Werner Gschwandtner

Und ich glaube. Vorgeschichte

Amy Samantha Winters, ein achtjähriges Mädchen, das am 18. Februar 1996 in Manhattan/New York geboren wurde, wuchs bei ihren Eltern ab ihrem zweiten Lebensjahr in der Washingtoner Vorstadt Georgetown auf.
Das Grundstück, das am Rande eines unscheinbaren Spielplatzes, dem St. Johns Park lag, hatte John Jack, der jüngere von zwei Brüdern, von seinem Vater geerbt.
Amy Samantha war ein fröhliches Mädchen mit langen blonden Locken und einem offenherzigen Wesen. Verträumte blaue Augen und ein paar Sommersprossen, die ihre Wangen zierten, gaben dem Mädchen ein unwiderstehliches Antlitz und obgleich sie von einigen höhergestellten Mitschülern für normal bürgerlich gehalten wurde, überstrahlte Amys natürliche Noblesse jeden noch so lupenreinen Diamanten. Ihre schulischen Leistungen waren allesamt überdurchschnittlich und schon in den ersten Jahren wurde ihr von ihren Lehrern eine glänzende Zukunft vorhergesagt. Man sah die Kleine, die sehr gerne schrieb und hierbei eine beflügelte Phantasie zeigte, als angehende Schriftstellerin. Sie war für ihre acht Jahre recht klein geblieben. Bei ihrer letzten ärztlichen Untersuchung maß Amy Samantha nur knapp 114 cm. Ihre Erscheinung hob sich dennoch stark von der der anderen Mädchen in ihrem Alter ab und auch ihre überdurchschnittliche Intelligenz machten das erst acht Jahre alte Kind zu einem wahren Wunderkind ihrer Zeit. Und dann kam jener schicksalhafte Tag. Jene Stunde, welche das große Unglück mit sich brachte. Der Moment von dunklen Schatten über dem hellen Lichte des kleinen Lebens.
 
Im Alter von sieben Jahren erkrankte das Mädchen an einer atypischen Pneumonie, einer Lungenkrankheit. An jenem Oktobernachmittag, genauer gesagt war es der 10. Oktober gegen 2:30 p.m., als Amy Samantha von der Schule nach Hause ging, kürzte sie ihren Weg durch den St. Johns Park ab. Dort traf sie auf zwei zwölfjährige Burschen, die sich ebenfalls dort aufhielten. Sie machten sich einen Jux daraus, das kleine Mädchen zu ärgern. Doch aus ihrem Spiel wurde sehr bald bitterer Ernst. Sie liefen lärmend um die Kleine herum und schubsten sie auch ein wenig umher. Als Amy schließlich durch die Unachtsamkeit der beiden Jungs in den kleinen See stürzte, der inmitten des Parks angelegt war, gefror ihnen das Lachen und Panik machte sich in ihren Herzen breit. Amy Samantha versank im trüben Wasser. Die beiden Buben erschraken derartig, dass sie kreidebleich wurden und laut schreiend davon liefen. Prustend tauchte Amy auf. Sie strampelte wild mit Armen und Beinen und schnappte kurzatmig nach Luft. Der See war nicht allzu tief, dennoch konnte das Mädchen in dem kalten Wasser nicht mehr stehen. Immer wieder versank sie in den trüben Fluten. Sie konnte zwar bereits sehr gut schwimmen, aber das eisige Gewässer zog sie immer wieder in die Tiefe. Dennoch schaffte Amy es, sich langsam und mühevoll an das flache Ufer des Sees hinzuarbeiten. Ihre Bewegungen waren träge. Sie schluckte zunehmend von der Ekel erregenden Brühe und die Polizei stellte bei ihren Untersuchungen fest, dass sich die Temperatur des Sees bereits unter fünf Grad befunden hatte. Mit letzter Kraft schleppte sie sich aus dem verschmutzten Gewässer. Laub, Äste und sonstiger Unrat schwammen zu dieser Jahreszeit im See herum, denn die Parkverwaltung säuberte das Wasser nur im Frühjahr und in den Sommermonaten.
Hustend brach Amy Samantha zusammen. Sie hatte sehr viel Wasser geschluckt. Ihre Umgebung begann sich nach kürzester Zeit um sie zu drehen. Amy bibberte vor Kälte. Ihre zarten Lippen waren schon nach wenigen Sekunden tiefblau angelaufen und ihr Atem, ebenso wie ihr Herzschlag sanken rapide ab. Dann fiel das kleine Mädchen, das schon nach seiner Geburt keine echte Überlebenschance gehabt hatte, in eine tiefe und von Albträumen geplagte Ohnmacht. Sie sah sich einem Heer von dämonischen Kreaturen gegenüber, die mit allen möglichen Tricks versuchten, sie zu attackieren. Amy lag mit geschlossenen Augen, aber flackernden Lidern auf dem harten Boden des St. Johns Park und immer wieder wurde ihr zarter Körper von Schüttelfrösten ergriffen. Es kam, wie es kommen musste. Amy Samantha erkrankte schwer und wurde in das nächste Spital eingeliefert, in das Mekkma Hospital. Damit begann für die Familie Winters eine lange Zeit des Leidens.
 
Die finanziellen Reserven, die der Vater mühsam für absolute Notfälle – Notfälle wie diesen – angespart hatte, waren bald aufgebraucht und bereits gegen Mitte des neuen Jahres standen John Jack und Lisa Andrea Winters vor der bedrohlichen Frage: „Wie können wir die weiteren Kosten für Amy Samanthas Genesung tragen?”
Der finanzielle Rahmen der Behandlung wurde immer dominanter. Er wuchs mit der Größe des bösartigen Keims und es kam der Tag, an dem festzustehen schien, dass die Krankheit chronisch werden würde. Alle Beteiligten wussten nur allzu gut: Eine Krankheit, und eine schwere ganz besonders, konnte in den Staaten zu einem echten Geldproblem werden. Ohne gute Versicherung und ohne das nötige Kleingeld konnte die Behandlung in den finanziellen Bankrott führen.
Langsam rückte unausweichlich der Ruin, das Fiasko und das seelische Chaos auf die Familie Winters zu. Nach vier weiteren Monaten standen gewaltige Gewitterwolken am Horizont. Naturbedingte ebenso wie symbolische. Kein Erfolg war abzusehen, kein Geld mehr in der Börse der Winters und keine Hoffnung in Sicht für die Eltern und ihre Tochter. Mit der kommenden Weihnachtszeit drohten die Bemühungen aller Beteiligten am Fall Amy Samantha Winters zu zerbrechen. Regen fiel und verdunkelte mit heftigen Schauern das vorweihnachtliche Gefühl in den Herzen der Bewohner von Georgetown.
 
 
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Werner Gschwandtner
„Der Treff für Jung & Junggebliebene“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.10.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Ein Mädchen mit einer Atypischen Pneumonie. Eltern am Rande der Existenz. Intrige und Schicksalsschläge. Und dennoch gibt es Hoffnung, Glaube und Zuversicht. Familiäre Erzählung in der Weihnachtszeit. Modernes Märchen welches durchaus wahr sein könnte. Werner Gschwandtner, litterarum.

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