Michael Pernek

Invasion der Primaten

Für Fritz, der mich auf die Idee zu dieser Geschichte brachte...

Am 31. Januar 1961, 16:55 UT, startete von Cape Canaveral, USA, eine Trägerrakete namens „Redstone (MR-2)". Das einzige Crewmitglied trug den Namen Ham. Es war der dritte Start einer Mercury-Kapsel mit Hilfe einer Redstone-Trägerrakete und man hatte sich dafür entschieden, einen Schimpansen mit auf die Reise zu schicken. Wie bei seinen Vorgänger, den beiden Rhesusaffen Sam und Miss Sam, trug Ham als Namen eine Abkürzung der medizinischen Einrichtung, die ihn für den Flug fit gemacht hatte. Die Aufgabe der Trägerrakete und ihres Insassen bestand darin, Auswirkungen eines ballistischen Fluges auf einen Primaten zu untersuchen. Während der Mission traten Probleme mit der Mercury-Kapsel auf. Dies inspirierte mich zu dieser Geschichte...

Michael Pernek's

Invasion der Primaten

Ham ließ sich nicht von den bunten Lichtern auf der Konsole vor ihm ablenken. Er konnte den Himmel sehen, wie noch niemand vor ihm. In seiner kleinen Welt hatte es viel Außergewöhnliches gegeben, aber dies ging über das Fassungsvermögen des Primaten. Der Druck, der auf das einzige Besatzungsmitglied der Kapsel ruhte nahm zu und das nervtötende Geräusch welches sich ständig wiederholte begann Ham zu beunruhigen. Man hatte ihm etwas zu diesem Klang beigebracht. Es musste etwas wichtiges sein, worauf er nicht vergessen dürfte. Die Kräfte der Erde und die der Beschleunigung kämpften um den Flugkörper und machten Ham große Angst. Doch es hatte auch einen gewissen Reiz, hier oben zu sein. Niemand sonst konnte das nachvollziehen. Der Alarm dröhnte wieder durch Ham's Kopf. Es war eine Warnung, ja. Irgend etwas stimmte nicht.

„Was ist da oben los?", wollte Mr. Quatton wissen und beugte sich zur Überwachungsstation hinunter.

„Wir sind uns nicht sicher, Sir!", gab Mr. Trom zur Antwort. „Irgend etwas bringt die Kapsel vom Kurs ab!"

„Was soll das heißen, sie wissen es nicht!", knurrte Mr. Quatton, der letzte Nacht nicht viel Schlaf bekommen hatte

„Nun, das bedeutet, das wir es nicht wissen, Sir."

„Dann finden Sie es heraus!"

„Ich bin dabei.", erklärte Mr. Trom und wandte sich wieder seinen Berechnungen zu.

Mr. Quatton blickte auf den übergroßen Bildschirm, der fast den gesamten Raum einnahm. Eine grüne Linie symbolisierte den berechneten Kurs des Flugkörpers und eine rote zeigte den jetzigen an. Nicht einmal ein völliger Narr konnte die Abweichung übersehen. Das war erschreckend! In den Testreihen hatte es zwar genauso wenig funktioniert, aber diesmal hatten sich alle Beteiligten richtig Mühe gegeben. Schließlich schoss man ein Lebewesen in die Luft. Es war zwar eine untergeordnete Spezies, doch wie sollte man den Verlust einer solchen den zahlreichen Verbänden erklären? Wie so viele andere Institutionen und Branchen hatte sich die Raumfahrt mit Versuchen an niederen Lebensformen nicht beliebt gemacht. Ein weiterer Absturz würde einen ohnehin angeknacksten Ruf völlig ruinieren.

Ein Blinken erregte Mr. Quatton's Aufmerksamkeit.

„Was ist nun?"

„Wir versuchen Kontakt mit der Kapsel aufzunehmen.", erklärte Mr. Trom geduldig.

„Und funktioniert es?"

„Das werden wir in wenigen Augenblicken wissen, Sir."

Ein Rauschen gesellte sich zu dem Alarm und Ham erkannte vertraute Stimmen aus einem Runden etwas. Er verstand nur Bruchstücke der Gesprochenen. „Ham....kannst.....Hören?"

Der Primat antwortete.

„Was soll das heißen?", wollte Mr. Quatton übersetzt.

„Ich schätze, es bedeutet, Ja"

„Das niemand hier in einer vernünftigen Sprachen antworten kann.", knurrte Mr. Quatton.

„Sir, Ham ist ein..."

„Schon gut, schon gut! Fragen Sie die unqualifizierte Arbeitskraft da oben, was es für Probleme gibt."

Wieder drangen Worte an Ham's Verstand und wollten verstanden werden.

„Was?...bei dir...los?"

Der Raumfahrer zwang sich zu einem Pult mit großen, bebilderten Knöpfen. Er schlug mit der Faust auf eine Symbol und ließ sich von den G-Kräften wieder in seinen Sessel pressen.

„Was sagt er?"

„Ham kann nicht wirklich sprechen, Sir."

„Und warum nehmen wir dann mit ihm Kontakt auf?!", brüllte Mr. Quatton.

„Weil er sich uns anders mitzuteilen weiß.", gab Mr. Trom zur Antwort. „Er hat uns eine Nachricht geschickt. Hier, sehen Sie!"

Quatton blickte auf dem Bildschirm.

„Ein Fragezeichen?"

„Das bedeutet, das Ham uns nicht sagen kann was geschieht."

„Wunderbar, Toll, HERAUSRAGEND!", schrie Mr. Quatton. „Haben sie vielleicht noch so ein paar Ideen auf Lager?"

Wenn die Kapsel verloren geht und keine Daten von dem Flug vorhanden wären, die man vorzeigen konnte, ging es mit Mr. Quatton's Karriere, genauso hinab wie es mit der Kapsel hinauf ging.

„Beim jetzigen Kurs wird unser Projekt in 2 Minuten und 34 Sekunden die Anziehungskraft der Planeten verlassen", kam eine Stimme von einer anderen Überwachungsstation.

„Das ist ja furchtbar! Tut doch was!", bettelte Mr. Quatton.

„Tut mir leid, Sir.", sagte Mr. Trom und nahm seine Hände von den Konsolen. „Wir können nichts mehr tun."

„Was soll das heißen, es tut ihnen leid? Ich bin erledigt!"

„In der Tat, Sir. Und ich möchte als erster sagen, dass ich die Arbeit mit Ihnen sehr genossen haben."

„Sie empfinden Freude bei diesen Worten, nicht wahr?", bemerkte Mr. Quatton entsetzt.

Mr. Trom lächelte ertappt.

Die Wolken waren verschwunden und Schwärze breitete sich vor dem Sichtfeld Ham's aus. Das war nicht mehr richtig, wusste der Primat. Hier sollte er nicht sein.

Weiße Punkte wiesen mit ihrem Licht auf ihre Existenz hin und hinter der Kapsel wurde die Welt runder und fremder. Ham spürte erneute Beschleunigung. Er wurde von etwas angezogen, das sich in der gewaltigen Schwärze verbarg. Der Knopf mit dem Fragzeichen wurde mehrfach betätigt, doch das Rauschen war verklungen und die Stimmen taten dem gleich. Der Alarm war als einziges geblieben.

Die Kapsel erreichte ein noch unbekanntes Phänomen, wie sie der Weltraum im Massen bereit hielt, und wurde hineingezogen. Der Druck stieg weiter an und Ham verlor das Bewusstsein.

Von einem Rumpeln wurde der Raumfahrer wieder geweckt. Er befand sich noch immer in der Kapsel und etwas raste mit großer Geschwindigkeit auf ihn zu. Er hatte so etwas schon einmal gesehen und zwar erst vor kurzer Zeit. Das war der Weg nach Hause! Er kam wieder auf seine Heimat zu. Dies hatte er trainiert und so wusste er, dass die Anfluggeschwindigkeit zu hoch war. Es war höchste Zeit, auf diesen einen Knopf zu schlagen.

Die Kapsel wurde gebremst und verharrte kurz in der Luft. Einige Minuten vergingen, bis sich Ham wieder vollständig gefangen hatte. Er konnte sich an das, was geschehen war, nicht richtig erinnern, doch seine Mission schien wieder in normalen Bahnen zu verlaufen. Sein Kopf dröhnte und er hatte nur wenig Gewalt über seinen Körper. Die blinkenden Lichter funktionierten noch und der Autopilot hatte ebenfalls funktioniert. Einige Surrgeräusche machten dem Primaten Sorgen, aber die würden sicher wieder verschwinden. Ein grauer Kasten explodierte und Ham hob schützend die Hände über den Kopf. Die Kapsel begann zu schlendern und fiel aus den Wolken.

Das Sicherheitssystem hatte wieder Alarm ausgelöst und einige Bildschirme zeigten massiven Schaden an der Kapsel an. Ham befreite sich aus der lebensrettenden Vorrichtung, die nun auch ihm vor dem schlimmsten bewahrt hatte. Er verspürte große Schmerzen, doch wenn ihn die Wissenschaftler bald finden würden, wäre das halb so schlimm. Einmal war der Primat aus einer Maschine gefallen, die sich schnell in Kreis drehte und damals hatte er ebensolche Schmerzen. Nachdem ihn die Wissenschaftler gefunden hatten, stellten sie mit ihm Dinge an, die bewirkten, dass es ihm wieder besser ging. Ham musste auf sich aufmerksam machen, um schneller gefunden zu werden. Er schleppte sich zur Einstiegslocke. Blaue Funken stoben um ihm herum aus mechanischen Geräten. Der Primat rammte mit seiner Hand einen roten Schalter ein und die Luke sprengte sich auf. Mit einem Schlag bekam Ham weniger Luft und ihm wurde schummerig zumute. Es war finster außerhalb der Kapsel und die Augen brauchten ein wenig, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ham stützte sich an der Luke ab und stolperte nach draußen. Etwas flog über ihn hinweg und beleuchtete die Absturzstelle. Das mussten sie sein! Sie waren gekommen um ihn zu holen!

Einige Gestalten näherten sich aus der Dunkelheit und trugen ebenfalls Lichtstrahler bei sich. Ham winkte seinen vermeintlichen Rettern zu und brauchte seine letzten Kräfte auf. Das ungewohnte Sauerstoffgemisch riss ihn schließlich von den Beinen und er sackte in sich zusammen. Der Primat konnte die Schritte näher kommen hören. Vorsichtig schlich man an ihn heran. Jemand sagte etwas in Lauten, die Ham noch nie zuvor vernommen hatte. Er blickte auf und stellte zu seinem Schrecken fest, dass es nicht die Wissenschaftler waren, die ihn gefunden hatten.

Es war eine Rasse, die ihm fremd war. Sie war groß und trugen einen Pelz an der Oberseite ihres Kopfes. Mit kleinen Augen blickten die Kreaturen auf Ham hinunter. Der Primat zitterte am ganzen Leib. Die Wesen unterhielten sich miteinander ohne dabei Ham aus den Augen zu lassen. Sie hatten ihre Körper mit Soff verhüllt und der Wind zerrte daran.

Was war bloß geschehen? Wo hatte es dem Primaten hinverschlagen? War dies doch nicht seine Heimat?

„Es scheint noch am Leben zu sein.", bemerkte einer der fremdem Lebensformen, für Ham unverständlich.

„Was ist das?", wollte ein anderer wissen.

„Solange wir das nicht wissen, bleibt die Sache unter Verschluss.", befahl jemand. „Fahren Sie ins nächste Krankenhaus und suchen Sie dort einige Verschwiegene oder leicht einzuschüchternde Leute. Ich will nicht, dass dieses... Ding stirbt, haben sie mich verstanden?"

„Ja, Sir!".

Eine der unbekannten Kreaturen verlies das Geschehen.

„Ist die Gegend abgeriegelt?"

„Wir haben alles dicht gemacht."

„Gut, einige hundert Meter von hier ist ein Flugzeughangar. Bringen Sie das Wrack dort unter und lassen Sie nicht das kleinste Stück unbedacht liegen."

„Sir, ich muss meinen Bericht machen", meldete sich jemand zu Wort. „Was soll ich über den Absturz schreiben?"

„Schreiben Sie, dass am 22:00 Uhr in der Nacht von Freitag auf Samstag ein Flugobjekt über dem U.S. Stützpunkt bei Roswell gesichtete wurde. Es fiel durch seine ungewöhnlichen Manöver auf... Verdammt!... Das Ding hat sich 5 Minuten in der Luft halten können und das regungslos." Der Befehlshaber blickte auf einen seiner Männer, der sich Dinge in seinem Notizbuch aufschrieb. „Streichen Sie das letzte! Es stürzte unweit des Stützpunktes ab und ein Passagier scheint noch am Leben zu sein."

„So ich das wirklich so schreiben?"

„Was fragen Sie mich, ich bin nur ein Soldat!" Der Befehlshaber blickte wieder auf Ham, dessen grauer Körper noch immer verängstigt zitterte. Die Augen des außerirdischen Primaten waren fast so groß wie die Hand eines Menschen und seine Gliedmassen waren so zierlich und zerbrechlich, im Verhältnis zu seinem riesigen Kopf. Was immer dieses Wesen sein mochte, es war nicht von der Erde!

„Glauben Sie es wären noch mehr diese Geschöpfe kommen?"

Der Befehlshabe brummte nachdenklich.

„Sprechen sie von einer Invasion?"

„Möglich, vielleicht."

„Man wartet auf ihren Bericht", schloss der Befehlshaber die Unterhaltung.

„Ja, Sir!"

Ham schrie auf, denn langsam begann sich seine Wahrnehmung zu trüben. Er wollte, dass dies nur ein böser Traum war. Er wollte wieder zurück auf seine eigene Welt. Ein Ort, an dem die Luft frisch und der Himmel rot war. Das Licht von Taschenlampen überflutete seinen Körper und es wurde kalt. Eisig kalt.

1949 stürzte ein Flugobjekt über Roswell ab und man vermutete noch heute, dass es sich um ein Ufo gehandelt haben könnte. Weiter wird behauptet, dass einer der Besatzung den Absturz überlebt haben soll und den eintreffenden Männern gewunken habe. An dieser Geschichte klammern wir unsere Vorstellung von Außerirdischen. Filme zeigen extraterrestrisches Leben nach dem Vorbild, dass die vermeintlichen Beobachter des damaligen Geschehens, geschaffen haben. Die Invasion unseres Geistes und unserer Fantasie hatte damals in Roswell begonnen. Und sie ist heute nicht mehr aufzuhalten. Der Passagier des außerirdischen Flugobjekts, dem ich in diese Geschichte den gleichen Namen wie des Schimpansen Ham von Mercury-Redstone 2 Projekt gab, wurde zu unserer Vorstellung von intelligentem Leben im All. Aber was wäre wenn eine Lebensform auf einem anderen Planeten ebenfalls den Raumflug an niederen Primaten ihrer Spezies testen wollte. Was wenn diese „außerirdischen Affen" bei uns gelandet währen. Für was würden wir sie halte? Und was würden wir den echtem intelligentem Leben sagen, wenn wir ihm begegnen? Ich stelle mir das etwa so vor: „Warum hat der Erdling gerade „Ugh" zu mir gesagt?"

Unser Streben, selbst einmal zu den Sternen zu reisen, hat viele Opfer gekostete. Der echte Schimpanse Ham, der damals mit der Mercury-Redstone 2 (MR-2) in dem Himmel gereist war, gehörte glücklicherweise nicht zu ihnen. Sein Flug dauerte 16 Min. und 39 Sek. Die Kapsel legte eine Strecke von 670 km zurück und erreichte eine Höhe von 250 km. Es gab zwar einige Komplikationen während und nach dem Flug, doch all diese Probleme schienen Ham nicht weiter zu irritieren. Der Schimpanse konnte unversehrt aus der Kapsel geborgen werden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.08.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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