Johannes Barber

Das Klopfen an der Tür

Prolog

In der Dunkelheit liegend, atmete er still vor sich hin. Neben ihm spielte leise das Radio, ein Moment nach dem anderen verging so, ohne dass der Schlaf ihn auch nur im Mindesten gestreift hätte. Sein Körper lag still unter der Decke und sein Herz pulsierte dunkel, gleichmäßig still. Es schien wieder einer dieser Abende voller Gedanken zu werden, die von sich zu streifen keinen Sinn hätte, sie kämen ja sowieso wieder. Stumm waberten sie in seinem Kopf vor sich hin und er wartete nur darauf, die Stille zu durchbrechen, mit harten Bewegungen gegen alles anzukämpfen, am Ende besiegt dazustehen, trotz all seinen Fähigkeiten immer nur ein leeres Gefäß für die Menschen. Nur sich selbst schien er noch anders zu sein. Er wusste um seine eigenen Werte die er tagtäglich überspielen musste, er wusste um seine wirklichen Eigenschaften. Im Moment quälte ihn der Gedanke eines Wesens in ihm, das alles was er wirklich zu sein schien, zu übermannen drohte.
„Hätte ich eine Perücke auf, ich würde alle Haare von mir streifen, ich würde mich meiner Haut entledigen.“ Vielleicht würde er es auch nicht tun, denn trotz all dem Zweifel in sich selbst verspürte er manchmal auch kurze Augenblicke der Zufriedenheit, das war dann halt das Gefühl, dass er nicht alles von sich stoßen wollte, das er alles wollte.


Teil

Mit strahlenden Augen schaute Chris ihn an, seine Stimme beinahe überschäumend vor momentanem Glücksgefühl. „Yeah, es war so genial, diese ganzen Menschen, und das alles wegen uns, das ist so unglaublich...“ Lächelnd saß Richie ihm gegenüber, schaute in alle Richtungen und versuchte innerlich verzweifelt, ein Stück von dem zu erhaschen, was sein Gegenüber so in Hochgefühl versetzte. Eines ihrer Konzerte war vorbei und er war einfach nur fertig, da war dieses Gefühl der Einsamkeit und Leere in ihm, doch anscheinend ging es nur ihm so. Außer ihm und Chris liefen alle anderen schon wieder durch den Backstage-Bereich und suchten nach dem Opfer des Nachmittags: dem Speiseraum. Ihn ließ das heute kalt, er fühlte sich nur allein, ließ all das andere Zeug draußen.
Chris, der Richies Traurigkeit so langsam bemerkte, lehnte sich über den Tisch und schaute sein Gegenüber mit ratlosen Augen an. Irgendwie war es in letzter Zeit immer merkwürdiger geworden, mit dem Kleinen zu reden. Auf der Bühne und in der Öffentlichkeit wirkte er so gelöst wie immer, aber waren sie unter sich, begann das genaue Gegenteil und Richie schien immer mehr in seinen düsteren Gedanken zu versinken. „Sag mal, was ist eigentlich los mit dir? Du weißt, dass du ein richtig guter Freund für mich geworden bist, also erzähl mir bitte, was dich so niederdrückt. Ich kann mir das einfach nicht länger mit ansehen.“ Verwundert schaute Richie auf und schob sich ein paar Haare aus dem Gesicht. Seine Gedanken verwirrten sich zusehends und er wusste nicht, wie er sie in Worte fassen sollte, so dass er einfach nur da saß und seinen hilflosen Blick durch den Raum schweifen ließ. Chris beobachtete ihn besorgt und seine Begeisterung von vorhin war mit einem Mal verschwunden. Er war enttäuscht und vermutete, Richie würde ihm nicht genug vertrauen. Mit einem Stöhner der Verzweiflung stand er auf und strich dem Jüngeren noch einmal durch die Haare. Die Berührung ließ Richie erstarren und er musste sich zusammenreißen, dass er nicht augenblicklich in Tränen ausbrach. So gerne hätte er Chris alles erzählt, doch er konnte sich ja selbst nicht einmal in seinen Gefühlen zurechtfinden, geschweige denn, sie äußern oder beschreiben. So blieb er einfach nur sitzen und starrte mit seinem undefinierbaren Blick weiter gen Wand während Chris den Raum durch die halboffene Tür verließ. Die Stille wurde wieder um einen Grad kälter, alles wirkte steril und dumpf, die Farben, die Geräusche. Die Tür schloss sich und Richie legte seinen Kopf auf die Arme, versuchte, für ein paar Minuten Schlaf zu finden während eine salzige Flüssigkeit die Ränder seiner Augen verließ und zerrann.

Eine halbe Stunde später, nach der immer noch nichts passiert war, stand Richie langsam auf und bewegte sich, wieder etwas lebendiger, aufs Badezimmer zu. Sie hatten hier noch ein paar Stunden Zeit um sich auszuruhen oder umzusehen, deshalb wollte er diese seltenen Augenblicke der Ruhe für sich nutzen. Im Bad angekommen, schaltete er das Licht an, das ihn blendete und für kurze Zeit innehalten ließ. Nachdem sich seine Augen jedoch daran gewöhnt hatten, ging er zum Waschbecken und zog sich dort einige Wattepads heran mit denen er nun in geregelten Bahnen über sein Gesicht fuhr und somit eine Schicht Schminke von sich entfernte. Geradewegs schaute er sich sein Gesicht im Spiegel an und fuhr mit seinen Fingern langsam seinen Hals hinunter. So wie er jetzt war, brauchte er nichts abzustreifen, er war sich selbst ausgeliefert und seine Seele schien sich im Spiegel zu offenbaren desto länger er hinein starrte. Nach einer Zeit die für ihn wie eine Ewigkeit schien, setzten sich seine Hände in Bewegung und so zog er sich sein T-Shirt über den Kopf. Er ließ es achtlos auf den Boden fallen und ihm noch Hemd und Hose folgen. Verstohlen schlich sich er ein letztes Mal zur Badezimmertür zurück und lugte durch den Spalt. Als er jedoch auf der anderen Seite nichts Besonderes wahrnahm, ließ er die Tür ins Schloss fallen und warf den geringen Rest seiner Kleidung mit einem geübten Schwung in eine andere Ecke. Schutzlos stand er nun im Bad und berührte mit seinen Fingern sacht seinen Bauch und ließ sie auf ihm kreisen. Nachdenklich schwenkte sein Blick durchs Bad und verriet nur einmal wieder zu deutlich seine Gedanken. Ist das das Leben was ich mir selbst ausgesucht habe, diese fremden Orte und die Kälte die ich mir jeden Augenblick einbilde...
Im nächsten Moment begann er, sich in Bewegung zu setzen und nachdem er so die verschiedenen Bereiche des Badezimmers abgelaufen war, setzte er sich auf die Fliesen und lehnte sich möglichst langsam an die Wand. Die Kälte die dabei in ihn eindrang versuchte er, zu ignorieren was ihm aber nicht ganz gelingen wollte. Sein Körper wankte und zuckte zusammen unter den gelegentlichen Schauern die ihn  durchströmten.
Unaufhaltsam schien sich seine Haut zusammenzuziehen und ihn in sich selbst festzuhalten. Jedenfalls war es ein solches Gefühl das ihn berührte und ihn sich beruhigen ließ um langsamer und regelmäßiger zu atmen. Bilder zogen an ihm vorbei die gleichzeitig wirklich und andererseits der Realität so fern schienen, dass er sie nicht mehr fassen konnte und sie im Endeffekt Bilder wurden, die ihn als Kreatur als die er hier saß, nichts mehr anzugehen schien. So denke ich also heute an die Vergangenheit, dachte er sich. Alles was er einmal erlebt hatte, schien sich im Augenblick unentwegt mit dem zu vermischen, was er momentan erlebte. Dennoch versuchte er, sich seine Erinnerungen zu bewahren da sie essentiell für ihn waren. Denn trotz des Erfolges, oder gerade deshalb, fühlte er, wie sich in ihm alles verzerrte und ihm weh tat. Das war der Punkt: er selbst fühlte sich schwach und unfähig, ein richtiger Mensch zu sein, was auch immer dieser abstrakte Gedanke „Mensch“ vermitteln sollte.
Ruhelos stand er auf indem er sich langsam auf seinen Händen abstützte und achtete darauf, nicht auf den sauberen Fliesen auszurutschen. Sacht setzte er einen Fuß neben den anderen, atmete noch einmal tief aus und stieg dann unter die Dusche. Einen kurzen Moment schwankte er und dachte an die anderen Vier die ihm so wichtig geworden waren und die er ob ihrer Art schätzte, sie sogar sehr gern gewonnen hatte. Wahrscheinlich kam zu all seinen Fehlern noch eine unbestimmte Schwäche hinzu, was etwas zu sein schien das er immer wieder in sich auftauchen fühlte ohne wirklich dagegen ankämpfen zu können weil es unfassbar war, weil er es stets nur erahnen konnte.
Seine Hand bewegte den Duschknopf und sofort kam das Wasser auf ihn hinunter. Fluchend sprang er jedoch sofort wieder zurück und schaute grinsend an sich hinunter. Wenn man duscht, sollte man halt damit rechnen, dass das Wasser nicht sofort die gewünschte Temperatur enthält. Die nächsten Augenblicke verbrachte er also damit, die Wärme zu regulieren und danach wieder um einiges wacher unter den Duschstrahl zu steigen. Wohlig warm kam das Wasser auf ihn herunter, ließ ihn entspannt ausatmen. Die Hände an der Wand, stand er da und ließ das Wasser durch seine Haare rinnen, über seine geschlossenen Augen hinweg herunterfallend und dort verschwinden. Während er den Dampf um sich herum aufsteigen fühlte, dachte er für einige Augenblicke an nichts, nur einige gesummte Töne verließen seine Mundwinkel und drangen nach draußen, die Glaswände seiner Kabine vibrierten leicht unter dem Klang seiner Stimme, mikroskopisch kleine Bewegungen die kaum wahrnehmbar waren.  „because of you... sadness… wanting you…”
Mit einem Mal klopfte es an die Tür und Richie fuhr erschrocken herum. Hastig den Regulator suchend und herunterdrückend, versuchte er wieder, einen einigermaßen klaren Kopf zu bekommen und rief dann nach dem Störenfried. Die Antwort kam prompt, es war Jays Stimme: „Rich, wir müssen in 20 Minuten wieder los. Beeil dich ein bisschen, damit wir nachher fertig sind!“ Vor sich hin grummelnd, bewegte sich Richie daraufhin abermals durchs Bad, griff nach einem Tuch und begann, sich damit trocken zu reiben. <<Hm, er ist immer so vernünftig, manchmal nervt es echt, aber trotzdem ist es gut so. Wenn er dabei ist, geht alles in Ordnung, man kann ihm vertrauen.>>
Als er fühlte, dass es genug war, suchte er sich seine Sachen zusammen und begann damit, sich anzuziehen. Stück für Stück wurde er so wieder zu dem Menschen den er darstellte. Der einzige Unterschied zu vorher, war sein ungeschminktes Gesicht, außerdem standen seine Haare in verschiedene Richtungen ab, was jedoch nicht weiter auffiel da es eigentlich immer so war, wie er vor sich hinschmunzelnd feststellte. Schnell machte er das Licht aus, öffnete die Tür und ging zu den anderen hinaus.

„AAH, HÖR AUF DAMIT! HEY, NEIN, NEIN, DU BIST ECHT ZU SCHWER! GEH RUNTER VON MIR!“ Mit einem Prusten fiel Mikel von der ruckelnden Bank auf der er gerade noch mit dem ihn quälenden Izzy gekämpft hatte. Wobei „kämpfen“ wahrscheinlich ein zu harter Begriff für das war, was gerade stattgefunden hatte. Mikel hatte lediglich ein wenig schlafen wollen, was bei ihrem aktuellen Terminplan absolut verständlich war, da hatte sich Izzy mit einem Schrei auf ihn geworfen und begonnen, ihn abzukitzeln. Nun jedoch lagen beide Kontrahenten am Boden, Mikel theatralisch zusammenzuckend und Izzy sich herumkullernd und laut vor sich hin lachend.
Richie sah dem allen von seinem Platz aus zu, wurde jedoch auch von einer Lachattacke geschüttelt, genau wie Chris der direkt neben ihm saß. Als sie sich wieder beruhigt hatten, halfen sie ihren Freunden auf und setzten sich gemeinsam wieder hin, ihre Blicke lagen dabei auf den Häusern die draußen an ihnen vorbeizogen. „Schon deprimierend, dass wir alle Orte die wir besuchen nicht auch besichtigen können.“ Jai war nun auch bei ihnen angekommen und grüßte alle mit der Andeutung eines Lächelns. „Mann, sieh es doch nicht so eng, das alles hier ist doch viel genialer als das, was vorher war. Unser Leben hat sich so verändert.“ „Das kann ich mir bei dir sehr gut vorstellen, du Frauenheld!“ Chris puffte Mikel in die Seite und streckte ihm die Zunge heraus. Glücklicherweise hatte das die Stimmung wieder etwas gelockert und so konnten sie sich anderen Themen zuwenden die für alle wahrscheinlich erfreulicher waren. Die ihnen fehlende Freiheit war etwas, dass fast immer greifbar zwischen ihnen schwebte, es war etwas, das besonders Richie betrübte, der es zwar schon vom Schauspielen her kannte, aber nie in dem Maße wie jetzt. Deshalb saß auch er wieder zwischen den anderen und blickte düster vor sich hin, hilflos und beinahe unnahbar. In der Gruppe kannte man sich inzwischen so gut, dass die anderen Vier Richies Verhalten verstehen konnten. Nach außen hin war es ihnen zwar unmöglich, es zu zeigen, doch innerlich ging es ihnen genauso wie ihm.
Quälend langsam verging nun der Rest der Fahrt während jeder seinen eigenen Gedanken nachging, Richie fühlte sich dabei von einer Art leblosen Hülle umgeben, so als wollte er etwas sagen, dass er aber durch bloße Wortformen nicht ausdrücken konnte weil das alles in ihm abstarb, er konnte es mit jeder vergehenden Sekunde fühlen wie bestimmte Teile in ihm zerbrachen und andere frisch und neugeboren auferstanden. Er konnte diesen Prozess nicht kontrollieren, saß einfach nur als stummer Beobachter seiner selbst daneben und betrachtete seine Welt die sich veränderte. <<Ich kann nicht mehr schreiben, ich werde geschrieben.>> dachte er bei sich und fühlte, wie sich wieder etwas veränderte. <<Teile von mir werde ich nie wiederfinden.>> Wie hieß es doch, das Haus meiner Seele steht in Flammen! Manchmal sagte er nun Dinge die falsch oder erfunden schienen, er wurde nach Sachen gefragt, über die er noch nie wirklich nachgedacht hatte. <<Frauen mit tiefen Stimmen, das geht bei mir gar nicht. So ein Mist, was erzähle ich mir da, was sind das für Gedanken? Oh Gott, ich stehe vor der Tür, ich klopfe an, aber nichts passiert!“
Bevor jedoch alles zu wirr wurde, waren sie auch schon an ihrem Ziel angelangt, ein Einkaufszentrum in dem sie auftreten sollten. Wie es zu erwarten war, stand da auch schon eine Traube von Fans die sofort anfingen, ihr Auto zu umzingeln und zu schreien. Irgendwie erschreckte Richie dieses Verhalten immer noch, jedoch war es im Endeffekt zu einem Bestandteil ihres Lebens geworden, was es zwar nicht besser, jedoch erträglicher machte. Alle Fünf im Wagen schauten sich grinsend an und beobachteten die Menschen außerhalb des Wagens, wie sich ihre Gesichter seltsam verzerrten, manche davon voller Tränen. All dies schien unnatürlich, wild, fremd, es hätte einem Angst machen können. Dunkel schien alles außerhalb des Wagens, alles in verwischte Konturen gekleidet die sich verzogen, Laute von sich gaben die nach ihren Namen klangen, weitere Worthülsen voll leeren Raums in dem sich zwar die Band US5 versteckte, jedoch in verquere Vorstellungen verpackt.
10 Minuten später waren sie endlich am Nebeneingang angelangt, Bodyguards öffneten die Autotüren und geleiteten die Band durch die Menschenmenge, schoben alles hinter sich zurück. Richie und die Anderen lächelten, winkten ihren Fans zu und waren die glücklichen Stars die sie sein sollten, sein wollten. Wieder einmal geschah hier etwas, dass Richie den Erfolg ihrer Musik verdeutlichte.
Plötzlich musste er innehalten, nicht aus Absicht, eher schien es eine spontane Entscheidung zu sein die aus ihm kam. Wie in Zeitlupe gefangen, sah er sich um und bemerkte innerhalb der Menschen ein Gesicht, dass ihn ruhig und unverwandt anschaute. Es schien so ungewöhnlich in dieser Situation, dass er sich regelrecht erschreckte und sich dieses neue Wesen einzuprägen begann. Schwarze stachelige Haare umrahmten ein Gesicht, dass sehr seltsam war. Der Ausdruck des Anderen schien interessiert doch gleichzeitig versteckt und unnahbar, seine Augen waren verändert, sie schienen grün und blau. Den Mund umrahmte ein eigentümliches, fast spöttisches Lächeln, er fühlte sich einsam unter diesem Blick und wollte ihm entgehen. Gleichzeitig verlor er sein eigenes Lächeln und betrachtete ausdruckslos dieses Gesicht. Dann verwirrte sich der Zauber des Augenblicks und riss, Richie wurde weitergezerrt, mit einem neuen Gefühl in sich das er nicht beschreiben konnte.

„Richie, das geht so echt nicht! Du kannst nicht einfach so ausklinken, was sollen denn die ganzen Fans denken? Ich kann’s verstehen, wenn du müde bist aber das musst du dann halt mal überspielen, das ist unser Job!“ „Jay, jetzt hör auf, ihn so anzufahren. Du siehst doch, wie leid es ihm tut! Das kann jedem von uns mal passieren, nicht nur Rich!“ Chris starrte sein Gegenüber an, die Hand auf Richies Schulter, jeden Moment zu dessen Verteidigung bereit. Richie atmete stoßweise, sein Blick war gen Boden gerichtet: „Nee, ist schon in Ordnung. Jay hat Recht und ich werde versuchen, das nächste Mal besser drauf zu sein. Danke Chris!“ Daraufhin streifte er sanft Chris’ Hand von seiner Schulter und verzog sich zum Umziehen. Jays ratloser Blick folgte ihm und schwenkte dann um zu Chris. „Ich hab’s echt nicht böse gemeint...“ „Ist schon okay, du musst dir keine Sorgen machen. Ihm geht’s bald wieder besser.“
Kurz darauf hörten sie stampfende Geräusche aus dem Nebenzimmer dringen und folgten dem Geräusch. Als sie die Tür öffneten, mussten sie erst eine Sekunde lang starren bis sie sich wieder im Griff hatten, dann folgte ein lautes Lachen. Dort befanden sich Izzy und Mikel, sie versuchten verbissen, eine neue Choreographie zu lernen die sie sich selbst entwickelt hatten. Jedoch sah das alles sehr merkwürdig aus, da die Beiden nur am Boden lagen und um sich selbst drehten. Chris wusste, dass es gemein war, zu lachen, aber manchmal kamen die beiden Spaßvögel auf so seltsame Ideen, dass man einfach nicht anders konnte. „Hey, hört mal für einen Augenblick mit eurem... Üben auf, wir müssen uns auf den Auftritt vorbereiten!“ „Yeah, komm Mikel, lass uns anfangen. Ähm, wo ist Richie? Hält er wieder Ausschau nach seinen „süßen“ Hasen?“ „Falls du mich meinst, ich bin hier. Ich bin mich nur umziehen gegangen!“

<<Ich fühle mich dunkel, kaum wahrnehmbar. Jeden Moment fühle ich, wie meine Stimme versagen wird, wie sie immer kleiner wird und bricht. Nichts davon passiert wirklich aber es wird geschehen, irgendwer wird in mir alles zerbrechen und zwischen seinen Fingern zerstören.>>

„OK, wo wir jetzt alle zusammen sind, proben wir alles noch mal kurz durch, nicht dass Mikel wieder durcheinander gerät.“ Der Erwähnte starrte Jay beleidigt an: „Also hey. jetzt mal langsam, wenn irgendjemand nichts dafür kann, dann bin das ja wohl ich. Du weißt schon, diese ganzen Kuscheltiere fallen immer ausgerechnet auf mich, da bleibt es halt nicht aus, dass man mal ausrutscht!“ Mit einem Grinsen antwortete Jay „Tja, du bist das Opfer der Band. Alle Fans lieben nur dich, du musst halt mit diesem sehr harten Los fertig werden!“ Allgemeines Lachen folgte auf die bissige Bemerkung und die Wogen waren wieder geglättet. Richie konnte es nicht ganz verstehen aber irgendwie schien Jay die Gabe zu besitzen, sich anbahnende Streits schnell zu beseitigen; auch wenn er manchmal ihr Verursacher war, wie er schmunzelnd feststellte.
„...Und links, rechts, Kick nach vorne... ein bisschen schneller...“ Nach einer Viertelstunde waren sie fertig und bereit für die Bühnenshow. Ein wenig nervös versammelten sich alle ein letztes Mal vor dem Auftritt und schlossen die Augen. Am Rande der Gruppe stehend, sprach Richie gut hörbar: „Bitte, lieber Gott, lass uns auch heute viel Erfolg haben. Wir singen aus vollem Herzen und hoffen auf deinen Beistand.“ „AMEN!“ Alle stützen sich kurz aufeinander, dann sprangen sie hoch und fühlten sich bereit. Jeder kniff Richie noch einmal kurz in die Schulter als Zeichen der Anerkennung, dann versammelten sie sich hinter dem Vorhang, Jay an vorderster Spitze. Gespannt lauschten sie der Stimme des Moderators der sie ansagte und noch einmal das Publikum ermahnte, möglichst laut zu sein. Die Spannung stieg und man konnte an Izzys Gesicht ablesen, dass er noch einmal alle Tanzschritte im Kopf durchging, Mikel hüpfte von einem Fuß auf den anderen, schien es aber selbst gar nicht mitzubekommen. Nun zählte das Publikum laut von 10 aus ab, bei drei strömte Nebel hervor, bei eins gingen die Scheinwerferlichter an und bei 0 stürmten US5 die Bühne, die ersten Takte von „Maria“ erklangen. Die Zuschauermenge toste und alle Nervosität war plötzlich abgelegt; Richie stemmte seine Hände in die Höhe und jauchzte vor Vergnügen, den anderen schien es genauso zu gehen, ihre gemeinsame Energie schien zwischen ihnen zu flirren und bahnte sich ihren Weg durch die Choreographie. <<Hier bin ich nicht allein, hier ist es perfekt!>> Mikel sprang nun nach vorn und begann mit seinem Part...
Während Richie tanze, bemerkte er wieder das Gesicht das bewegungslos aus der Menge herausragte. Fast in der vordersten Reihe stand dieser merkwürdige fremde Mensch und starrte ihn mit einem undurchlässigen Blick an. Zum Glück konzentrierte Richie sich so sehr auf das Tanzen und Singen, dass niemand seine Entdeckung zu bemerken schien. Er lächelte weiter und folgte der Choreographie, spürte die Bässe in seinen Ohren pulsieren, doch etwas war nun anders, etwas hatte sich wieder verändert. Es war nicht das Licht, es war nicht ihr Lied, überhaupt schien es nichts zu sein, was man oberflächig gesehen wahrnehmen konnte. Vielmehr war es ein Rauschen das plötzlich über allem zu liegen schien, ein Muster in den Lauten das sich herauszukristallisieren begann. Alles bekam eine gewisse Struktur, zusätzlich ein Licht das jedem Sektor der Bewegungen zu folgen schien, kleine Spuren die sich durch alles hindurchzwangen.
Kein Licht mehr, kein Gefühl, alles versinkt. Schwärze. Schluss.

<<Ich bin still und versinke immer tiefer. Ich bin ohne jede Erinnerung, ein Wesen allein in der Leere. Alles drückt auf meine Ohren und ist still, ich schlafe und bin gefangen, will gefangen sein. Lasst mich hier eingesperrt!>>
„Komm schon, wach auf!“ <<Ich spüre Schläge, hört auf, mich zu schlagen...>> „Nun mach doch endlich, bitte! Wenn du aufwachst, wird alles in Ordnung sein.“ <<Lasst mich allein! Nur hier ist alles in Ordnung!>> „Ich brauch dich. Komm doch bitte...“ <<Einsamkeit, ich will das hier nicht mehr!>>

Erleichtert starrte Chris auf Richie hinunter, der langsam seine Augen öffnete. Stürmisch nahm er ihn in seine Arme, hielt ihn für einige Augenblicke um zu spüren, dass alles in Ordnung war. Richie, der erst langsam wieder erwachte, regte sich in Chris’ Armen und versuchte hilflos, sich aus seiner Lage zu befreien. Ihm war etwas mulmig zumute, besonders weil die anderen sie sehr belustigt und interessiert anschauten. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich aus der Umarmung zu befreien und Chris errötend anzusehen der jedoch einfach nur froh war, dass es Richie wieder einigermaßen gut zu gehen schien.
„Was ist passiert?“ „Ja, also was passiert ist, das wüssten wir auch gern! Wir waren auf der Bühne und haben performed, da bist du plötzlich stehen geblieben und einfach umgefallen.“ „Das war voll schlimm, alle Fans waren auf einmal ganz still und zeigten auf die Bühne, dann wurde die Musik ausgemacht und wir sahen dich dort liegen.“ „Du hättest mal Chris sehen sollen. Er rannte sofort los und...“ Chris warf Mikel einen undefinierbaren Blick zu und verließ beinahe wütend den Raum; die anderen schauten ihm verwundert nach. Es folgte kein Lachen, nur ein ratloses Schweigen.
Später fuhren alle für den Rest des Tages in die WG zurück, doch war nun etwas Gespanntes zwischen ihnen, deshalb saßen sie für die meiste Zeit nur da und starrten vor sich hin. Kaum waren sie angekommen, verließ Chris mit gezieltem Schritt das Auto, öffnete die Tür und begab sich auf sein Zimmer wo er sich entkleidete und hinlegte. Izzy witzelte mal wieder herum „Morgen gibt’s die Schlagzeile in der BRAVO <Gefühlsleben bei US5 – Wer mit Wem?> Das wird bestimmt cool – so mit Intimphotos und allem drum und dran.“ Jay wollte Izzy bereits die verdiente Kopfnuss verpassen, da bemerkte er Tränen auf Richies Gesicht und ließ es daher lieber sein. „ Sag mal Rich, meinst du nicht, wir sollten morgen eine Pause machen? Der Arzt hat vorhin gesagt, dass du einfach nur total überarbeitet bist. Ich glaub, wir verstehen das alle ziemlich gut!“ Richie wandte sich Jay zu und bedachte dessen Vorschlag mit einer abwehrenden Handhaltung. „Ist schon gut, ich glaub, das wird schon! Ich geh lieber noch mal mit Chris reden um danach schlafen zu gehen.“ Alle lächelten verunsichert, wünschten aber wesentlich selbstbewusster „Gute Nacht“; Jay schien dabei jedoch zu zögern was Richie nicht groß wunderte, er konnte sich denken woran es lag. Als Mikel und Izzy sich dann ins Wohnzimmer begeben hatten, schritt Richie auf den ältesten zu „Komm Jay, du musst dir keine Sorgen machen. Das, was heute passierte, war nicht deine Schuld!“ „Danke Kleiner, du wirkst zwar manchmal noch sehr jung, aber immer wieder versetzt du mich auch in Erstaunen! Aber jetzt geh erst Mal schlafen.“ „Nacht!“
Nun wandte sich Richie Chris’ Zimmer zu, dass er sich mit Izzy teilte; doch als er hineinschaute, mehr wagte er nicht, sah er, dass Chris bereits tief und fest schlief, also wollte er ihn lieber nicht aufwecken. So schloss er leise die Tür und ging zu seinem Zimmer das er mit Jay bewohnte. Langsam und gemächlich kleidete er sich um, seine Gedanken immer noch wirr, sich aber bereits klärend. Es war heute soviel passiert, dass er es erst einmal verarbeiten und verstehen musste. Er wollte wissen, wer der seltsame Fremde war; was es mit Chris’ Verhalten auf sich hatte. Er würde später darüber nachdenken, nahm er sich vor. Vorerst legte er sich nur hin, deckte sich zu und versuchte, zu schlafen. Wieder einmal wollte es nicht gleich gelingen, doch heute Nacht spürte er die Gewissheit in sich aufkeimen, dass es auch hier Menschen gab die an seiner Seite standen, die ihm halfen, würde er sie jemals wieder brauchen. Trotz des Heimwehs fühlte er sich ein wenig wie zu Hause. Er mochte Chris und die anderen...

Ende 1. Teil



Teil

„Huhu, ich bin ein großer hässlicher Kürbis... lasst mich ein, ich begehre nach Wasser und nährreichem Dünger!“ Richie schritt mit stolzem Schritt vorwärts und stolperte prompt über das lange orangene Laken das ihn umgab. Einen dumpfen Aufprall später lag er am Boden ausgestreckt und fluchte leise vor sich hin. Chris, der in diesem Augenblick das Zimmer betrat, betrachtete erst etwas perplex den Boden, durchschaute dann aber die Situation und begann, von kräftigem Lachen geschüttelt, Richie wieder aufzuhelfen. Die vor ihm stehende Gestalt wirkte mit dem aufgesetzten Kürbis und dem flatterigen, orangenen Mantel eher grotesk oder wahnsinnig lustig, auf keinen Fall aber unheimlich. Richie seinerseits starrte auf Chris dessen Vampirzähne ihn sehr beeindruckten, auch ansonsten war er wirklich gut für Halloween ausstaffiert, sein dunkler Mantel und all die Spinnweben die von seinen Armen hingen. „Ähhh, der finstre Graf lädt zu Tisch. Meine Schwester wartet unten schon, sie will endlich die Feier eröffnen.“ „Oh yeah, warte kurz, ich hab Angst, dass ich wieder stolpre. Was soll ich dagegen denn nur tun?“ Das darauffolgende Schweigen wurde durch Schritte auf dem Flur gestört, deren Verursacher Efa, Chris’ Schwester, war. Etwas ungehalten starrte sie ihren Bruder an, nachdem sie jedoch Richie bemerkt hatte, löste sich ihr Gesicht in einem Lächeln auf und so ließ sie sich die missliche Lage erklären. „Also wenn das das Problem ist, dann kann ich ganz einfach helfen.“ sagte sie und zog ein paar Sicherheitsnadeln aus der linken Tasche ihrer Bluse hervor. Fachmännisch machte sie sich nun am Saum der Verkleidung Richies zu schaffen und war nach ein paar Sekunden bereits fertig. „So, und jetzt probier mal, ob es so besser funktioniert!“ Vorsichtig setzte Richie nun einen Fuß vor den anderen, doch als nichts passierte, kein Stolpern oder Fallen, bedankte er sich händeschüttelnd bei Efa. Und auch, wenn er ein wenig Heimweh verspürte, die ganze Situation machte ihn glücklich: das Chris ihn eingeladen hatte, dass Izzy auch auf der Feier war und dass er endlich einen wichtigen Teil von Chris’ Familie kennen lernen konnte. Seine eigene Mutter wartete ebenfalls im unteren Stock auf ihn, dieser Gedanke erfüllte ihn, ließ ihn für einige Stunden die Sehnsucht nach zu Hause vergessen.
„Also, wenn Richie bereit ist, könnten wir dann bitte nach unten gehen. Die anderen Gäste warten schon!“ Die ungeduldige Stimme seiner Schwester belustigte Chris und so packte er sie und Richie unter je einem Arm und rumpelte mit ihnen die Treppe hinunter. An deren Fuß war die Wohnung bereits passend ausgeschmückt, so dass überall kleine Kürbisse hingen, dass Licht abgedimmt war und ihre Freunde sowie andere Gäste in bizarren Kostümen durch die Zimmer irrten. Bei diesem Anblick musste Richie unwillkürlich aufjauchzen und startete sofort eine Erkundungstour um sich alles ganz genau anzusehen. „Er ist wirklich niedlich, dein Freund. Wenn er nicht in einer Boyband wäre, würde ich mich glatt in ihn verlieben!“ Chris schaute seine Schwester stutzig an: „Wo liegt denn das Hindernis, was hat das mit ner Boyband zu tun?“ „Na ja, ich müsste dann Angst um mein Leben haben. Tausende tief zerstörte Fans würden nächte- und tagelang das Haus oder die Uni belagern. Ich würde Hassbriefe bekommen... und das würde meine zarte Seele einfach nicht ertragen!“ Schmunzelnd betrachtete Chris seine Schwester ob ihrer ironischen Späße und wollte ansetzen, ihr etwas zu sagen. Er sammelte seine Gedanken und war wahnsinnig nervös. „Ähm,...“  „So, jetzt hört mal alle her! Da ja nun so ziemlich alle Eingeladenen anwesend sind, will ich euch noch einmal alle begrüßen. Ich freue mich sehr, dass so viele Leute gekommen sind und, ohne viel Gerede zu machen... hiermit ist die Feier für eröffnet erklärt!“ Alle Anwesenden klatschten begeistert in die Hände und johlten, es sollte eine großartige Halloween-Feier werden. Doch inmitten all dem stand Chris und begann, ganz leicht zu zittern. Sein Hals krampfte sich zusammen und er fühlte sich einfach nur noch mies. Warum ausgerechnet jetzt? Es war einfach nicht fair, er hatte solche Angst, er wollte doch bloß...
Der Schmerz  den die in seine Handflächen schneidenden Fingernägel erzeugten, holte ihn wieder zurück und so starrte er mit einem leicht vernebelten Blick in die Runde. Niemand schien seine Verzweiflung bemerkt zu haben, wie sollten sie auch? Es war ja alles versteckt in ihm, so tief, dass es niemanden berühren konnte. Er wollte plötzlich weg, einfach nur noch weg, auf sein altes Zimmer gehen und sich hinlegen. Doch bevor er sich auch nur umgedreht hatte, war etwas sehr schweres auf seinem Rücken gelandet, und so viel er fast vornüber. Nur mit viel Mühe konnte er das schreiende Bündel von sich herunter werfen. Als er nun auf den Boden schaute, sah er dort Richie der gerade von Izzy mit seinem Dreizack gequält wurde. Izzy war nämlich so klug gewesen und hatte sich das Outfit aus ihrem Halloween-Shooting besorgt das er jetzt allen präsentieren konnte. Beim Anblick der sich Chris bot, krampfte sich sein Innerstes immer mehr zusammen und alles was er noch Zustande bringen konnte, war ein hilfloser Griff in seine Haare. Die ersten Tränen begannen bereits, zu fließen; er wollte schreien, er wollte um alles in der Welt seine eigene Stimme zerbrechen nur damit er es endlich sagen konnte. Seine Hände sanken herab, blieben hilflos an seiner Seite hängen und öffneten und schlossen sich unkontrolliert. <<Gleich schlage ich um mich. ICH KANN DAS NICHT LÄNGER!>> Plötzlich trafen sich seine und Richies Augen und er nahm nur noch dessen Blick wahr wo sich etwas befand, dass Unverständnis ausdrückte, etwas, dass die Distanz symbolisierte die zwischen ihnen herrschte. In diesem Augenblick verlor sich alles.
„Chris, was hast du? Ist dir irgendwie schlecht oder so?” Richie stand mit einem Sprung auf und ergriff Chris bei den Schultern. Er bekam Angst um ihn, und diese Furcht schlich sich durch seinen Körper, wollte ihm nicht die Gewissheit lassen, dass mit Chris doch alles in Ordnung war. Izzy hingegen konnte nur stumm daneben stehen da er nicht wusste, wie er reagieren sollte. Auch ihm war genauso unwohl zumute wie Richie...
„Ich denke, du solltest besser erst einmal auf dein Zimmer gehen. Ich werde dich hinbringen und aufpassen, dass dir nichts passiert.“ „Na ja, aber Rich, was soll ihm denn schon passieren?“ „Er könnte hinfallen oder...“ Hilflos stammelnd stand Richie da, wusste einfach nicht, wie er seine scheinbar unbegründete Angst in Worte fassen sollte. Chris wankte neben ihm leicht hin und her, schaute ihn aus seinen trüben Augen an und Richie wurde einfach das Gefühl nicht los, dass da gerade etwas mit seinem besten Freund geschah und dass er ihm helfen musste.
Entschlossen umfasste er also mit der rechten Hand Chris linkes Handgelenk und zog ihn so hinter sich her. Die Aktion blieb nicht unbemerkt, einige Gäste schauten sich nach ihnen um, tauschten ihre derben Späße aus und wandten sich danach wieder ihren Getränken zu. Izzy hingegen lief für kurze Zeit unsicher durch den Raum, fasste sich dann aber wieder und setzte sich erst mal hin. Sein Kopf sank zur Seite und für ein paar Minuten versuchte er, sich zu entspannen.
Wieder im oberen Stockwerk angekommen, leitete Richie Chris zu seinem Zimmer zurück. Das Haus von Chris’ Eltern war wirklich schön, doch die Behaglichkeit konnte Richie in diesem Moment einfach nicht erreichen, zu sehr musste er sich darauf konzentrieren, Chris ja sicher zu geleiten. Im Zimmer angekommen, schaltete er das kleine Licht an und sah sich für einen winzigen Augenblick noch mal um. An der einen Seite lagen ein paar Volleybälle und überall an den Wänden befanden sich Poster von berühmten Surfern deren Namen wahrscheinlich nur Chris kannte. Auch befand sich neben dem Bett ein Schreibtisch auf dem sich verschiedene Ringe und Ketten, in Reihen gelegt, ergänzten. Bei diesem Anblick musste Richie ungewollt ein wenig grinsen; hätte man Chris und sein Zimmer nicht von vornherein gekannt, der Gedanke, hier wohne ein Mädchen, wäre der offensichtlichste gewesen. Doch fast sofort besann er sich wieder auf die Situation und führte Chris zu seinem Bett. Schnell schlug er die Bettdecke mit der einen Hand zurück, dann hieß er Chris, sich hinzusetzen. Vorsichtig nahm er außerdem den Kürbis von seinem Kopf, in der jetzigen Situation erschien er ihm als ein wenig lächerlich. Etwas mulmig war ihm jedoch schon zumute, ein Kribbeln in ihm machte die Situation nicht einfacher. Trotzdem nahm er sich ein Herz und fragte Chris ob es ihm gut ginge. Furchtbar langsam öffnete sich dessen Mund und er musste sich kurz mit der Zunge die Lippen befeuchten ehe er antworten konnte. Sein Stimme klang kratzig und so als ob sie von einem anderen Ort käme: „Na ja, kommt darauf an was du unter gut verstehst. Ich fühl mich, als ob ich gleich explodieren würde. Mein ganzer Körper fühlt sich so heiß an...“ Unwillkürlich griff Richie nach Chris’ Arm und ließ nach einem kleinen Schock seine Hand dort liegen. Seine Haut schien zu glühen; Richie ergriff die Angst, dass Chris ernsthaft krank sein könne. So wie er da saß...
In Zeitlupe schien er nun neben ihm Platz zu nehmen und seine Hand rutschte an Chris’ Arm hinunter. Jede Bewegung die er hier vollführte machte ihn wacher; und gleichzeitig schien sein Geist sich zu verabschieden. Der Raum war nun von der Musik der Party erfüllt, leise drangen die Töne zu ihnen hinein und bildeten eine leicht pulsierende Geräuschkulisse. Die Musik schien in Wellen an ihnen vorbeizufließen, manchmal brach sie sich auch an ihnen und zerfiel in kleine Einzelfragmente.
Ohne dass er es wirklich wahrnahm, legte Richie seinen Kopf auf Chris’ Schulter. Still vor sich hin atmend, zählte er dort die Sekunden die vergingen und sein Mund bewegte sich leicht, die Zeit die verging sprach er lautlos aus. Er wartete und ließ sich einfach los. Fast unmerklich ließ Chris seinen Oberkörper nun zurücksinken bis er die Decke berührte. Richie tat es ihm nach und so lagen beide wenige Momente später mit dem Rücken auf dem Bett, lauschten dem was gerade an Musik lief. Richie wurde sich der ganzen Situation schlagartig bewusst, brachte es jedoch nicht fertig, wieder aufzustehen. Er fühlte die bekannte glühende Haut unter seinen Fingern, ließ seine Gedanken in diesem Moment verweilen und wartete ab.
In Chris hatte sich die Verzweiflung gelegt und er selbst wollte nur die ganze Nacht über so daliegen. Er konnte den Duft erahnen, den Richie ausströmte. Er konnte dessen Bewegungen hören, das Knistern seiner blonden Haare das er sogar durch die Musik hindurch wahrnahm. Er spürte die Berührung auf seiner Hand und riss sich zusammen. Für ihn gab es nur eines das er jetzt tun konnte. Unwahrscheinlich langsam zog er seinen Arm unter Richies Fingerkuppen hervor, rutschte ein wenig von ihm weg. Dann stützte er sich mit der nun freien Hand auf und beugte sich zu seinem Gesicht hinüber. Als er sich direkt über ihm befand, verharrte er. Richies Augen glänzen im matten Licht der kleinen Lampe. Sie schlossen und öffneten sich in unregelmäßigen Abständen genauso wie Richies Lippen leicht zitterten. Etwas angespannt wirkten seine Züge doch als sich Chris’ Mund zu der Andeutung eines Lächelns verzog, schienen sich seine Bedenken zu verflüchtigen. Ein letztes Mal zitterten die Augenlider, dann hatte Richie sie geschlossen. Sein Mund verzog sich leicht, dann öffnete er sich ein wenig. Chris konnte erneut Richies Atem wahrnehmen und so senkte sich sein Kopf tiefer. Immer näher kam er seinem Mund und ...   „RICHIE, WO BIST DU??“ Erschrocken zuckten beide zusammen und Chris sprang sofort auf, gerade im rechten Augenblick wie es schien, denn Richies Mutter kam am Zimmer vorbei und sah ihren Sohn dort auf dem Bett liegen. „Aha, hier bist du also. Ich hab dich schon eine Ewigkeit gesucht... was machst du da eigentlich auf dem Bett?“ Richie war nun ebenfalls aufgesprungen, sein Gesicht ganz rot angelaufen und wäre das Licht der Lampe nicht so matt gewesen, seine Mutter hätte sich bestimmt darüber gewundert. Seine Gedanken waren ein riesiges Chaos, keinen einzigen konnte er wirklich greifen. Um sich zu fassen, suchte er unter seinem Mantel nach dem Kreuz und hielt es dann fest in seiner Faust. „Na, ich hab doch Chris hoch gebracht weil ihm etwas schlecht war, dann bin ich aber vom Tragen so fertig gewesen, dass ich mich kurz hinlegen musste.“ Unter allen anderen Umständen wäre diese Ausrede sofort als fadenscheinig aufgefallen, doch sein Mutter schien so guter Laune zu sein, dass sie gar nicht weiter darauf einging. Besorgt schaute sie sich statt dessen nach Chris um. „Und dir geht’s hoffentlich schon besser, ja?“ Ein schüchternes Nicken von Chris’ Seite folgte, dann wandte sich Mrs. Stringini wieder Richie zu „Na gut, dann komm bald wieder runter. Da war irgendjemand der mit dir sprechen wollte. Am besten ist, du fragst dann einfach seine Schwester.“ Dabei deutete sie auf Chris, warf beiden noch einmal einen prüfenden Blick zu und verschwand wieder nach unten. Chris trat auf Richie zu und setzte ein schüchternes Lächeln auf. „Deine Mutter scheint ja wirklich ein scharfes Auge auf dich zu haben.“ Richie konnte daraufhin nur entgegnen „Hat mich halt gern...“ Die darauffolgende etwas peinliche Stille konnte durch nichts überbrückt werden, deswegen griff Richie sich den Kürbis, nahm ihn unter den rechten Arm und verschwand mit einem nicht zu deutenden Gesicht aus dem Zimmer. Zurück blieb Chris dessen Ausdruck zwischen Glück und Angst schwankte. Nachdem er das Licht ausgemacht hatte, lehnte er sich an den Bettrand und versuchte, sich das Passierte ins Gedächtnis zurückzurufen.

In Richie begann sich alles, zu entwirren und plötzlich wurde ihm mit voller Tragweite bewusst was da gerade passiert war. Beinahe hätten er und Chris sich geküsst und er konnte nicht sagen, ob die Gänsehaut auf seinem Rücken nun von Furcht oder von Freude herrührte. Das einzige was er sagen konnte, war, dass er nun wahrscheinlich derjenige war, der ins Bett gehörte. Er wollte einfach nur noch schlafen, nicht im Geringsten über die Konsequenzen des Geschehenen nachdenken. Er konnte es nicht tun, durfte es einfach nicht tun... alles wofür er gearbeitet hatte, würde in sich zusammenfallen. Sein gesamtes Bild von der Welt würde sich automatisch verkehren, alle Einzelteile seiner selbst würden auf einmal wegfallen und früher oder später würde eine Wunde in ihm entstehen, die zu tief wäre als dass man sie noch heilen könnte. Er selbst kannte sich gut genug, um das zu wissen.
Schwer atmend blieb Richie also noch einmal am oberen Rand der Treppe stehen und um wenigstens für heute Abend Ruhe zu finden, kniete er sich hin und nahm sein Kreuz in die Hände deren Innenflächen er nun gegeneinander gelegt hatte. „Bitte lieber Gott, ich weiß nicht, was das eben war. Ich fühle mich so schuldig weil es mir gefiel. Ich meine, ist es denn wirklich so schlimm wenn Chris und ich ... Gib mir bitte für den Rest des Abends ein wenig Ruhe, dass ich meiner selbstverschuldeten Verwirrung entfliehen kann. Amen“
Als er wieder aufgestanden war, konnte er nicht sagen, ob das Gebet wirklich etwas genützt hatte aber auf jeden Fall fühlte er sich nun wieder ruhiger, als ob sich ein Strahlen in ihm ausgebreitet hätte. Selbstbewusst  betrat er die ersten Treppenstufe und begann sein Weg zurück nach unten.
Dort angekommen, setzte er sich seinen Kürbis wieder auf den Kopf und begab sich zurück ins Gedrängel. Einige Leute schienen sich zu freuen, ihn zu sehen, und prosteten ihm zu. Izzy, der in einer Ecke mit einer schwarzhaarigen Schönheit sprach, wurde auch auf Richie aufmerksam und kam mit der fremden Frau im Arm auf Richie zugerannt. „Hey, darf ich dir Elena vorstellen? Sie war auf der Suche nach einem mächtigen Beschützer und da kam ich mit meinem kleinen Zauberstab gerade recht.“ Nachdem Izzy dann noch auf seinen Dreizack gedeutet hatte, konnte Richie sich einfach nicht zurückhalten und musste aus voller Kehle anfangen, zu lachen. Elena, die durch den etwas doppeldeutigen Spaß ziemlich verwirrt schaute, bedachte Izzy mit einem kecken Augenzwinkern und begab sich in Richtung der weniger „gesunden“ Getränke. „Na ja, ich werd ihr dann mal folgen müssen. Ich hoffe, Chris geht es besser...“ Damit verschwand er Richtung Elena und ließ Richie allein zurück der sich nun ja wieder auf die Suche nach Efa begeben konnte.
Er fand sie zwischen einigen ihrer Freunde die ihn alle nickend begrüßten. Efa wand sich ihm zu und begann sofort zu erzählen, wie gut ihr doch die gesamte Feier gefallen würde. Als Richie sie dann nach fünf Minuten darauf hinwies, dass jemand nach ihm gefragt hätte, wurde ihr Gesicht ganz rot. „Oh, tut mir leid, das habe ich ja total vergessen. Komm mit, ich bring dich zu Felix.“ Richie hielt inne und sah Efa verwirrt an. „Warte mal, wer ist denn dieser Felix überhaupt? Ich kenne ihn doch gar nicht.“ Sie bedachte Richie mit einem verschwörerischen Lächeln das ihn leicht frösteln ließ. „Das wirst du doch gleich sehen, sei doch nicht so neugierig... oder willst du, dass ich Izzy dazu bringe, dass er dich wieder zu stechen beginnt?“ Daraufhin musste Richie lachen und ließ sich von Efa durchs Wohnzimmer in die Küche führen wo nur ein Stuhl am Esstisch besetzt war. Auf ihm saß ein schwarzhaariger Junge, der seinen Kopf auf die Hände gelegt hatte so dass er zu schlafen schien. Richie konnte sein Gesicht nicht erkennen weil es von ihm abgewandt war; doch merkwürdigerweise kam ihm dieser Mensch bekannt vor. Er kramte in seinem Gedächtnis, konnte aber niemanden finden der mit dem Schlafenden vergleichbar oder diesem auch nur ähnlich gewesen wäre. Mit einem Finger über dem Mund bedeutete Efa Richie, möglichst leise zu sein, dann näherte sie sich dem vermeintlichen Felix auf Zehenspitzen. Als sie hinter ihm stand, ergriff sie vorsichtig seine Schultern und begann, ihn zu schütteln. Er grummelte, wachte dann aber mit einem Schlag doch auf und sah sich verschlafen um. Leider konnte Richie Felix’ Gesicht immer noch nicht erkennen, versuchte aber, näher an ihn heranzukommen. Die Neugier hatte ihn gepackt und so dauerte es nicht lange bis er neben Efa stand und den Fremden auch betrachten konnte. Als es soweit war, wurde ihm ganz flau im Magen und alles begann, von ihm weg zu kippen. Er meinte, er würde wieder umfallen wie es vor einer Woche in diesem Einkaufszentrum passiert war. Es wäre kein Wunder gewesen, war doch der schwarzhaarige Junge der Gleiche vom Konzert, der ihn mit diesem seltsamen Ausdruck im Gesicht gemustert hatte. Doch diesmal holte ihn keine Ohnmacht zu sich, diesmal fand er sich paar Sekunden später auf einem Stuhl neben Felix und Efa wieder die ihn beide besorgt musterten. Richie hatte jedoch nur Augen für den Fremden der ihn so faszinierte. Dessen Gesicht hatte sich in der kurzen Zeit natürlich nicht verändert und die seltsame Ausstrahlung die ihn umgeben hatte, war nach wie vor existent. Efa schien sehr besorgt zu sein und fragte Richie nervös ob auch wirklich alles OK mit ihm sei. Doch als er ihr versicherte, es gäbe keine weiteren Probleme, ließ sie ihn mit Felix allein in der Küche. Da Richie nicht die Anstalten machte, etwas zu sagen, sondern sein Gegenüber nur aufs genaueste zu mustern schien, ergriff Felix gezwungenermaßen die Initiative: „Ich muss mich wohl entschuldigen, du hast dich sehr erschreckt als du mich sahst. Kann ich davon ausgehen, dass es mit eurem einen Auftritt zu tun hatte, der Auftritt bei dem du ebenfalls umgefallen bist?!“ Verblüfft öffnete Richie seinen Mund, brachte aber keinen Ton hervor. Wer war dieser Fremde? Als Felix Richie jedoch weiterhin erwartungsvoll ansah, brachte Richie ein kurzes abgehacktes Nicken zu Stande. „Du kannst auch ruhig sprechen, ich fresse dich schon nicht!“ Ein warmes Lachen erfüllte daraufhin den Raum der Küche und Richie fühlte sofort eine gewisse Sympathie für ihn. Das Lachen klang nicht sarkastisch oder verschlagen, viel eher schien es sein Misstrauen zu besänftigen. „Entschuldige bitte, ich war bloß so verwirrt, ... dich hier anzutreffen. Dieser Abend scheint überhaupt sehr seltsam zu sein.“ Ein bitteres Lächeln erschien dabei auf Richies Zügen, sofort kamen die Erinnerungen an das Erlebnis in Chris’ Zimmer wieder hoch und zum wiederholten Male fühlte Richie eine unbestimmte Wärme in sich emporkommen. Als er jedoch keine weiteren Kommentare äußerte, ergriff Felix wiederholt die Initiative und bat Richie um ein Gespräch im Garten. „Hier drinnen ist es ziemlich stickig und mich zieht es hinaus an die frische Luft.“ Richie willigte ein, ließ jedoch seinen Kürbiskopf in der Küche liegen. Er folgte Felix weil er die Wohnung noch nicht genau kannte. Als sie dann vor der Glaswand zwischen Haus und Garten standen, wartete er, bis Felix die Tür beiseite geschoben hatte. Dann raffte er seinen orangenen Mantel zusammen und ging hinaus in den Garten.
Hier draußen war es schon seit Stunden Nacht und so ging Richie weit in den Garten hinaus und beschaute sich den dunklen Himmel. Leider hatte er nie gelernt, die Sternbilder zu lesen, aber auch so liebte er die Nacht wenn er sich als Mensch in deren Unendlichkeit verlor. Er setzte sich ins Gras und wünschte sich, seine anderen Bandmitglieder mit hier zu haben. Izzy und Mikel hätten sicherlich wenig für den Himmel übrig gehabt, sie hätten sich einen freien Platz gesucht und dort einige Tanzmoves ausprobiert. Irgendwie bewunderte Richie ihren Einfallsreichtum und ihre Konsequenz was das Tanzen anging. Jay und Christoph hätten sich zu ihm ins Gras gesetzt und die Sterne erklärt. Beim Gedanken an Chris wurde Richie wieder ganz rot und etwas regte sich in ihm, Erinnerungen an ihn als er ihm nah gewesen war, als er Chris hatte atmen hören können, als Chris gelächelt hatte...
Richie vernahm ein Rascheln im Gras hinter sich, er spürte, wie Felix sich genau hinter ihn setzte. Doch schien ihm diese Nähe zu intensiv also rutschte er ein wenig zur Seite. Er wollte heute Abend niemanden mehr zu nah bei sich haben, er fühlte immer noch dieses Prickeln auf seinen Fingern. In seine Gedanken hinein klang das beruhigende Lachen von Felix der kurz darauf anfing, zu erzählen. „Also, meinen Namen kennst du ja schon von Efa. Ich bin nicht mit ihr befreundet aber durch Zufall hörte ich, dass du heute Abend hier sein würdest. Sagen wir, einige Kontakte zu bestimmten Magazinen können sehr hilfreich sein.“  Er lachte wieder, dieses Mal klang es jedoch wesentlich ironischer. „Ich muss mit dir sprechen, nicht weil ich ein Fan der Musik deiner Band bin, sondern weil mein Freund eure Musik sehr gerne hört.“ Hier machte er eine kleine Pause und räusperte sich leicht. Erst nun merkte Richie, was mit der Bezeichnung „Freund“ gemeint war und er musste sich unwillkürlich umdrehen. Aus unergründlichen Augen betrachtete ihn Felix und das erste Mal meinte Richie, ein gewisses Verständnis für ihn zu entwickeln. Richie fragte nun „Und warum kommt dein... Freund nicht selbst?“ Er meinte, ein winziges Funkeln in Felix’ Augen zu sehen, doch dann verschwand dieser Eindruck und machte einer Art ungewissen Leere Platz. „Es soll eine Überraschung für ihn sein. Ich wollte, dass du ... ihn besuchst!“ Nun, da es ausgesprochen war, sank er ein wenig in sich zusammen, Richie schien es so als wäre eine schwere Last von Felix’ Schultern genommen worden. Er wunderte sich nicht wegen der Bitte, in letzter Zeit gab es immer mehr Leute die Autogramme von ihnen wollten oder an Gewinnspielen teilnahmen um sie zu treffen, vielmehr hatte Richie das Gefühl, dass noch etwas anderes hinter der Sache steckte das er aber nicht fassen konnte. Er wollte jedoch nicht zu neugierig wirken also schaute er Felix wieder an und sagte ihm dann „Ich glaube, das wird ziemlich schwierig werden weil wir einfach total viele Termine haben. Aber wenn es so wichtig ist, ich kann bestimmt mal einen Tag rausschlagen. Das geht schon, ich sitz an unseren freien Tagen sowieso nur rum und blase Trübsal.“ Hierbei lächelte er Felix aufmunternd zu und merkte scheinbar das erste Mal, dass sein Gegenüber gar nicht so jung war wie er eigentlich angenommen hatte. Sein Gesichtsausdruck war sehr reif und äußerst ernsthaft, Richie dachte bei sich, dass Felix’ Freund mit ihm sehr glücklich sein musste.
Doch nun wandelte sich das Gesicht das Schwarzhaarigen und er schaute ungläubig drein. „Du meinst, das geht wirklich??? Und du hast auch kein Problem damit, dass Thomas und ich ... ähm...“ „Wer ist Thomas?“ Richie fühlte sich jetzt wieder besser und wollte den anderen ein wenig aufziehen. Dass Thomas der Freund von Felix war, schien ja nun wirklich klar, aber seltsamerweise hatte hier nun plötzlich jemand ein mächtiges Problem, das auszusprechen. Verschmitzt streckte Richie Felix die Zunge heraus und holte einen kleinen Block inklusive Bleistift unter seinem Mantel hervor. Das war ein Tipp von Izzy gewesen der gesagt hatte, man solle so etwas immer bei sich haben, man wüsste ja nie, ob einem nicht die Traumfrau des Lebens über den Weg lief. Bei diesem Gedanken wurde Richie wieder etwas nachdenklicher, ließ sich aber nichts anmerken. „Also, ich schreib dir jetzt die Adresse und die Privatnummer unserer WG auf, damit du mich immer erreichen kannst. Die anderen halten mich für etwas naiv, ich soll solche Sachen wie unsere Adresse nicht rausgeben, ansonsten lassen uns die Fans selbst zu Hause nicht in Ruhe. Na ja, Izzy würde das wahrscheinlich nicht besonders stören.“ Hier grinste Richie und warf Felix einen bedeutungsvollen Blick zu. „Also pass bitte auf diesen Zettel auf, verliere ihn nicht!“ Schnell schrieb Richie nun alles auf das kleine Stück Papier. Felix nahm im Gegenzug den Zettel wortlos entgegen. „Ja, aber warum machst du das alles? Du kennst mich doch gar nicht!  <<Warum mache ich das eigentlich für ihn?>> „Weißt du, ich versuche, einige Dinge besser zu verstehen. Außerdem darfst du mich nie wieder so böse anschauen, sonst falle ich noch mal um.“ Felix betrachtete Richie kurz misstrauisch, dann stahl sich plötzlich ein Lächeln auf seine Züge. „Ich bin dir auf jeden Fall unglaublich dankbar.“ Damit lehnte er sich nach vorn und gab Richie einen leichten Kuss auf die Wange. Der jedoch war davon so überrascht, dass er es nicht einmal schaffte, zurückzuweichen. Ein wenig geschockt schaffte er es nur noch, Felix nachzuschauen als dieser kurz darauf seine Hand erhob und sich verabschiedete. Stumm verfolgte er mit seinem Blick wie sein Umriss sich mit der Nacht verband und er verschwand.
Noch eine Weile lang blickte Richie in die Dunkelheit hinein und ließ seine Gedanken dorthin verschwinden. In ihm schien sich alles zu legen, die Verwandlungen in ihm hielten inne und verbargen sich so, dass er für einen Augenblick zur Ruhe kam. Richie ließ sich fallen und streckte sich im Gras aus. Er spürte die Halme die unter ihm zusammengedrückt wurden, fühlte sie unter seinen Händen und wie sie sein Gesicht kitzelten.  Er konnte die Erde riechen und spüren wie sich seine Haare ihr näherten, wie die Sonne dem Erdboden. Als sich einige Halme über sein Gesicht streckten, blinzelte er kurz. Die Nähe zum Boden ließ ihn einen winzigen Teil der Stille spüren nach der er sich sehnte, eine tiefgreifende Stille die ihn mit sich fortziehen konnte. Dann wiederum musste er an Chris denken, der fassbar und nah war, wenn Richie es selbst nur zulassen konnte. Diese beiden Gegensätze, die sich sonst widersprochen hätten, kamen ihm in dieser Situation vor als schmiegten sie sich eigentlich aneinander. Und trotz all der Bedenken die er wegen dem Kuss spürte, den er beinahe erhalten hätte, war er doch glücklich, dass es einen Menschen wie Chris gab dem er so viel zu bedeuten schien.

Nach einer Weile wachte Chris wieder auf und schaute sich um. Er schien bloß für ein oder zwei Stunden geschlafen zu haben denn die Musik und der Lärm der anderen Menschen drang immer noch die Treppe empor. Doch er selbst fühlte sich seltsam, seine Hände zitterten, und als er versuchte, aufzustehen, brachte er es nicht fertig. Doch seine Haut schien nicht länger zu brennen, ein dünner Schweißfilm bedeckte sie und ließ seinen Körper im Licht das von draußen hereindrang leicht schimmern. Nach ein paar Minuten hatte er sich wieder beruhigt, auch wenn die Furcht in ihm immer noch da war. Er setzte sich auf und ging ein paar Schritte durch sein Zimmer ehe er wieder sicher genug auf den Beinen war die sich ihm nicht länger verweigerten. Chris tastete nach seinen Lippen die wieder trocken und spröde wirkten. <<Bin ich denn so einsam hier, dass alles verlassen wirkt?>>
Das Geräusch seines knurrenden Magens erinnerte ihn daran, dass er an diesem Abend noch nichts gegessen hatte; deswegen bewegte er sich einige Augenblicke später mit sicherem Gang die Treppe hinunter. Es schien doch etwas später geworden zu sein, so dass nur noch vereinzelt Gäste aufzufinden waren. Die meisten von ihnen kannte er nicht, die anderen nur flüchtig vom Sehen her. Also ging Chris gemächlich in die Küche um sich dort etwas zum Essen zuzubereiten. Als er aber nichts weiter als ein paar Scheiben Brot und etwas Butter fand, nahm er sich diese zusammen mit einem Messer ins Wohnzimmer und räkelte sich in den Sessel seines Vaters hinein. Während er dort sein Abendbrot verspeiste, dachte er an den Beginn des Abends zurück wo er voller Herzklopfen über Richie gewesen war und in dessen Gesicht geschaut hatte. All das, was er über die ganze Zeit niemandem hatte sagen können, manifestierte sich in diesem Augenblick. Alles setzte sich dort zusammen und fand seinen Ausweg in dem, was noch passieren würde. Chris verspürte einen Stich der Angst welcher Richie betraf, sein Freund war ihm sehr wichtig und gerade deswegen wollte er sein unschuldiges Gemüt nicht durch seine drängenden Gefühle zerstören. Er wollte ihn nicht in einen Abgrund hineintreiben aus dem sich Richie vielleicht nie wieder befreien konnte. Wie sollte sein Wesen denn sonst seinen Glauben bewahren, wenn Chris alles zerstörte? Doch er versuchte, ruhig zu bleiben, es würde schon alles gut werden. In diesem Augenblick dachte er an Richie wie er damals nach dem Konzert bewusstlos in seinen Armen gelegen hatte, wie Chris ihm hatte Schutz bieten wollen.
Rein zufällig fiel sein Blick bei diesem Gedanken auf den Garten und hielt einen kleinen Moment inne. Dort draußen lag Richie der sich anscheinend die Sterne anschaute. Langsam lehnte sich Chris auf den hinteren Teil des Stuhls und ließ seinen Blick weiter über den Garten schweifen.

Irgendwann hatte Richie genug davon, sich Sterne anzusehen, die er sowieso nicht verstand. Mit seinen Händen stützte er sich ab und stand langsam wieder auf. Er liebte diese Nacht, er war darin und konnte sie vollkommen erleben. In diesem Moment war das der einzige Gedanke der zählte. Umständlich zupfte er die Sicherheitsnadeln aus seinem Umhang und zog ihn sich dann über den Kopf. Darunter war er mit einer kurzen Hose und einem Hemd bekleidet so dass die Nacht sofort auf ihn einzudringen begann. Richie zuckte unwillkürlich unter der Kälte zusammen die ihm außergewöhnlich intensiv erschien aber trotzdem wollte er der Nacht trotzen. Breitbeinig stellte er sich stolz in die Mitte des Gartens und wartete einfach ab.
Hinter sich vernahm er nun ein Rauschen und fragte sich ob er nicht betrunken sei. Doch das Rauschen wurde immer lauter und bevor er sich entschieden hatte, sich umzudrehen und nachzuschauen, war sein Oberkörper auch schon von zwei Armen umgeben. „Weißt du eigentlich, wie verrückt du mich machst? Ich bin nervös und mache so viele sinnlose Dinge, nur weil du in der Nähe bist.“ „Hm...“ „Kümmert dich das gar nicht?“ „Doch, aber mir ist so kalt.“ „Soll ich dir eine Decke bringen?“ „Nee, was anderes würde mir viel mehr helfen!“ „Ach wirklich...“ Chris ließ Richie los und berührte langsam dessen Lippen. Wie sich ihre Körper dabei immer näher kamen, verlor sich die Bedeutung der Nacht.

Ende 2. Teil



Teil

Er rief nicht an. Richie beschlich die Angst, dass er vielleicht doch etwas falsch gemacht hatte. Einem offensichtlich Fremden solch wichtige Daten wie ihre Adresse oder ihre Telephonnummer zu geben. Er hatte es den anderen nicht gesagt, einerseits aus der Angst heraus, dass sie ihm wieder Leichtgläubigkeit vorwerfen könnten, andererseits aus einem Gefühl heraus, dass er mal wieder nicht beschreiben konnte. <<Was ist nur los mit mir, dass ich keine Worte mehr finden kann?>>
An diesem Tag hatten sie zum Glück nicht so viel zu tun wie sonst, und so hatte er einige Stunden für sich retten können. Aber auch das mit der Zeit war merkwürdig: hatten sie viele Auftritte, sehnte er sich manchmal nach einer Pause! Hatten sie statt dessen einen freien Tag und er verbrachte ihn mit seiner Mutter, fuhr mit ihr durch Berlin, dann sehnte er sich wieder nach „US5“, wollte mit seinen Freunden unterwegs sein und gemeinsam mit ihnen neue Erfahrungen machen. Izzy fiel an den freien Tagen, und in solchen Stunden wie heute, meistens in eine düstere Stimmung bei der er sich abschottete und den Hauptteil seiner Zeit musikhörend auf dem Zimmer verbrachte. Für ihn schien es von allen am härtesten zu sein, da er niemanden hier hatte, seine Familie aber ungemein vermisste. Manchmal, wenn Richie Izzys Zimmer betrat um ihn irgendwas zu fragen, sah er ihn auf seinem Bett liegen, die Stirn in Falten gelegt und an einem Gedicht schreibend. Sobald er dann aber anfing, sich mit ihm zu unterhalten, merkte er schon, dass es eigentlich nicht ging, weil Izzy offensichtlich mit seinen Gedanken woanders war. Typisch Einzelgänger, dachte Richie sich dann und bereute es im gleichen Moment weil dieses Wort abfällig klang, eigentlich aber gar nicht so gemeint war.
Auf eine seltsame Weise hatte er Izzy gern, vielleicht weil er impulsiv sein konnte, aber manchmal auch genauso gut in sich ruhend. Diese Gegensätze faszinierten ihn ungemein und vielleicht fühlte er sich genau deswegen so fremd wenn er mit Izzy in der WG war. Fremd und allein. <<Ich bin mir sicher, ein gewisser Schmerz wird immer da sein. Weil ich nicht jeden verstehen kann, weil ich Ängste wie jeder andere habe, weil ich nicht weniger verletzlich bin als der Rest der Welt.>>
Aufgekratzt erhob sich Richie, er hatte dieses Nichtstun satt. Er durchquerte sein Zimmer zur anderen Seite und verließ es mit einem tiefen Seufzer der die Schuld ausdrückte, die er fühlte. Er war schmutzig. Er konnte es nicht anders sagen und es tat ihm weh. Doch seit diesem einen Abend fühlte er sich benutzt und unrein. Leise sagte er das Wort vor sich hin „... schmutzig, schmutzig, schmutzig...“ Es bereitete ihm keine Freude, es befriedigte ihn nicht, es half ihm nicht, und doch war da dieses Wort was ihn nicht lassen wollte. Grob fuhr er mit den Händen unter sein Hemd und hielt sich fest, mit dem Rücken gegen die Wand gestützt. Sein Kopf war auf die Brust gesunken und fest biss er die Zähne zusammen bis ein einzelner Schmerz in seinem Mund wirkte der sich auf seinen Kopf auszudehnen begann. Und wieder kamen die Tränen die er so hasste, die in seinen Träumen schwarz waren und ihn von der Unreinheit frei wuschen. Doch sie taten es nicht, sie rannen, blendeten seine Augen, reflektierten das künstliche Licht der Lampen um ihn herum. Mit seinem verschlossenen Wesen war er blind für Liebe, er hatte sie nicht verdient weil sein Wesen unvollkommen und brüchig war. Voll innerer Wut fuhren seine Fingernägel über seinen Bauch und er wollte vor lauter Schmerzen und Dunkelsein noch mehr weinen, er wusste nicht, ob es ging. Er war versunken und sah nur noch wie seine Hände weitermachten und er nichts dagegen unternahm. Wertlos. Mit einem letzten Schluchzen sank er endlich in sich zusammen fiel auf den weichen Teppich unter sich. <<Es ist alles noch so neu hier, alles scheint unbenutzt. Chris ist unbenutzt. Alle sind unbenutzt. Alle sind unbenutzt.>> Er zuckte ein weiteres Mal zusammen und hob sein Hemd an: überall auf seinem Bauch waren heiße Kratzer die bereits angefangen hatten, zu bluten. <<Das bin nicht mehr ich.>> Die Flüssigkeit zerrann auf seinem Bauch, die ersten Flecken hatten bereits die Hose erreicht und bildeten auf ihrem Rand eine dunkelrote Spur. <<Was wäre, wenn ich einfach liegen bliebe? Chris würde mich finden und er hätte wieder neue Sorgen. Ich mache ihm nur Problem. Er kann doch nichts dafür, wie ich mich fühle. Ich selbst habe mich beschmutzt, er will mir nicht weh tun. Aber warum tut es mir dann trotzdem so weh? Warum hilft mir Gott nicht? Weil ich Chris l...>> Er führte den Gedanken nicht zu Ende, es hätte zu nichts geführt. Unter lauter widerstrebenden Gefühlen und dem Ignorieren der Schmerzen zog er das Hemd zurück über die Brust, so dass es auch rote Spuren aufzuweisen begann, er stützte sich an die Wand, stand keuchend auf und lief zu seinem Zimmer zurück. Als er zurückblickte, war der Boden ebenfalls beschmutzt, und mit ihm die ganze Wohnung. Er drückte sich durch den Spalt zwischen Wand und Tür, dann zog er diese zu und schwankte zu seinem Bett hinüber. <<Ich fühle mich so alt, ich will schlafen...>>

Izzy saß in seinem Zimmer am Schreibtisch und warf einen prüfenden Blick auf das Stück Papier das vor ihm lag. Gedanken verbanden sich dort zu seltsamen Wortkolonnen deren Sinn sich einzig nur ihm zu erschließen vermochten. Er war froh darüber, denn so war es etwas was nur ihm gehören konnte. Egal, welche Gedanken er auch immer diesen unzähligen Zeitschriften mitteilen mochte, seine Gedichte und ihre Wahrheiten gehörten nur ihm. <<...I thought I knew everything about nothing, but I know nothing about everything. There's ups and downs, smiles and frowns...>> Er lachte traurig in sich hinein, doch es war eine angenehme Traurigkeit die ihm nichts ausmachte. Es fühlte sich gut an, aus dieser Rebellenrolle herauszukommen, er wollte sie nicht jeden Moment spielen. Na klar mochte er Mädchen, Girls, aber es gab auch andere Dinge die er mochte, zum Beispiel halt konzentriert herumzusitzen und nachzudenken oder zu schreiben. <<Das bin ich!>> dachte er sich und atmete hörbar aus.
Dumpf setzte er seine Füße auf den Boden und erhob sich. Er dachte daran, noch etwas zu trainieren da sie ja in zwei Stunden zum nächsten Auftritt mit darauffolgender Autogrammstunde gebracht werden sollten. Ihr Album war seit wenigen Tagen erhältlich und so mussten sie jetzt noch mal so richtig durchstarten, Promotion für ihre Musik machen, ein paar coole neue Tanzbewegungen zeigen, mit verschiedenen Mädchen flirten. Bei diesem Gedanken musste Izzy unwillkürlich grinsen, er konnte halt nichts dagegen tun, und im Grunde genommen war das ja auch nicht schlimm. Mit diesen fröhlichen Gedanken begann er also seinen Weg ins Wohnzimmer als er mitten auf dem Flur innehielt und auf den Boden starrte. Dort waren einige rote Spuren auf dem Teppich die er sich nicht erklären konnte, verwirrt sah er sich nach einer Ursache um, konnte sie aber nicht finden. Eilig rannte er die paar Schritte zu Richies Zimmer und schaute hinein. Doch er konnte nichts Merkwürdiges entdecken, der Kleine lag in seinem Bett und schlief, alles war in Ordnung. Er atmete etwas unruhig was aber auch von Albträumen herrühren konnte, doch das Zimmer war wie immer; Izzy drückte die Tür vorsichtig zurück ins Schloss und lief zu den Flecken zurück. Als er mit dem Finger darüber fuhr, merkte er, dass sie bereits eingetrocknet waren also nahm er seine Handkante und rieb damit solange über den Teppich, bis die Farbe abgeschwächt wirkte. Er pustete ein paar Mal kräftig, dann stand er wieder auf, war aber immer noch zutiefst verwirrt und verunsichert. Die anderen konnten nichts wissen, sie waren ja noch unterwegs... Er verdrängte seine Ängste und begab sich zurück in sein Zimmer, aufs Trainieren hatte er jetzt keine Lust mehr. Solche merkwürdigen Situationen brachten ihn total aus dem Konzept, er war verwirrt wegen einer Sache die er sich nicht erklären konnte. Nur der Gedanke an den schlafenden Richie vermochte es, ihn etwas zu beruhigen. Er war zwar manchmal etwas kindisch aber mit seiner Art schaffte er es auch, Izzy zum Lachen zu bringen oder oftmals gespannte Situationen, etwas aufzuheitern. Das war wichtig in ihrer Band, das alle sich halfen und zusammenarbeiteten.
Konzentriert setzte er sich auf den Rand seines Bettes, steckte sich Hörer in die Ohren und startete seinen MP3-Player.

„HALLO, WIR SIND WIEDER DA!!! IST JEMAND HIER???“ Jays Stimme schallte durch die WG aber niemand antwortete. Das machte Mikel jedoch nichts aus, er rannte los und warf sich im Wohnzimmer aufs Sofa und streckte sich eine Weile lang. „Uaaahhh... ich bin so müde, ich würde am liebsten gleich einschlafen.“ Jay trat zu ihm heran „Da bist du wohl nicht der Einzige aber vergiss nicht, dass wir bald zur nächsten Autogrammstunde müssen!“ Mikel schaute ihn beleidigt an „Dass du auch immer so vernünftig sein musst!“ Jay guckte betroffen auf seine Hände, was er natürlich nicht ernst meinte, und gab seinem Opfer dann einen Klaps auf den Kopf. Als Mikel daraufhin anfing, Jay durchs Wohnzimmer zu jagen, kam auch Chris in die Wohnung und musste bei dem Anblick, der sich ihm bot, laut anfangen zu lachen. „HEY, IHR SEID ABER NOCH GUT IN FORM!“ Belustigt beobachtete er das Geschehen noch eine Weile, dann ging er in sein Zimmer und legte dort mehrere Tüten ab. Dann stand er kurz da und überlegte, was er als nächstes tun sollte. Da sie bald wieder los mussten, wollte er erst Mal nach den Daheimgebliebenen schauen um sich dann frisch zu machen. Als erstes ging er zu Richie den er schlafend in seinem Zimmer vorfand. Leise schlich er sich auf Zehenspitzen heran und setzte sich vorsichtig auf den Rand des Bettes. Er schaute auf Richie hinunter und zum wiederholten Male war er in dessen Anblick gefangen. Wie sein Atem langsam und stoßweise ging, wie sich sein Körper unmerklich während des Schlafes bewegte. Chris musste ihn wecken, aber das hatte noch Zeit. Vorsichtig schaute er in Richtung Tür, doch da war niemand, also nahm er seinen Mut zusammen und senkte seinen Kopf zu Richie hinab und küsste ihn sacht auf die Haare. Es war ein unglaubliches Verlangen in ihm, doch er wusste, dass er nicht mehr tun durfte. Seine Lippen verharrten auf dem Kopf und er atmete den Geruch ein der von ihm ausging und seine gesamte Haut kribbeln ließ. Seine Finger zitterten wieder und verliehen ihm die Wirkung der ängstlichen Person die er in diesem Augenblick war. Sachte hob er seine rechte Hand und berührte damit Richies Schulter und fuhr seinen Arm hinab, er musste kurz aufkeuchen weil ihn diese plötzliche Nähe so verwirrte. Doch auf einmal begann Richie kurz aufzustöhnen, Chris verharrte in der Bewegung und ließ ab. Sein Kopf und seine Hände entfernten sich und nur ein Duft verharrte auf Chris’ Fingerspitzen.
Immer noch zitternd stand er auf und fühlte sich ertappt. Er hatte sich den ganzen Tag nach Richies Nähe gesehnt, war so traurig gewesen, als dieser abgelehnt hatte, sie zu begleiten. <<Du musst lernen, dich zu beherrschen.>>
Nachdenklich blickte sich Chris im Zimmer um, das sich Jay und Richie teilten. Überall lagen hohe Haufen von verschiedenen Kleidungsstücken, wahllos übereinandergelegt und verstreut. Bei diesem Anblick musste er sich jedes Mal wundern, einem so pedantischen Menschen wie Jay hätte er nie zugetraut, so chaotisch zu leben. Langsam hob er eines der Hemden auf, die neben Richies Bett lagen und betastete es mit einen Händen. ER hatte es getragen, es war IHM so nah gewesen wie sonst nichts oder niemand anderes. Bei diesem Gedanken musste Chris leicht erröten und versuchte, das warme, wieder aufkeimende Gefühl in seinem Bauch zu ignorieren. Betreten legte er das Hemd zurück auf den Boden und schaute wieder Richie an, dessen Schultern er nun leicht berührte. Einige leichte Bewegungen seiner Hand und Richie erwachte. Seine Augen blinzelten in kurzen Abständen, so, als wollten sie sich erst einmal an Chris’ Anblick gewöhnen. Was diesen jedoch erschreckte, war, dass Richies gewohntes Lächeln aus dessen Gesicht verschwunden war und einer unfassbaren Leere Platz gemacht hatte.
Chris sah Richie an, fühlte sich falsch in seinem Körper. Da war dieser Mensch von dem er sich mit jedem Tag immer mehr abhängig machte und dessen Anwesenheit für ihn so wichtig geworden war. Dieser Zustand machte ihm merkwürdigerweise Angst; er fürchtete sich vor den Problemen die auftauchen würden wenn er das alles, was er jetzt fühlte, zerfallen sehen würde.
Richie ließ seinen leeren Blick weiterhin auf ihm ruhen. „Es ist nicht leicht, was?“ Chris sah ihn für einen Augenblick perplex an: „Was meinst du?“ Richie zuckte unentschlossen mit den Schultern.
„Weiß nicht! Aber ich habe das Gefühl, dass dir irgendwas fehlt, dass irgendetwas nicht stimmt.“ Ratlos betrachteten sich beide; das, was Chris hätte sagen sollen, blieb unausgesprochen zwischen ihnen. Er wusste nicht, was es bewirken würde, wenn er es sagte, wenn er seinen Ängsten Ausdruck verlieh.
Zaghaft beugte sich Richie vor und fuhr mit seiner rechten Hand über Chris’ Stirn. Er fühlte dessen Haut leicht zittern und hätte sich am liebsten weiter nach vorn gebeugt, doch seine Schmerzen begannen, ihm zuzusetzen. Vorsichtig drückte er mit der linken Hand gegen die Bauchdecke , er achtete auf Chris, dass dieser es nicht bemerkte. Wie Feuer fraß sich der Schmerz in ihn hinein, so dass er sich in seinen Sachen unwohl zu fühlen begann und es zutiefst bereute, sich solche Kratzer zugefügt zu haben. Es war dumm und eitel und egoistisch von ihm gewesen. Letztendlich fand er aus der Situation bloß einen Ausweg.
Vorsichtig zog er die Hand zurück um danach, trotz aller Bedenken, schnell das Hemd auszuziehen und es in eine Ecke zu werfen. Für einen Augenblick konnte er die Flecken des getrockneten Blutes erkennen und fragte sich, was er eigentlich getan hatte. <<Ich habe zuviel Selbstmitleid wobei ich doch eigentlich kein Mitleid verdiene.>> Chris schaute etwas überrascht, da er jedoch nicht die Wunden sah, die Richie unter der Decke versteckte, konnte dieser ihm einfach erklären, er wolle sich bald duschen und müsse deswegen allein gelassen werden. <<I’m dying in my sleep…>> Die Liedzeile tauchte in seinen Gedanken auf und versinnbildlichte das, was er gerade fühlte. Es war unfair von ihm, sich Chris gegenüber so geheimnistuerisch zu verhalten, ihn anzulügen... Das Gespannte zwischen ihnen verlief sich und Chris erhob sich wieder vom Bett. Sein Blick lastete noch einige Sekunden auf Richie der, scheinbar peinlich berührt, seine Decke an sich drückte; wortlos verließ Chris das Zimmer und überließ den Anderen sich allein. <<Was denkt er von mir, wenn ich ihn so ungerecht behandle?>> Richie hob die Bettdecke an und sah, dass seine Haut sich bereits gerötet hatte, einige Wunden waren tiefer als andere, so dass sie leicht schimmerten. Angewidert wandte er sein Gesicht ab...
Er schob seine Decke von sich und stand auf. Als seine nackten Füße den Boden berührten, zuckte er unwillkürlich zusammen und fühlte, wie ihn ein Schauer überlief und seine Haut leicht zu prickeln schien. Er wollte nicht duschen, er hatte es nicht vorgehabt und Chris trotzdem angelogen. Um von diesen ewigen Schuldgedanken Abstand zu nehmen, holte er sich einfach ein Hemd aus einem Haufen frischgewaschener Klamotten heraus und zog es sich über. So kühl, wie es auf seiner Haut lag, konnte es für einen Augenblick die Schmerzen verdrängen. Nachdem er dann seine Hose angezogen hatte, setzte er sich noch für einige Minuten in die taube Dunkelheit des Zimmers hinein welche nur von einigen Sonnenfingern durchbrochen wurde. Seine eigenen Finger strichen ruhelos über das Laken, ein Rest der Körperwärme war noch geblieben. Das Gefühl das daraufhin in ihm entstand, bedachte er mit einem bitteren Lächeln.
Von draußen drang Musik in sein Zimmer, er hörte den Lärm den die anderen veranstalteten, ihre Stimmübungen.
All das veranlasste ihn letztendlich dazu, sich aufzurappeln und zu Mikel zu stoßen, der draußen auf dem Flur laut verschiedene Lieder durchging. Seine Stimme hallte kaum hörbar in seinem Kopf wieder, alles wirkte wie durch Watte.
„Hey, ist alles in Ordnung? Du schaust etwas blass aus der Wäsche!“ Richie riss sich zusammen und setzte ein gequältes Lächeln auf. Er hoffte, dass Mikel nichts bemerken würde, er wollte jetzt einfach nur diesen Tag hinter sich bringen. „Nee, alles in Ordnung. Ich denk mal, ich hab zu wenig geschlafen, das wird alles   sein!“ Mikel gab Richie daraufhin einen freundschaftlichen Schlag auf den Rücken und fuhr mit seinen Übungen fort. Es war gut so, alles sollte in Ordnung sein...

„For a day, I have someone to sing about, for a few hours, I have someone to think about, for a few minutes, I have someone to infatuate over, for a few seconds my heart is tricked into falling in love...“ „Hm, das ist schön, Izzy! Hast du das geschrieben?“ Einen Augenblick lang starrte er Chris bloß verdutzt an, dann setzte er ein entschuldigendes Lächeln auf. „Ach, ja, ich meine, ist doch kein Problem, oder?“ Izzy brachte ein verhaltenes Lachen hervor. „Ich habe es vor ein paar Wochen geschrieben. Bei so vielen Dingen die wir erleben, da spüre ich manchmal den Drang, alles in Worte zu packen.“ „Und da fiel dir das hier ein!? Aber es ist irgendwie schon cool, dass du diesen Charakterzug trägst... dieses Geheimnisvolle...“ „Na hey, ich bin halt vielseitig! Komm, lass uns ein wenig schneller gehen, damit wir die anderen wieder einholen!“ Die beiden polterten hinter den anderen die Treppe hinunter, es war befreiend, in diesem Tempo die Treppe nehmen zu können. Als ob sie sich sonst nicht schon genug bewegen würden, so war es manchmal etwas ganz anderes, einfach nur so zu rennen, ohne einen bestimmten Grund...

Still zog alles an ihm vorbei. Er lehnte den Kopf gegen die Scheibe des Autos und wartete auf das Rauschen, dass ihn streifen würde um ihn wieder für sich gefangen zu nehmen. Von Zeit zu Zeit hauchte er gegen das Fenster zur Außenwelt. Es war, als wollte alles da draußen verstummen, verstummen unter einer Decke aus Schnee der unaufhörlich niederkam. <<So ist das also, Winter in Deutschland.>> dachte er bei sich und seine Augen schienen in diesen Gedanken ein wenig zu strahlen. Kurz drehte er sich daraufhin zu seiner Mutter um und lächelte sie an; es war gut, sie hier zu haben, dass sie immer bei ihm war. Nachdem er sich wieder von ihr abgewandt hatte, blieb sein Blick an den Häusern hängen, die draußen an ihnen vorbeizogen. Alles war kahl, sicherlich bildete er sich das bloß ein, doch es war ihm bereits bewusst. Er fragte sich, ob es den Anderen wohl genauso wie ihm erging.
Minutenlang ging es so weiter bis die Autos schließlich vor dem Einkaufscenter zum Stehen kamen. Als Richie ausstieg, klang ihm der Schnee wieder entgegen und tönte laut in seinen Ohren, so dass er sich seine Kapuze überzog und zu den Anderen eilte.
„Hey, beeilt euch ein wenig, wir sind schon zu spät.“ Richie hörte Izzys ungeduldige Stimme, er musste dabei ein wenig in sich hineinlächeln, wusste er doch ganz genau, dass die Eile nicht der Verspätung sondern eher der Schwimmveranstaltung galt, zu der sie sich danach wieder begeben würden. „Das Turmspringen“! Er war sich sicher, dass es bestimmt eine unterhaltsame Veranstaltung werden würde. Jedoch hatten sie jetzt erst Mal eine Autogrammstunde zu absolvieren. Mit Erwartung schaute er ihr entgegen da es ja nur noch zwei Tage bis zu seinem Geburtstag waren und er deshalb fühlte, dass... irgendetwas passieren würde.
An den Hintertüren wurden sie nun begrüßt und von Sicherheitskräften hinein geleitet, schon hier konnte Richie ein gespanntes Summen vernehmen, dass in der Luft lag. Durch einen längeren Gang, der stetig nach unten führte, wurden sie gebracht und der Lärm, den man am Anfang nur ganz leise vernommen hatte, wurde immer lauter. Dann kamen sie an die nächste Tür die sie durchschritten, und da war sie, die Bühne auf der sie performen und Autogramme geben würden. Überall waren ihre Fans die gespannt warteten und den Raum mit einer Spannung füllten, die kaum zu durchbrechen war. Wie aus einem Reflex heraus, griff er sich kurz unter sein Hemd und stellte erleichtert fest, dass die Wunden nicht mehr schmerzten. Die letzten Tage hindurch hatte der Gedanke an sie Richie mit Sorge erfüllt, doch nun heilten sie besser. Plötzlich wurde er jedoch aus seinen Gedanken herausgerissen als sie eilig hinter die Bühne geführt wurden und er stolperte. Da er nicht hinfiel und keiner es bemerkt hatte, wurden sie nun eingewiesen, wie ihr Programm auszusehen hatte. Mit einem Schaudern dachte Richie an die letzten Autogrammstunden zurück, bei denen die Menschen teilweise wirklich ausgerastet waren, er wollte nicht, dass so etwas geschah. Er mochte es wirklich, den Erfolg zu haben, Menschen zu sehen, die sie und ihre Musik liebten, aber er wollte keine Massen die ihm Angst machten.

<<Ich bin glücklich, so unglaublich glücklich.>> 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.10.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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