Pierre Heinen

Kommissar Black – Der Zartinko-Tempel (I)

Anstatt Maria, stand Matia auf dem weißen Blatt Papier, welches in der Maschine eingeklemmt war und Black fluchte. Schon wieder ein Tippfehler. Er hasste das Tippen auf der Schreibmaschine mehr als sonst irgend eine Kleinigkeit seines Jobs. Die Berichte verfassen, machte ihm sogar noch Spaß, obwohl es ihn viel Zeit kostete, aber das Tippen schmeckte ihm überhaupt nicht.

Das Telefon klingelte schlagartig und Black stürzte sich sogleich darauf, wie eine Katze auf eine Schüssel Milch.

"Black", meldete er sich neugierig und lauschte.

"Bob hier. Es gibt eine Leiche im Hafen. Pier 7 um genau zu sein", informierte der Polizeibeamte den Kommissar.

Black legte auf. Mehr musste er gar nicht wissen. Endlich raus aus diesem Büro. Der Kommissar schnappte sich seinen Mantel und wollte schon zur Tür hinauslaufen, als das Telefon wieder einmal sein aufdringliches Ringen von sich gab. Black zögerte eine Sekunde, ehe er zum Tisch zurückkehrte.

"Black", meldete der Beamte sich erneut.

"Wo bleibt der Bericht Poker-Vince?", wollte Oberkommissars Tellips Stimme mit Nachdruck wissen.

"Beinahe fertig ...", stammelte Black und konnte sich den zornigen Blick, passend zur Stimme seines Vorgesetzten, nur zu gut vorstellen.

"Heute nachmittag spätestens!", schrie Tellips in die Sprechmuschel seines Telefons und legte auf.


–  0  –


Es war an diesem Montagmorgen noch recht erträglich draußen und Black steuerte seinen Dienstwagen in den Norden der Stadt, zum Hafen. Lipptwon würde auch heute wohl oder übel wieder einmal einen heißen Sommertag erleben, das konnte Black spüren. Keine Wolke am Himmel und eine gnadenlose Sonne, die ihre Kraft langsam entfaltete.

Hoffentlich nicht schon wieder eine Wasserleiche, ging es dem Kommissar durch den Kopf und plötzlich hatte er das Gesicht von Poker-Vince vor Augen. Der verweste Körper des Italieners hatte dem Kommissar damals schwer zu schaffen gemacht und er musste damals arg mit seinem revoltierenden Magen kämpfen.

Black parkte den Wagen an einem Lagerhaus in der Nähe und blickte aufs Meer hinaus. Mehrere Schiffe schwammen am Horizont um die Wette. Er stieg aus und der Geruch der weiten Welt haftete sofort an ihm. Eine Mischung aus Abwasser- und Fischgestank zog der Weite-Welt-Geruch auch noch mit.

Die siebte und letzte Kaizunge des Hafens ragte am längsten ins Wasser hinaus und am Ende der Stahlbetonkonstruktion konnte Black mehrere Polizeibeamte erkennen. Er machte sich auf den Weg und schritt zwischen Gangways und Rampen auf den Tatort zu. Kein Frachter und keine Fähren hatten sich heute hier vertäut und so wurde Black nur vom Schwappen des Meerwassers begleitet.

"Männlich, zirka zwanzig Jahre alt, stranguliert und noch nicht identifiziert", berichtete der Gerichtsmediziner kurz und knapp, ehe er sich wieder seinen Werkzeugen in den schwarzen Ledertaschen widmete.

Black nickte und ging zu Bob hinüber. Dieser grüßte und kniete sich dann auf den harten Boden. Er zog das weiße Tuch, welches die Leiche bedeckte, zurück und der Kommissar konnte sich ein erstes Bild vom Opfer machen. Ein junger Mann mit einem Hauch von einem Schnurrbart. Er wirkte sehr dünn und blass und Black fielen sofort die typischen Merkmale am Hals auf.

"Was ist denn das für ein Kostüm?", fragte Black und wies auf die violette Kutte mit den drei weißen Streifen an den Schultern.

Bob drehte den Leichnam etwas und deutete auf ein aufgenähtes gelbes Symbol auf dem Rücken der Kutte.

*Das Ding habe ich schon irgendwo mal gesehen, aber selbst weiß ich es auch nicht mehr", meinte Bob und legte die Leiche behutsam wieder auf den Boden.

"Wohl irgend so ein religiöser Verein", murmelte Black vor sich hin und stand auf.

"Ach ja, das haben wir auch gefunden", bemerkte Bob noch und zeigte auf mehrere kleine und würfelförmige Stahlklötze, welche am Boden verteilt lagen.

"Hier wollte wohl jemand dem jungen Mann loswerden und wurde dabei unterbrochen", folgerte Black und blickte Bob an.

Bobs das-hab-ich-mir-auch-schon-gedacht-Blick bestätigte die Vermutungen des Kommissars und dieser drehte sich zum Hafen um.

"Es muss Zeugen geben", murmelte Black schon wieder, wie er es immer tat, und schritt die Kaizunge hinunter.


–  0  –


Black folgte dem Kuttenträger in eine Art Wartesaal und nahm auf einem der harten Stühle, die um einen einfachen Holztisch standen, Platz. Auf dem Tisch lagen verblasste Prospekte über den Obermeister des Ordens, John Zartinko. Der Tempel der Anhänger von Zartinko wies viele Ähnlichkeiten mit einem Kloster auf und dem Kommissar fiel der Brudermord des Lipptown-Klosters wieder ein, der erste Kriminalfall in seiner Karriere.

Der Mann, der ihm vorhin die Tür aufgemacht hatte, erschien wieder, gefolgt von einem älteren Kuttenträger mit vier weißen Streifen auf beiden Schultern. Black stand auf.

"Ich bin Robert, Meister des hiesigen Tempels", stellte er sich vor und hob grüßend die Hand.

"Kommissar Black, Ermittler der hiesigen Polizei", stellte sich Black nun vor und hob seine Dienstmarke in Nasenhöhe des Meisters.

"Man berichtete mir es sei dringend", fuhr der Mann leicht aufgeregt fort und winkte dem anderen Tempelangehörigen zu, den türlosen Raum zu verlassen.

"Heute morgen wurde von einem Hafenarbeiter eine Leiche gefunden und dieser junge Mann trug eine ihrer Kutten", informierte Black den Meister, der daraufhin keine Regung mehr zeigte.

Der Kommissar zog drei Schwarz-Weiß-Abzüge aus der Tasche seines Hemdes hervor und legte sie auf den Tisch. Ein Foto zeigte das Gesicht des Opfers, ein weiteres das Ordenssymbol auf dem Rücken und auf dem letzten Bild war der Pier mit dem gesamten Tatort zu erkennen. Der Meister nahm sie behutsam in seine Hände.

"Das ist Oberbruder Marc", sagte Robert nach einer andächtigen Minute des Schweigens und händigte Black die Bilder wieder aus.

"Wir gehen im Augenblick von Suizid aus, Strangulation um genauer zu sein. Alles deutet daraufhin dass er sich erhängt hat", offenbarte Black und ließ das Gesicht des Meisters nicht aus den Augen.

"Er kam letzte Woche zu mir und bat um Ferien. Da er ein Oberbruder ist, steht ihm eine Woche Ferien zu, die habe ich ihm gewährt. Er wollte übrigens seinen Vater hier in der Stadt besuchen und seit Freitag habe ich nichts mehr von ihm gehört", sagte der Meister mit einem monotonen Ton und hielt inne.

"Kann ich sein ... Zimmer sehen?", fragte der Kommissar und der Meister drehte sich blitzartig um.

"Folgen Sie mir", forderte er Black auf.


wird fortgesetzt ...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.10.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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