Karl Wiener
Die Zeitmaschine
Die Zeit vergeht, und niemand bringt sie je zurück. Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, seinen Namen habe ich vergessen. Vielleicht hieß er Sebastian, vielleicht aber auch so wie du oder ich. Sebastian wußte noch nicht, daß alles seine Zeit hat. Bei Tisch hatte er niemals Appetit, aber zwischen den Mahlzeiten wollte er essen und trinken. Abends, wenn es Zeit war, zu Bett zu gehen, war ihm jede Ausrede recht, die ihm noch eine Frist verschaffte. Endlich im Bett, lag er noch lange wach. Jedes Geräusch, das von draußen zu ihm drang, nährte den Verdacht, daß die Erwachsenen immer dann, wenn er schlafen sollte, heimlich Limonade tranken. Morgens war er zum Umfallen müde. In der Schule hielt er sich nur mühsam wach. Er war nicht dumm, aber er meldete sich immer erst dann zu Wort, wenn die Fragen des Lehrers längst von anderen beantwortet waren. Weil er alle Aufgaben so langsam wie eine Schnecke erledigt, hielten ihn seine Mitschüler für den Erfinder der Langsamkeit.
Als der Weihnachtsmann von Sebastians Verhalten erfuhr, blieb das nicht ohne Folgen. "Was soll ich mich mühen und all die Arbeit an einem einzigen Tag verrichten. Der Junge weiß ja ohnehin nicht, wann die rechte Zeit gekommen ist", knurrte er. So kam es, daß er Sebastian erst zu Ostern beschenkte. Das wiederum brachte den Winter ganz durcheinander. Der glaubte, er habe sich zu früh zur Ruhe gelegt. Schnell schickte er noch einmal eisigen Wind über das Land und mischte Schneeflocken unter den Frühlingsregen. Die Blüten, die sich schon hervorgewagt hatten, zitterten vor Kälte und wußten nicht, wie ihnen geschah. Auch das Zwitschern der Vögel, die der späte Frost beim Nestbau überraschte, verstummte ängstlich. All das ließ den Osterhasen zweifeln, ob die Zeit gekommen sei, die Ostereier zu verstecken. Im Sommer dann, wenn in anderen Jahren die Sonne zum Spiel im Freien lockte, hockte Sebastian in der Stube und blies Trübsal, denn draußen zog der Regen Blasen. Die Schleusen konnten das Wasser nicht fassen. Doch kaum war die Ferienzeit zu Ende, lachte die Sonne wieder am Himmel, die Kinder aber saßen schwitzend in der Schule. Es war zum Verzweifeln, denn nichts geschah zur rechten Zeit.
Sebastians Großvater war ein kluger Mann. Er sah sich das Durcheinander eine Zeit lang an. Dann ging er nachdenklich in seine Werkstatt. Noch in derselben Stunde hörte man es hinter der verschlossenen Tür rumoren. Es hämmerte und zischte, und manchmal sprach der Großvater auch mit sich selbst. Es war wohl keine einfache Sache, die er sich da vorgenommen hatte, und er schaffte sie auch nicht an einem Tag. Sebastian war voller Neugier und ließ die Tür zur Werkstatt nicht aus den Augen. Schließlich winkte ihn der Großvater zu sich herein und zeigte ihm sein Werk. Sebastian stand staunend vor einer komplizierten Maschine. Er wußte nicht, was das Gebilde aus Zahnrädern, Pendeln, Röhren und Trichtern bedeuten sollte. Doch der Großvater klärte ihn auf.
Nun ist es nicht möglich, die Apparatur hier so ausführlich zu beschreiben, wie es der Großvater tat. Das wäre eine ganze Geschichte für sich. Aber so viel kann ich sagen: Wirft man eine Kugel in den oberen Trichter, so rollt diese unaufhaltsam durch ein System von Röhren, hopst über Treppen und Wippen, verschwindet in Schächten und taucht in darunter liegenden Rinnen wieder auf. Fällt sie schließlich in den unteren Trichter, so ertönt ein Glöckchen und es ist Zeit, die nächste Kugel einzuwerfen. Sebastian begriff, daß die Zeit so unaufhaltsam dahinrollt, wie die Kugeln in Großvaters Zeitmaschine, und er lernte, daß alles zur rechten Zeit geschehen muß, da sonst alle Dinge durcheinander kommen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.09.2007.
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