Andreas Rüdig

Evangelisch: die Neanderkirche in der Düsseldorfer Altstadt

Sie gilt als die längste Theke der Welt: Die Düsseldorfer Altstadt ist insbesondere bei Touristen beliebt. Doch hier wird nicht nur für das leibliche Wohl gesorgt. Bieten beispielsweise St. Andreas und St. Maximilian schwere katholische geistige Kost, ist die Neanderkirche eher ein kleines evangelisches Prunktstück.
Sonntags um 11 Uhr beginnt hier der Gottesdienst. Es ist Mitte September 2007, als ich hier eintreffe. Und bin erst einmal unangenehm berührt. Nicht nur, daß hier noch die Überreste der Hochzeit vom vergangenen Samstag zu sehen sind. Offensichtliche werden auch die farbigen Glasfenster renoviert. Die beiden Fenster rechts und links der Kanzel sind zu einem Fünftel abgehängt. Viel schlimmer noch: Insgesagt 4 kleine Gerüste an anderen Fenstern verunstalten den Innenraum. "Hier liegt eine Baustelle vor," kann man schnell als Eindruck gewinnen."
Und wie sieht die Kirche ansonsten aus? Nach einem kleinen Vorraum betritt der Besucher den eigentlichen Gottesdienstsaal. Die Orgel befindet sich auf einer Galerie auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Links davon - an einer Längswand aufgehängt: die mit reichlich Schnitzwerk verzierte und mit einem Schalldeckl versehene Kanzel. Davor und auf dem Fußboden: der marmorne Altartisch. Eine aufgeschlagene Bibel mit einem Kreuz dahinter liegt in der Mitte des Tisches. Links und rechts 2 brennende Kerzen, rechts Blumenschmuck, auf beiden Seiten abgedecktes Abendmahlgeschirr. Ein Klavier befindet sich auf der rechten Seite des Altartisches. Die grauen Kirchenbänke drehen sich halbkreisförmig um den Altarbereich.
"Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: `Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!`, und er würde auch gehorchen," heißt es in Lukas 17, 5 - 6. Diese Bibelstelle in der Predigttext für den heutigen Sonntag.
Die Welt wird enger. Der Kampf ums Überleben wird schärfer. Da verlieren viele Menschen ihre Hoffnung und ihren Glauben. In Düsseldorf gibt es nur wenige Maulbeerbäume. In Israel ist die Pflanze aber üblich. Der Maulbeerbaum ist ein zähes Geschöpf mit hartem Holz, aus dem Sarkophage für die altägyptischen Pharaonen gezimmert wurden. Maulbeerbäume besitzen ein großes Wurzelwerk. Das Senfkorn ist im Vergleich dazu etwas Klitzekleines.
Das Senfkorn und der Maulbeerbaum kommen nur in dieser Geschichte vor. Die Geschichte ist wie eine Pause und Unterbrechung. In der Bibel gibt es nämlich vorher und nachher viele Geschichten, in denen Jesus den Glauben vermittelt.
Wie ist es bei uns im Alltag, fragt Pfarrer Dirk Holthaus, der an diesem Tag die Predigt hält. Wann ist bei uns Zeit für Jesus und Zeit für Ruhe? Es ist einfach für uns, Vertrautes und Gewohntes zu bewahren. Jesus traut sich aber, damit aufzuhören und alles umzukrämpeln. "Wir klammern uns an Lebenslügen und vergessen alle Lebendigkeit," behauptet Holthaus.
Gott setzt auf die Kraft des Glaubens und schützt seine Leute. Sollte man zumindest meinen. "In der Schwäche liegt die Kraft. Aus ihr heraus können wir die Welt verändern," hält Holthaus dagegen. "Jesus gibt uns die Kraft, Neues zu wagen und zu schaffen."
Natürlich konnte ich die Predigt nicht Wort für Wort, sondern nur die wichtigsten Passagen mitschreiben. Sie geben die Predigt aber gut wieder. So gegen 12.15 Uhr ist der Gottesdienst zu Ende. Sehnsucht nach Kaffee und Plätzchen überkommen mich. Leider kann ich sie in der Neanderkirche nicht befriedigen. Hier gibt es nämlich leider nichts. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.09.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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