Aarton Adenreich

Aus dem Zyklus: Kranke Gedanken II

   Seien wir doch mal ehrlich: Wir belügen uns ständig. Jeden Tag machen wir uns was vor. Und am Abend, wenn die Reue über unsere reflexive Unaufrichtigkeit in uns hinauf kriecht schlucken wir ein paar Male und lassen eine neue Lüge hinabsacken: „Ich vertraue Dir vollkommen“ oder, „Du bist immer noch der beste“. Erst letztens habe ich ein Oktoberfestlebkuchenherz direkt an meinem Badezimmerspiegel befestigt, dass es mich immer erfreue wenn ich mein eigenes Angesicht betrachte. „Ich hab Dich unendlich lieb!“ steht da in weißen Schreibschriftlettern aus Zuckerguss. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Es ist blanker Hohn. Ich komme grad mal eben so mit mir aus.
 Oft genug schon spielte ich heimlich mit dem Gedanken mich selbst anzuzeigen. Ein anonymer Tipp bei der Polizei. Sie würden mich abholen mich mit irgendwelchen völlig aus der Luft gegriffenen Vorwürfen konfrontieren und ich weiß genau, dass ich ihren vorgebrachten Anschuldigungen nichts entgegenzusetzen hätte. Das Überraschungsmoment würde mich erbarmungslos zu einem hilflos zitternden Mäuschen minimieren. Im Schlafzimmer würde ich unter Aufsicht der Beamten einige Wäschestücke in eine Plastiktüte stopfen und danach im Bad das Rasierzeug suchen. Ob ich denn das kleine Oktoberfestherz da am Spiegel auch mitnehmen dürfe, würde ich schüchtern eine wasserstoffblondierte Polizistin mit Pferdegebiss fragen. Aber sie würde nur verächtlich schnauben und dann das Herz aus seiner verschweißten Plastikfolie befreien und es langsam und genüsslich auffressen.
 Ich würde kollabieren und weinend in der Badewanne zusammenbrechen. Ein älterer Polizist würde mir mit dem Duschkopf Kaltwasserfontänen ins Gesicht spritzen während die blondierte Berufssadistin ein selbstgefälliges Bäuerchen ertönen lassen würde und sich die Krümel von der geliebten Uniform streichelt. Zu zweit würden sich mich durch den Wohnungsflur nach draußen schleifen. Unten an der Haustür würden wir auf meinen Vermieter und die verhasste Nachbarin treffen. Beide applaudieren überschwänglich. Der Vermieter gibt mir noch einen zünftigen Arschtritt mit auf den Weg.  Im off höre ich wie die Nachbarin den Vermieter auf ein Glas Schampus in ihre Wohnung einlädt. Dann werde ich auf die Rückbank des Streifenwagens katapultiert. „Was soll das hier, ich hab doch gar nichts gemacht.“ In mir rasen die Gedanken. Eine innere Stimme antwortet von weither. „Stimmt. Du bist immer noch der Beste. Ich hab Dich unendlich lieb… Bähhähähä! Tschühüß!“ Dann die Ohnmacht.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Aarton Adenreich).
Der Beitrag wurde von Aarton Adenreich auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.11.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Aarton Adenreich als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Sonnenaugen himmelwärts: 99 religiöse Gedichte in sieben Zyklen von Anke Buthmann



Verse und Reime fallen spielerisch aus einem Füllhorn in ein oft phantasievolles Ganzes. Leichtigkeit trotz schwerer Inhalte, Hoffnung und Zuversicht, Schönheit und Liebe führen hin zu dem Einen, der ALLES ist. Gott.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Weisheiten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Aarton Adenreich

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Zimmer 28 von Aarton Adenreich (Unheimliche Geschichten)
aus dem „PHYSIKalischen” Handschuhfach geplaudert von Egbert Schmitt (Weisheiten)
Ganz ohne Chance!? von Christina Wolf (Lebensgeschichten & Schicksale)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen