Johanna Sibera

Ragweed


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der Beginn: Eine lasten- und bestandfreie Begierde, spontane Lust ohne quälende Vorgeschichte, allerdings auch ohne Zukunft. Nur ungern hatte Antonia die Praxis dieses Arztes betreten, nach dem Aufruf durch den Lautsprecher, noch war seine Stimme eine bedeutungslose, nichtssagende, so nichtssagend wie sein Name, herausgesucht aus dem Ärzteverzeichnis im Telefonbuch. Sie hatte am Morgen angerufen, stockheiser, nur mit größter Mühe konnte sie sich verständlich machen, was ihr als offenbarem Notfall augenblicklich zu einem Termin verholfen hatte. Sie fühlte sich auch so, die Stimme war schlimm, aber noch schlimmer war, dass ihr seit Wochen Schmecken und Riechen abhanden gekommen war. Das mochte wohl manchmal passieren, bei Erkältungen, fiebrigem Schnupfen, fast immer ein reversibler Vorgang, aber bei ihrer Mutter waren damals Geruchs- und Geschmackssinn nicht mehr wiedergekommen, hatten sich heimtückisch für immer davon gemacht und die arme Frau in den letzten fünfzehn Jahren ihres Lebens jeglicher olfaktorischen Sinnesfreude beraubt.
 
 
 
Dieser Arzt war hochgewachsen und von eher derber Statur, mit großzügig gebautem Kopf, breiter, hoher Stirn und zurückweichendem dunkelblonden Haar. Sie sah ihn an und begann, sich wohl zu fühlen. Plötzlich war sie sehr gerne in diesem Raum, einem von diesen penibel sauberen Ordinationszimmern, wie sie sie dutzendweise gesehen hatte, im Lauf der Zeit, so oder so ähnlich. Jetzt war es anders.  Mit ihrer mühsamen Stimme musste sie ihm ihre Beschwerden schildern, die mit einem Mal eine gewisse frohe Wichtigkeit bekamen. Ihr gegenüber sitzend kam er ihr seltsam nahe, näher eigentlich, als es notwendig gewesen wäre; und so begann er sachte, die Öffnungen ihres Kopfes zu untersuchen. Er hob eine dunkle Haarsträhne, rechts und dann links, hielt kurz inne in der Betrachtung eines schlanken silbernen Hakens, den er zuvor sanft in ihre Ohren geschoben hatte, rechts und dann links, zeigte zuletzt langes grüblerisches Interesse an den leicht vergrößerten Tonsillen und am Übergang der zarten Ausformung ihrer Nasenflügel in bislang unerforschte rhinogene Höhlen.
 
 
 
Geraume Zeit hielt er sich mit ihr auf, das war ganz offensichtlich. Er schrieb allerhand auf ein Rezept, dann nahm er Blut aus ihrer Vene für einen Allergietest, berührte mit großer Vorsicht ihre Armbeuge, als wollte er den winzigen Stich heilen, diesen ohnehin unsichtbaren Eingriff wieder gut machen. Dann war Antonia entlassen, mit dem Versprechen, in etwa einer Woche einen Befund aus diesem Röhrchen Blut zu bekommen.
 
 
 
Mit nahezu ununterbrochenem Denken an diese seltsame Begegnung verbrachte Antonia die nächsten Tage, während ihre Stimme von Stunde zu Stunde kräftiger und klarer wurde, die Heiserkeit wich, und Geruchs- und Geschmacksinn nicht nur wieder zurückkehrten, sondern mit neuer, ungewohnter, fein differenzierender Deutlichkeit ihre Tätigkeit wieder aufnahmen. Einerseits war das gut, dachte Antonia, andererseits berechtigte dieser beschwerdefreie, förmlich gesunde Zustand nicht zu irgendeiner Therapie bei ihrem neuen Arzt, ja kaum mehr zu einem weiteren Besuch; das Ergebnis des Allergietests wäre allenfalls auch telefonisch zu erfahren gewesen. Dennoch dachte sie keine Sekunde daran, nicht persönlich in der Ordination vorzusprechen, im Gegenteil - jeder ihrer Gedanken, jede Empfindung waren völlig verfangen in diesem Plan.
 
 
 
Bei ihrem zweiten Besuch forderte der Arzt Antonia auf, sich neben ihn zu setzen, an einen kleinen Tisch, auf dem ihre Befunde ausgebreitet lagen. Wiewohl er sie eigentlich nicht berührte, spürte sie im Schutze des Tisches seine unmissverständliche Nähe; sie hatte etwas Dringendes, geradezu Notwendiges. An diese wort-, erklärungs- und berührungsfreie Liebkosung - eine solche war es trotz allem - mochte Antonia fast nicht glauben. Nie hatte sich ihr ein Mann genähert, wenn es nicht zumindest vorher einen einzigen Blick des Einverständnisses gegeben, nie war einer an sie herangekommen, wenn sie es nicht gewollt hatte. Sie war groß und von fast athletischem  Wuchs, für gewisse elegante Dresscodes zu muskulös,  keine Opferfigur, die man belästigt, keine Hilflose, derer man sich bemächtigt. Älter war sie auch geworden, vor allem in der letzten Zeit. Zum Erschrecken, fand sie, sah sie manchmal ihrer Mutter ähnlich, besonders dann, wenn sie etwas Grünes anhatte, sie mied jetzt diese Farbe, dieses gewisse sumpfige Flaschengrün, das Antonia aus den Kästen der Mutter nach deren Tod angesprungen hatte.  Sie musste husten, wenn sie in diesem Grün suchte und weinte, die Kleidungsstücke waren gut gepflegt, dennoch war der Staub, der sich in der verlassenen Wohnung angesammelt hatte, in die Kästen gekrochen. Auch aus der Holzschatulle mit den Nähsachen drang ihr Staub entgegen, ebenso gab es da natürlich viel in Grün, Knöpfe und Zippverschlüsse und Nähseiden in diversen grünen Schattierungen, aber auch alle anderen Farben, ihr ganzes Leben lang würde sie kein Nähgarn mehr kaufen müssen.
 
 
 
Ein weißes Hemd zu Jeans hatte sie heute angezogen, sie hoffte auf den leichten Zauber zart gebräunten Frühsommerteints, wenn der Doktor wieder in ihre Ohren schauen würde. Das tat er auch; ließ seine großen Hände dann auf ihren Schultern liegen, ohne Motiv und Grund. Die beiden Sprechstundenhilfen gingen ein und aus, machten sich da und dort zu schaffen in dem sauberen Zimmer.
 
 
 
„Nun“, sagte er, die Hände waren noch da „das sieht alles sehr gut aus, heute!“ Mit einer kleinen Kopfbewegung deutete er auf das Tischchen mit den Computerausdrucken. „Aus Ihren Befunden sehe ich, dass Sie unter einer hohen Allergiebereitschaft leiden. Das bedeutet, dass Sie eigentlich gesund sind, aber in dem Moment, in dem ein passendes Allergen beginnt, sein Unwesen mit Ihnen zu treiben, könnten Sie arge Beschwerden bekommen - Nase, Augen, Bronchien, alles ist möglich! Meiden Sie Ragweedgewächse und Perserkatzen!“ Er sah sie an, dabei ließ er ein bestürzendes Lächeln über seine Lippen fließen, welches haarfeine sonnengeschärfte Linien an seinen Schläfen sichtbar werden ließ. Sodann nahm er abrupt die Hände von Antonias Schultern.
 
 
 
„Wir werden dann sicher eine Therapie finden, die zumindest Erleichterung bringt“, sagte er, „im Augenblick ist nichts weiter zu tun“. Antonia fand es ganz und gar unmöglich, jetzt wegzugehen, aber sie ging, musste ja gehen.
 
 
 
Antonia fuhr heim, stellte sich vor den Spiegel und betrachtete lange Zeit ihre breiten Schultern, die, der ärztlichen Berührung entzogen, zu öden unbewohnten Flecken verkommen waren. In den nächsten Tagen besorgte sie sich sehr viel an einschlägiger Literatur. Sie las:
 
„Die schlechte Nachricht: Mit den Ragweed-Pollen dominiert am Ende der Pollensaison ein besonders aggressives Allergen, das schwere Rhinitis-Symptome und sehr oft auch Asthma auslösen kann. Für Ragweed-Allergiker ist bereits seit längerem ein spezieller Impfstoff verfügbar, der eine erfolgreiche Therapie ermöglicht und das Asthmarisiko wesentlich senkt.
In den letzten Jahren hat sich das Traubenkraut vom Osten kommend auch in Österreich rasant ausgebreitet. Vor allem entlang der Hauptverkehrsrouten, aber auch in Gebieten mit Feldwirtschaft sowie sporadisch an Plätzen, wo Vögel im Winter gefüttert werden, tauchen die Pflanzen auf und verstärken den aus Ungarn eingewehten Pollenflug. Jahr für Jahr steigt die Ragweed-Allergenbelastung signifikant an, heute liegt der Anteil der von Ragweed betroffenen Allergiker bereits bei mehr als fünfunddreißig Prozent.“
 
 
Von ihrer Großmutter hatte Antonia das Haus geerbt, das sie seit Jahren bewohnte, dort, wo die letzten Felder von Breitenlee sich nach Osten den pannonischen Winden zuwandten und die Sommer noch ein bisschen heißer waren als im übrigen Teil der Stadt.
 
 
Schließlich war es ihr gelungen, ein Ragweedfeld anzulegen, eine gedeihende, kräftig wachsende, vom Winde sanft bewegte Kolonie der sogenannten aufrechten Ambrosie, eine lebendige Korbblütlerherde anmutig in die Höhe strebenden Traubenkrauts, mit weich behaarten Stängeln und fiederteiligen Blättern. Kleinfingerlange, gelbe Kerzen waren die - angeblich - unscheinbaren Blütenstände, aber sie waren in Wahrheit alles andere als unscheinbar, ihr zartes Gelb unterstrich die zurückhaltend grazile Form.
 
 
 
So oft es ging hielt sie sich bei ihrem Feld auf, jeden Tag, soweit es ihre Arbeit erlaubte, am Morgen sowieso, und wenn es sich ergab auch zur Zeit des höchsten Sonnenstandes. An den Wochenenden verbrachte sie Stunden dort, tief und bewusst atmend. Einige der Bewohner aus der Umgebung betrachteten Antonias Ragweed-Geviert mit Misstrauen. Solange die Pflanzen klein gewesen, war die seltsame Bestimmung dieses Grundstückes nicht so sehr aufgefallen, aber der regnerische August hatte das Seine dazu getan und dem Boden die notwendige Nässe geschenkt: die Pflanzen hatten eine stattliche Höhe erreicht, das ließ hoffen, denn in der botanischen Literatur wurden von meterhohen und noch größeren Exemplaren berichtet.
 
 
 
Antonia beobachtete sich genau, ob endlich allergische Symptome im Anzug waren.   Aber ihre Stimme blieb klar wie eine Glocke, ihr Atem unbehelligt von Not und Beschwerden.
 
 
 
Unter den Katzen der Umgebung hatte es sich herumgesprochen, dass Antonia auf der Suche nach einem Allergieauslöser war; sie kamen in den Garten, nahmen huldvoll oder dankbar die ständig frisch gefüllten Futternäpfe entgegen, manche ließen sich auch darauf ein, ins Haus zu kommen, wo Antonia sie auf sämtliche Sitz- und Schlafplätze locken wollte; hochmütig zogen sie es vor, am Boden zu liegen. Perserkatzen waren nicht dabei.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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