Janine Benkert

Die Idee der Unmöglichkeit

Eis bedeckte die weiten ebenen vom Gluckplato. Seit nun schon mehr als fünf Monaten schneite es praktisch ohne unterbrechung. Der Schnee lag meterhoch, trügerisch fest und doch so instabil, dass sich gelegentlich gewaltige Lawinen lösten und auf die nächsten Spalten zu donnerten. Einige fanden auch den Weg über den Rand des Platos hinaus in die Täler. Drei Dörfer, die nie auf einer Landkarte eingezeichnet waren, jedenfalls auf welchen, die nicht von tausenden Tonnen Schnee bedeckt wurden, verschwanden für immer. Doch in der Mitte des Platos flackerte ein kleines Licht. Eine schneebedeckte Gestalt stand bei diesem Licht und schien die Kälte einfach zu ignorieren. Vom weiten hätte man auf die Idee kommen können, dass einige Schafe und Bären beschlossen hätten, einer Koralle gleich eine Lebensgemeinschaft zu gründen: Ein einziger Berg aus Fellen und Stoffen stand in einer schneewehe. Bei näherer Betrachtung konnte man erkennen, dass wohl ein Mensch, höchst wahrscheinlich ein Mann, einen Pelzhändler zum reichen Mann gemacht hatte. Ging man noch näher konnte man sehen, wie der gigantische Pelzberg zitterte. So viel zum ignorieren der Kälte…

Keiner aus den Dörfern, auch nicht aus denen die nun verschüttet waren, wusste, wer dieser Mann war, woher er kam, und warum zu Teufel er in der eisigen Hölle stand. Und selbst, wenn sie es wüssten, würden sie es nicht glauben.

Es ist eine allgemein bekannte tatsache, dass Menschen nur ein gewisses Maß an Kälte aushalten konnten, bevor sie sich in Stieleis verwandelten. Und da dieser zustand alles andere als wünschenswert war, waren auch die meisten Menschen (die, die noch lebten) um dass Gluckplato bestrebt, sich möglichst warm zu halten, bis der halbjährige Winter zu Ende ging. Entgegen der allgemeinen Meinung der Allgemeinheit waren diese Leute nicht unzivilisiert. Sie verzichteten nur auf den Komfort, mehr als ein halbes Jahr zusammenhängend per Post erreichbar zu sein. Und sie wussten genau, wie sie die unerbittliche Kälte zurückhalten konnten. Holz zum verfeuern war knapp und viel zu schade. Sie entwickelten eine ganz andere methode. Sie war nicht perfekt, aber möglich. Die Leute wussten genau, was möglich ist. Von der Unmöglichkeit hatten sie auch eine gewisse vorstellung. Sie betraf vor allem Stieleis.

Nun, der offensichtlich leicht geistesgestörter Mann im Schnee schien dieses Konzept nicht zu kennen und steuerte gerade den direkten Kurs zum Erfrieren an. Schwach murmelte er einige Silben, die das Tosend des Windes sofort verschluckte. Der Blick des Mannes war starr auf das Licht gerichtet. Es war kein gewöhnliches Licht. Gewöhnliches Licht konnte einfach nicht so… rein sein. Wenn man eine Kerze entzündet erhält man gelbliches, warmes Licht. Eine Leutstoffröhre erhellte Räume mit einen kalten, weißen Licht, dass wie ein Messer auf schlaftrunkene Gedanken wirkte. Bestimmte Neonröhren konnten den Eindruck vermitteln, doch ein Glas zu viel gehabt zu haben und die gemeine Glühbirne entsendete ein unauffälliges Licht, dass irgendwie immer zu hell ist, um als dunkel zu gelten oder zu dunkel um genügend Sicht zu garantieren. Doch dieses Licht war jenes Licht, was Selbst die Unendlichkeit ausleuchten könnte. Gegen dieses Licht wirkten sonnen dumpf wie eine schlummerlampe.

Und plötzlich erstrahle das komplette Plato im hellen, warmen Licht. Für ein oder zwei Sekunden funkelte der Himmel und die Luft vibrierte. Und dann hörte es auf. Die Gestalt und das licht waren fort. Und sie hatten den Schnee und die Kälte mitgenommen. Unten in den Tälern herrschte noch der Winter, doch auf dem Plato blühten die Blumen und gediehen Kräuter, Vögel sangen, waren schon Ewigkeiten da, doch vor wenigen Minuten erst. Der unerbittliche Wind hatte sich plötzlich völlig verändert. Hätte man ihn vorher als eine zynische, boshafte und harten Persönlichkeit beschreiben können, so glich er jetzt der Sanftmut selbst, aus dem hungrigem Raubtier wurde ein sanftes Schäfchen. Und in der Mitte stand eine Hütte, ein Haufen hingeworfener Zweige hätten eher den Begriff „Haus" definiert als diese Ansammlung von Material. Man konnte es nur als haus oder Hütte bezeichnen, weil jemand schon sein ganzes leben in ihr verbrachte, und zwar seit zehn Minuten. Im inneren saßen der Mann, er hatte die vielen Schichten Pelz von sich genommen. Er war nicht gerade das, was man sich unter dem Schönheitsideal eines Mannes vorstellte. Seine Beine waren dafur etwas zu dünn, seine Haare etwas zu stumpf im Glas, seine Augen etwas zu tief im Blick, seine Schultern ein wenig zu schmal. Doch jetzt hatte er Besuch. Eine ziemlich untersetzt Gestalt saß vor ihm und trank den ihr angebotenen Tee.

„Wirklich beeindrucken.", meinte der geheimnisvolle Besucher.

„Ja wirklich. Aber was ich nicht ganz verstehe: Wie hast du das geschafft?"

Der andere Mann lächelte. Sein nun zehn Jahren hatten beide eine Art wette laufen. Es ging um die Frage nach der Unmöglichkeit.

„Das will ich dir verraten. Wie du sicher weist, brauchte ich für die Lösung unseres Streites fast zehn Jahre, deshalb wirst du mir sicher verzeihen, wenn ich etwas weiter aushohle."

Ein kurzes Nicken gestattete das weitersprechen.

„Du hattest vor Jahren behauptet, dass nur Möglich sei, was im Bereich des Möglichen liege. Ich dagegen vertrat den standpunkt, dass alles das möglich sei, was sich außerhalb des unmöglichem befände. Schon damals wussten wir, dass zwischen den beiden Erklärungen Welten der Bedeutung langen."

Ein weiteres Nicken und Stille folgte.

„Und dann kam es zu jenen Tag, an dem wir den Wette abschlossen. Du meintest, dass es nicht im Bereich des Möglichen, aber auch nicht im unmöglichen Bereich läge, das Gluckplato zum blühen zu bringen. Wenn ich es schaffen sollte, eben jenes zu vollbringen, währe meine Theorie Gesichert, wenn nicht währe es ein Beweis für deine Sichtweise."

Ein brummen bestätigte das gesagte.

„Um die Sache… interessanter zu gestalten hattes du vorgeschlagen um etwas zu wetten. Ich verbrachte zehn Jahre mit diesem Problem…"

„Aber wie hast du es gelöst?"

„Du hattest damals recht gehabt: Es bestand die Möglichkeit, dass das Gluckplato blühte. Nämlich, wenn vor 10000 Jahren etwas ein wenig anders verlaufen währe. Es lag nicht im Bereich des Möglichen, die Zeit zu verändern, wohl aber, dass das Plato blühte."

„Und?"

„Nun, es war schließlich ganz einfach: Man brauchte eine Idee des Unmöglichen."

„Was?"

„Das Licht war die Unmöglichkeit, die Idee, die Phantasie, die einige Leute mit Magie verwechseln. Es war jener Teil, der das, was nicht unmöglich war zur Möglichkeit machen konnte. Es ist die Vorstellung von den Dingen, wie sie sein könnten, aber nicht sind. Es ist das Spektrum des Glaubens, die Leihnwand des Geistes. Du unglücklicher Tohr hattest dir ausgerechnet das Gluckplato ausgesucht, wo sechs Monate Winter herrschen. Was glaubst du wohl, machen die Menschen und die Tiere den ganzen Tag, wenn der Schnee selbst durch die Schornsteine rieseln konnte? Sie schlafen und dösen, träumen und phantasieren vom Frühling, von der wärmenden Sonne, vom Blütenduft und Vogelgezwitscher. Sie träumen von der Welt, wie sie sein sollte und doch nicht ist! Hier, am Mittelpunkt des Landes sammelt dich die Idee, die Vorstellungskraft tausender Menschen, die leben, gelebt haben oder leben könnten, wenn das Schicksal es so gewollt hätte. Und ich habe diese macht entfesselt."

„Wie?"
„Macht hat die Neigung sich zu entladen. Um das Unmögliche möglich zu machen, braucht ich nur eins."

„Und das war?"

„Eine Idee des unmöglichen. Diese Idee brachte dieses Plato zum blühen, die größte Macht der Welt, viel mächtiger als so genannte Magie! Es war auch so gut wie unmöglich, dass ich überlebe, aber es war nicht unmöglich. Das Licht ist jetzt fort, doch es wird wiederkommen, da bin ich mir ganz sicher."

„Was ist mit dir passiert, als das Licht sich entlud?"

Jetzt herrschte Schweigen.

„Ich… weis es nicht so genau. Ich finde keine Worte für das, was ich gesehen habe. Vielicht können meine Kinderskinderkinder deinen eine wage Antwort geben. Oder vielleicht bekommst du das Privileg das Licht ebenfalls zu erleben…"

Das Gluckplato, ein Felsen, obern weit und flach, wie abgeschnitten, umgeben von Dörfern, und denen die Menschen vom frühling träumten. Sie wissen genau, was möglich was. Von allen anderen haben sie nur Ideen. Denn selbst der hartnäckigste Schnee schmilzt und selbst der bitterste Winter musste weichen. Viele hundert Jahre begegneten sich zwei Jungen. Sie sahen sich nur ein einziges mal im leben, vergaßen anschließend einander wieder völlig. Nur ein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, als der eine Junge dem anderen in die Augen sah und meinte: „Silberglockengoldaromahimbeergleisen." (eigentlich sagte er „Blumpfgxsquweksarghütarkswlamäh." nach jahrelangen Überlegungen einiger der gelehrtesten Bewohner jenes Dorfes einigte man sich auf diese Übersetzung, da das Originalwort kaum aussprechbar war.)

Der andere Meinte darauf nur; „Hab es mir kaum anders vorgestellt."

Niemand wusste, warum sie jenes sagten, doch vielen war das ziemlich egal. Wichtiger war es, das Heu für den Winter zu ernten. Die Menschen hatten keine Gewissheit, nur Vorstellungen, nur Ahnungen, nur Ideen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.09.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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