Pierre Heinen

Live Dabei - Teil VII

VII

John Smellog hatte zunächst ein glückliche Kindheit. Seine natürlichen Eltern kümmerten sich vorbildhaft um ihren einzigen Nachwuchs. Er bekam jeden erdenklichen Wunsch erfüllt und wuchs problemlos auf. Eines Tages aber verlor sein Vater aus Fusionsgründen seinen Job und die Eltern standen plötzlich vor einem unübersehbaren Schuldenberg. Wie sollte es weiter gehen?

Verzweifelt und ohne eine Ausweg zu sehen, verloren beide jeglichen Bezug zur Realität und töteten sich selbst. Als John aus der Schule kam, fand er in der Küche als Erster seine Eltern nebeneinander in einer riesigen Blutlache liegend. Er kam, nach einer psychischen Untersuchung, in ein Waisenheim und eine Familie adoptierte den damals neunjährigen John noch in demselben Jahr. Ohne jegliche Zukunftsperspektiven und aufgrund seiner miserablen Schulnoten wurde der äußerst sensible Junge von seinem neuen Vater in seiner Metzgerei mit eingeplant.

Sobald er alt genug war, nahm man ihn von der Schule und er fing als Lehrling bei seinem Vater an. Obwohl John beim Anblick von Blut Herzrasen, eine Gänsehaut und Schweißausbrüche bekam, arbeitete er mit Interesse. Sein Vater meinte daraufhin, das würde mit der Zeit vergehen. Tatsächlich wurde es immer besser. Irgendwie schien es ihm sogar immer mehr Spaß zu machen wenn das Blut aus dem Fleisch nur so spritzte und das Fleischstück auf dem Holzbrett vor ihm nur so klatschte.

Als er eines Tages mit dem Beil in der Hand allein war, sah er auf die hochgekrempelten Ärmel. Er nahm seinen linken Arm legte ihn vor sich auf den Tisch. Mit dem eiskalten Beil streichte er langsam auf der nackten Haut hin und her. Er drückte mit dem Beil immer fester, bis schließlich aus einer Wunde langsam Blut herauslief und es sich auf dem Arm verteilte. Er fing er an durchzudrehen. Plötzlich schrie er und hackte sich blitzschnell mit einer ungeheuren Kraft die Hand ab. Er traf genau zwischen die Hand und dem Unterarm. Sein Blut spritzte ihm ins Gesicht und auf die Schürze. Es verlief vor ihm auf dem Tisch.

Von Sinnen ließ er das Beil zu Boden fallen und ging etwas benommen zur Theke, hinter der sein Vater einen Kunden bediente. Vor all den Augen fiel er bewußtlos auf den weiß verkachelten Fußboden und schlug mit dem Kopf auf. Von dem Tag an, trug John eine Prothese. Er kam in eine Nervenheilanstalt.

Außerhalb der Gruppentherapien befasste er sich besonders mit den Romanen von dem Schriftsteller den er an diesem Tage erstochen hatte. Während eines Spazierganges im verschneiten Park, hatte er eine Schneeballschlacht angezettelt, das Getümmel unter den Bewohnern des Heimes genutzt um unbemerkt über die Außenmauern der Anstalt zu fliehen. Er irrte eine Weile ziellos herum, bis er auf den fast menschenleeren Straßen auf der anderen Straßenseite einen Mann in ein Hotel gehen sah. Er folgte ihm und drang in dessen Zimmer ein. Der Mann lag auf dem Zimmer und döste.

John nahm einen Brieföffner von einem Tisch und hatte zugestochen. Warum gerade dieser Mann? Warum? Er setzte sich neben die Leiche, sah seine blutigen Hände und schaute etwas fern. Dort sendete man gerade eine Reportage über >Live<. Auch sprach man über den Namen des Mannes, der tot neben ihm lag, den Namen auf dem Ausweis des Toten. Er hatte den Schriftsteller getötet, dessen Romane er ständig auf seinem Zimmer in der Anstalt gelesen hatte. Nun saß er da und weinte. Wieso war er dem Mann auf sein Zimmer gefolgt? Warum hatte er ihn in einer Art Rausch erstochen? Was tat er hier? Woher kam die Axt die blutig auf dem Boden lag? Hatte er die Anstalt hinter sich gelassen, um demnächst hinter Gitter oder auf dem elektrischen Stuhl zu landen? Noch immer berichtete die Reportage über diese Show. Ein Zuhause hatte John nicht mehr. Wohin sollte er gehen? Wenn der Schriftsteller nicht bei dieser Show auftauchen würde, würden sie ihn bald finden und einsperren. Sie würden ihn sowieso finden. Er sah in die weit aufgerissenen Augen des Toten. Er stand auf und stellte sich vor den Spiegel. Wieder einmal sah er die Leiche an. Er sah im Spiegel fast so aus wie sein Lieblingsautor. Könnte er womöglich dessen Platz in dieser TV-Show einnehmen?

Ja, er hatte es geschafft. Jetzt saß er vor dem Kamin, das Messer auf dem Tisch, die Prothese in der Hand und er sah sich den Armstummel immer noch an. Er hatte die Lust Blut zu sehen. Bilder vom Fleischhacken in seiner Lehrzeit kamen in ihm hoch. Irgendwie war er süchtig nach dieser roten Flüssigkeit. Er stand auf, steckte sich die Prothese wieder auf den Arm an, nahm das Messer und schlenderte die Treppe hoch zu den Schlafzimmern. Der Schneesturm umgab die Station weiterhin wie eine Schutzschicht. Als er in der Hälfte der Treppe war, blieb er stehen. Wie sollte er es anstellen? Wen würde er zuerst umbringen? Samanta fiel ihm plötzlich ein, diese rothaarige Schönheit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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