XVII
„An solche Situationen gewöhnt man sich“, versuchte der Einheimische ihn zu beruhigen.
„Fahren sie öfters mit der Seilbahn bei Sturm?“, forschte Bill nach und sah mißtrauisch nach draußen.
„Nein, ich fliege öfter mit dem Helikopter, der schwankt genauso,
besonders wenn ich unten am Seil hänge“, sagte der Mann und grinste.
Mit einem Ruck blieb die Kabine stehen. Alle drei sahen sich überrascht an.
„Was ist jetzt?“, fragte Bill aufgeregt.
Der von der Bergwacht nahm sein Funkgerät aus der Brusttasche. Er schaltetet es ein und man hörte ein dumpfes Rauschen.
„Hallo. Hört mich jemand?“, meldete er sich.
„Hier ist Roy, der Techniker. Wie ich befürchtet habe wurde der Antrieb überfordert und ist nun hin“, spuckte das Funkgerät aus.
„Und was jetzt?“, fragten alle drei Insassen der Kabine wie aus einem Mund.
„Wir werden einen anderen auftreiben, das kann aber noch eine Weile dauern“
„Ich will sie nur darauf hinweisen, daß wir hier oben herumhängen und wir schleunigst weiter wollen“
„Wir machen so schnell wie möglich. Over“, verabschiedete sich der Techniker.
Er schaltete das Funkgerät aus.
Elisabeth und Jennifer gingen die Treppe hinunter und folgten dem
grauenhaften Lärm, während Samanta, Christina und Linda bei John im
Kaminzimmer blieben. Unberührt lag er immer noch auf dem Boden. Die
drei Frauen saßen nebeneinander auf der Couch.
„Hoffentlich kommt bald Hilfe“
„Ich geh mir in die Küche was zu trinken holen“
„Bringst du mir etwas mit?“
„Mir auch bitte“
Linda machte einen großen Bogen um John, stieg die Treppe hoch und ging
in die Küche. Mit einer Kerze leuchtete sie sich den Weg, stolperte
aber über etwas, die Kerze rollte auf den Boden und erlosch. Linda
spürte einen brennenden Schmerz an ihrer linken Hand. Sie rappelte sich
wieder auf. Worüber war sie gestolpert? In völliger Dunkelheit tastete
sie den Fußboden ab. War das nicht ein Gesicht? Sie konnte einen
Schnurrbart fühlen und fuhr erschrocken hoch. Das war Walter. Sie
flüchtete ins Kaminzimmer.
„Walter liegt in der Küche“, gab sie den beiden anderen zu wissen.
„Und Ben auf der Terrasse“, meinte Samanta kühl dazu.
„Du blutest ja“, sagte Christina und wies auf die blutende Wunde hin.
Linda näherte sich einer Kerze und sah sich die fast zehn Zentimeter lange Schnittwunde in der Mitte der Handfläche an.
„Wie ist das denn passiert?“
„Ich bin über Walter gestolpert und muß dabei irgendwo eingerannt sein“
Samanta faßte sich an ihre Wunde, während Christina mit Linda gemeinsam
in die Küche gingen. Sie sah sich Ben noch einmal auf der Terrasse
liegend an. Eine Schneeschicht hatte sich auf seinem leblosen Körper
gebildet. John war unbemerkt zum Kamin gerobbt. Sah sich das Spiel der
Flammen eine Weile lang an, wählte eine geeignete Stelle und hielt
seine Füße über das Feuer. Kurz darauf fing die Schnur und Teile seiner
Hose an zu brennen. John stellte sich sogleich auf die Beine. Mit den
Zähnen packte er das Küchenmesser, welches außer Acht gelassen auf dem
Tisch lag und stieg befreit von jeglichen Fesseln und Flammen die
Treppe Richtung Schlafzimmer hoch. Er ging in Ben’s Zimmer, dessen Tür
immer noch weit aufstand. Er beugte sich über den Nachttisch, ließ das
Messer los. Es bohrte sich in die obere Holzplatte und blieb stecken.
Er drehte sich um, rieb die Schnur an seinen Hände gegen die Klinge und
befreite sich schließlich. Er nahm das Messer wieder heraus und blickte
zum noch immer offenstehenden Fenster hinaus.
Mit einem Ruck wurde die Kellertür aufgerissen und Elisabeth gefolgt
von Jennifer betraten das Kaminzimmer. Samanta hatte sich erschrocken
umgedreht und sah erleichtert die beiden Frauen aus dem Keller kommen.
Zeitgleich hörte das gräßliche Quietschen auf. Linda und Christina
kamen aus der Küche. Elisabeth suchte mit der Taschenlampe den Boden ab.
„Wo ist er?“, fragte sie nervös Samanta, die noch immer bei der Schiebetür stand.
Jede blickte im Zimmer umher und versuchte John zu finden aber umsonst. Panikartig blickten sie sich an.
„Das Messer ist auch weg“, bemerkte Linda und wies auf den leeren Tisch hin.
Jede hielt inne und man lauschte dem schier nie enden wollenden
Schneesturm zu. John stand wieder einmal oben neben dem Schornstein und
blickte ins Tal hinunter. Das Messer hielt er fest in der rechten Hand.
Oberhalb der Schuhe spürte John durch die Stümpfe die eiskalte Nässe
auf der Haut. Als er sich umdrehen wollte verlor er den festen Halt
unter den Füßen und fiel hin. Auf dem leicht schrägen Dach fiel er auf
den Bauch und rutschte hinunter, solange bis seine Füße in der
Regenrinne Halt fanden. Elisabeth horchte auf, griff sich die Pistole
und blickte zu den Balken des Daches hoch.
„Er ist da oben. Ich habe etwas gehört“, flüsterte sie und schritt auf und ab.
John rappelte sich vorsichtig wieder auf und versuchte das
Gleichgewicht wiederzufinden, was auf der glitschig eisigen Oberfläche
nicht so einfach war. Sobald Elisabeth wieder ein Geräusch vernahm
schoß sie nach oben. Die Kugel bohrte sich in die Balken.