XVIII
„Das hat doch keinen Sinn“, sagte Samanta mit Nachdruck, nahm Elisabeth
die Pistole aus den verkrampften Händen und legte das kalte, mit
Schweiß verklebte Metallteil auf den Tisch.
„Was war eigentlich dieses Quietschen?“
„Das kam von der Seilbahn“
„Die werden sich auf den Weg machen um uns zu helfen“
„Das wird aber auch Zeit“
Bill saß auf dem Boden der Kabine, knipste die Taschenlampe aus, schloß
die Augen und versuchte die Ruhe zu bewahren. Sein Kollege setzte sich
nun ebenfalls, winkelte die Knie an, schloß die Arme um die Füße und
lehnte den Kopf nach hinten an die Kabinenwand. Der Verantwortliche der
Bergwacht nahm sich das Funkgerät wieder von der Brust.
„Hallo?“, meldete er sich, mit der Hoffnung, demnächst eine positive Antwort zu erhalten.
Nur ein monotones Rauschen antwortete ihm.
„Hier ist noch einmal der Techniker. Wir haben einen neuen Antrieb
gefunden. In etwa zehn Minuten wird die Fahrt fortgesetzt“, verkündete
man nach einer Weile aus der Talstation.
„Bis dahin kann viel passieren“, murmelte Bill und schloß die Augen.
Er wollte sich nicht vorstellen wie es jetzt wohl da oben aussah.
„Wir sollten alle in den Keller gehen und bei der Seilbahn warten“,
schlug Samanta vor, während ihr Blick noch immer auf der Waffe ruhte.
„In den düsteren Keller?“, meinte Jennifer und fröstelte leicht.
„Sollen wir etwa hierbleiben bis er wieder herkommt“, erwiderte ihr Elisabeth und schaute noch oben.
Noch etwas unentschlossen sahen sie sich an. Jäh wurde an der
Schiebetür geklopft. Elisabeth schnappte sich wieder die Pistole und
zielte auf den Schatten hinter der Glasscheibe. Die fünf Frauen standen
alle beieinander und blickten gelähmt die dunkeln Konturen an.
„Das ist Ben“, flüsterte Samanta und näherte sich der Tür.
Sie nahm sich eine der Kerzen und ging zur Glastür .
„Vorsicht“, mahnte Elisabeth und umklammerte die Waffe weiterhin, den Finger am Abzug.
Christina leuchtete mit der Taschenlampe hinüber, aber Samanta
verdeckte den Schatten und das Licht fiel auf ihren Rücken. Der Schein
der Kerze ließ die Umrisse von Ben’s Gesicht erkennen. Samanta wollte
schon zum Griff greifen als ihr Blick auf die blutverschmierte Stirn
und die leblosen Augen fiel. Sie schritt ängstlich einen Schritt zurück.
John, der an der Regenrinne zur Terrasse hinabgeklettert war, hatte
alle Mühe Ben auf den Füßen zu halten. Als er Samanta zwischen Ben’s
Haaren hindurch sah, verließen ihn seine Kräfte etwas und der
gewichtige Körper von Ben sackte kurzzeitig nach unten. Als er erkennen
konnte daß Samanta zögerte, sein Griff sich immer mehr lockerte, ging
er einen Schritt zurück und schleuderte mit Wucht den toten Körper
gegen die Glasscheibe. Samanta sah wie erstarrt zu, als die Leiche auf
sie zugeflogen kam. Das Glas zersplitterte in handgroße Stücke und
diese flogen quer durch das Zimmer .
Ben fiel auf Samanta und schien sie zu begraben. John stürmte durch die
kaputte Tür ins Kaminzimmer. Vor Schreck hatten die vier anderen Frauen
die Augen reflexartig geschlossen. Doch sobald Elisabeth den Schatten
hineinlaufen sah , feuerte sie zur Tür hinüber.
Der Schuß verlor sich aber im Schneesturm, der sich jetzt mit Wucht
hineinzwängte und jede Kerze ausblies. Elisabeth stand immer noch mit
der Pistole bewaffnet im Raum und zielte auf die zerbrochene
Glasscheibe. John war hinter einem Ledersofa in Deckung gesprungen und
wartete erst einmal ab.
Er spürte das Messer in seinen Händen und blickte vorsichtig hinter dem
Sofa hervor. Das Feuer im Kamin beleuchtet das Zimmer spärlich, während
Christina mit der Taschenlampe den Raum ableuchtete. Elisabeth gab ihr
ein Zeichen und sie schritten rückwärts zur Kellertür. John
beobachtete, wie die vier Frauen gingen.
Als Elisabeth sich einmal kurz umdrehte, faßte er das Messer bei der
Klinge an, sprang auf und schleuderte die Waffe wuchtvoll in ihre
Richtung. Das Geschoß durchschnitt kurzzeitig den Raum mit einem
schwirrenden Geräusch und bohrte sich schlußendlich in Elisabeth’s
Magengegend. Sie ließ die Pistole fallen.
Christina, Linda und Jennifer schrieen auf und flüchteten in den
Keller. John stand auf, ging zu Elisabeth hinüber, die sich stöhnend
und krümmend auf dem Boden wälzte und ihre Hände auf die Wunde hielt.
Kraftlos sah sie John näherkommen. Dieser zog kaltblütig das Messer
heraus und hob die Pistole auf. Er ging zur Tür hinüber, hob Ben von
Samanta und kniete sich zu ihr nieder.
„Ich will raus hier!“, schluchzte Jennifer und folgte Christina, die den Weg mit der Taschenlampe vorausging.
„Wir wollen alle raus“, tröstete sie Linda.
„Wo ist eigentlich diese Seilbahn?“, fragte Christina, die stehen geblieben war.
„Immer geradeaus“, sagte Jennifer, die versuchte sich zu beruhigen.
„Verdammt“, fluchte Bill, „Warum dauert das so lange?“
„Es fängt an kalt zu werden“, bemerkte der andere Beamte und schlug den Kragen seiner Uniform hoch.
„Ich werde gleich mal nachfragen“
„Geben sie mir mal das Funkgerät“
„Hallo?“
„Hallo?“
„Hier spricht Bill Moore, der Polizeibeamte“
„Der Antrieb ist gleich angeschlossen. In spätestens fünf Minuten geht es weiter“
„Das hoffe ich aber auch“
„Wir machen so schnell wie möglich“
John stellte sich vor den Kamin, nahm ein rundes langes Stück Holz aus
dem Feuer und drückte sich die Fackel in die linke Hand. Er schritt zur
Kellertür hinüber und versetzte im Vorbeigehen Elisabeth noch einen
Tritt in die Seite.
„Euch drei kriege ich auch noch“, schrie er die Treppe hinunter.
Jennifer blieb stehen.
„Er kommt!“, brachte sie zitternd heraus.
„Wir bleiben dicht zusammen“
„Er wird uns finden“, meinte Jennifer.
„Verflucht!“, murmelte Christina, „die Batterien werden schwächer“
John stieg die Treppen hinab, mit der Fackel in der linken und der
Pistole in der rechten Hand. Christina öffnete die Tür und die drei
Frauen betraten die Seilbahnankunft der Bergstation. Jennifer verschloß
die Tür sofort und sie blockierten sie mit einer Eisenstange. Christina
klopfte gegen die Lampe aber der Schein wurde immer schwächer und
erlosch. Sie wurden von der Kälte und Dunkelheit der Nacht umarmt.