Hans-Peter Zürcher

Novembereis oder gefrorene Herzen

 
18. November 2007
 
Das d – Moll Klavierkonzert No. 3 von Rachmaninov beginnt mit einer traurigen Düsterheit und Schwere, als wollte sie den Hörer hinabziehen in eine dunkle Welt der Hilflosigkeit. Doch schon bald, übernimmt das Soloklavier mit leisen und zarten Tönen und vermittelt so Zuversicht und Hoffnung, die gleich aber wieder durch wirbelnde Klangveränderungen einem kalten Biswind ähnlich weichen. Ein steter Kampf von Schwere und Leichtigkeit beginnen sich zu einem Tanz zu verweben, angezogen und weggestoßen, auf und ab, stolpernd über Stock und Stein. Abgestorbener Blätter gleich wirbeln die Akkorde durch den Raum, angeregt durch einen kalten Novemberwind. Zwischendurch einige wärmenden Sonnenstrahlen, die sich durch die rasch dahin ziehenden Wolken geschlichen haben.
 
Auch draußen wehte ein eisiger Novemberwind. Es herrschten Temperaturen wie um diese Jahreszeit schon seit Jahren nicht mehr. Der Nachthimmel war mit Millionen von Sternen besetzt, die glitzernd und funkelnd der Erde zu blinzelten. Die einen schwach und zart, die anderen stark und frech. Nur der Siebentagemond leuchtete heller mit seinem kaltblauen Licht. Die Temperatur unter dem Gefrierpunkt ließ einem im warmen Stübchen verweilen. So ging es auch dem Jungen, dem es leicht fröstelnd im bequemen Sessel dennoch weit angenehmer war als draußen in der kalten Novembernacht. Mit gedämpftem Licht, das eine weiße Kerze ausstrahlte und weit geöffneten Vorhängen schweifte sein Blick in die Unendlichkeit des Universums. Schemenhaft schwarz zeichneten sich die fast kahlen Bäume vom leicht erhellten, funkelnden Sternenhimmel ab. Ab und zu schneite es vom Wind weggerissene Blätter am Fenster vorbei, die dann im weichen Licht der Kerze ihren goldenen, roten oder braunen Farben noch mal kurz aufleuchten ließen, bevor sie sich ins Dunkle der Nacht verloren.
 
Während er so zum Fenster hinaus schaute, tauchte ihm immer wieder dasselbe Bild vor Augen auf, das ihn innerlich fast zu zerreißen drohte. Trotz der zauberhaften Musik Rachmaninov’s, die aus den Lautsprechern seiner Musikanlage erklang, durchströmte ihn ein eisiger Hauch von Schmerz. Bis anhin hatten ihn beim Anhören diese Musik seine Gedanken durch weite Wälder mit grünen Lichtungen, gurgelnde Bäche und hügelige Voralpen geführt. Leuchtende Berggipfel mit schimmernd weißen Kappen aus ewigem Schnee, milde Lüftchen die grünen Blätter der Bäume umspielend und die Grashalme bewegend. Geschäftiges Treiben in den Wipfeln der Tannen  und Laubbäumen.
 
Und jetzt ? er klebt am Türfenster des abfahrenden Zuges und versteht nicht warum dieser sich in Bewegung setzt ohne dass er sich von seiner Geliebten hätte verabschieden können. Viel zu früh, den Fahrplan nicht beachtend, begann der Zug sich in Bewegung zu setzten und erreichte binnen Sekunden eine Geschwindigkeit, die einem Herbststurm ähnelten. Ein entsetztes Gesicht, aus dem die dunklen Augen die er so liebt eine unverständige Traurigkeit ausstrahlen, wahren das letzte Bild seines überaus hübschen Mädchens, das in seiner Erinnerung haften blieb und sich mit seiner Hilflosigkeit verschmolz. All diese wenigen Sekunden reichten aus, sein Herz einfrieren zu lassen. Lange Sekunden, die Hände an der Scheibe, die Nase an der Scheibe, den Blick ins Dunkle der Nacht gerichtet. Wie Blitze zuckten ab und zu Lichter von Strassenlaternen und beleuchteten Fenstern vor seinen Augen auf, die sich mit heißen, brennenden Tränen zu füllen begannen und über seine Wangen den Weg in die Weite suchend, sich in der trockenen Luft des Eisenbahnwagens verloren.
 
Seiner Geliebten mochte es nicht besser ergangen sein. Zitternd stand sie da auf dem Bahnsteig, den Schatten ihres nicht minder schönen Jünglings im Gegenlicht des Türfensters, immer schneller die letzten erhellten Fenster des Zuges und dann das Schlusslicht, das sich rasendschnell im immer enger werdenden Schienenstrang in die Ferne verlor. Ihr Herz eingefroren, sekundengleich mit dem Herzen ihres geliebten. 
 
Hoffnungsvoll und leicht erheben sich nun die Akkorde und Töne, das Soloklavier untermalt von Hornklängen und schwebenden Geigenstimmen. Immer wieder aber verfechten kalte Winde sich unverfroren in diese sich harmonisierenden Klänge, vermögen aber nicht, das Eis zum schmelzen zu bringen. So heftig wie der Abschied ohne Abschied endet auch das Klavierkonzert, gleich hüpfenden Rädern eines über Weichen rumpelnd Eisenbahnzuges zieht es die Musik der Weite zu, abrupt und ohne Vorwarnung. 
 
Die klare und kalte Nacht aber verwandelte, untermalt von leichten Morgennebelchen, das kurze Gras der Wiesen und die abgefallenen Blätter am Boden in eine Eiskristall zierende frostige Schönheit. Erstes Novembereis. Als ob tausende dieser Abschiedstränen auf dessen Ränder vergossen wurden. Die Schönheit dieser kleinen filigranen Kunstwerke hielten aber nur kurze Zeit ihren Reiz, Sonnenstrahlen erwärmten im laufe des Morgens all die Herzen dieser Gebilde und ließen das Eis schmelzen. Genau so wie die erwärmende Liebe dieser beiden Menschen das Eis ihrer gefrorenen Herzen auftauen wird.     
 
 
 
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