ZIMMER 28
Der alte Trakt des Yamamoto Hotels liegt etwas versteckt: Man gelangt zu ihm, indem man am Ende der Auffahrt das neue Hauptgebäude links liegen lässt, sich durch den angrenzenden Bambushain hindurch schlägt und dann den dahinter liegenden Hügel erklimmt. Dann steht man vor dem wahren Yamamoto.
Ich habe den Hügel fast geschafft. Das alte Haupthaus liegt bereits in Sichtweite, da muss ich den Lederkoffer doch noch einmal in das frisch gemähte Gras abstellen und durchatmen. Auf dem angrenzenden Golfplatz erkenne ich einen Freund. Ich nehme den Strohhut vom Kopf und winke damit. Er sieht mich nicht. Gerade möchte ich ihn rufen, da fällt mir ein, dass ich noch nicht einmal seinen Namen kenne und alles was ich daher zustande bringe ist ein heiseres Krächzen. Instinktiv halte ich mir die Hand vor den Mund. Der Freund legt einen sauberen Abschlag hin. Die Haut meiner Hand ist wie altes Leder. Rau und spröde spannt sie sich über zähes Fleisch. Wenn ich sie gegen die Sonne halte, meine ich, das Knochengerüst darunter erkennen zu können, so durchsichtig ist meine Haut geworden. Wie antikes Pergament.
Am schmiedeeisernen Haupttor setze ich den Koffer abermals ab um durchzuatmen. Der Blumengarten des Yamamoto ist eine botanische Schatztruhe. Von überall her kommen die seltenen Pflanzen, welche die Gärtner zusammengetragen und hier kultiviert haben. Die über dem Garten stehende Luft ist schwanger von aberdutzenden Blütendüften. Es ist kaum möglich zu atmen. Schwere Luft sinkt einem in die Lunge. Man merkt, dass etwas davon in den Bronchien zurück bleibt, wenn man wieder ausatmet. Einige der Blüten sind geschlossen. Sie öffnen sich nur in klaren Nächten. Das verursacht dann immer einen merkwürdigen Klang, in etwa so wie von einer Geigenseite, die man ganz zart und langsam mit dem Bogen bespielt. Dann vibrieren alle Fensterscheiben des Westflügels, auch die von Zimmer 28. Aus einem der Beete breche ich mir eine Wasserminenhyazinthe ab und befestige sie mit am Saum meines Sakkos. Ihr seltsamer, irgendwie klebriger Duft scheint an der Luft regelrecht zu haften. Auf einmal fühle ich mich wie einbalsamiert. Ein öliger Film legt sich über meine Augen, aber von innen. Taumelnd, und von einer plötzlichen Narkose übermannt, kämpfe ich den Koffer und mich durch das mit rätselhaften Schnitzereien verzierte Holzportal des Haupteinganges.
Eine ernüchternde Kälte geht von der mit weißem Marmor ausgekleideten Lobby aus. Der helle Raum blendet mich. Es fällt mir schwer, in dem weißen Nichts einen Fokus für meine ohnehin strapazierten Augen zu finden. Noch während ich mich an das grelle Licht gewöhne, nähern sich eilig trappelnde Schritte. Etwas streicht an meinem Schienbein entlang. Dann entfernen sich die Schritte wieder, begleitet von einem schleifenden Geräusch. Man kümmert sich um mein Gepäck. Aus dem Weiß zeichnen sich mehr und mehr die Umrisse einer Gestalt ab. Erst jetzt erkenne ich, dass ich am Tresen der Rezeption stehe, vor mir das vertraute Gesicht der Empfangsdame. „Guten Abend!“ Eine Stimme wie Seide. Sie kommt von weit her. Die Empfangsdame spricht ohne die Lippen zu bewegen. Das war schon immer so. „n’ Abend, ich hatte reserviert“. Ihr verborgenes Lächeln. „Jawohl, wie immer Zimmer 28!“ Sie behält den Schlüssel abwartend in der Hand. „Sie sind alt geworden?“ stellt sie vorsichtig und mit allem meiner Person gebührenden Respekt fest. Ich muss wieder auf die Hand blicken, die zitternd über dem Tresen darauf wartet, den Schlüssel entgegennehmen zu dürfen.
„Meine Güte! Was ist nur mit Ihnen passiert?“ Es ist der Freund. Er steht direkt hinter mir. Ungläubig streicht der Freund über mein Haar. Er und die Empfangsdame wechseln einen Blick. „Es ist nicht weiter schlimm“, versuche ich die Situation herunterzuspielen. Natürlich ist das gelogen. Langsam macht der Freund ein paar Schritte rückwärts, ohne sein gaffendes Antlitz von mir abzuwenden. „Na ja, dass ist ja auch Ihre Sache, aber…“ Er ist bei seiner Golfausrüstung angekommen und tastet ohne hinzusehen nach einem Schläger.
„…an Ihrer Stelle würde ich auf eine weitere Nacht in Zimmer 28 verzichten!“ Mit dem Schläger macht er ein paar lockere Schwünge über den Marmor. Ich lasse mir von der Empfangsdame den Schlüssel geben. „Ich habe reserviert“ sage ich gepresst in seine Richtung. Mir fällt wieder ein, dass ich den Freund eigentlich nicht besonders gut leiden kann. Entschlossen steuere ich auf den breiten Treppenaufgang zu. Der Freund legt einen sauberen Abschlag hin; haarscharf an der Empfangsdame vorbei und durch die offene Verandatür hinaus.
Ein Page schließt die Tür auf und bringt mein Gepäck herein. Ich suche in meinen Taschen nach einem angemessenen Geldstück, finde eins, werfe es auf den Etagenflur hinaus, kann noch hören wie die trappelnden Schritte das metallisch klingende Kullern der Münze verfolgen. Dann ziehe ich die Tür ins Schloss. Zimmer 28 ist ein geräumiger Raum mit einer ausgesprochen hohen Decke. Ich kann nicht sagen wie viel Zeit ich in diesem Raum in Wirklichkeit verbracht habe. Alles scheint sich zwischen diesen vier Wänden aufzulösen. Mein Koffer – bis zum Rand gefüllt mit purem Ballast. Ein Gewicht, das entgegen den Sog wirken soll, dem ich mich stellen werde. Der Koffer ist etwas zum Festhalten. Und Zimmer 28 verführt einen dazu, ihn loszulassen. Unter den Fenstern beginnen die Blumen zu singen. Bin ich überhaupt schon einmal hier gewesen?