Pierre Heinen

Kommissar Black – Der Zartinko-Tempel (III) Ende

 

Er befand sich zwischen einer metallverarbeitenden Fabrik und einem Supermarktparking und hätte Black dem Tempel nicht schon einen Besuch abgestattet, wäre er wie viele andere auch an dem Gebäude vorbeigefahren und hätte sich gefragt was wohl da drin vom Band laufen würde. Es war wie der Kommissar es geahnt hatte, ein furchtbar heißer Nachmittag und Schweißperlen kullerten, gravitationsbedingt, gen Boden. Manche benässten das Hemd des Kommissars, sehr zu seinem Ärgernis.

Black wurde langsam ungeduldig und ließ den vergoldeten Klopfer in Z-Form erneut gegen die Tür prallen. Nichts schien sich zu rühren. Der Kommissar seufzte und prompt wurde das Tor einen Spalt breit geöffnet.

"Entschuldigung ...", stammelte der junge Mann in der violetten Kutte nervös, den Black nur zu gut kannte.

"Ich muss zum Meister", sagte Black in einer befehlerischen Tonlage.

Der Mann öffnete sofort das Tor und ließ den Polizeibeamten eintreten.

"Würden Sie bitte warten?", fragte der Mann zögernd und nachdem Black bejaht hatte, schlich er in einem Korridor davon.

Black nahm wieder im Wartesaal Platz. Walter Connor, Marc's Vater, hatte man am Vormittag im Lipptown-Krankenhaus aufgenommen und eine Vernehmung war bisweilen nicht möglich gewesen. Womöglich hatte er etwas mit dem Tod seines Sohnes zu tun, oder vielleicht nicht? Und wer wollte den Leichnam im Hafenbecken loswerden? Wer störte ihn bei dieser Aktion? Diese Fragen schwirrten im Kopf des Kommissars umher, als schlagartig der Meister erschien.

"Haben Sie noch Fragen?", wollte der Meister grußlos wissen und schaute Black dabei an als ob er ihn gerne zum Mond schießen würde.

"In der Tat", antwortete Black, "im Augenblick bin ich noch nicht auf der Flucht vor der Zivilisation!"

Der Meister drehte sich um, ging, und der Kommissar folgte nach einer Weile.

"Seit wann war Marc Clubmitglied hier?", wollte Black abwertend wissen und wartete gespannt auf die Wirkung seiner Frage.

"Oberbruder Marc war seit vier Jahren Zeuge von Zartinko und hat stets seine Aufgaben mit der größten Sorgfalt erfüllt und einen unbeschreiblichen Tatendrang an den Tag gelegt, an dem sich manch anderer Bruder eine dicke Scheibe abschneiden könnte", sagte der Meister und blickte nachdem er beendet hatte Black an.

"Die Obduktion findet gerade statt, wenn sich also einer bedienen will", gab der Kommissar preis und schaute um sich.

"Würden Sie mich in mein Büro begleiten?", fragte der Meister auffordernd und die in Zorn geratenen Augen fixierten die des Kommissars.

Dass das Büro des Meisters eine Tür besaß, wunderte Black, denn bislang hatte er nur die violetten Vorhänge als Abtrennungen im Tempel gesehen, aber was ihn mehr wunderte war das Verhalten des Meisters. Der Mann wirkte, seitdem Black die Tür hinter sich zugemacht hatte viel angespannter und es kam Black so vor, als hätte sich der Meister beim Betreten seines Büros gehäutet.

"Er hat sich und seine Brüder zuviel gequält, wissen Sie?", brachte der Meister in zittriger Stimmlage hervor, "Aber ich musste ihn zum Oberbruder machen, es war ja sonst keiner so aktiv ..."

"Marc hat die anderen Brüder gequält?", wollte Black genauer wissen und schaute verdutzt dem Meister nach, der sichtlich nervös mit einem Kugelschreiber spielte.

"Sie ... sie mussten ihm blindlings gehorchen ... er hat manche auch geschlagen", gab der Mann zu und legte seinen Kopf zwischen, die auf dem Pult abgestützten Arme.

Black blickte zum Gebälk des Büros hoch.

"Dort hing er ...", sagte der Meister mit letzter Kraft und hatte seinen Blick noch immer auf die Schreibunterlage seines Pultes gerichtet.

"Wann haben Sie ihn gefunden?", fragte Black und richtete seine Augen wieder auf seinen Gesprächspartner, der langsam wieder zu sich kam.

"Am Sonntagnachmittag, als ich vom Seminar in Reddpark-City heimkehrte ... er baumelte da oben ... Er hat das mit seinen Eltern nie verkraftet, wissen Sie ...", offenbarte der Meister und schwieg anschließend, ohne seine Körperhaltung zu verändern.

"Und dann wollten Sie Marc heimlich im Hafen versenken?", forschte Black weiter.

"Ich musste eine Entscheidung treffen ... er musste raus hier und irgendwie fiel mir der Hafen ein ... Bruder Pete half mir, bis plötzlich ein Lastwagen zu hören war ... wir sind dann geflüchtet", erzählte der Meister weiter.

Eine Weile lang schwiegen beide Männer, ehe Robert wieder das Gespräch aufnahm.

"Ich gebe zu, ich wollte den Suizid vertuschen ... es wäre ein Skandal wenn im Orden des John Zartinko ein Oberbruder Selbstmord begangen hätte", gestand Robert und atmete tief durch den Mund aus.

"Was wäre passiert, wenn Marc's Vater nach seinem Sohn gefragt hätte?", fragte Black und wusste dass dieses Menschenwrack den Tempel nicht einmal gefunden hätte.

"Ich hätte jedem gesagt, Oberbruder Marc wäre auf einer Auslandsmission ... im Auftrag des Ordens unterwegs gewesen", sagte der Meister und schaute den Kommissar an.


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Das Erste was Black tat, als er sich wieder in seinem Büro befand, war es, das Fenster zu öffnen und die angestaute Hitze des Tages entweichen zu lassen. Anschließend setzte er sich und blickte auf die Schreibmaschine, in welcher immer noch der Bericht Poker-Vince eingeklemmt war und darauf wartete zu Ende getippt zu werden. Black seufzte.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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