Rainer Tiemann

Glück gehabt

Gerade heute musste das passieren, gerade heute, wo er doch ein Rendezvous mit ihr hatte, mit Andrea, die er aus dem Internet kannte, und die er unbedingt treffen wollte.
 
Gut aussehender Geschäftsmann, keine Glatze, tolerant und reisefreudig, nicht über fünfzig, Vermögen, Haus und Auto wären nicht schlecht. So ähnlich hatte sie sich ihren Mr. Right gewünscht. Das alles konnte sie haben, würde sie ihm gefallen. Ob er dann wirklich all ihre Wünsche erfüllen würde, stand auf einem anderen Blatt...
 
Er wagte diesen Schritt, nachdem er eine kurze, glückliche Ehe mit Katrin hinter sich hatte, die vor fünf Jahren gestorben war. Wie war Andrea? So, wie man es sich von einer rund Dreißigjährigen vorstellte? War sie intelligent, warmherzig, ehrlich und hübsch, wie sie sich beschrieb? Ihr Foto gab nur einen kleinen Teil von ihr preis. Wollte sie wirklich ihn, bei dem bei Sympathie oder gar Liebe selbst eine spätere Heirat nicht ausgeschlossen war? Oder war sie eine von vielen, die ausschließlich an Versorgung, Vergnügungen, Urlaub, Partys und Geld dachten nach dem  Volksmund: Schönheit vergeht - Hektar besteht?
 
Viele Fragen schwirrten durch seinen Kopf und ließen ihn spürbar unruhiger werden. Sicher, er war Zahnarzt, also Geschäftsmann, sein Haupthaar noch immer voll und üppig, lediglich kleine weiße Strähnen waren ein Indiz, dass er auf die fünfzig zuging. Toleranz war sicherlich eine seiner Haupttugenden. Das war  auch relativ einfach, weil der entprechende finanzielle Hintergrund existierte, den man allein schon von seinem Landhaus mit ausgesprochen gut florierender Praxis und schickem BMW der oberen Klasse ableiten konnte.
 
Treffpunkt mit Andrea sollte heute das alteingesessene Kölner Café Jansen sein, eine Institution der Kaffeehausbranche mit dem Charme der fünfziger Jahre. 15 Uhr Treffpunkt im hinteren Bereich war abgemacht. Für den Fall des Verpassens besaß er ihre Handy-Nummer. Zum Glück; denn den heutigen Termin konnte er unmöglich wahrnehmen.
 
Wie das Schicksal manchmal so spielt, erreichte ihn ein dringender Anruf von Dietmar, seinem besten Freund und ältesten Patienten. Ihm war ein Mißgeschick passiert: Ein Brötchen war für dessen Prothese zu hart gewesen und zerbrochen. Und das kurz nach 14 Uhr, etwa eine Stunde vor seinem Treffen mit Andrea, der Internet-Lady.
 
Mal sehen, wie sie reagiert, dachte er und wählte ihre Nummer. Schnell meldete sich die Gewünschte. Kurz erklärte er ihr, dass er noch einen wichtigen Geschäftstermin habe, der unaufschiebbar sei. Man müsse sich irgendwann später treffen. Die Resonanz der Internet-Dame bestärkte ihn sofort darin, dass sie sicherlich nicht der Volltreffer sei. Allein ihre Aussage "Geschäft oder ich" machte ihm klar, dass sie nicht die Richtige sein konnte. Eine Pistole auf die Brust hatte er sich nie setzen lassen. Daher erklärte er ihr, dass es auch keine neue Verabredung geben würde - eine Aussage, die sie überhaupt nicht verstand.
 
Das Pech seines Freundes, das dann mit Hilfe seines Dentallabors behoben werden konnte, war möglicherweise sein Glück gewesen!
 
RT 2007
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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