Pierre Heinen

Live Dabei - Teil XVI

XVI 
 
Jennifer, Elisabeth, Christina, Linda und Samanta saßen zusammengekauert im Kleiderschrank von Samanta’s Zimmer.

„Woher hat er bloß die Pistole?“, flüsterte Christina.

„Seid doch ruhig“, mahnte Samanta und öffnete behutsam den Schrank einen Spalt breit.

„Ich glaube er ist sowieso wieder nach unten gegangen“, meinte Linda.

„Wir können doch nicht ewig hier sitzenbleiben“

„Was sollen wir denn sonst machen?“, wollte Jennifer mit einem ängstlichen Ton wissen.

„Uns wehren. Wir sind schließlich zu fünf und ich habe einen Selbstverteidigungskurs mitgemacht. Gemeinsam werden wir ihn besiegen“, sagte Elisabeth selbstsicher und öffnete die Schranktür.

Der Kran mußte jetzt Millimeterarbeit leisten. Das zehnrädrige Laufwerk der Kabine wurde auf das Tragseil eingepaßt und das Zugseil ebenfalls verankert. Der Kranhaken wurde entfernt und die Kabine schwebte jetzt ohne jede Hilfe an den beiden Stahlseilen.

„Hält das?“, wollte der Polizeibeamte unsicher wissen.

„Klar!“, versicherte der Techniker grinsend und ging zum Antrieb hinüber.

„Ich werde mit Jack hinauffahren“, sagte der Beamte und zeigte zu dem anderen Polizist hinüber, der gerade die Funktionalität seiner Taschenlampe überprüfte.

„Es wird nur langsam vorangehen, besonders wegen des Sturms!“

„Ich komme auch gerne mit“, sprach der Verantwortliche der Rettungswacht den Beamten an, „Ich war schon öfters da oben“

„Einverstanden. Dann sind wir zu dritt. Hält die Kabine das aus?“, fragte der Polizist den Techniker.

„Problemlos“

„Gut. Wir brauchen noch zwei Taschenlampen!“

„Ihre Pistole werden sie ja da oben finden“, meinte der Produzent mit ernster Mine.

Elisabeth öffnete die Tür und leuchtete mit der Kerze voran . Ein eiskalter Wind strich durch den Gang und brachte die Flamme ins flackern. Sie blickte zu Ben’s Zimmer kam Ende des Ganges hinunter. Die Tür stand offen und der Sturm fegte Schnee hinein. Elisabeth winkte den vier Frauen im Zimmer zu, ihr zu folgen. Zögernd stiegen sie ins Kaminzimmer hinab. Ängstlich standen sie zusammen.

„Wo sind alle?“, fragte Samanta in die Gruppe hinein.

John stand auf dem flachen Dachansatz und leuchtete mit der Taschenlampe umher. Der Sturm blies ohne Unterbrechung dicke Schneeflocken vor sich hin und John stopfte sich tiefer in die Jacke. Wo haben sie sich bloß versteckt? Gibt es vielleicht eine zweite Leiter bei der anderen Terrasse? John fing an zur Dachspitze zu gehen, leicht nach vorn gebeugt, auf der Hut vor glatten Stellen und Dachlawinen. Auf der Spitze angekommen drehte sich John einmal um seine eigene Achse und ließ die Lampe wie einen Leuchtturm herumscheinen. Für kurze Zeit nur hatte er einen Schatten erblickt.

Ben tastete sich behutsam vorwärts und stand schlußendlich neben dem rauchenden Schornstein. Er drehte sich um und sah ins Tal hinab. Er konnte wage die Lichter von Trappely sehen und wünschte sich nichts sehnlicher als dort unten zu sein. Ein Schatten tauchte plötzlich in seinem Blickwinkel auf und der Schein einer Taschenlampe blendete ihn. Jäh schossen ihm die Gedanken an Walter in den Kopf und er flüchtete hinter den Kamin in Sicherheit. Noch immer hielt sich Ben am Schornstein fest. Unter seinen Füßen löste sich der Schnee und er stand nun auf dem vereisten Untergrund des kupfernen Daches.

John konnte beide Hände sehen, die die roten Backsteinziegel umklammerten. Er nahm sein Messer und stach zu. Die Klinge bohrte sich in den Handrücken ein und John zog das Messer blutverschmiert sofort wieder zurück. Ben hatte kurz aufgeschrien, den rettenden Griff gelöst und war rückwärts das Dach hinabgestürzt. Mit einem dumpfen Aufschlag auf der Terrasse, war Ben mit dem Kopf aufgeschlagen und blieb regungslos liegen. Der Sturm hatte den Aufschlag verschluckt und keine der fünf Frauen die neben dem Kamin standen hatte etwas davon mitbekommen.

„Ich habe einen Plan“, sagte Elisabeth und zog die anderen näher an sich heran.

John blickte zögernd nach unten. Mit einer Hand hielt er sich am Schornstein fest mit der anderen leuchtete er zur Terrasse hinunter und erst als er die Blutlache sah, die sich um den Kopf bildete, stieg er wieder vom Dach hinab. Roter Schnee. Durch die gläserne Schiebetür gelangte er in die Küche. Wieder einmal stieg er über Walters Leiche, stieß die Axt etwas beiseite und ging zum Kühlschrank hinüber. Er öffnete die weiße Tür und nahm sich eine Mineralwasserflasche, einen kräftigen Zug und stellte sie wieder zurück. John schlich wieder den Gang entlang, knipste, als er die flackernden Lichter an den Wänden sah die Taschenlampe aus und nahm das Messer wieder in die Hand. Er stellte sich oben auf die Treppe und blickte hinunter.

Neben dem lodernden Flammen der Feuerstelle stand Christina in einer äußerst verführerischen Pose, die Hände zusammengefaltet und eine Kerze in der Mitte haltend. Ihre blond gelockten Haare hatte sie nach hinten geworfen, die schweren Bergsteigerschuhe mitsamt der Hose, dem Pullover und der Jacke abgelegt. Sie stand nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet im Feuerschein und blickte mit einer unschuldigen Engelsmine John an. Dieser näherte sich, umgeben von einem Nebel aus Lust nach Blut, nach Geborgenheit und menschlicher Nähe.

Den Griff am Messer hatte er ohne es wahrzunehmen gelockert. Christina steckte die Kerze in den Halter auf dem Tisch, ließ ihre Hände an ihrem Körper emporgleiten, fuhr sich durch die Haare und ließ die Hände auf den geschmeidigen Rücken fließen. John folgte gebannt jeder Handbewegung der Frau. Leise stöhnend ließ Christina den Büstenhalter zu Boden fallen und strich mit ihren Händen über ihre Brüste. John stand wie gelähmt in einiger Entfernung und ließ alles auf sich einwirken. Das Küchenmesser glitt aus seiner Hand und fiel auf den mit Teppichen belegten hölzernen Fußboden.

Daraufhin schlich sich Elisabeth auf allen Vieren von hinten an John heran, packte mit beiden Armen in einem Ruck John’s Füße und zog sie zu sich. Er kippte machtlos nach vorn zu Boden. Elisabeth sprang wie ein wildes Tier auf ihn, packte seine Arme und hielt sie auf dem Rücken fest, während Samanta die Hände mit einer Schnur fesselte und Linda die Beine zusammenband. Christina zog sich schleunigst wieder an, während man John die Pistole und die Taschenlampe abnahm und ihn auf dem Boden liegenließ.

„Das war es wohl“, sagte Elisabeth und stellte sich vor John’s Kopf.

Ihm wurde jetzt erst bewußt, was ihm widerfahren war. Er blickte auf und sah den fünf Frauen ins Gesicht.

„Und was machen wir jetzt?“

Als Jennifer die Frage zu Ende gestellt hatte, fing das metallische Quietschen wieder an. Jeder erschrak.

„Woher kommt dieser Lärm?“

„Aus dem Keller“

Alle blickten zur Tür hinüber, die immer noch mit der Kommode verbarrikadiert war.

„Wir sollten nachsehen“, schlug Elisabeth vor, knipste die Taschenlampe an und ging zur Tür hinüber. Alle zusammen schoben sie das schwere antike Möbelstück zur Seite.

„Wer geht mit?“, fragte Elisabeth und öffnete die Tür. Ein eiskalter Hauch kam ihnen über die Treppe hinauf entgegen.

Bill Moore blickte nervös nach unten. Die Kabine schwankte hin und her und der unermüdliche Schneesturm schien mit ihr zu spielen. Der Polizeibeamte blickte zu seinem Kollegen hinüber.

„Hoffentlich hält alles zusammen“, meinte dieser grinsend. Der Mann von der Bergwacht ging auf Bill zu und klopfte ihm auf die Schulter.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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