Pierre Heinen

Flucht aus dem Lihmme-Kerker

Angst durchfließt seine Adern, kalt und eklig perlt sich der Schweiß auf seiner Haut. Seine verdreckte und verschlissene Uniform besitzt nur noch den Hauch ihres ehemaligen Glanzes. Er hastet vorwärts, atmet schnell und unregelmäßig. Das Neonlicht aus den Nischen kommend ist grellweiß und huscht an ihm vorbei. Er läuft. Seine auftretenden Stiefel an den sich bewegenden Füßen klingen auf dem feuchten Betonboden wie das Schmatzen eines Ungeheuers aus der Vorzeit. Pfützen lassen ihr Wasser aufspritzen wenn er sie betritt. Ein Tunnel. Er wird verfolgt.

Hinter ihm hört er das leisere Platschen der beiden Hunde. Auf ihren vier Pfoten fliegen sie förmlich heran. Immer schneller. Sie rennen ebenso wie er durch die Röhre. Angst. Die Riechorgane der beiden Bestien haben seinen Geruch aufgenommen und folgen diesem blindlings.

Er stolpert plötzlich über einen Gegenstand auf dem Boden und landet auf dem harten Beton. Das Knie und die Handballen schmerzen. Er dreht sich um und sieht eine, einen halben Meter lange, leicht verbogene Stahlstange in einer Pfütze liegen. Ohne einen Gedanken zu verlieren greift er nach ihr. Eine Waffe?

Er steht auf und schon springt der erste Hund ihn kurrend und wuchtvoll an. Er taumelt rückwärts, kann aber stehen bleiben. Der Hund landet auf den Pfoten. Das zweite Tier hat zum Sprung angesetzt, aber er sieht es kommen. Auf seiner Brusthöhe trifft er kraftvoll den Kopf der Bestie mit der Stange. Der Hund gleitet links an ihm vorbei. Der andere Hund ergreift seine Hose und seine Klauen bohren sich ins Fleisch.

Ein Schmerzensschrei und eine Sekunde später taumelt das Tier rückwärts. Der Schlag ins Genick war ein guter Treffer gewesen. Blut rinnt aus der frischen Wunde am Bein. Er läuft wieder und ignoriert die Hilferufe seines Körpers. Die Hunde, am Boden liegend, winseln. Hätte er sie töten sollen?

Der Tunnel scheint kein Ende zu nehmen. Flucht. Er hat es geschafft. Er bleibt stehen, ringt nach Luft und dreht sich um. Die Stange hält er noch immer fest in der Hand. Adrenalin zuckt durch seinen Körper. Wasserrauschen? Eine Gänsehaut breitet sich aus. Werden Sie den Tunnel fluten? Er lauscht und zwischen dem Keuchen seiner arg strapazierten Lungen hört er das Zischen und Rauschen einer Flüssigkeit. Der Lärm kommt näher. Verdammt schnell näher. Er läßt die Stange fallen und rennt. Wohin führt der Tunnel? Er wagt einen Blick zurück, sieht aber nur die spärlich belichtete Röhre.

Der Lärm nähert sich noch immer. Wieder erhascht er einen Blick.

"Und was wenn er entkommen ist?", fragte der finster dreinblickende Beamte und schaute den Inspektor an.

Die beiden Körper der ertrunkenen Hunde hatte man relativ schnell am Ufer des Sees gefunden. Von dem entflohenen Häftling aus dem Lihmme-Kerker fehlte bislang jede Spur. Dutzende Polizisten standen in Gummistiefeln und mit Stangen bewaffnet im Uferbereich des Sees und durchsuchten Meter für Meter.

"Die Flucht ist bislang noch keinem gelungen!", sagte der Inspektor mürrisch und blickte zu der Röhre hoch, die aus dem Felsen kam.

Noch immer tropfte es aus dem Tunnelende und der Inspektor versuchte sich die Wucht vorzustellen, mit der das Wasser herausgeschossen kam. Das geklärte Wasser der beiden Schwimmbecken des Lihmme-Gymnasiums waren zeitgleich durch den Tunnel geschickt worden. War er ebenfalls ertrunken? Oder war er noch immer auf der Flucht?

Dämmerung. Hauchdünner Nebel küsste die Felsen der hellgrauen Lihmme-Küste, als Sam Stork am steinigen Strand entlanglief. Seine Stiefel gruben sich mit jedem Schritt tief in die kleinen Steine hinein und das mühselige Vorankommen kostete Sam jede verfügbare Kraft. Das Knirschen seiner Bewegungen auf dem Untergrund und das Prasseln der aufgeflogenen Steine wurde teilweise vom Meeresrauschen verschluckt, dennoch hörte Sam nur seine um Gnade flehende Lunge.

Kälte und Hunger hatten arg an seiner Moral genagt und er fragte sich immer öfter ob ein Aufgeben mehr Sinn machen würde als dieses Davonlaufen. Er blieb stehen und sank zu Boden. Er hechelte nach Luft. Zurück in diesen Kerker, aus dem er gestern entkommen war? Nein Danke, auf keinen Fall. Er ließ seinen Blick zum Meer hinübergleiten.

Das monotone Spiel der Wellen mit dem Strand spiegelte das Leben in Gefangenschaft mehr als deutlich wieder. Tag, Nacht und dann die anderen Männer. Sam atmete schwer und seine Lungenflügel hoben sich und sanken im Takt nieder. Nebelschwaden zogen wie Geisterschiffe übers Meer. Übers Meer?

Sam stand auf, schaute um sich herum und ging dem Ozean entgegen. Es war ein gewolltes erstes Treffen. Eine Welle nach der anderen umschwappte Sam’s Füße und das Meer nahm sich seiner an.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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