Siglinde Bickl

Eine große Liebe

Hoffnungslos geht sie jeden Abend den gleichen Weg. Es ist Herbst und ein feiner Regen benetzt ihr Haar.

Das Laternenlicht spiegelt sich im Asphalt. Sie fröstelt. Überall gehen jetzt die Lichter hinter den Fensterscheiben an. Man hört gedämpfte Laute nach draußen dringen. Kinderlachen erfüllt die Räume. Sie bleibt stehen und sieht in eines der Fenster. Sie will nicht die Leute ausspionieren, nein, nur ein wenig teilhaben an ihrem Leben.

Irgendwo bellt ein Hund, sie weicht einem Auto aus, das durch eine Pfütze fährt. Sehnsucht überfällt sie mit elementarer Gewalt. Laut will sie ihren Schmerz hinausschreien.

  Warum---Warum

Nur die Erinnerung hilft ihr diese Pein zu verdrängen.

In den Sommermonaten fuhr sie abends in die nahegelegene Stadt, schlenderte ein bisschen an den Schaufenstern vorbei, um anschließend ein Eis im Straßencafe zu essen. Die milde Luft und das Gemurmel der Leute erinnerte sie an früher,nur nicht allein sein.

Verstohlen sah sie den Pärchen zu, lauschte dem Geplänkel der jungen Männer und dem koketten Lachen der Mädchen.  Ist das denn schon so lange her?
Verträumt sah sie sich mit ihm Hand in Hand am Rhein spazieren gehen.

Sie arbeiteten in der gleichen Firma. Oft lag eine Botschaft an ihrem Arbeitsplatz. Manchmal eine rote Rose.Jetzt im Rentenalter schickte er ihr seine Liebesbriefe mit der Post nach Hause. Der Briefträger lachte, denn er kannte schon seine Handschrift.Der verrückte Kerl, mit ihm war unser Leben nie langweilig.
Ein Brief hat folgenden Inhalt:

  Meine geliebte, kleine Hexe

Was machst Du nur mit mir, dass ich mich in meinem Alter noch so fitt fühle? Ich könnte zerspringen vor Glück. Danke für die wundervolle Nacht, danke, dass es Dich gibt. Ich liebe Dich

Seinen letzten Brief schrieb er mit zittriger Hand, bevor er in den OP musste. Er wusste wie es um ihn stand, er wusste dass es keine Hoffnung gab. Auch sie wusste darum, doch keiner sprach darüber. Keiner wollte dem Anderen die Hoffnung nehmen.

Eine Krankenschwester brachte ihn ihr zwei Tage nach seinem Tod.

Nun pilgert sie jeden Abend zu seinem Grab und hält stumme Zwiesprache mit ihm: "Warum bist Du so schnell gegangen, ich wollte doch mit. Hättest Du nicht auf mich warten können? Wir waren doch noch nie getrennt. Nun bleiben mir nur noch die drei Schuhkarton, voll mit Deinen Briefen.

Ich danke unserem Herrgott, dass er Dich nicht so lange leiden ließ, zwei Monate waren genug.

Aber ich will mich nicht beschweren, wir hatten das große Glück, dass wir 55 Jahre zusammen sein durften. Morgen wäre unser 50. Hochzeitstag. Du hattest eine Kreuzfahrt geplant, die Tikets schenkte ich gestern unserer Enkelin.
Jetzt geht sie tränenblind nach Hause. Mittlerweilen gießt es in Strömen. Sie hebt ihr Gesicht in den Regen und weiß er hat ihr zugehört.

 

 

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