Pierre Heinen
Der blaue Despot
Er herrschte über ein riesiges Land. Er herrschte mit Gewalt, wie
sein Vater es vor ihm getan hatte. Er war ein Despot. Seine Soldaten
waren ihm treu ergeben und führten jeden Befehl aus, der über seine
schmalen Lippen ging. Und seine Untertanen, trauten sich nicht einmal
vom Sturz ihres Königs zu träumen.
Er mochte es, oben auf dem Stichwaffenturm zu stehen und über die
Ebene, des Tals der Zeichen zu blicken. Er mochte es, wie der Wind
seine schulterlangen schwarzen Haare zerzauste und der salzige
Meergeruch ihm durch die Nase schwebte.
Und in dem Augenblick mochte ich ihn auch, den blauen Despoten. Wie er
da stand in seinem dunkelblauen Mantel und jeder Windstoß die Kleider
an seine Muskeln presste. Sogar der Anblick seines blauen
Langschwertes, ließ mich nicht erschauern. Er stand immer so friedlich
an den Zinnen und so still. In dem Augenblick hätte ich mich gerne in
seine Arme geworfen.
Abrupt wandte er sich immer ab. Sein Gesicht sah mich dann finster wie
eh und je an und er schob sich an mir vorbei, als ob ich eine
Dienstmagd wäre. In dem Augenblick hasste ich ihn. Ich stieg dann
ebenfalls die steilen Treppen des Turms hinab und fragte mich, warum er
mich so hasste. Ich war noch jung, seit einiger Zeit aber zur Frau
erblüht und ich hatte schon viel hässlichere Mädchen gesehen.
Das uralte Friedensabkommen der beiden Königreiche sollte durch unsere
Hochzeit noch einmal unterstrichen werden, aber keiner von uns hatte
vor, den anderen zu lieben. Als ich dann das erste Mal aus der Kutsche
gestiegen war und dem blauen Despoten begegnet bin, war ich zutiefst
beeindruckt. Und auch verliebt gewesen.
Man hatte mir den König vom Tal der Zeichen als einen brutalen,
gefühlslosen, alten und knochigen Mann beschrieben. Der junge,
muskulöse und gut aussehende König, der auf meine Ankunft gewartet
hatte, war so ziemlich das Gegenteil gewesen.
Bis zu dem Augenblick als mein Vater, der König von der langen Küste,
der mich begleitet hatte, wieder nach Hause aufbrechen musste. Der
blaue Despot, blieb zwar jung und muskulös, ignorierte mich aber fortan
wie eine Säule seiner Festung. Hochzeitsvorbereitungen wurde
abgebrochen und man behandelte mich wie eine Geisel, zu der ich auch
geworden war. Man sprach von Krieg.
Ich durfte mich nur in der blauen Festung bewegen und jedem der sich
traute mit mir zu sprechen, wurde vom Despoten persönlich, die Zunge
herausgeschnitten. Den Anblick der Menschen, aus dessen Mund Blut
quoll, würde ich nie wieder vergessen. Die Blicke derer, die mich in
dem Augenblick anflehten, jagen mich noch heute aus dem Schlaf.
Ich versuchte eines Tages mit dem König zu reden und bat um meine
Freilassung. Er sprach kein Wort mit mir. Seine Antworten auf meine
Fragen, gab mir anschließend sein Foltermeister. Antworten, die sich
auf meinem Körper verewigt haben und mir Aufschluss gaben.
Als er dann wieder einmal auf dem Turm stand und auf sein Reich starrte
ging ich auf ihn zu. Er hatte, zu meiner Überraschung, die Augen
geschlossen, stand regungslos vor dem Abgrund und atmete tief ein. Ich
schlich mich an ihn heran und zog den scharfen Dolch aus meinem
Beinkleid.
Ich wurde vor Aufregung fast ohnmächtig und musste mich auf die Waffe
konzentrieren. Zustechen würde ich noch können, aber was dann passieren
würde, machte mir Angst. Würde die Wunde tödlich sein?
Ehe ich ihn erreicht hatte, drehte er sich aber blitzschnell um, zog
sein Schwert und mit einem Mal fiel der Dolch scheppernd zu Boden. Blut
lief über meine rechte Hand und eine dunkelblaue Klinge klebte an
meinem Hals. Schmerzen verzerrten mein Gesicht. Dann sprach er zum
ersten Mal zu mir.
„Ich werde niemals jemanden lieben können!“, schrie er und sah mir aufdringlich in meine Augen.
Blut tropfte an meinem Hals herab. Wir verharrten eine Weile in der
Position, bis er sein Schwert wieder plötzlich einsteckte. Ich sank auf
die Knie und bat um Vergebung. Er stieß mich weg und ich lag weinend
auf dem kalten Boden. Ich schluchzte, weinte und schrie gen Himmel.
Er hob mich prompt mühelos hoch und setzte mich auf das quaderförmige und abgeschrägte Mauerwerk.
"Warum?", fragte ich ihn noch und sah ihm in die dunklen Augen.
Dann stieß er mich hinunter. Ich fiel und erwachte nicht mehr in der blaue Festung. Mein erstes Leben war beendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.10.2007.
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