Sarolta Németh

Das Individuum und die Massen

Schau dir all diese verlorenen Seelen an! Sie kreisen um dich, wie die Geier. Es werden immer mehr. Sie wollen nur dich, wollen einen Teil von dir, nein, sie wollen ein Teil von dir werden, obwohl sie dich nicht einmal kennen. Es ist lächerlich und zugleich beängstigend. Hast du keine Angst? Ich würde mich fürchten, wäre ich du. Aber du hast ja starke Unterstützung neben dir. Was aber, wenn diese verschwindet? Was machst du dann? Ich will dir keine Angst einflößen. Erstaunlich, wie gelassen du bist. So müde und doch so stark. Ich beneide dich. Sie sind immer noch da und du bleibst trotzdem ruhig, du bist so geduldig. Dein Gesicht strahlt nicht, sie strahlt eher Genervtheit aus, und obwohl sie dich lieben und sehen, du willst all das nicht was um dich geschieht, lassen sie doch nicht von dir herab solange sie nicht haben, was sie wollten. Was wollen sie überhaupt? Was haben sie in ihren Köpfen? Du hast ihnen doch schon gegeben, was du zu bieten hattest. Dein tiefstes Inneres, deine Leidenschaft, deine persönlichen Gefühle, aber all das reicht ihnen noch nicht. Sie wollen dich, deinen Körper, als hätten sie keinen eigenen, dich hautnahe erleben so wie du bist, so wie du in ihren Vorstellungen lebst. Du bist so klein, zerbrechlich, du verschwindest in ihrer Masse. Es tut mir Leid, dass du das mitmachen musst, aber du hast es so gewollt. Du weißt doch, alles hat seine Schattenseiten. Du hast es immer gewusst, es ist Teil des Spiels. Sie wollen sich neben dich stellen, wollen sich mit dir schmücken, wollen ihre angekratzten Egos wieder mit deiner Erscheinung aufpolieren, sie wollen sich als besondere Persönlichkeiten fühlen. Glaubst du, du kannst ihnen all das bieten? Glaubst du, du kannst ihnen noch mehr bieten? Willst du ihnen überhaupt helfen, sich herausragend zu fühlen? Ich würde das nicht. Wenn du ihnen hilfst, wirst du einer von ihnen. An deiner Mimik glaube ich zu erkennen, du willst einfach nur weg von hier. Es ist in Ordnung, geh, mach die Augen auf, mach deinen Mund auf. Du brauchst nur ein paar Worte zu sagen und sie gehen. Wenn auch nicht glücklich, aber sie verlassen diesen Ort. Nun sag schon was! Es wird nur einmal Weh tun, nicht mehr und auch nicht dir Weh tun. Du bist viel zu nett, du kannst es nicht sagen. Stattdessen wartest du ab, bis sie endlich einer nach dem anderen verschwinden. Langsam wirst du wieder sichtbar, die Belagerung nimmt ab. Und da bist du auch schon, sieh mal einer an. Müde, ausgelaugt, völlig erschöpft, aber viele Geister glücklich gemacht. Natürlich gibt es auch diesmal einige unzufriedenen Gesichter, du hörst nur noch ihre Stimmen, die sich beschweren, dass dein Lächeln nur aufgesetzt ist, oder dass du überhaupt nicht lächelst, aber du kümmerst dich gar nicht mehr darum, du gehst einfach nur weg, drehst dich nicht mehr um. Routine hat ihren Platz eingenommen. Geh, geh, komm nicht mehr wieder, kümmere dich nicht mehr um die verlorenen Seelen! Du hast getan was du konntest, der Rest liegt nur an ihrer Gedankenwelt, du kannst nichts mehr machen. Sie gehen, du bleibst alleine. Für eine Weile... Nutze diese Zeit für dich! Zeit ist eines der kostbarsten Dinge der Welt. Finde deine Ruhe liebes Individuum, bevor die Massen dich wieder mitreißen wollen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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