Annette Andersen

Der blinde Nachbar (Irren ist menschlich)

 (Geschichte zum Sprichwort: Irren ist menschlich)
 
Ilona und Gerda, die 12jährigen Freundinnen, erleben ein neues Abenteuer, mit ungeahnten Folgen. (Bei den Erzählungen aus der Serie „ Ilona und Gerda“  handelt sich um wahre Geschichten, die  sich in den 60iger Jahren zutrugen.)
 
Gerda erwachte. Noch müde und verschlafen öffnete sie die Augen einen kleinen Spalt und schloss sie ganz schnell wieder. Grelles Sonnenlicht blendete sie, und mürrisch zog sie sich das Deckbett über den Kopf. Doch die Müdigkeit verschwand schlagartig, und Gerda legte sich auf den Rücken. Es ist bestimmt noch ganz früh am Morgen, dachte sie, denn außer den gleichmäßigen Atemzügen ihrer Freundin Ilona, die neben ihr im Bett schlief, war kein Geräusch zu hören.Ob ich versuche, noch einmal einzuschlafen, fragte sie sich. Nein, sofort verwarf sie den Gedanken wieder. Der Tag ist viel zu schön, und das muß ausgenutzt werden.Sie drehte ihren Kopf ein wenig, lugte unter dem Zudeck hervor und sah auf den Wecker, der dicht neben ihr auf dem Nachttisch stand. 5 Minuten vor 6 war es, also wirklich noch früh am Morgen. Was konnte man so früh schon machen? Sie überlegte.
Zuerst einmal wollte sie Ilona wecken, denn es war gar nicht einzusehen, dass sie noch weiterschlief, obwohl man doch schon längst etwas unternehmen könnte. Also nahm Gerda sich einen Zipfel der Zudecke und kitzelte ihrer Freundin vorsichtig damit an der Nase herum.
Ilona wurde sofort unruhig. Im Schlaf hob sie die Hand und wischte sich damit mehrmals über das Gesicht. Gerda amüsierte sich. Es machte ihr Spaß, die Freundin zu ärgern, und erneut kitzelte sie deren Nase. Diesmal sauste Ilonas Hand sofort hoch und versuchte, den Störenfried abzuwehren. Gleich darauf setzte sie sich ruckartig auf und wischte hektisch an ihrer Nase herum.
Gerda lachte. „Hast du ein Problem?“ fragte sie.

Ilona hatte die Situation erfasst und entgegnete mürrisch: „Manno, kannst du mich nicht in Ruhe schlafen lassen? Ich dachte, es krabbelt ein Tier auf meinem Gesicht herum. Wieso ärgerst du mich?“

 „Weil ich es blöd finde, wenn du so lange pennst. Laß uns lieber irgend etwas machen“, sagte Gerda. „Guck mal aus dem Fenster, es ist ein Superwetter.“

„Wie spät ist es denn, ist deine Oma schon wieder da?“ fragte Ilona.

Gerdas Oma hatte Ilona und Gerda am Abend vor dem Schlafengehen gesagt, dass sie schon ganz früh in ihren Garten fahren würde. Sie wolle aber zurück sein, bevor die beiden aufgewacht seien. Der Garten war etwas außerhalb des Dorfes, und Gerdas Oma fuhr immer mit dem Fahrrad hin, um ihn zu versorgen. Ab und zu durften Ilona und Gerda bei ihr schlafen, wenn am nächsten Tag schulfrei war, und bisher kam sie immer spätestens um 7.30 Uhr von der Gartenarbeit zurück. Normalerweise schliefen die beiden Freundinnen dann noch tief und fest und standen nicht vor 10.00 Uhr auf. Aber heute war das anders. Inzwischen waren beide wach und putzmunter.

„Es ist erst 6.00 Uhr, und meine Oma ist bestimmt noch lange in ihrem Garten. Was wollen wir machen? Schlag mal was vor!“, forderte Gerda ihre Freundin auf. Dabei sprang sie aus dem Bett und ging zum Fenster.

Das Zimmer befand sich im Erdgeschoß. Hinter dem Haus, quasi direkt unter dem Fenster, schloss sich eine große Wiese an, die, ein wenig verwildert und mit vielen bunten Blumen übersät, geradezu zum Toben aufforderte. Der Himmel darüber strahlte tiefblau, und nur ein paar vereinzelte weiße Wölkchen waren zu sehen. Und obwohl es noch so früh war, flatterten viele Schmetterlinge in der Wiese herum und ließen sich ab und zu auf einer Blüte nieder. Weiter hinten gab es einen kleinen Teich, mit Fischen und Fröschen, die abends oft ein Konzert veranstalteten. Gerda hatte ihn erst einmal aus der Nähe gesehen, denn er gehörte, so wie auch die Wiese, den Hausbesitzern, Herrn und Frau Brandes. Und die erlaubten nicht, dass Kinder in der Wiese spielen. Leider, die Wiese war tabu. Herr Brandes wirkte eigentlich immer schlecht gelaunt und grimmig, wann immer man ihn sah. Gerda konnte sich nicht daran erinnern, dass er je gelacht hätte. Herr Brandes war blind. Vielleicht lag es daran.

Es ist schon traurig, dass er nicht sehen kann, wie bunt es heute draußen aussieht, dachte Gerda, als sie aus dem Fenster sah. Aber gleichzeitig war sie auch ärgerlich darüber, dass er verboten hatte, in der schönen Wiese zu spielen.

Um diese Zeit wird er bestimmt noch schlafen, überlegte sie weiter, denn es ist ja noch ganz still im Haus. Herr Brandes und seine Frau wohnten gleich nebenan, und man konnte meistens hören, wenn sie in der Küche rumorten. Aber noch war alles vollkommen ruhig. Kein Geräusch war zu hören. Frau Brandes war sowieso für ein paar Tage verreist, hatte Gerda von ihrer Oma erfahren, aber Herr Brandes käme auch allein ganz gut zurecht. Er wäre sehr stur und würde sich nie von fremden Leuten helfen lassen, hatte die Oma gesagt.

Gerda drehte sich zu Ilona um, die begonnen hatte, sich anzuziehen.

„Wollen wir mal nachsehen, ob noch Frösche im Teich sind?“ fragte sie.

„Und wenn wir erwischt werden?“, entgegnete Ilona. „Du weißt doch ganz genau, dass wir das nicht dürfen!“

„Ach, uns kann gar nichts passieren“, sagte Gerda, „wir müssen nur ganz leise sein. Herr Brandes kann uns ja nicht sehen.“

„Aber seine Frau“, entgegnete Ilona, „und die ist noch viel schlimmer.“

„Die ist überhaupt nicht da, wir haben freie Bahn. Und bis meine Oma zurück ist, sind wir längst wieder im Haus. Los, komm, sei nicht feige!“

Noch während sie sprach, hatte auch Gerda begonnen, sich in Windeseile anzuziehen.

„Ich gehe nachsehen, kommst du mit?“ fragte sie Ilona und ging bereits auf die Tür zu.

„Na gut, aber nur ganz kurz“, entgegnete Ilona ängstlich.

„Logisch“, sagte Gerda, „wir wollen doch keinen Ärger.“ Sie grinste.

Beide verließen das Schlafzimmer und gingen durch die Küche auf die Korridortür zu.

Vorsichtig drückte Gerda die Klinke nieder, um möglichst keine Geräusche zu machen.

„Abgeschlossen!“ sagte sie enttäuscht, denn die Tür ließ sich nicht öffnen. „So ein Mist!“ entfuhr es ihr, „meine Oma hat von außen zugeschlossen. Wir können nicht raus. Aber mir fällt auch gerade ein, dass wir von vorn sowieso nicht in die Wiese kommen. Auf beiden Seiten des Hauses ist ja ein hoher Zaun, und die Türen darin sind immer abgeschlossen.“

„Och, Mensch“, maulte Ilona nun, „jetzt hatte ich mich schon richtig darauf gefreut.“

 
*
Gerda ging zurück ins Schlafzimmer und sah nachdenklich aus dem Fenster. Sie öffnete es und beugte ihren Kopf weit hinaus. „Kein Problem“, sagte sie nach einer kurzen Weile, „wir können ganz leicht raus- und auch wieder reinklettern. Komm her!“Ilona betrachtete die Sache skeptischer, denn sie war nicht so sportlich wie Gerda.„Raus komme ich bestimmt“, sagte sie zweifelnd, „aber wieder rein?“„Ich helfe dir“, bot Gerda sich an, „nur keine Sorge.“Ohne Probleme war sie ruck zuck auf die Fensterbank geklettert und mit einem Sprung sicher in der Wiese gelandet. Ilona kletterte ihr nach, aber als sie auf der Fensterbank hockte, zögerte sie.„Das ist aber ganz schön hoch“, sagte sie ängstlich.
„Stell dich nicht so an“, flüsterte Gerda, „ich hab` doch gesagt, dass ich dir helfe.“

Ilona traute sich nicht zu springen. Sie setzte sich zitternd und ließ zuerst einmal nur die Beine aus dem Fenster hängen. Dann drehte sie sich mühselig, hielt sich mit den Händen an der Fensterbank fest und ließ sich ganz vorsichtig an der Wand hinuntergleiten. Mit spitzen Füßen tastete sie sich dem Boden entgegen.

Oje, wie umständlich, dachte Gerda, aber sie hielt lieber den Mund, um Ilona nicht wieder zu verärgern.

„Na, siehste, war doch ganz leicht“, sagte sie leise, als Ilona endlich neben ihr stand.

Vorsichtig ging sie ein paar Schritte in die Wiese und sah zum Küchenfenster von Herrn Brandes rüber. Alles blieb ruhig, und nichts war zu sehen. Er schlief sicher noch, und die beiden Mädchen gingen durch die Wiese auf den Teich zu. Gerda hockte sich an den Rand und beobachtete die Fische, die darin herumschwammen. Ilona hatte begonnen, Blumen zu pflücken.

„Was machst du da eigentlich?“ fragte Gerda, als sie es bemerkte.

Ilona sah auf und sagte: „Ich pflücke einen Strauß Blumen für deine Oma. Die freut sich bestimmt darüber.“

„Du spinnst! Die darf doch gar nicht wissen, dass wir hier waren. Schmeiß sie weg!“ entgegnete Gerda genervt. „Ich kann keinen einzigen Frosch entdecken“, sagte sie und stand auf. „Vielleicht sollten wir doch lieber wieder reingehen.“ Irgendwie war ihr mulmig zumute, und sie wollte ihre Oma, die sie sehr liebte, nicht verärgern. sich auch nicht den schönen Tag durch Schimpfe und Vorwürfe verderben lassen.

Ilona ging es wohl genauso, denn auch sie war sofort bereit, wieder ins Haus zu klettern. Beide gingen zurück und blieben unter dem offenen Fenster stehen.

 
*

„Das ist viel zu hoch für mich, da komme ich nie rein“, jammerte Ilona und sah zweifelnd zum Fenster hoch.

„Ach, Quatsch, klar schaffst du das. Ich klettere vor, dann siehst du, wie einfach das ist.“

Mit größter Anstrengung zog Gerda sich an der Fensterbank hoch - und schaffte es nicht. Doch beim nächsten Versuch klappte es besser. Mit viel Schwung gelang es ihr, die Ellenbogen auf die Fensterbank zu bekommen, sich hochzustemmen und dann die Beine nachzuziehen. Sie stütze sich auf und drehte sich mit einem Schwung um. Schwups, nun saß sie wenigstens erst einmal. So, wie vorher Ilona, bevor sie sich in die Wiese gleiten lassen hatte. Ganz so einfach, ist es doch nicht, dachte Gerda, aber das sagte sie lieber nicht laut. Schließlich hatte sie Ilona überredet. Übertrieben fröhlich, aber doch sehr vorsichtig, kletterte sie ins Zimmer zurück. Dann forderte sie ihre Freundin auf, nachzukommen.

Ilona strengte sich an, aber so sehr sie sich auch bemühte, sie schaffte es nicht. Gerda versuchte, sie hochzuziehen, aber auch das funktionierte nicht.

Mit Tränen in den Augen fragte Ilona: „Was soll ich jetzt machen? Ich komme da nie hoch!“

Gerda überlegte.

Einen anderen Weg aus der Wiese gab es nicht. Neben dem Haus grenzte sie an der einen Seite an einen großen Gemüsegarten, der durch einen sehr hohen Zaun vom Vorhof getrennt war. Die Gartentür war immer verschlossen, und Ilona würde es auf keinen Fall schaffen, den Zaun zu überklettern. Auf der anderen Seite des Hauses grenzte die Wiese an den Hinterhof vom Ehepaar Brandes. Auch er wurde abgegrenzt durch einen hohen Zaun, in dem sich, eingefasst von zwei hohen Steinsäulen, ein großes Tor befand. Aber auch das Tor war genauso hoch wie der Zaun - und es war, das wußte Gerda von ihrer Oma, immer verschlossen. Also kam Ilona auch hier nicht weiter.

Wie ein Häufchen Elend stand sie nun vor dem Schlafzimmerfenster, total in Tränen aufgelöst.

„Hör` auf zu flennen“, sagte Gerda genervt, „ich helfe dir. Ich hab’s dir doch versprochen.“

Gerda sah sich um - und ihr Gesicht erhellte sich. Dort stand die Lösung. Ein Stuhl!

Sie würde ihn an der hohen Lehne festhalten und vorsichtig in die Wiese gleiten lassen. Ilona konnte dann ganz leicht hinaufklettern und den Stuhl an der hohen Lehne ins Zimmer zurückholen. Klar, das war’s!

„Moment“, sagte sie zu Ilona, „geh mal ein Stück zur Seite.“

Gerda holte den Stuhl und ließ ihn, so wie sie sich das gedacht hatte, vorsichtig aus dem Fenster. Es klappte.

Erfreut kletterte Ilona hinauf und konnte ohne Probleme zurück ins Schlafzimmer. Dann beugte Gerda sich aus dem Fenster und versuchte, die Stuhllehne zu fassen. Aber - oh Schreck - ein paar Zentimeter fehlten. So sehr sie sich auch bemühte, sie bekam den Stuhl nicht zu fassen, und langsam wurde sie nervös. Sie mußte sich beeilen, denn jederzeit konnte die Oma nach Haus kommen. Gerda beschloss, noch einmal ganz aus dem Fenster zu steigen, Ilona den Stuhl hochzureichen und dann selbst wieder nachzuklettern. Sie setzte sich aufs Fensterbrett und schwang die Beine nach draußen. Springen konnte sie diesmal nicht, denn der Stuhl stand im Weg. Vorsichtig ließ sie sich an der Wand hinuntergleiten und schrappte sich dabei ein wenig Haut vom Knie ab. Sie fluchte leise vor sich hin und kam sich ziemlich blöd vor, als sie neben dem Stuhl in der Wiese stand. Ärgerlich sah sie zum Fenster hoch. Nur gut, dass die Freundin nicht lachte, sonst wäre Gerda vor Wut explodiert.

„Komm ganz dicht ans Fenster“, sagte sie zu Ilona, „ich reiche dir jetzt den Stuhl hoch. Und pass ja auf, dass du nichts kaputt machst, wenn du ihn ins Fenster hebst.“

„Ja, ja ich passe auf, gib schon her“, entgegnete Ilona.

Es klappte gut, und sie stellte den Stuhl vorsichtig wieder an seinen Platz.

Gerda hatte in der Zwischenzeit ihren Rückzug in das Schlafzimmer begonnen, aber der erste Versuch, wieder zurückzuklettern, scheiterte. Auch der zweite - und der dritte.

Alle Mühe war vergeblich, Gerda schaffte es diesmal nicht, sich zum Fenstersims hochzuziehen.

„Ist das witzig“, grinste Ilona nun, „gerade noch stand der Stuhl ganz allein in der Wiese, und nun stehst du da draußen und kommst nicht rein.“

„Hör bloß auf“, sagte Gerda ärgerlich, „schließlich stehe ich nur deshalb hier, weil ich dir helfen mußte!“

„Soll ich dir den Stuhl wieder rausreichen?“ bot Ilona an.

„Und dann?“, fragte Gerda. „Wollen wir ihn etwa in der Wiese stehen lassen? Ich muß mir was anderes ausdenken.“

Sie überlegte.

Ärger würde sie nun auf jeden Fall bekommen. Oder gab es  vielleicht doch noch eine Möglichkeit, unbemerkt wieder ins Haus zu kommen?

Ihre Oma hatte den Korridorschlüssel bestimmt unter die Fußmatte gelegt, und die Haustür würde offen sein. Wenn sie es nun irgendwie schaffen könnte, von dort aus in die Wohnung zu kommen, dann würde die Oma sich zwar wundern, aber sie müßte dann glauben, dass sie vergessen hatte, die Wohnungstür abzuschließen. Das war einen Versuch wert. Der Zaun hinter dem Gemüsegarten war zu hoch, auch für Gerda. Also blieb nur der Weg über den Hinterhof von Familie Brandes. Eigentlich müßte es klappen.

Von Herrn Brandes war noch immer nichts zu hören, und wenn Gerda sich ganz leise verhielt, könnte gar nichts schief gehen, dachte sie. Herr Brandes war ja blind und konnte sie nicht sehen. Also los!

„Ich komme vorn durch die Tür“, sagte Gerda leise zu Ilona, „du kannst das Fenster zumachen.“

„Laß dich bloß nicht erwischen“, flüsterte Ilona ihr zu, „bis gleich.“

Sie schloss das Fenster. Froh, dass sie es nicht war, die noch in der Wiese stand.

 
*

Vorsichtig ging Gerda an der Hauswand entlang bis zum Küchenfenster des blinden Nachbarn. Die Vorhänge waren noch immer zugezogen, und alles war ruhig. Sie schlich weiter und blieb erst vor dem hohen Gartentor, zwischen den beiden Steinpfosten, stehen. Ganz vorsichtig drückte sie auf die Klinke. Ihre Oma hatte recht gehabt, das Tor war verschlossen und ließ sich nicht öffnen. Gerda hatte das zwar erwartet, aber sie war trotzdem enttäuscht.

„Ach, was soll’s“, dachte sie, „das ist jetzt auch schon egal. Heute geht wohl alles schief.“ Vorsichtig kletterte sie am Tor hinauf und bemühte sich, möglichst kein Geräusch zu machen. Eigentlich ging es ganz leicht, denn das Tor bestand aus senkrechten Eisenstäben, die aber mit Querstreben verbunden waren. Schnell war sie oben angekommen. Gerade wollte sie ihr linkes Bein über das Tor heben, um auf der anderen Seite mit dem Abstieg zu beginnen, als sie hörte, wie die Seitentür des Hauses, die von der Wohnung der Eheleute Brandes in den Garten führte, von innen aufgeschlossen wurde.

Gerdas Gedanken rasten! Was sollte sie jetzt tun? Eines stand für sie fest: Sie mußte sich ganz ruhig verhalten! Sehen konnte Herr Brandes sie ja nicht. Ein Problem konnte es also nur geben, wenn er zufällig in die Wiese wollte. Sollte er die Pforte öffnen, dann würde er natürlich bemerken, dass sie obendrauf saß. „Lieber Gott, mach, dass er nicht rauskommt“, flüsterte Gerda. Aber entweder kam ihre Bitte zu spät, oder der liebe Gott hörte sie nicht - die Tür wurde geöffnet. Mit einer Plastiktüte in der Hand kam Herr Brandes aus dem Haus. Zielstrebig ging er an Gerda vorbei auf die Mülltonne zu, die in einiger Entfernung neben einem kleinen Schuppen stand. 
„Ob er vielleicht gar nicht blind ist“, dachte Gerda nervös. Sie beobachtete jeden seiner Schritte. Er stieß nirgends an und fand die Tonne auf Anhieb. Gerda war sehr aufgeregt und bekam ein ganz flaues Gefühl im Magen. Sie nutze das Klappern des Mülltonnendeckels, setzte sich schnell auf den Steinpfosten in ihrer Nähe und zog die Beine nach. Zusammengekauert hockte sie dort oben, bewegte sich nicht und hoffte, Herr Brandes würde sofort wieder ins Haus gehen.

Schon kam er zurück. Zuerst sah es auch so aus, als ob er auf die Tür zur Wohnung zugehen würde und Gerda wollte schon erleichtert aufatmen. Aber plötzlich blieb Herr Brandes stehen. Er zögerte kurz, drehte sich dann aber um und kam geradewegs auf das Gartentor zu. Direkt davor blieb er stehen, genau neben dem Steinpfosten, auf dem Gerda saß. Zur Salzsäule erstarrt sah sie ängstlich zu ihm hinunter. Herr Brandes stand direkt unter ihr. Sie hätte ihm auf den Kopf spucken können. Wie eine gemeißelte Steinfigur saß sie auf dem Pfosten und bewegte sich keinen Millimeter. Nur ihr Herz klopfte so laut und schnell, dass sie Angst hatte, Herr Brandes könne es hören.

„Bitte, bitte lieber Gott, mach dass er jetzt wieder reingeht“, flehte sie in Gedanken. Aber vergeblich! Gott hatte wohl anderes zu tun.

Herr Brandes hob plötzlich den Kopf, sah Gerda an und fragte, freundlich lächelnd: „Gerda, was machst du denn da oben?“

Im ersten Moment war sie sprachlos. Er blickte ihr direkt ins Gesicht! Also war er doch nicht blind - oder? Alle Menschen sagten doch, dass er blind sei. Sie war total überrascht.

„Ich, eh..., ich ...“, stotterte sie drauflos, „wir..., wir waren in der Wiese. Es ist so schönes Wetter und Ilona und ich wollten nach den Fröschen sehen. Ich habe es nicht geschafft, wieder ins Schlafzimmerfenster zu klettern, aber Ilona ist wieder drin.“ Sie konnte gar keinen klaren Gedanken fassen.

Herr Brandes lachte laut. Er schimpfte nicht. Er lachte! Gerda konnte es nicht fassen.

„Komm vorsichtig runter, damit dir nicht noch was passiert, an diesem schönen Tag. Ich lasse dich in die Wohnung und schließe hinter dir wieder ab. Deine Oma merkt dann gar nichts, und ihr bekommt keinen Ärger“, sagte er.

Total perplex kletterte Gerda am Tor hinab und beobachtete Herrn Brandes aus den Augenwinkeln. Er war ein paar Schritte zurückgegangen, sah aber immer noch in ihre Richtung. Aber sah er sie wirklich?

„Alles klar?“ fragte er, als sie auf der Erde stand. „Dann komm her, deine Oma kommt sicher jeden Moment zurück. Wo der Wohnungsschlüssel liegt, weiß ich. Sie hat es mir gesagt.“

Herr Brandes ging voran. Als sie den Hinterhof verließen, der noch einmal durch ein kleineres Tor vom Vorhof abgetrennt war, wurden seine Schritte zögernder. An der Haustür tastete er entlang und fand den Türgriff nicht auf Anhieb.

Also war er doch blind!? Gerda war total verunsichert.

Herr Brandes tastete mit ausgestreckten Armen durch den Flur bis zur Wohnungstür von Gerdas Oma. Über dem Türrahmen befand sich eine kleine Nische, die Gerda vorher noch nie aufgefallen war; darin lag der Schlüssel. Herr Brandes hatte ihn schnell gefunden.

„So, nun rein mit dir, und grüß` Ilona, “ sagte er zu Gerda. „Und wenn ihr wieder einmal in die Wiese wollt, dann frag einfach, und ich mach` euch das Tor auf. Ich wünsche dir und Ilona noch einen schönen Tag und viel Spaß.“

„Ihnen auch, und danke, “ stammelte Gerda verwirrt und beeindruckt. Sie huschte durch die Tür, die Herr Brandes für sie aufhielt. Es dauerte noch einen Moment, dann verschloss er sie von außen. Gerda hörte, wie er den Schlüssel abzog und kurz darauf die Haustür ins Schloss fiel.

 
*
Wie sehr hatte sie sich doch geirrt. Herr Brandes war gar nicht böse, ganz im Gegenteil. Aber blind war er, da war sie sich sicher. Doch wie hatte er sie oben auf dem Steinpfosten sehen können? Oder hatte er sie gespürt? Und warum hatte er sofort gewusst, dass sie es war? Wie war das nur möglich?
Völlig verwirrt ging sie ins Schlafzimmer. Sie mußte lachen, denn Ilona hatte sich wieder total ausgezogen und ins Bett gelegt. Ängstlich, das Federbett bis an die Nase hochgezogen, sah sie ihr entgegen.

„Mensch, toll, dass alles geklappt hat“, sagte Ilona. „Jetzt müssen wir nur noch die Daumen drücken, dass deine Oma glaubt, sie hat vergessen, die Wohnungstür von außen abzuschließen.“

„Nein“, entgegnete Gerda, „das brauchen wir nicht. Die Tür ist verschlossen.“

„Willst du mich verkohlen? “ fragte Ilona. Ich traue dir ja wirklich viel zu, aber nicht, dass du durch verschlossene Türen gehen kannst.“

„Ne“, entgegnete Gerda, „das kann ich leider nicht. Trotzdem ist die Tür von außen wieder verschlossen. Sie sah auf die Uhr. Es war kurz vor halb acht, und nun konnte die Oma wirklich nicht mehr weit sein. Sie überlegte kurz, dann zog sie sich blitzschnell aus und krabbelte zu Ilona ins Bett.

„Also, du wirst mir nicht glauben, was ich erlebt habe“, begann sie und erzählte von ihrem Erlebnis mit Herrn Brandes. Staunend hörte Ilona zu.

 
*

Gerade war Gerda fertig, da wurde leise die Schlafzimmertür geöffnet. Ihre Oma steckte den Kopf durch die Türöffnung und sagte erfreut: „Hallo, ihr Zwei! Schön, dass ihr schon wach seid.  Es ist zwar noch früh, aber wenn ihr wollt, könnt ihr schon aufstehen. Ich habe uns frische Brötchen mitgebracht. Und wenn wir gefrühstückt haben, dann solltet ihr hinausgehen. Seht mal aus dem Fenster, es ist ein wunderschöner Tag!“

ÓAnnette Andersen

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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