Josef Haider

Michal

„Ich vermag darin nicht zu gehen,

 

denn ich habe es noch nie versucht“,

 

sprach David und

 

legte die Rüstung wieder ab.

 

„1 Samuel (Kg) 17“

 

 

 

Ich setzte mich auf meinen Couchsessel und versuchte mich zu entspannen. Vivaldis Vierjahreszeiten drehten stoisch ihre Runden am Plattenteller und im Fernseher lief eine Aufzeichnung eines Snooker-Spieles. O`Sullivan gegen Hendry, das Halbfinale der Weltmeisterschaft in Sheffield. Ich habe noch nie in meinem Leben Snooker gespielt, aber das Zusehen beruhigt mich ungemein. Wenn die bunten Kugeln über den Filzbelag rollen, gerate ich beinahe in einen meditativen Zustand.

 

Doch am heutigen Abend war ich nicht zu beruhigen. Meine Hände fühlten sich an wie Eiszapfen und das Pochen meines Herzens glich dem Trommelschlag auf einer Galeere, kurz bevor sich das Schiff in die Schlacht stürzt. Unweigerlich tauchte eine Episode aus meiner Kindheit auf:

 

Ich sah mich am Spielplatz mit meinem Cousin Alexander. Er war mein bester Freund und gleichzeitig mein Lieblingsfeind. Unsere Väter führten gemeinsam einen Steinbruch am Radlpass, gleich neben der slowenischen Grenze. Unsere Mütter konnten sich nicht leiden und trugen ihre Konkurrenz auf unseren Schultern aus. Verstärkt wurde die Situation dadurch, dass wir acht Jahre lang die gleiche Klasse besuchten. „Welche Note hat Alexander auf die Mathematikschularbeit? Wie schnell ist er die 100 Meter gelaufen? Warum wurde er in den Begabtenunterricht aufgenommen und du nicht?“ Mit solchen Fragen quälte mich meine Mutter und ich bin mir sicher, dass Alexanders Mutter meiner dabei um nichts nachstand.

 

 

Wir beschäftigten uns hingegen mit anderen Fragen: Wer von uns küsst vorher ein Mädchen? Wer hat den stärkeren Bartwuchs? Und wer gewinnt beim Computerspiel Super Mario Bros zuerst den Schlusskampf?

 

Neben diesen Fragen interessierte uns eine ganz besonders: Wer war eigentlich der Mutigere von uns beiden? Zeigte ich unserer Lehrerin den Vogel, zeigte er ihr den gestreckten Mittelfinger und raufte er mit einem Buben aus unserer Klasse, prügelte ich mich mit einem älteren. Es war an der Zeit eine Disziplin zu finden, die wirklich Mut erforderte. In dieser mussten wir uns messen!

 

Wir verbrachten einen ganzen Nachmittag damit uns grauenhafte Wettkämpfe auszumahlen. Nachdem wir zu keinem Schluss kamen, entschieden wir einen erfahrenen Mann zu fragen, was Mut bedeutete. Unser Großvater hatte in zwei Weltkriegen gedient und war vier Jahre in russischer Gefangenschaft. Er musste wissen was es heißt mutig zu sein.

 

Unser Großvater war seit dem Krieg gehbehindert und verbrachte den Großteil seines Lebensabends im Schaukelstuhl in seinem Schlafzimmer. Er freute sich über unseren Besuch und erzählte uns eine Geschichte. Wir setzten uns auf den Boden und lauschten seinen Worten:

 

 

„Vor vielen Jahren lebte im fernen Land Israel ein Junge namens David. Er war der jüngste von acht Söhnen und arbeitete als Hirte am Feld. Seine Heimat wurde vom Volk der Philister bedroht. Goliath, der stärkste aller Philister, forderte einen Israeliten zum Kampf. Das Volk des Verlierers sollte sich von da an dem Volk des Gewinners unterwerfen.

 

Goliath war über 2 Meter groß, trug einen eisernen Helm am Kopf und war mit einem Schuppenpanzer bekleidet. Auf den Beinen hatte er eiserne Schienen und auf den Schultern trug er einen eisernen Wurfspeer. König Saul versprach seinen Kriegern eine seiner wunderschönen Töchter und grenzenlosen Reichtum, aber kein Israelit wagte den Kampf. Lediglich der junge David, der Prinzessin Michal bereits lange aus der Ferne liebte, war dazu bereit.

 

Der König übergab David die beste Ausrüstung, die er besaß. Er bekleidete ihn mit seinem Waffenrock, setzte ihm einen eisernen Helm auf das Haupt und zog ihm einen Panzer an. David umgürtete sich mit Sauls Schwert, doch damit konnte er sich kaum noch bewegen. Zu schwer war die Rüstung für seinen knabenhaften Körper. „Ich vermag darin nicht zu gehen, denn ich habe es noch nie versucht“, sprach David und legte die Rüstung wieder ab.

 

Bekleidet mit dem notwendigsten und bewaffnet nur mit einer Steinschleuder stellte er sich dem Kampf. Während sich Goliath in seiner schweren Rüstung nur langsam bewegen konnte, bewegte sich David flink um den Riesen herum. Goliath verlor seinen Kontrahenten immer wieder aus seinem Blickfeld und so konnte David eine Unachtsamkeit des Philisters nutzen und ihm einen Stein genau zwischen die Augen schleudern. Er war auf der Stelle tot.

 

 

Hätte David einen Panzer getragen, dann hätte er seine Schnelligkeit nicht ausspielen können und wäre wohl unterlegen. Aber indem David seine Rüstung ablegte und bereit war, verletzt zu werden oder gar zu sterben, sicherte er sich den entscheidenden Vorteil.

 

Ihr wolltet wissen, was das Mutigste ist, das man im Leben tun kann? Wenn wir unseren Panzer ablegen, auch auf die Gefahr hin schwer verletzt zu werden, dann handeln wir mutig. Wenn wir unsere gewohnte Sicherheit aufgeben und uns einer neuen Situation stellen, dann wachsen wir über uns hinaus. Am verletzlichsten sind wir, wenn wir lieben, denn dann öffnen wir uns ganz. Dann legen wir den Panzer ab und lassen einen anderen Menschen an unserem Leben teilhaben. Den höchsten Mut erfordert daher die Liebe!“

 

Alexander und ich warfen uns fragende Blicke zu, denn wir verstanden die Geschichte nicht. Doch heute weiß ich, was mein Großvater damals meinte.

 

 

Ich dachte noch an ihn, als mich ein Läuten an der Haustür in die Gegenwart befahl. Nun blieb mir nicht mehr viel Zeit, denn heute musste ich meinen Goliath bezwingen um meine Michal zu erobern. Zu früh in meinem Leben hatte ich mein Herz verschlossen und lebte nur für mich. Doch seit einiger Zeit kannte ich eine Frau namens Anna und liebte sie Tag für Tag mehr. Heute würde ich alles riskieren und sie bitten meine Frau zu werden.

 

Ich hörte, wie ihre Schritte immer näher kamen. Vor Aufregung spürte ich meine Beine nicht mehr. Mein Puls schien zu rasen. Als es an der Wohnungstür läutete hielt ich inne. Dieser Moment würde mein Leben nachhaltig verändern. Als ich öffnete, spürte ich, wie mein Panzer von mir abfiel.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.10.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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