Thomas Lüthje

Ein Lunie kehrt zurück

Es ist schon einige Zeit her, dass mich ein Lunie besuchte. Erinnerst du dich noch? Toid hieß er. Und wie alle Lunies war er winzig klein – so klein, dass ich ihn nicht sehen konnte. Aber hören konnte ich ihn. Er erzählte mir, dass er seine Welt verlassen hatte um eine bessere zu finden. Er hatte wenig Erfolg. Und bald sehnte er sich nach seiner Heimatwelt, die er unbedingt verlassen wollte. Ah, jetzt erinnerst du dich. Dann weißt du bestimmt auch noch, dass Toid eines Abends kam und am nächsten Morgen ganz plötzlich verschwunden war. Was? Du glaubst, ich hätte das Ganze nur geträumt? Ha! Dann erklär’ mir doch mal, warum ich dem Lunie zuletzt beim Abwaschen begegnet bin. Jetzt staunst du … aber es ist wahr. Ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, aber vor wenigen Tagen stand ich in meiner Küche und trocknete gerade eine Tasse ab, als ich diese feine Stimme hörte: „Nicht so grob …“ Ich kannte diese Stimme. „… sonst wird mir noch ganz schlecht!“ „Toid, bist du das?“ „Natürlich bin ich es.“ „Aber wo bist du?“ „In der Tasse, die du gerade abtrocknest.“ Ich setzte die Tasse vorsichtig ab. Natürlich konnte ich nichts sehen. „Ich muss dir etwas erzählen“, hörte ich die feine Stimme sagen, „aber vielleicht gehen wir dazu ins Wohnzimmer“. Ich nahm die Tasse und trug sie vorsichtig ins Wohnzimmer. Ich stellte sie auf den alten Wohnzimmertisch, setzte mich auf meinen Lesestuhl und zündete eine Kerze an. „Was möchtest du mir denn erzählen?“, fragte ich den kleinen Lunie. „Ich habe viele Welten gesehen und vieles zu berichten.“ Die feine Stimme zitterte und plötzlich begriff ich, warum Toid zurückgekehrt war. Ob ich mir die Stimme nur eingebildet habe? Jetzt wirst du aber wirklich frech. Nur weil ich mit Tassen rede, bin ich noch lange nicht verrückt. Möchtest du jetzt hören, was der Lunie zu berichten hatte, oder nicht? Ja? Gut! Der Lunie reiste in jener Nacht ab, kurz nachdem ich eingeschlafen war. Und er hinterließ mir tatsächlich einen Brief, auf dem stand: Bin verreist. Natürlich konnte ich ihn nicht finden, war er doch viel zu klein. Wie du bestimmt noch weißt, war Toid in dieser Nacht sehr unglücklich. Und so kam ihm die Idee, eine Welt zu suchen, in der alle glücklich sind. Und Toid fand solch eine Welt, irgendwo zwischen Abend- und Morgenstern. Toid kam an dieser Welt nur zufällig vorbei. Diese Welt leuchtete in einem hellen Gelb und so hatte er diese Welt aus der Ferne gesehen. Die Wesen, die in dieser Welt lebten, waren nicht viel größer als die Lunies, aber sie waren wesentlich dicker und, wie ihre Welt, ganz gelb. Und jedes von ihnen hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Toid fragte eines dieser Wesen, warum es so glücklich sei. Es antwortete: „Wir sind immer glücklich. Wir sitzen einfach nur da und sind glücklich.“ „Das probier’ ich auch“, sagte Toid und setzte sich hin. Nach der langen Reise war eine kurze Rast wirklich angebracht. Toid konnte das Glück förmlich spüren. Und wie er so dasaß und dasaß und dasaß, wurde er immer unglücklicher. Das Sitzen langweilte ihn und er konnte schon nach wenigen Minuten nicht mehr verstehen, was daran so außergewöhnlich sei. Und dann fiel ihm wieder ein, dass die Lunies in seiner Heimatwelt ja auch alle ganz glücklich waren. Sie waren glücklich, sechs Tage in der Woche, von morgens bis abends, arbeiten zu dürfen. Und schon damals konnte er es nicht verstehen. Und dann begriff er, dass unterschiedliche Wesen unterschiedliche Auffassungen von Glück haben. Und so überlegte er, was ihn wohl glücklich machen würde. Toid dachte lange darüber nach. Und wie er so nachdachte, sagte er ganz leise zu sich selbst: „Es wäre schön, wenn ich jetzt mit jemandem über diese Frage reden könnte.“ Und dann, ganz plötzlich, wurde ihm klar, was ihn glücklich machen würde. Toid, der sich noch immer in dieser gelben Welt befand, ging auf eines dieser gelben Wesen zu und fing an zu reden. Er erzählte von seiner Reise, von seiner Heimatwelt und vielleicht auch von mir. Aber das Wesen zeigte wenig Interesse. Es saß einfach nur da und grinste. Das machte Toid nicht glücklich. Traurig beschloss Toid diese Welt zu verlassen. Toid reiste also weiter und kam zu einer Welt, ganz ähnlich der unseren, nur dass die Bewohner dieser Welt ganz blau waren. Toid fiel sofort auf, dass einige dieser blauen Wesen glücklich waren und andere nicht. Und er wollte es ganz genau wissen. Er fragte eines der traurigen Wesen: „Warum bist du nicht glücklich?“ Das Wesen schien überrascht. Es antwortete: „Na weil mich niemand liebt. Und weil ich niemanden liebe.“ „Liebe?“ Toid kannte das Wort nicht. „Ja, Liebe! Sag’ bloß, du weißt nicht, was Liebe ist?“ Toid schüttelte den Kopf. „Dann bist du noch nicht dem richtigen Wesen begegnet.“ Toid verstand nicht, was das blaue Wesen ihm sagen wollte. Aber wie er sich so umsah, fiel ihm auf, dass die glücklichen Wesen immer zu zweit waren. Manche von ihnen unterhielten sich, andere hielten sich an den Händen, wieder andere umarmten sich. Und ganz plötzlich, wie Toid zwischen all diesen glücklichen Wesen stand, fühlte er sich ganz einsam. Und dieses Gefühl erinnerte ihn an seine Heimatwelt. Er begriff zwar immer noch nicht, was Liebe ist, aber er konnte sie sehen, direkt vor ihm, und er beneidete diese Wesen darum. Toid fragte das traurige Wesen, das noch immer neben ihm stand: „Warum bist du alleine?“ Das Wesen schien erneut überrascht. „Liebe ist etwa sehr seltenes. Manche von uns suchen ein Leben lang nach dem richtigen Wesen. Ich glaubte einst, das richtige Wesen gefunden zu haben. Doch dieses Wesen empfand keine Liebe für mich.“ Und Toid begriff, dass Liebe nicht immer glücklich macht. Toid verließ diese Welt und bereiste viele andere Welten, darunter eine grüne, eine rotweißgestreifte und eine blauschwarzkarierte. Auf allen Welten machte er ähnliche Erfahrungen. Er konnte die Liebe sehen, er konnte sie aber nicht spüren. Schließlich bereiste er eine rote Welt. Diese Welt war sehr klein und es lebten nur wenige Wesen in ihr. Die Wesen waren natürlich rot, sahen den Lunies aber sonst sehr ähnlich. An einer kleinen Brücke, die über einen Bach führte, traf Toid ein junges Mädchen. Sie schaute in das Wasser. Und in ihren Augen lag etwas Besonderes. Sie waren blau und so tief, dass Toid sich darin verlor. Dieses Mädchen faszinierte ihn und er sprach sie an. Er wusste nicht mehr, worüber sie geredet haben, aber sie redeten die ganze Nacht. Toid fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben verstanden und mit jeder Minute wuchs in ihm ein Gefühl. Es wuchs und wuchs und wuchs. „Das muss Liebe sein“, dachte er. Und er wollte es ihr gerade sagen, als sie ihm zuvorkam und sagte: „Du bist sehr nett. Du musst unbedingt meinen Freund kennen lernen.“ Toid musste sofort an das unglückliche blaue Wesen denken. Er sah dem Mädchen noch einmal in die Augen. Es lag noch immer etwas Besonderes in ihnen. Aber der Anblick, der ihn zuerst faszinierte, machte ihn jetzt traurig. Er wollte diese rote Welt gerade verlassen, als sie zu ihm sagte: „Ich möchte dir meinen Freund vorstellen.“ Toid hatte Angst, ihren Freund kennen zu lernen. Aber er begleitete sie nach Hause. Dort angekommen, öffnete ein roter Junge die Tür. Toid wurde sehr freundlich empfangen. Und als er sah, wie glücklich die beiden waren, wuchs in ihm noch ein anderes Gefühl. Er war noch immer traurig, dass das junge Mädchen einen Freund hatte. Aber er freute sich auch für die beiden. Und er war sehr froh, dass er ihr nicht gesagt hatte, was er für sie empfindet. Sie unterhielten sich einige Zeit und nach einer Weile verabschiedete sich Toid von dem glücklichen Paar. Toid hatte soviel erlebt, dass er erst einmal darüber nachdenken musste. Deshalb sprang er auf einen Sonnenstrahl und ließ sich dahin treiben. Hier, auf diesem warmen Sonnenstrahl, waren seine Gedanken ganz bei ihm. Er dachte darüber nach, ob es besser gewesen wäre, wenn er dieses Mädchen nicht kennen gelernt hätte … sie ging und ging ihm nicht aus dem Kopf – und das machte diese Erfahrung so wichtig für ihn. Und er verstand, dass er nie in seine Heimatwelt zurückkehren konnte. Und wie er so über sich und seine Gefühle nachdachte, schlief er irgendwann ein. Als er wieder aufwachte, befand er sich auf der Erde. Der Planet kam ihm sofort vertraut vor. „Das kann kein Zufall sein“, sagte er sich. Und dann beschloss Toid, mich zu besuchen. Und nachdem Toid mir seine Geschichte erzählt hatte, fragte ich ihn, ob er nicht traurig sei. Und dann sagte er etwas, das ich nie vergessen werde: „Ich bin traurig. Aber ich habe das Glück anderer gesehen und vielleicht habe ich sogar die Liebe gespürt. Und das weckt in mir die Hoffnung, irgendwann auch glücklich zu werden. Und dafür bin ich dankbar.“ Kaum hatte ich diesen Satz vernommen, sah ich einen grellen Lichtstrahl am Fenster. Im nächsten Moment war Toid verschwunden. Du fragst, ob ich wirklich an Lunies glaube? Ja, ich glaube an Lunies. Denn dieser Lunie hat mir etwas zurückgegeben, das ich einst verloren hatte. Und dafür bin ich dankbar.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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