Marina Fleischlin

Ferien an der Toleranzgrenze

Ferien an der Toleranzgrenze 
 
Mit einem Lachen im Gesicht verabschiedeten wir uns von unseren Kolleginnen und Kollegen mit den Worten : „Noch heute Abend werden wir am Strand entlang laufen“. Sie wünschten uns alle schöne Ferien. Es war kurz nach Weihnachten. Meine Kolleginnen und ich beschlossen ganz kurzfristig für den Rest unserer Weihnachtsferien in die Sonne zu fliegen. Den ganzen Tag an der Sonne zu liegen, im Meer zu baden, abends spazieren, tanzen zu gehen. Das ganze Programm, um sich vom Weihnachtsstress zu erholen. Wir amüsierten uns schon auf dem Weg zum Flughafen. In Gedanken malte ich mir bereits aus, wie wunderbar frei wir sein werden. Alles hinter mir zu lassen, das kam mir jetzt gerade recht. Im Flugzeug packte mich meine Neugier. Ich beschloss Katrin, die unsere Reise so kurzfristig geplant hatte, mit meinen Fragen zu löchern. Bereits nach der ersten Antwort lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich fragte Katrin, wohin wir eigentlich fliegen würden. Okay, dachte ich mir, sie konnte ja nicht wissen, warum ich es vorzog, lieber nicht nach Spanien zu fliegen. Als mir Katrin dann aber auch noch den Namen des Hotels, in dem wir wohnen werden nannte, war ich wie gelähmt. Beim Anblick meines ratlosen Gesichtes fragte Sara mich, ob etwas nicht in Ordnung sei. „Nein, nein alles bestens“, gab ich zur Antwort. Ich dachte mir, dass ich den beiden besser nichts davon erzähle, wovon es mir graute.   Im Hotel angekommen, bezogen wir unser Zimmer. Sara hatte auf dem Weg zum Zimmer bereits einen fragenden Blick in meine Richtung geworfen, als sie mich beobachtete, wie ich mich nach allen Seiten umgesehen hatte. „Hat dich der Verfolgungswahn gepackt?“, fragte sie lachend. Darauf wusste ich keine Antwort. Im Zimmer zogen wir uns um, um gleich die Sonne zu geniessen. Katrin und Sara verweilten sich im Wellnessbereich, während ich mich alleine durch das Hotel auf Erkundungstour begab. Vor einer Treppe blieb ich stehen und betrachtete ein Schild auf dem gross „Pool“ geschrieben stand. Ich lief also die Treppe hinauf, um schwimmen zu gehen. Doch dazu kam es erst gar nicht. Ich war erst einige Stufen weit, als ich wie versteinert stehen blieb. Ich konnte meinen Augen nicht glauben. Schnell schloss ich die Augen und machte sie wieder auf. Es war also wirklich wahr. Meine Befürchtungen wurden zur Wahrheit. So schnell wie möglich rannte ich die Treppe wieder hinunter, und stand wenige Sekunden später vor meinen Kolleginnen. „Hast du etwa ein Gespenst gesehen?“, wollte Katrin lachend wissen. „Sie liegt da oben auf einem Liegestuhl, ich habe es mit eigenen Augen gesehen“, flüsterte ich aufgebracht. „Wer? Mutter Theresa?“, spottete Sara. Ich musste mich erst einmal setzen. Mit allen Details erzählte ich den beiden dann die ganze Geschichte von Christina, die mehrmals im Jahr genau hier in diesem Hotel ihre Ferien verbringt, weil hier ihr angeblicher Lover arbeitet, mit dem sie ihren Ehemann betrügt. Die beiden wurden ganz ruhig und hörten mir bis zum Ende zu, ohne mich auch nur ein einziges mal zu unterbrechen. Saras Gesicht wurde blass. „Jetzt verstehe ich, warum du dich so verfolgt geglaubt hast, als wir den Hotelflur entlang gingen“ „Und sie liegt jetzt wirklich da oben?“, wollte Katrin sich vergewissern. „Ja. Aber sie hat mich nicht gesehen“, gab ich zur Antwort. „Liegt sie alleine dort?“, fragte sie weiter. „Was denkst du denn? Natürlich nicht. Ich durfte soeben zusehen, wie sie einen gutaussehenden Spanier küsste, der neben ihr lag. Ich kann das einfach nicht glauben“, sagte ich den Tränen nahe.   Zurück im Zimmer warf ich mich auf mein Bett. Die Tränen flossen. Ich fühlte mich irgendwie schuldig. Schuldig gegenüber Marc, der jetzt alleine zu Hause sitzt, während ich im warmen Süden beobachte, wie seine Frau ihn betrügt. Sara und Katrin versprachen mir, dass wir uns von nichts und niemandem unsere Ferien ruinieren liessen. Zum Abendessen gingen wir nicht in den Speisesaal. „Wir wollten doch am Strand entlang laufen“, meinte Sara. „Oh ja ich möchte auf keinen Fall in den Speisesaal, ich will ja nicht schon wieder Christina mit ihrem Spanier sehen“, meinte ich energisch. „Das dachten wir uns schon“, sagte Katrin und lachte mich an. „Danke! Auf euch kann man sich verlassen“. Irgendwo auf unserem Weg am Strand entlang hielten wir bei einem Restaurant an und assen Pizza. „Morgen..“ begann Sara bereits Pläne zu schmieden „können wir ja etwas früher frühstücken gehen. Die Turteltauben ziehen es sicher vor, morgens eher länger im Bett zu verweilen, als schon zu frühstücken. Danach könnten wir uns ja irgendwo hier am Strand hinlegen, statt am Hotelpool“ Katrin und ich sahen uns an und begannen laut zu lachen. „Ach so, du denkst also, die ziehen es vor morgens noch zusammen im Bett zu liegen“ spottete ich.   Am nächsten Morgen befolgten wir Saras Plan und gingen früh in den Speisesaal zum frühstücken. Als wir am Nachmittag am Strand lagen wollte Katrin wissen, was ich denn jetzt tun werde. „Meinst du wegen Marc?“, wollte ich wissen. „Ich weiss nicht. Weißt du? Ich kenne ihn so gut. Ich kann es ihm nicht sagen“ „Verstehe, aber mal ehrlich, würdest du nicht liebend gerne den beiden einen Strich durch die Rechnung machen?“, fragte sie. „Ich kann doch nicht...“ „und ob du kannst!“. „Christina ist, oder sie war zumindest eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Ich hätte ihr blind vertraut, und ich hätte nie gedacht, dass das alles wirklich wahr ist, hätte ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen“, sagte ich nachdenklich.   Die folgenden Tage haben wir Christina noch ein paar Mal gesehen. Es schockierte mich jedes mal wieder von neuem, wie sie so etwas tun kann. Ein einziges mal musste Sara mich aus der Situation retten, indem sie sich vor mich stellte, sodass Christina mich die ganze Woche nicht ein einziges mal gesehen hat.   „Mit welchem Flugzeug fliegen wir eigentlich zurück?“ wollte ich von Katrin wissen, während ich noch die letzten Sachen in meinem Koffer verstaute. „Leider schon mit dem ersten mach dem Mittagessen“, kam die Antwort. Im Flugzeug machten ich und Sara darüber Witze, wie sich Christina wohl von ihrem Spanier verabschiedete. „Bye Schatz, und das du auch ja auf mich wartest. Ich bin bald wieder da, sofern es mein Ehemann mir erlaubt“, sagte Sara mit einer Stimme, die sich wirklich ein bisschen wie Christina anhörte. Ich konnte mir ein lautes Lachen nicht verkneifen. Katrin rief meinen Namen, was wohl so viel heissen sollte wie „Bück dich!“ aber es war schon zu spät. Eine hübsche, blonde Frau mit blauen Augen stieg ins Flugzeug ein und lief an uns vorbei. Unsere Blicke trafen sich und sie blieb für einen kurzen Moment neben uns stehen. Eine deutliche Röte stieg in ihrem Gesicht auf ; sie lief schnell weiter und setzte sich einige Reihen vor uns. Es war Christina. Ich verstummte für einige Sekunden, bevor ich mich wieder meinen Kolleginnen zuwandte. „Warum die sich wohl so schämen muss?“, lachte ich. „Geschieht ihr ganz recht“ Schnell wechselte ich das Gesprächsthema. Katrin, Sara und ich amüsierten uns prächtig auf dem Heimflug und ich wagte während des ganzen Flugs keinen einzigen Blick in Christinas Richtung.   Zu Hause verlor ich in der Gegenwart Christinas nie auch nur ein einziges Wort über unseren Spanienurlaub. Auch sie wagte es nie, ein Wort darüber zu verlieren. Wir begegneten uns wie zuvor und Christina war für mich wieder der gleiche Mensch, wie sie es auch vorher war. Eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. 
Marina Fleischlin

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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