Gaby Schumacher

Mehr tot als lebendig

Ich ging zum Zahnarzt. Nein, mich plagten keine Schmerzen, sondern ich wollte ausnahmsweise Mut beweisen.

"Hoffentlich findet der nicht doch was!"


Noch bevor ich überhaupt die Praxis betreten hatte, war ich bereits reif für die Dusche. Zögernd marschierte ich im Zeitlupentempo zur Rezeption und flüsterte mein Anliegen. Dabei blickte ich der Helferin bemüht gelassen in die Augen. Sie sollte bloß nicht merken, wie ich mich tatsächlich fühlte.

"Aha, würden Sie sich bitte noch einen Moment ins Wartezimmer setzen? Wir rufen Sie dann gleich auf."


´Gleich` klang wie Musik in meinen Ohren. Es versprach mir nämlich eine wahrscheinliche Galgenfrist von bis zu anderthalb Stunden. Allerdings würde ich während dieser Zeit nach meinen bisherigen Erfahrungen aus früheren Praxisbesuchen vor Bammel so etwa tausend Tode auf einmal sterben.

"Ja!", brachte ich stockend heraus, nickte brav und stakste auf Wackelbeinen gen Wartezimmer.


Zum Glück hockten dort allein zwei bemitleidenswerte Gestalten. Eine ältere Frau hielt sich stöhnend ihre relativ geschwollene Wange und deshalb absolut nichts von Smalltalk. Der junge Mann neben ihr avancierte in den nachfolgenden Minuten in meinen Augen zum Superhelden, denn er schilderte in fröhlichstem Tonfall seine zu erwartende Kiefernoperation und vergaß dabei auch kein noch so winziges Detail.


Dies versetzte mich mitnichten in euphorische Partystimmung, sondern suggerierte mir dessen sämtliche Beschwerden ein. Infolge fühlte ich mich zusehends elender. Diese Praxis - davon war ich dann felsenfest überzeugt - würde ich garantiert als Leiche verlassen.


Die Sekunden wurden zu Minuten, diese zu Stunden und die halbe Stunde, die ich dann wider Erwarten tatsächlich nur warten musste, erschien mir wie mindestens ein ganzer Monat. Längst saßen wir drei Zahnarztopfer uns schweigend gegenüber und harrten der Lautsprecherdurchsage, die uns in die Höhle des Schleifzangendoktors beordern würde.

Ich war nass geschwitzt bis auf die Haut, knetete meine kalten, bebenden Finger und betrieb krampfhaft Zehengymnastik, um meinen gleichfalls kühlschranktemperierten Füßen wieder Leben einzuhauchen. Schließlich brauchte ich sie dringend für den Gang zum Folterstuhl.


„Frau S., bitte in den Behandlungsraum Eins!“

Es war soweit. Ich schluckte, erhob mich und schlich mit puterrotem Kopf vor Aufregung sowie in geduckter Haltung zum Ort des Grauens. Er lag am anderen Ende des schmalen Ganges, an dessen rechter Wand drei große Fenster winkten. Offensichtlich kannte der Doktor aber seine Pappenheimer, denn jene Fluchtluken waren fest verriegelt.

„Kein Wunder! Andernfalls nagte der schon längst am Hungertuche!“


Wieso setzte ich eigentlich so deprimiert Fuß vor Fuß? Stattdessen hätte ich doch jubeln müssen, denn mich als Privatpatientin erwarteten ein überaus herzliches Lächeln und ein extra fester Händedruck zur Begrüßung.

„Hallo, Frau S.! Womit kann ich Ihnen dienen?“

Der Gehirncomputer des Menschenfreundes da vor mir war echt auf Draht.

„Das allein gibt schon 50 Euro!“

Gemessen daran, dass mich Dr. Reißraus empfing wie eine seiner engsten Freundinnen, fand ich es ausgesprochen blamabel für ihn, dass er da noch auf die Karteikarte schielen musste, um zu wissen, warum ich dermaßen bibbernd vor ihm stand.


Sicherlich hatte ihn seine Assistentin vorgewarnt, mit welch` einem Jammerlappen er es zu tun bekam. Ich konnte mir lebhaft ausmalen, wie jene Unterhaltung abgelaufen war.

„Herr Doktor. Die fällt vielleicht sogar vor Schiss in Ohnmacht!“

„Egal - wir lassen uns nichts anmerken. Sie ist privat versichert!“, hatte er mit Verschwörermiene zurück geflüstert und hinzu gesetzt: „Ein bisschen Trost, dann ist auch Frieden ... “

Beide hatten sich garantiert höchst vergnügt die Hände gerieben.


„Ich möchte mir den Zahnstein entfernen lassen!“

Das ´möchte` war dick gelogen. Der Rest stimmte.

„Na, das ist ´ne Sache von zwei Minuten. Nehmen Sie schon mal Platz!“

Einladend deutete er auf eine auf einem Sockel angebrachte, mit dickem Leder bezogene Luxusliege. Mit Schlachttiermiene legte ich mich nieder und wartete auf mein letztes Stündlein. Dr. Reißraus wühlte in seinen Instrumenten, fand leider Gottes sehr fix das passende und trat zur Liege. In meiner Angst verglich ich im Stillen dieses blitzende Etwas in seiner Hand mit meiner Gartenharke.


Gerade kniff ich, mich in mein unausweichliches Schicksal ergebend, die Augen zu, da machte es ´rums`!

„Huch!“

Erschreckt riss ich die Augen wieder auf und kam mir ziemlich doof vor. Auf welchem Stern lebte ich eigentlich? Selbstverständlich waren diese Stühle höhenverstellbar.

„Raffiniert. Der sagt sich: Je höher die schwebt, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie im letzten Moment noch davon düst!“

Leider traf das eindeutig zu. Ich war gefangen, ausgeliefert ohne jegliche Rückzugsmöglichkeit. Völlig aufgelöst ob dieser Erkenntnis, krallte ich verzweifelt meine Finger nach Halt suchend ins Leder.


„Sie werden nichts spüren!“

Mit seiner Miniharke in der Hand stand Dr. Reißraus vor mir und lächelte mich aufmunternd an.

„Eigentlich ist er recht sympathisch. Vielleicht ist der ja doch kein Mörder!“

Das half mir immerhin insoweit, dass ich tatsächlich den Mund aufsperrte.

„Gaanz ruhig! Ich erkläre Ihnen genau, wie ich vorgehen werde. Zuerst ...“


Mit extra sanfter Stimme hielt er mir dann einen äußerst ausführlichen Vortrag darüber, was er zuerst und darauf und dann danach zu tun gedachte. Er hätte sich seine Bemühungen sparen können. Ich stand kurz vor drohender Umnachtung und kriegte von all dem nur noch wenige Wortfetzen wie aus weiter Ferne mit.

„Lass das Quasseln und mach` schon!“, flehte ich insgeheim.


Endlich wurde er aktiv. Es ratschte ein wenig, erst oben und unten seitlich und schließlich vorne. Mehr passierte nicht.

„Tut wirklich nicht weh, hm!“, dachte ich.

„So, Frau S., das war`s schon! – Der Zahnstein ist weg. Alles prima!“

Dr. Reißraus grinste ob meines kalkweißen Gesichtes, dass aber wegen seiner erlösenden Worte bereits wieder an gesunder Farbe gewann.


„Wann waren Sie wohl das letzte Mal beim Zahnarzt?“, fragte er da amüsiert.

Mich beschlich das mehr als zutreffende Gefühl, dass er mich durchschaut hatte. Mir wurde es heiß, mein neuerlich gesunder Teint wurde mehr als gesund und ich infolge rot wie eine überreife Tomate.

„Vor zehn Jahren so ungefähr!“, druckste ich herum.


„Wiiee!??“

Dr. Reißraus prustete los.

„Sie können von Glück sagen, dass Sie dermaßen gesunde Zähne haben. Ich schlag` Ihnen aber trotzdem, bis zum nächsten Mal vielleicht nicht ganz soviel Zeit verstreichen zu lassen. Wie wäre es denn, Sie kämen schon in fünf Jahren wieder ... ?“


Immer noch lachend, schüttelte er fassungslos den Kopf. Plötzlich fand ich ihn richtig nett. Erleichtert lachte ich mit.

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.11.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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