Pierre Heinen

Kommissar Black – Der Zartinko-Tempel (II)

Der Meister schob den schweren violetten Vorgang beiseite und beide betraten die Zelle des Oberbruders Marc. Black erinnerte die Zelle sehr an eine seiner Haftzellen im Keller des Polizeitempels.

"Der Tod des ehrwürdigen Bruders muss betrauert werden", teilte der Meister gefühlskalt mit, sah Black an und ließ den Beamten anschließend allein.

Weiße und kahle Wände, ein Porträtfoto des Obermeisters Zartinko auf dem Nachttisch, ein fein säuberlich gemachtes Bett und ein Schrank. Die Einrichtung der Zelle war mehr als erbärmlich und Black schritt zum kleinen Fenster hinüber und sah auf den Hof des Tempels hinaus. Einige Hecken verzierten den grau gepflasterten Innenhof. Ein Bruder in violett huschte am Fenster vorbei und Black drehte sich wieder um.

Im Schrank fand der Kommissar nur Kleidung und im Nachttisch nur eine Art Bibel. DIE LEHRE DES ZARTINKO stand in goldenen Kapitalbuchstaben auf dem Deckel und Black ließ das Buch wieder in die Schublade gleiten. Das Opfer war wohl sehr von dem Orden überzeugt.

Black schüttelte den Kopf und hob die Matratze des Bettes auf. Schon oft hatte er Hinweise unterhalb eines Bettes gefunden aber dieses Mal fand er nur einige Staubwölkchen. Ein leises Läuten ging durch den gesamten Tempel und Black sah erneut durch das Fenster. Es schien so als ob alle Brüder des Ordens sich versammeln würden. Wahrscheinlich beteten sie jetzt für ihren Toten.

Black verließ die Zelle und bemerkte erst jetzt dass der Bruder der ihm die Eingangstür geöffnet hatte, vor dem Vorhang stand und auf ihn wartete.

"Ich soll Sie wieder hinaus begleiten", flüsterte er zögernd und schaute zu Boden.

"Ich möchte aber noch mit dem Meister sprechen", warf Black ein und wartete auf eine Reaktion des jungen Mannes.

"... äh Das geht jetzt nicht", sagte der Bruder aufgeregt und ging auf den Ausgang zu.

Black folgte ihm missmutig und betrachtete das Symbol auf dem Rücken des Mannes.

"Was hat das Symbol überhaupt zu bedeuten?", wollte Black wissen und blieb stehen.

"Die vier Z des Ordens sind in diesem Symbol vereint. Zuflucht vor der Zivilisation, bietet dir der Orden der Zeugen von Zartinko", sagte der Mann auswendig auf und schritt eilig weiter.

Der Kommissar erkannte jetzt tatsächlich vier Z's in dem Symbol. Solange jeder Mensch glücklich ist in dieser Welt, dachte er und schritt hinaus auf die heiße Straße. Der Bruder verrammelte eilig hinter Black die Tür und der Kommissar hatte wieder seine eigene Welt betreten. Sogar die Wärme hatte Black vermisst.


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Nachdem Black zum vierten Mal geklingelt hatte, wurde endlich die Tür geöffnet. Ein schlecht rasierter Mann mit grauen Strähnen im Haar, einem verschlafenen Blick und in fein gerippte Unterwäsche gekleidet, stand vor ihm. Die Ähnlichkeit mit dem Toten frappierte den Kommissar und er musste schlucken.

"Was?", raunte der schmächtige Mann mit heiserer Stimme dem Beamten entgegen.

"Sind Sie Walter Connor?", fragte Black und hob seine Dienstmarke hoch.

Der Mann nickte und blickte überrascht auf.

"Kommissar Black mein Name. Darf ich eintreten?", fragte der Kommissar und vermied es seinen Blick unterhalb der Gürtellinie fallen zu lassen.

Der Mann, mit der leicht gelblichen Unterhose, die beim Kauf wohl mal weiß war, öffnete die Apartmenttür und Black trat ein. Es roch nach Bier, Pisse und etwas anderem was Übelkeit im Magen des Kommissars hervorrief. Eine Mischung aus Schweiß und Fäkalien. Black rümpfte die Nase und vermied es zu oft Einzuatmen. Das Innere der Wohnung war düster und heiß und der Kommissar ekelte sich bereits davor sich hier länger aufzuhalten.

"Ihr Sohn wurde heute Morgen tot aufgefunden", informierte Black den Mann.

"Ich habe keinen Sohn mehr", sagte Walter und ließ sich auf den Sessel vor den Fernseher plumpsen.

Einige leere Bierflaschen kippten dabei um und kullerten auf den verdreckten Teppichboden. Walter schaltete den Ton des Fernsehgerätes wieder an und ignorierte Black. Der Kommissar stellte sich provozierend vor das Gerät und schaltete per Knopfdruck aus.

"Hey", brüllte der Mann und war im Nu wieder auf den Beinen.

Black drehte sich um und blickte in die weiten Pupillen des Mannes.

"Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?", fragte der Kommissar und blieb trotz der aggressiven  und geruchsintensiven Atmosphäre gelassen.

"Was geht dich das an? Mein Sohn ist an dem Tag gestorben, an dem er diese Kutte angezogen hat. Und seitdem soll er sich doch zu seinem neuen Teufel scheren!", schrie er Black an.

"Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?", fragte der Kommissar erneut und versuchte den aufdringlichen Mundgeruch, der ihm in die Nase eindrang, zu ignorieren.

"Vor ein paar Tagen oder so ...", gab Walter zu und kehrte zum Sofa zurück.

"War er hier?", forschte der Kommissar nach und blickte sich in der zugemüllten Wohnung um.

"Verpiss dich!", brummte Walter leise und suchte nach einer voller Bierflasche in seiner näheren Umgebung.

Black hatte sehr wohl die Aufforderung verstanden und schritt angeekelt auf den Mann zu.

"Eigentlich hab ich heute keine Lust alles zweimal zu wiederholen, Mister Connor! Ich will nur wissen ob ihr Sohn hier aufgetaucht ist oder nicht? Ich weiß dass Sie schon mehrere Male mit der Polizei zu tun hatten, es existiert eine Akte über Sie. Ich weiß dass Sie seit dem Tod ihrer Frau viel leiden mussten und in vielen Behandlung waren. Und ich weiss dass ihr einziger Sohn Sie besuchen wollte  und jetzt tot ist. Und jetzt sagen Sie mir ob er hier war oder nicht!", schrie der Kommissar und sah erst jetzt dass der Mann weinte.

Black blieb erschrocken stehen und brachte kein Wort mehr heraus. Mister Connor legte sich auf die Couch und krümmte sich zusammen. Er schwieg und Tränen liefen ihm noch immer über die Backen. Black ging zum Tischtelefon und wählte die Nummer des Polizeihauptquartiers. Sogar an der Wählscheibe blieben die Finger des Kommissars kleben. Eine Gänsehaut lief Black über den Rücken.


wird fortgesetzt ...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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