Zoé Feth

Der Knochenjob

Özgür Yildirim rannte, so schnell ihn seine knochigen Beine trugen und es seine rheumageplagten Gelenke noch erlaubten, die spärlich beleuchtete Strasse entlang. Sein graues, schütternes Haar umflog chaotisch sein kantiges Gesicht und klebte schweissdurchtränkt an seiner faltigen Stirn. Die rot-gelbe Daunenjacke, deren wetterfestes Siegel sein Versprechen nicht zu halten vermochte, hing wie ein nasser Sandsack an seiner hageren Gestalt. Özgür war sich durchaus bewusst, dass der Motorroller, welcher vor wenigen Metern mit einem vorwurfsvollen Stottern den Geist aufgegeben hatte, die Spur früher oder später zu ihm führen würde. Aber was war ihm in seiner Eile auch anderes übrig geblieben, als das zweirädrige Vehikel achtlos in dem rechtsseitig der Strasse zusammengepflügten Schneehügel zurückzulassen und seinen Weg zu Fuss fortzusetzen?
Aprupt fuhr er zusammen, als eine gellende Polizeisirene die klirrende Nachluft durchschnitt und die Scheinwerfer eines heranrasenden Autos die Dunkelheit des verschneiten Dezemberabends durchbrachen. „Lanet olsun!“, fluchte er erschrocken, klemmte die zwei Kartonschachteln vorsichtshalber noch etwas fester unter seine Arme und bog hastig in eine finstere Seitengasse ab. Mühsam watete er durch den knöchelhohen Neuschnee, während er mit verkniffener Miene gegen den eisigen Wind ankämpfte, der ihm zwischen den gedrungenen Häuserzeilen um die geröteten Ohren pfiff.
 „Das ist das letzte Mal“, schimpfte er atemringend vor sich hin, als er seinen Dauerlauf für einen kurzen Moment unterbrach und stattdessen zügigen Schrittes weitereilte. Auch wenn er sich mit diesem Auftrag wieder ein paar Pluspunkte verdienen konnte, so spürte er in diesem Moment, was ihm etliche gutgemeinte Ratschläge seit Jahren zu vermitteln versuchten – er war allmählich zu alt für sowas. Nicht nur sein Körper und seine teerschwarze Lunge protestierten vehement gegen sämtliche Formen körperlicher Anstrengung, auch die gesetzliche Moral drohte sich  zunehmend wie ein Magengeschwür in sein Gewissen zu fressen. Ja, er war gezwungen, gewisse Dinge in seinem Leben zu überdenken. Noch heute Abend, so beschloss er, wenn er seine sorgfältig zusammengestellte Fracht bei seinen Auftraggebern abgeliefert hatte, würde er diesem Knochenjob ein für alle Mal den Rücken kehren.
Im Schutze des Schneegestöbers überquerte Özgür einen kleinen, kopfsteingepflasterten Platz, umging geschickt eine halsbrecherische Eisfläche und nahm am Fusse eines kleinen Hügels, keuchend und entkräftet, die letzten Höhenmeter seines ungebetenen Marathons in Angriff. Den hell erleuchteten Hauseingang erblickte er schon von Weitem. Eine nervös blinkende Lichterkette warf einen bunten Glanz auf sein Gesicht, als er erschöpft vor die massive Eingangstüre trat und kraftlos die Klingel drückte.
„Frohe Weihnachten!“, grinste ihm ein junger, sichtlich angetrunkener Mann entgegen, als sich die Tür schwungvoll in einen breiten Flur öffnete.
„Ihnen auch!“, brummte Özgür schwach lächelnd und überreichte ihm gerade die beiden Kartonschachteln, als ihn eine kräftige Hand am Oberarm packte und ihn forsch zur Seite zog. Das wütend blitzende Augenpaar eines breitschultrigen Polizisten fixierte ihn: „Ich hätte gerne ihren Personalausweis und ihren Führerschein gesehen. Ich nehme nicht an, dass es ihnen entgangen ist, aber sie haben nicht nur eine rote Ampel überfahren, sie werden sich dank ihrer unnötigen Flucht auch noch  für das Nichtbefolgen polizeilicher Anweisungen verantworten müssen.“
„Hoffentlich sind die wenigstens noch warm!“, gluckste der Angetrunkene skeptisch und hob den Deckel der einen Schachtel auf. „Noch fünf Minuten länger und wir hätten die Pizza umsonst gekriegt.“

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