Eleonore Görges

Neubeginn

Seit ein paar Tagen war die Welt nicht mehr das, was sie in den letzten Jahren für Lea war.
Lea hatte vor 5 Jahren, nachdem ihre langjährige Ehe zerbrochen war, nachdem sie viele Monate alleine und einsam war, wieder Glück bei einem Mann gefunden.
Mit diesem Mann hatte sie in den 5 vergangenen Jahren eine wunderbare Zweisamkeit aufge-
baut, die langsam und stetig gewachsen war, die immer schöner wurde. Es war, in ihren Augen, eine perfekte Welt der Liebe, die dann jedoch jäh zerstört wurde durch den Vertrauensbruch von Mark. Er hatte eine Geliebte, bei der er nun seit 3 Tagen lebte.
 
Diese Tage waren so schlimm für Lea, dass sie mit ihren Nerven am Ende war, sie konnte nichts essen und fast nicht schlafen. Sie hat sogar wieder mit dem Rauchen angefangen, nachdem sie sich dieses vor über 10 Jahren abgewöhnt hatte. Sie vermisste Mark so sehr, seine Wärme, mit der er sie doch immer überschüttet hatte. Mark ist ein Mann, der viel Nähe braucht und diese Nähe gab sie ihm so gerne, denn auch sie brauchte ein so inniges und liebevolles Leben mit dem Mann an ihrer Seite.
Nun stand sie da, auf ihrer Terrasse, eine Zigarette in der Hand, in der anderen eine Tasse Kaffee und immer wieder liefen ihr die Tränen über die Wangen. Sie konnte einfach nicht glauben, was passiert war, wie konnte er ihr das antun?
 
Gestern rief er an und fragte, ob er kommen könne, um ein paar Sachen abzuholen, denn er hatte noch alles hier in der gemeinsamen Wohnung, hatte lediglich die Kleider mitgenommen, die er bei dem bewussten Gespräch, bei dem er ihr das Fremdgehen eingestand, trug. Dieses Gespräch vor 3 Tagen war kurz, aber verdammt heftig, danach ging er zu der anderen Frau.
Nun also wollte er heute gegen Abend kommen, einen Teil seiner Kleidung zu holen. Sie hatte wahnsinnige Angst davor, ihm zuzusehen, wie er seinen Kleiderschrank ausräumt, wie er seine Kleider in sein Auto verstaut und dann zu dieser Anderen fährt. Wie um alles in der Welt sollte sie das überstehen, denn immer noch war da ihre tiefe Liebe zu ihm, sie stand über all der Enttäuschung, über all dem Schmerz in ihrem Herzen.
Lea musste Beruhigungstabletten einnehmen, sonst, so dachte sie, hätte sie sich sicher nicht in der Gewalt, denn sie wollte nicht weinen, wenn er da war. Sie wollte stark sein und ihm zeigen, dass es auch ohne ihn geht, denn da war ihr Stolz, den sie tief in sich spürte. Also nahm sie 2 Tabletten und wartete darauf, dass die Wirkung einsetzt, dass sie ruhiger wird, denn bald schon wollte er da sein.
Nach einer Weile spürte sie, wie sich ein Schleier auf ihre Seele legte, ihr Herz überzog – es kehrte etwas Ruhe in ihren Körper ein. Nun, so dachte sie, sei sie bereit, nun könne sie Mark ruhig entgegen treten und ihm in die Augen sehen, ohne dass sie zu weinen anfängt.
 
Obwohl er sonst nie so recht pünktlich war, kam Mark fast 10 Min. früher als erwartet, er klingelte an der Haustür, benutzte nicht seinen Schlüssel. Wie fremd das war. Lea öffnete ihm, er sah verdammt gut aus, obwohl sie ihm ansah, dass auch er wohl nicht viel geschlafen hatte in den letzten Tagen. Er trug einen neuen roten Pullover, der ihm zu seiner leicht gebräunten Haut sehr gut stand, abgenommen hatte er auch in diesen 3 Tagen, das sah sie sofort. Ganz schnell ging es ihr durch den Kopf, dass er auch nicht glücklich sein konnte, wie sonst würde ihm der Schlaf fehlen, wie sonst hätte er abgenommen? Sie registrierte das binnen von Sekunden und ihrem Herzen entsprang ein winziges Glücksgefühl, eine winzig kleine Hoffnung machte sich da wohl breit. Auch sein Blick war traurig, seine Augen hatten ihr Strahlen verloren, auch das registrierte Lea positiv.
 
„Wie geht es dir“ fragte Mark. „Nun ja, gut wäre gelogen“ entgegnete Lea – „und dir?“ „Mir geht es auch nicht gerade gut“ erwiderte er, was wieder einen winzigen Hoffnungsfunken in ihr Herz pflanzte.
Sie bereitete ihm eine Tasse Kaffee und beide setzten sich in die Küche an den Tisch, an dem sie so viele Mahlzeiten gemeinsam eingenommen hatten, das war ein fremdes und schmerzendes Gefühl für Lea, für Mark sicher auch.
Sie nahm das Gespräch wieder auf, welches sie vor 3 oder 4 Tagen geführt hatten, denn fast alles war unbesprochen, zuviel hing in der Luft und bedurfte einer Klärung. Man kann nicht 5 glückliche Jahre binnen einer Stunde abhaken und vergessen, da musste noch geredet werden – und zwar von beiden Seiten. Lea wollte wissen, was ihn zu der anderen Frau trieb, sie wollte wissen, was er bei ihr selbst vermisst hatte, was sie falsch gemacht hatten. Mark konnte ihr all das nicht erklären, er hatte auf nichts eine Antwort, die sie zufrieden stellte, eigentlich wusste er gar nicht, warum er sie verlassen hatte.
 
So saßen sie ungefähr 2 Stunden und redeten, hielten sich dabei die Hände, er streichelte gar ihre Hände und nahm sie immer wieder in den Arm, was ihr unheimlich gut tat, aber auch wieder Schmerzen verursachte, denn umso mehr spürte sie, was sie verloren hatte. Sie konnte ihm jedoch nicht ausweichen, denn sie sehnte sich nach seinen Armen, nach seiner Wärme.
Sie fragte sich, ob sie vor 3 Tagen zu schnell von ihm verlangt hatte, dass er gehen solle, nachdem er ihr dieses Geständnis gemacht hatte. Vielleicht hätten sie sich einfach schlafen legen und alles noch einmal in Ruhe am nächsten und übernächsten Tag bereden sollen. Vielleicht hatte er ja nur auf ein entsprechendes Wort von ihr gewartet? Wieder einmal könnte sie hier zu schnell gehandelt haben.
 
Diese Gedanken keimten gerade in ihr, als er sagte, dass er nun seine Kleidung mitnehmen wolle und in den nächsten Tagen wieder käme, um einen Teil der Möbel zu holen. Alle winzigen Hoffnungsfunken waren damit zunichte, in Lea’s Herz kehrte völlige Leere und Kälte ein.
Sie hat es irgendwie überstanden, ihm beim Ausräumen des Kleiderschrankes zuzusehen, wohl die Wirkung der doppelten Tablettendosis.
Er verabschiedete sich, nahm sie fest in den Arm und sagte, dass er sich morgen, oder übermorgen wieder melden würde. Er sagte ihr auch, dass er sie immer noch sehr lieb haben würde – aber was bedeutete das nun noch?
 
Trotzdem er nun mit einem Teil seiner Kleidung weg war, obwohl er ihr keine Hoffnung mehr machte, überkam sie plötzlich ein gutes Gefühl, welches sie sich selbst nicht erklären konnte. War es seine Anwesenheit gewesen, die dieses angenehme Gefühl hinterlassen hatte?
Sie registrierte es überrascht, es tat ihr gut.
 
Keine Stunde später sendete Mark ihr eine SMS. „Es war schön, bei dir zu sein! Danke für die beiden Stunden“
Ihr Herz schlug wie verrückt, was hatte er ihr da geschrieben? *Es war schön – und danke*, die Worte taten so gut und wärmten ihr leeres Herz. Würde er sie nicht mehr lieben, dann würde er so etwas doch nicht schreiben – und sofort kam wieder so ein winziger Hoffnungsfunke in ihr auf. Was sollte sie ihm nur antworten? Gerne hätte sie etwas liebes geschrieben, aber das war wohl nicht angebracht, sie ließ es also ganz sein, ließ ihn ohne Antwort.
 
Nach einer Nacht, in der sie schlief wie eine Tote, sie fühlte sich wie aus einem Koma erwacht, hörte sie den bekannten SMS-Ton von ihrem Handy und sie erschrak bis tief in ihr Herz, das war sein SMS-Ton, also eine Nachricht von Mark. Mit zitternden Händen öffnete sie ihr Handy und las: „Guten Morgen Schatz, ich konnte wieder nicht schlafen. Hast du schlafen können?“
*Schatz * hat er geschrieben, er liebte sie noch, in ihr jubelte alles und sie gab ihm auch gleich Antwort, indem sie ihm schrieb, sie hätte geschlafen wie eine Tote letzte Nacht, sie wünschte ihm noch einen schönen Tag, in der Hoffnung, gleich wieder eine Antwort von ihm zu erhalten. Das Handy jedoch blieb stumm, sie konnte es anschauen, solange sie wollte, es gab keinen Laut von sich.
Erst am Abend ertönte der lang ersehnte Handyton, eine SMS von Mark. „Der Tag war nicht gut“ schrieb er – und: „ich vermisse dich, schlafe gut“.
 
Sie hätte schreien können, alles in ihr war aufgewühlt, denn sie merkte immer mehr, wie sehr sie ihn vermisste, wie sehr viel größer ihre Liebe zu ihm doch war, viel größer, als dieser Bruch, das spürte sie von Stunde zu Stunde mehr.
Sie wünschte ihm per SMS auch eine gute Nacht, mehr traute sie sich nicht zu schreiben.
Diese Nacht war keine gute Nacht, sie lag wach und es ging ihr alles immer und immer wieder durch den Kopf. Was, wenn er wieder zu ihr zurück kommen wolle? Könnte man noch mal neu anfangen? Könnte sie wieder Vertrauen aufbauen? Wäre die Liebe nicht zu sehr belastet? Fragen über Fragen, bis sie endlich doch noch für 2-3 Stunden in den Schlaf fiel.
 
„Darf ich heute nachmittag zu dir kommen“ – das war seine Frage, die er wieder über das Handy an sie schickte. Lea überkam nun große Angst, was wollte er, wollte er mit ihr darüber reden, dass er sie doch noch liebe, oder wollte er einen Teil der Möbel holen? Diese Frage bohrte sich ein riesengroßes Loch in ihr Herz und sie hatte Angst, ihm diese Frage zu schreiben, sie hatte Angst vor einem endgültigen Aus.
Das hätte sie sich nie träumen lassen, sie, die doch so stolz war, sie hing mit Herz und Seele an Mark, obwohl er ihre Liebe und ihr Vertrauen verraten hatte, sie so unendlich tief verletzt hatte. Liebe geht wohl doch ihre eigenen Wege, dachte sie sich, da setzt auch der schärfste Verstand aus.
 
Sie antwortete ihm nur, dass er kommen könne, sie fragte nicht, warum er kommen wolle.
Kaum, dass die SMS verschickt war, rief er sie an. Mark sagte ihr, dass er unbedingt mit ihr reden müsse und dass er von ihr nicht los käme. „Lass uns zusammen setzen und alles noch einmal in Ruhe besprechen“ sagte er zu Lea. Ihr Herz jubelte und sie konnte die Zeit nicht mehr abwarten, bis er endlich zu ihr kam.
Da stand er nun, wieder in dem roten Pullover, der ihm so gut stand und Lea spürte, wie sie innerlich zerfloss, sie hatte keine Gewalt mehr über sich. Er nahm sie in den Arm und führte sie auf ihre Terrasse, dort setzten sie sich auf ihre Bank und hielten sich erst mal nur an den Händen, es fiel kein Wort für etliche Minuten.
Lea wusste, wie schwer Mark sich oft mit Worten tat – und sie fühlte, was er ihr gerne sagen wollte, aber nicht den richtigen Anfang fand. „Siehst du noch eine Chance für uns?“ So fragte Lea nun Mark, diese Worte fielen ihr auch schwer, denn sie wusste nicht, inwieweit er bereit dazu war, aber es war ihr egal, denn wenn es noch etwas zu retten gab, dann sollte es jetzt passieren, viel länger würde sie diesen Zustand der Ungewissheit nicht mehr aushalten.
„Wenn du magst“ sagte Mark. „Ich liebe dich immer noch“ waren seine nächsten Worte. Da war für Lea alles klar und es sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus, denn ihr Herz wurde leicht wie eine Feder, so leicht wurde auch die Zunge und sie konnte ihm sagen, dass sie gerne bei ihm bleiben werde, dass er für sie immer noch so wertvoll war, weil sie ihn kannte, weil sie sein gutes Herz sehr gut kannte. Lea wusste, dass er sich da irgendwie verrannt hatte. Sie war auch alt und reif genug, um zu erkennen, dass ihre Liebe es wert war, darum zu kämpfen, denn dass es nicht leicht werden würde war ihr auch klar. Da waren aber so viele Gemeinsamkeiten, so viele wunderschöne Stunden, so viele gemeinsame Erlebnisse – und da war das starke Verlangen, die Liebe. Lea wusste mit einem Schlag, dass dieses Erlebte ihre Liebe im Endeffekt nur stärken und vertiefen konnte, dass sich alles in’s Positive umkehren würde, dass dies für beide einen tiefen Einschnitt darstellen und ihre Zweisamkeit festigen würde – es war wie eine Eingebung für sie. Sie versuchte, Mark dieses Gefühl zu übermitteln, sie wollte ihm dadurch zeigen, dass sie ihn versteht, dass sie seine Reue sieht und spürt – und sie wollte ihn fühlen lassen, dass er sich, nachdem er ihr gesagt hatte, wie leid ihm das alles tut, nicht mehr schlecht fühlen mußte.
 
„Wir wollen einen Neuanfang machen und unbelastet in eine wunderschöne, gemeinsame Zukunft gehen“ – sagte sie zu Mark, der die Worte dankbar aufnahm.
In diesem Moment wussten beide, dass sie mehr denn je eine Heimat in dem Herzen des Anderen gefunden hatten und freuten sich auf viele glückliche, gemeinsame Jahre.
 
*****
EG
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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