Ingrid Grote

We are the CHAMPIONS...

Bei vielen Phänomenen der heutigen Zeit versagt mein Einfühlungsvermögen und ich muss gewisse Stilmittel zu Hilfe nehmen, um sie einigermaßen "verstehen" zu können:

Karel rieb sich den rechten Arm und betrachtete fasziniert das Ekzem darauf. Es hatte die Form eines Käfers, war durch keinerlei Salben weg zu kriegen, sondern hatte sich zu einem blutroten ausgeprägten Fleck entwickelt, der wirklich sehr auffällig und kaum zu übersehen war. Irgendwann hatte ihn irgendetwas gebissen, vielleicht eine Spinne, aber das wusste er nicht so genau.

Karel rieb sich auch die Hände. Was für eine schöne Wohnung! Sie war einfach perfekt, so wunderbar renoviert, so wunderbar sauber, und die Nachbarn schienen auch sehr nette Leute zu sein. Karel liebte sie jetzt schon, die Wohnung und seine zukünftigen Nachbarn.

Natürlich liebte Karel seine Frau noch viel mehr als die zukünftige Wohnung oder die zukünftigen Nachbarn. Seine Frau erschien ihm wunderbar. Ihre gedrungene Gestalt ohne Taille, die Schwammigkeit ihrer Glieder, die ihm wie willige Nachgiebigkeit vorkam und ihr ausdrucksloses Gesicht mit den kleinen Augen inmitten der Fettpolster, dies alles erschien ihm als der Gipfel an Begehrenswertigkeit. Dazu kam noch, dass sie ihm total ergeben war, auch wenn ihm manchmal die Hand ausrutschte, wenn er sie maßregelte. Dieses wunderschöne Weib war so absolut gutmütig und phlegmatisch, dass sie seine Ausfälle duldete, und gerade das liebte er an ihr. Er hatte nämlich insgeheim den Verdacht, dass sie ihn durchaus vernichten könnte, es aber aus Trägheit nicht tat. Und deswegen, getrieben von dieser unterschwelligen Ahnung, die er sich vielleicht nur einbildete, die ihm aber überaus real erschien, hielt er sich bei ihr viel mehr
zurück als bei den anderen Frauen, die er gehabt hatte. Er hatte nun mal einen Heidenrespekt vor seiner Frau, aus was für Gründen auch immer.

Man zog also in die neue Wohnung ein. Einziehen fand Karel lustig, es war immer schön, immer ein Neuanfang. Und man richtete sich schnell ein, denn die Wohnung mit ihrem geschmackvollen Laminat, ihrer ansprechenden Sanitärausstattung und ihren fantastisch weißen unbefleckten Raufasertapeten musste nicht groß renoviert werden.

Die unbefleckten Raufasertapeten waren das erste, was Karel übel aufstieß. Eines Tages nämlich, als ihm das Essen nicht so richtig schmeckte, warf er instinktiv den Teller (mit dem nicht gegessenen Essen darin) einfach an die Wand, und seitdem war an der Wand ein großer schmutzigroter Fleck, der Karel absonderlich gut gefiel.

Seitdem warf er öfter das Essen an die Wand. Seine Frau schien es ihm nicht zu verübeln, denn sie war schwanger und noch phlegmatischer als sonst.
Deswegen machte sie wohl auch nicht mehr das Badezimmer sauber, aber Karel fühlte sich dadurch nicht gestört. Ganz im Gegenteil, je dreckiger die Badewanne, je stinkender das Klo wurde, desto wohler fühlte er sich. Und je wohler er sich fühlte, desto mehr Zeit verbrachte er in der Wohnung. Er hatte auch in letzter Zeit Probleme mit dem Sonnenschein, das heißt, er konnte helles Tageslicht nicht mehr ertragen. Er konnte es auch nicht ertragen, wenn andere Menschen ihn bei vollem Tageslicht ansahen.
Karel kündigte daraufhin seinen Job als Parkwächter und fing als Türsteher in einer Pornobar an. Diese Bar machte sehr spät auf (sogar in der Sommerzeit war es schon dunkel, wenn sie aufmachte), und die Leute, die dort Einlass begehrten, schauten den Türsteher nicht an, sondern hatten andere geilere Sachen im Sinn. Und genau das war es, was Karel an seinem neuen Job liebte: Dass man ihn nicht beachtete!

Obwohl Karel duch seinen Job als Türsteher recht gut verdiente, zahlte er von Anfang an keinen Cent Miete für die neue Bude. War ja auch kein Wunder, so wie die aussah! Wenn er und sein geliebtes Weib die Wohnung genauer beschauten, dann fing zuerst er an zu lachen, und dann stimmte die geliebte Frau in sein Gelächter ein, so dass sie zusammen klangen wie das misstönende Gekreisch von Krähen. Es war ein gerechtes Gekreisch, denn:
Die Küche war mittlerweile total verschmutzt, in der Spüle türmte sich dreckiges Geschirr bis fast an die Decke, und an der Wand prangten mehrere dreckige Flecke. Da hatte wohl jemand das Essen an die Wand geworfen. Karel musste kichern bei diesem Gedanken.

Das Wohnzimmer lag begraben unter Dutzenden von Pizzaschachteln und Aluminiumbehältern, in denen sich Essen befunden hatte. Außerdem prangten viele gelbliche Flecken auf dem Teppichboden - das Wohnzimmer war der einzige Raum mit Teppichboden - wahrscheinlich hatte der Hund auf den Teppichboden gepisst.

Das Badezimmer: Ein dreckiger Witz! Die Badewanne hatte einen schwarzen pelzigen Belag, das Wasser lief nicht mehr richtig ab, das Klo war absolut verstopft, und der Durchlauferhitzer hatte schlapp gemacht...
Diesen Vermieter würde er schon drankriegen, als Mieter hatte man schließlich Rechte! Keinen Cent würde der Typ für die Bude kriegen! In dieser Hinsicht war Karel sehr konsequent. Er war ja schließlich ein hilfloser Mieter und somit diesem ungerechten System von Eigentum und Nichteigentum ausgesetzt. Und Eigentum verpflichtet schließlich!

Manchmal pinkelte Karel trotzig auf den Teppichboden im Wohnzimmer, als ob er den Pissegeruch von seinem Hund übertünchen wollte. Wo war der Hund übrigens abgeblieben? Er wusste es nicht, er hatte eines Tages festgestellt, dass der Hund nicht mehr da war, er war einfach irgendwo verloren gegangen. Von wegen, Hund der beste Freund des Menschen...
Und die Katzen, na ja, die waren irgendwann gestorben, und er hatte sie in die blauen billigen Müllsäcke gepackt, die mittlerweile das ganze Wohnzimmer füllten und die so fürchterlich stanken. Ein Grund mehr, keine Miete zu zahlen.

Der Vermieter schellte natürlich an und wollte sich in der Wohnung umschauen. Da war er bei Karel gerade an den Richtigen gekommen. Ein paar Drohungen, ins Wohnzimmer zu pissen und natürlich die strikte Weigerung, den Vermieter in die Wohnung zu lassen, taten ihre Wirkung. Karel war nicht sehr intelligent, aber er besaß diese Insektenschlauheit, diesen minimal auf das Überleben ausgerichteten Trieb, und das hieß: Du musst die Gesetze genau kennen, und Karel wusste natürlich wie weit er gehen konnte, die Mietgesetze dieses Landes kamen ihm sehr entgegen...

Dennoch war es an der Zeit, zu gehen, bevor größere Schwierigkeiten ins Haus standen, denn man musste sich nicht unbedingt der Willkür der verdammten Vermieter aussetzen.

Karel suchte eine neue Wohnung für sich und seine Lieben, denn mittlerweile war Nachwuchs angekommen, süße kleine Zwillinge, und das Schärfste war, sie hatten auf ihrem rechten Arm genau das gleiche Ekzem wie Karel selber. Ein Wunder der Fortpflanzung!

Also ausziehen, neue Wohnung suchen, alles neu abchecken...

Die neue Wohnung war einfach perfekt, so wunderbar renoviert, so wunderbar sauber, und die Nachbarn schienen auch sehr nette Leute zu sein. Karel liebte sie jetzt schon, die Wohnung und seine zukünftigen Nachbarn.

Als er die erste Kakerlake sah, war er ein bisschen erstaunt, aber nicht beunruhigt. Irgendwie schien sie ihm vertraut zu sein. Sie sah doch tatsächlich so aus wie das Ekzem an seinem Arm, und auch der Name war ihm vertraut. Welch ein Zufall!

"We are the champignons of the world..." Der Song von Queen kam ihm in den Sinn. Wie lächerlich, aber er fühlte sich gerade in einer Supersiegesstimmung... und betrachtete freudig sein Türschild, auf welchem geschrieben stand:

K.ACKERLACK

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.09.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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