Seien wir doch mal ehrlich: Wir belügen uns ständig. Jeden Tag machen wir uns was vor. Und am Abend, wenn die Reue über unsere reflexive Unaufrichtigkeit in uns hinauf kriecht schlucken wir ein paar Male und lassen eine neue Lüge hinabsacken: „Ich vertraue Dir vollkommen“ oder, „Du bist immer noch der beste“. Erst letztens habe ich ein Oktoberfestlebkuchenherz direkt an meinem Badezimmerspiegel befestigt, dass es mich immer erfreue wenn ich mein eigenes Angesicht betrachte. „Ich hab Dich unendlich lieb!“ steht da in weißen Schreibschriftlettern aus Zuckerguss. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Es ist blanker Hohn. Ich komme grad mal eben so mit mir aus.
Oft genug schon spielte ich heimlich mit dem Gedanken mich selbst anzuzeigen. Ein anonymer Tipp bei der Polizei. Sie würden mich abholen mich mit irgendwelchen völlig aus der Luft gegriffenen Vorwürfen konfrontieren und ich weiß genau, dass ich ihren vorgebrachten Anschuldigungen nichts entgegenzusetzen hätte. Das Überraschungsmoment würde mich erbarmungslos zu einem hilflos zitternden Mäuschen minimieren. Im Schlafzimmer würde ich unter Aufsicht der Beamten einige Wäschestücke in eine Plastiktüte stopfen und danach im Bad das Rasierzeug suchen. Ob ich denn das kleine Oktoberfestherz da am Spiegel auch mitnehmen dürfe, würde ich schüchtern eine wasserstoffblondierte Polizistin mit Pferdegebiss fragen. Aber sie würde nur verächtlich schnauben und dann das Herz aus seiner verschweißten Plastikfolie befreien und es langsam und genüsslich auffressen.
Ich würde kollabieren und weinend in der Badewanne zusammenbrechen. Ein älterer Polizist würde mir mit dem Duschkopf Kaltwasserfontänen ins Gesicht spritzen während die blondierte Berufssadistin ein selbstgefälliges Bäuerchen ertönen lassen würde und sich die Krümel von der geliebten Uniform streichelt. Zu zweit würden sich mich durch den Wohnungsflur nach draußen schleifen. Unten an der Haustür würden wir auf meinen Vermieter und die verhasste Nachbarin treffen. Beide applaudieren überschwänglich. Der Vermieter gibt mir noch einen zünftigen Arschtritt mit auf den Weg. Im off höre ich wie die Nachbarin den Vermieter auf ein Glas Schampus in ihre Wohnung einlädt. Dann werde ich auf die Rückbank des Streifenwagens katapultiert. „Was soll das hier, ich hab doch gar nichts gemacht.“ In mir rasen die Gedanken. Eine innere Stimme antwortet von weither. „Stimmt. Du bist immer noch der Beste. Ich hab Dich unendlich lieb… Bähhähähä! Tschühüß!“ Dann die Ohnmacht.