschiedsphoto am Ballermann 6 und am „Oberbayern“, und wir gehen auf Souvenir-Jagd. Alles was Kitsch und billig ist, gibt es hier: Eine Schürze mit Gummibrüsten ist die absolute Krönung. Wenn der gute Geschmack schon gestorben ist, hier liegt er begraben. Eigentlich lustig, so für ein paar Stunden. Wem es länger gefällt, warum nicht. Wir fahren aber wieder zurück in die Ruhe des Klosters.

Flughafenimpressionen
Eine Frau sitzt an unserem Tisch. Häßlich wie die Nacht dazwischen. Sie heult auf Englisch. Scheußliches Englisch. Ihre Tochter schaut peinlich berührt in die Gegend und versucht ihre Mutter zu trösten. Die Mutter kramt im Handgepäck. Findet nichts. Hat sie was verloren? Sucht sie das Paradies? Oder ihre verlorene Unschuld? Da kann eigentlich nur ein Mann im Spiel sein. Ein rassiger Spanier, braungebrannt mit Goldkettchen, Schnurrbart: „Isch liebe Disch, mi amore. Wenn ich kommen nach England ich Disch heirate! Machs noch mal wie gestern...“

Am anderen Tisch trinkt ein Mädchen Sekt, ganz allein, und schaut in Gedanken verloren. Hieß er Alberto? Oder Paolo? Oder Pepé? Irgendwie traurig. Unsereins muß monatelang die Mädels trösten, dann fahren sie wieder nach Mallorca und alles beginnt von vorn. Brauchen die Spanier für ihr Ding eigentlich einen Waffenschein? Höchste Zeit!

Gangway
Von hier aus benötigen Sie 15 Minuten zu ihrem Flugsteig! Man könnte meinen, man müßte zu Fuß nach Hause gehen. Schon beim Abflug fuhren wir holpernd über den Flughafen. Kreuz und quer. Die Flügel wippen bei jeder Betonfuge im Takt wie die BH-losen Brüste von Brigitte Bardot. Beide zum Fliegen, nicht zum rumholpern. Naja, wenn ich so dicke Turbinen dran hätte, würde bei mir auch alles schaukeln. Zigarettenrauch zieht an meiner Nase vorbei, ekelhaft, aber was tut man nicht alles für so einen kurzen Kick beim Start eines Düsenjets. Lauter lustige Leute um uns herum. Und alle wollen nach Hause. Seltsam. Ein Stockwerk tiefer wilde Hektik. Luftgäste wollen ihre Koffer ergattern, suchen ihren Bus, wollen Geld umtauschen, alle gestreßt, hektisch, wo ist der Reiseführer, „Hast Du auch wirklich den Herd ausgeschaltet?“ „Jaaaah!“ Ein Stockwerk höher sitzen die Fluggäste rum, wollen ihre letzten dineros los werden, kaufen Schund im Duty Free, der so free gar nicht mehr it, seit der EEC. Und wollen nach Hause. Die Familienmutter denkt sich gerade „Hoffentlich hat die Nachbarin die Blumen gegossen. Die Yucca braucht doch soviel Wasser.“ Und der Vater denkt sich: „Montag Büro, den ganzen Arschgesichtern erzählen, wie toll der Urlaub war. Hoffentlich bin ich brauner als der Meyer von der Buchhaltung. Endlich Ruhe im Büro, keine Kinder!“ Und die Kinder denken sich: “Scheiß auf die Alten, ständig am Meckern, denken doch eh nur an Arbeit und Yucca-Palme!“ Und das Parfüm-Männchen winkt zum Abschied „!Hola!“

Ein Urlaub!
Fünf Tage im Winde verweht. Sonnenbrand. Sand in allen Ecken. Einmal Paella, einmal Tintenfisch. Eine Nacht im Zelt, eine Nacht im „Santa Fe“, eine Nacht auf historischen Spuren, die zu hysterischen Spuren ausarteten. Und zweimal im Schoß des Klosters. Zeit, um wieder nach Hause zu kommen, um zu wissen, wie es woanders ist.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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