Inge Offermann

There is a morning after

„There is a morning after“, dünn, beinahe etwas monoton die Stimme der blonden Sängerin Nonnie. Das Lied ging in der ausgelassenen Menschenmenge unter. Sektgläser klangen, Lachen, Witze, Flirts – Silvesterstimmung auf dem Luxusdampfer „Poseidon“.
 
„May-Day, May-Day! “ Das Signal zerriss die Stimmung. Fragende Blicke, Unruhe. Ein fürchterlicher Stoss, das Schiff kippte fast senkrecht. Menschen, Tische, Geschirr, Lampen flogen durcheinander. Die Sängerin wühlte sich aus der Ecke, schüttelte ihren reglosen Bruder.
 
„Teddy ist tot.“ Schluchzend sank sie neben ihm zusammen, das Gesicht mit den Händen bedeckend. „Ich kann nicht mehr ohne ihn leben“.
 
„Kommen Sie!“ Ein Mann zerrte Nonnie gewaltsam weg.
 
Der Zahlmeister drang auf die verängstigten Passagiere ein. „Bleiben Sie, wo Sie sind. Das Schiff ist wasserdicht. Hilfe ist unterwegs.“
 
Menschen, darunter ein energischer Reverend, glaubten nicht daran. Ein Junge wusste, wo sich der Maschinenraum befand. Durch den Wellentunnel führte ein Weg dahin. Auf den Vorschlag des Reverend hin wurde mit aller Kraft der riesige Weihnachtsbaum aufgerichtet. Ein Mann, der sich während des Stoßes in den oberen Räumen aufhielt, ergriff den Baum und knotete ihn mit Tüchern fest. Würde dieser dem Gewicht der Menschen standhalten? Sechs Meter hochzuklettern war keine Kleinigkeit. Zögernd sahen die Passagiere nach oben.
 
„Das ist der einzige Weg und dann durch den Wellentunnel in den Maschinenraum.“
 
Die meisten Passagiere verspürten Angst vor dem Klettern. Durch dichte Äste, die vielleicht brechen konnten, ohne Leiter, ohne alles? Wie leicht konnte man stürzen und sich das Genick brechen.
 
„Probier du es!“ forderte der Reverend den Jungen auf.
 
„Ich kann klettern“, meinte dieser stolz und schwang sich tatsächlich wie ein Äffchen durch das lamettabehangene Geäst.
 
Danach klommen andere Leute hoch: die Sängerin, der Reverend, ein Mann, ein Polizist und dessen Frau sowie ein jüdisches Ehepaar.
 
Die jüdische Frau hatte wegen ihrer umfangreichen Figur Bedenken, es zu schaffen.
„Die Äste halten mein Gewicht nicht aus. Ich tauge zu nichts und bleibe hier. Gib das unserem Enkel …“
 
„Rose, du schaffst es! Sieh nicht hinunter,“ redete ihr der Ehemann gut zu.
 
Langsam und zitternd zerrte sich Rose hoch. Auf halbem Wege schaute sie hinab.
 
„Ich kann nicht, mein Kleid hängt!“ Der Polizist befreite sie und griff ihr unter den Hintern. Klagend hangelte sie sich weiter hinauf, bis sich ihr eine hilfreiche Hand entgegenstreckte.
 
Nonnie und der anderen jungen Frau wurde es beim Blick nach unten schwindelig. Sie bissen die Zähne zusammen.
 
Die Frau des Polizisten, eine ehemalige Prostituierte, schämte sich, ihr Abendkleid auszuziehen. „Ich gehe nicht nackt hinauf!“
 
„Dann ziehst du mein Hemd an“. Rasch streifte sich ihr stämmiger Gatte das Hemd ab, sie das Kleid und stieg mit hochhackigen Schuhen hinauf.
 
Ein Rauschen. Wasser brach in den Festsaal ein. Verzweifelte Schreie. Jetzt versuchten auch andere, den Baum zu erklettern, doch dieser stürzte ins Wasser. In panischer Angst klammerten sich die Hilflosen daran. Der Zugang nach oben war verbaut.
 
Durch Gänge, in denen Feuer brannte, über schmale Stege und Leitern arbeiteten sich die Leute nach oben. Manchmal entkamen sie knapp dem Wasser, das nach und nach jedes Deck überflutete. Die beiden jungen Frauen wollten zwischendurch aufgeben, sie waren am Ende ihrer Kräfte. Auf einem Deck begegneten sie einer gespenstischen Prozession Überlebender, die wie in Trance dem Schiffsarzt folgten, der vermutete, das Heck stünde unter Wasser. Aber der Reverend wusste, dass das Heck aufgrund der Belastung zuletzt sinken würde.
 
Er bat seine Gruppe, fünfzehn Minuten auf ihn zu warten. Nonnie begleitete ihn.
Die Zurückgebliebenen stritten sich, ob sie nicht den anderen folgen sollten.
 
°Wenn der großmäulige Reverend nicht wiederkommt, schließe ich mich den anderen an,“ brummte der Polizist. Die ganze Zeit schon ging ihm der Reverend auf die Nerven.
 
War dieser sich wirklich so sicher, den Ausgang zu finden? Wusste es der Schiffsarzt nicht besser? Sie würden ziellos durch das Schiff irren, vom Wasser überrascht, Gefahren ausgesetzt. Wofür? Hatten sie eine Chance? Zweifel plagten die Menschen.
 
Keuchend kehre Nonnie zurück. „Er hat den Ausgang gefunden!“
„Ist das der Zugang zum Maschinenraum?“
„Ja.“ Ihre Antwort klang überzeugt, obwohl sie es nicht war.
„Wo ist der Junge?“ Verzweifelt suchten sie ihn. Wo steckte er? Geräusche, Hast.
„Hier bin ich, ich musste nur auf die Toilette und habe ein paar Schwimmwesten gefunden.“
 
Rasch kletterten sie die steile Leite eines kesselartigen Raumes empor. Nonnie blieb stehen.
 
„Was ist?“ fragte der Mann, der auf dem Schiff immer als der einsame Junggeselle bekannt war.
 
Sie biss sich auf die Lippen.
„Ich, ich kann nicht,“ stammelte sie, „Ich bin wie gelähmt.“
„ Haben Sie heruntergesehen?“ „Ja.“  „Gehen Sie bitte weiter.“
„Teddy ist tot. Es hat keinen Wert mehr.“
„Doch, es hat einen Wert. Ich bin bei Ihnen. Bitte kommen Sie mir zuliebe mit.“
 
Langsam lösten sich ihre verkrampften Finger. Tritt um Tritt stieg sie langsam hoch. Als Nonnie durch die Luke geklettert war, füllte das Wasser den ganzen Kesselraum. Der Junggeselle schloss die Klappe. Um zu einem weiteren Zugang u gelangen, musste der Reverend zwölf Meter lang tauchen. Als sich das Seil, das um seinen Leib gewickelt war, nicht mehr spannte, befürchteten die Zurückgebliebenen, ihm sei etwas passiert.
 
Entschlossen sprang Rose als frühere Tiefseetaucherin ins Wasser und befreite den zwischen Blechteilen eingeklemmten Reverend, bevor ihm die Luft ausging. Beide tauchten auf und zogen sich mühsam eine Treppe hoch. Schwer atmend lehnte sie sich zurück.
 
„Bin wohl nicht mehr so trainiert wie früher. Grüße meinen Mann und gebe ihm dieses Abzeichen für unseren Enkel in Israel.“ Lächelnd schloss sie die Augen. Ihr Körper hatte die Anstrengung nicht verkraftet. Der Reverend blickte sie einen Moment verzweifelt an. Er hatte sich geschworen, seine Gruppe durchzubringen. Nun hatte diese starke Frau ihr Leben für ihn gelassen. Der Polizist zwang die anderen zu tauchen, bevor es zu spät war.
 
Nonnie und Roses Mann wären am liebsten bei der Toten geblieben, aber die Zeit drängte. Schon schoss Wasser herein. Flammen, ausgelöst durch die Explosion, bedeckten das Wasser mit einem brennenden Teppich. Die Frau des Polizisten rutschte aus und stürzte in das Flammenmeer. Der verzweifelte Mann wäre ihr am liebsten nachgesprungen, doch der Reverend redete hart auf ihn ein.
 
Im Maschinenraum drang heißer Dampf aus einem Ventil. Der Reverend hangelte sich bis zu dem Hebel, drehte ihn mit allen Kräften zu, doch die Kraft in seinen Armen ließ nach. Er konnte nicht mehr zu den anderen zurück. „Herr, was willst du noch? Nimm mich!“ rief er und sprang in die Flammen.
 
Nonnie weinte. Sie wollte ohne diesen mutigen Mann nicht mehr leben. Doch der Polizist ergriff das Kommando. Sie schafften das letzte Deck.  Jemand hämmerte gegen die stählernen Wände. „Da oben ist jemand!“ schrie der Polizist.
 
Er hämmerte mit einer Eisenstange dagegen. Bange Minuten. Wieder Klopfzeichen. Der Ausstieg wurde aufgeschweisst. Griechische Polizisten ließen eine Strickleiter hinab.
 
„Sind Sie die einzigen Überlebenden?“ „ Ja.“
 
Die erschöpften Menschen wurden in einen Hubschrauber geborgen. Nur noch der Schiffsteil, aus dem sie herausgeholt worden waren, ragte aus dem Wasser. Sonnenlicht fiel auf das Wrack.
 
„There is a morning after“. Nonnies Lied hatte sich bewahrheitet.
 
 
©  Inge Hornisch
 
Diese  Nacherzählung des Films „Der Untergang der Poseidon“ in Kurzfassung entstand im Spätjahr 1981, nachdem ich den Film zum zweiten Mal gesehen hatte. Neben der Handlung beeindruckte mich auch der dazu passende Titel des Liedes, der Hoffnung ausdrückt.
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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