Niklas Honig

Nochmal ein Kind

Es war der zweite Tag des Sommers. Eigentlich des Herbsts, denn der Sommer war ja dieses Jahr im Frühling und es war ein verregneter Herbst, also wirklich. Ich fuhr bei offenen Fenstern übers Land, meine Frau auf dem Beifahrersitz, ich hatte sie mit eingepackt. Wir schwiegen. Der Wind war laut und warm und ich fühlte mich sehr wohl. Ich hatte Lust, mich zu unterhalten. „Woran denkst du denn gerade?"
Sie war verblüfft. Meine Frage aus dem seitlichen Hinterhalt hatte sie völlig überrascht. Ich hatte sie mit Lichtgeschwindigkeit in unseren fahrenden Bleckasten zurückgeholt, von... ja, von woher?
„Das ist so viel auf einmal, das kann man nicht so leicht in Worte fassen." Sie sagte das mit einem Hauch von Empörung. Aber es gefiel ihr, dass ich fragte.
„Erkläre es mir!" Mir gefiel es, eine Rolle zu spielen, die sonst ihr gehörte. Ich war gespannt, was sie nun zu sagen hatte.
„Kannst du es denn erklären?"
Also den Ball zurück. Kein Problem, ich fühlte mich gut, ich wollte mich unterhalten.
„Ich dachte daran, dass es schön ist, zusammen mit dir im Auto zu sitzen, dass heute ein guter Tag ist, und dass der Wind laut und warm ist. Und du?"
„Wann hast du das gedacht?"
„Na jetzt eben. Oder vielmehr: die ganze Zeit schon. Und du?"
„Wir sitzen jetzt seit einer halben Stunde im Auto und du hast die ganze Zeit nur an das gedacht?"
„Nein, ich, äh, habe auch überlegt, was ich heute noch zu tun habe und was wir heute Abend schönes unternehmen könnten.
Solche Dinge eben. Und du?" Pause. Und dann: „Ich weiß nicht. Gedacht habe ich nichts. Ich habe nur die ganze Zeit meinen Gefühlen zugehört. Du weißt schon, man blickt auf die Landschaft und ein ganzer Teppich aus Erinnerungen und Empfindungen taucht plötzlich auf, wie eine neue Farbe, zusammengemischt aus Glück und Unglück, Freude und Trauer, Hass und Liebe, und so weiter."
Nein. Ich wusste nicht. Jetzt fühlte ich mich nicht mehr so sehr wohl. „Also du meinst, du siehst etwas und dann erinnerst du dich an früheres? Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Ich habe zum Beispiel auch vorhin einen Landstrich gesehen, der hat mich an die Toskana erinnert, und mir fiel plötzlich wieder ein, dass ich da eine echt schöne Zeit mal verbracht habe."
„Nein, nein, das ist es nicht. Du denkst ja an das Gefühl, das ist so, als würdest du ein Fotoalbum in deinem Kopf ansehen. Das ist doch nicht dasselbe!"
„Nein?" Ich fand schon. Aber dann begann ich langsam zu verstehen und ich wusste plötzlich, was sie meinte.
„In meiner Kindheit war es genauso. Ich saß oft stundenlang auf der Rückbank im Auto und hörte einfach in mich hinein. Warum kann ich das jetzt nicht mehr?"
„So seid ihr Männer eben. Das ist euer analytisches Hirn. Sieh es positiv: du hast immer den nötigen Abstand zu den Dingen, du kannst deine Entscheidungen viel leichter treffen als ich. Außerdem: welche Frau will schon einen Mann, der so fühlt wie wir!"
Ja, ja. Muntere mich auf. Es wird dir nichts nützen, denn ich habe heute bemerkt, dass ich etwas verloren habe.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.07.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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