Elfie Nadolny

Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen

Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen

Es war am Heiligen Abend 1965.
Auf dem Tisch standen die Weihnachtsteller, jedes Jahr waren darin Süßigkeiten, Nüsse und ein Himmelsapfel, der war ganz rot und – wie Vater und Oma immer glaubhaft versicherten- von den Engelchen blank geputzt. Viele Geschenke standen im Wohnzimmer. Das Christkind hatte die Wunschzettel wohl gründlich gelesen.

Auf dem Tisch standen noch die Likörgläser, aus denen die Eltern und Großeltern Danziger Goldwasser getrunken hatten. Es waren kleine Gläser mit langem grünen Stil.
Das Beste war die Krippe, die Papa immer aufbaute. Er ging dazu immer in den Wald und holte Moos, damit alles auch ganz echt aussah. Nun aber sagte er, wir sollten ins Bett gehen, er würde uns auch etwas vorlesen.

Wir gingen nun ins Bett und Papa setzte sich zu uns: „Was soll ich denn vorlesen“, fragte er. „Och, sing doch etwas“, antworteten wir. „Du singst viel schöner als alle Opernsänger und als Peter Alexander vorhin im Fernsehen.“ Papa schmunzelte und dann fing er an:

„Es war einmal ein kleines Bübchen
Der bettelte so nett und süß
Mamatschi schenk mir ein Pferdchen
Ein Pferdchen wär mein Paradies
Und da erhielt der kleine Mann
Ein Pferdepaar aus Marzipan
Die blickt er an er weint und spricht
Solche Pferde wollt ich nicht
Mamatschi schenk mir ein Pferdchen
Ein Pferdchen wär' mein Paradies
Mamatschi solche Pferde wollt ich nicht."

„Papa“, sagte ich, „das Christkind hat mir ganz viele Wünsche erfüllt. Es hat meinen Wunschzettel erfüllt, alles ist da. Und es ist so schön, wie Oma und Opa sich über unsere selbst gemalten Bilder gefreut haben. Es ist aber immer so schwer, dir etwas zu schenken.“
„Ach, Kind, ich will doch gar nichts geschenkt haben! Behaltet doch euer Taschengeld für euch!“ „Aber Papa, es macht doch Spaß, etwas zu schenken. Ein Glück, dass du 4711 magst und Spieluhren.“ „Ja, ich habe mich auch sehr gefreut, schaut mal, aber eine Spieluhr hätte gelangt.“ Er meinte die Spieluhr, die Rosenstock holder spielt und auf dem ein verliebtes Pärchen im Barockkostüm zu sehen ist mit Blumen und Vögelchen. „Sing weiter, Papa“, baten wir. Er sang weiter und kein Engel hätte schöner singen können.

"Der Winter war ins Land gezogen
Und seine Bitte ward erhört
Es kam das Christkindlein geflogen
Und brachte ihm was er begehrt
Unter dem Christbaum standen stolz
Zwei Pferde aus lackiertem Holz
Die blickt er an - er weint und spricht
Solche Pferde wollt ich nicht
Mamatschi schenk mir ein Pferdchen..."

„Papa, das kann ich verstehen. Der Junge wollte ein echtes Pferdchen haben. Ach, weißt du noch im alten Haus? Den Wunsch kann ich verstehen, ich träume auch von einem Pferdchen.

Damals hatten wir ja den Hasso und die Katzen. Aber die Katzen sind beim Umzug ja alle weggelaufen und Hasso ist im Hundehimmel.
Und es war immer so schön, wenn du im Garten Tannenbäume verkauft hast.“ „Ja, Kind, das war schön, aber nun ist es nun mal so gekommen, die Stadt wollte unser Grundstück haben und da mussten wir uns etwas anderes einfallen lassen. Aber glaub mir, alles, was ich mache, ist für euch. Ihr sollt es später mal gut haben. Ich baue für jeden von euch ein Haus.“ „Nein, Papa, mach das nicht. Dann hast du keine Zeit mehr und bist nervös, es ist viel schöner, wenn du mit uns spielst, wenn du uns Märchen erzählst und uns etwas vorsingst, mach das nicht, bitte!! Es ist so schön, wenn du bei uns bist.“ „Ich bin ja da, Kinder und tue alles für euch.“ „Sing weiter, Papa“, sagten wir im Chor und Papa sagte: „Och, ich singe ein anderes fröhlicheres Lied, ok?“ Nun sang er Weihnachtslieder und dann erwies er sich, wie so oft, als zweiter Freddie: "So schön, schön war die Zeit", und wir summten mit, bis wir einschliefen und schön träumten. Ich träumte von meiner Katze Mohrle, von den Katzen der Geschwister, von dem Schäferhund Hasso, der mit uns immer ausgelassen gespielt hatte, davon, dass wir viel in unserem großen Garten gespielt hatten und Papa immer mit der Stoppuhr die Zeit gemessen hatte, wenn wir liefen. Ich träumte davon, dass Papa mal extra einen Karton Mohrenköpfe hinfallen lassen hat, damit er sie nicht verkaufen konnte und wir sie bekamen. Im Traum erschien unser altes Haus, was wunderschön gewesen war. Ich verstand überhaupt nicht, dass einige Leute sagten, es sei alt und unmodern. Im Traume begleitete ich Anneliese und Peterchen und den großen Maikäfer Sumsemann zu seiner Mondfahrt, es erschienen die Naturgestalten, der Sandmann, die Nachtfee, ich ritt auf dem großen Bären zum Himmel, alles war so schön und alle waren so freundlich zu uns.
Auf einmal begegnete uns der Mann im Mond, ich erschrak. Er wollte meiner Puppe den Kopf abbeißen. Nein!!!!!! Ich fuhr hoch. „Das darfst du nicht!“

„Was ist denn?“, fragte mein Mann im Halbschlaf. Ich rieb mir die Augen und sah, wer vor meinem Bett stand: Es war Micky, meine Katze, die ich bekommen hatte, als ich erwachsen war. Sie war immer lieb, nur morgens, wenn sie Hunger hatte, war sie unausstehlich und miaute laut herum. Im Halbschlaf ging ich also in die Küche und meine Katzen Micky und Fischli liefen im Sauseschritt mit. Auf der Kommode stand ein Bild von Papa und auf dem Tisch lag der Brief eines Anwaltes, den einer beauftragt hatte, der all das an sich reißen möchte, was unser Vater für uns geschaffen hat. Da fiel mir auf einmal ein, wie das Lied weiterging und warum mein Vater die letzten Strophen nie gesungen hat:

„Und viele Jahre sind vergangen
Und aus dem Jungen wurd' ein Mann
Da hielt, die Fenster dicht verhangen,
Vorm Haus ein prächtiges Gespann
Vor einer Prunkkarosse stehn
Vier Pferde reich geschmückt und schön
Die trugen ihm sein armes Mütterlein
Da fiel ihm seine Jugend ein
Mamatschi schenk mir ein Pferdchen
Ein Pferdchen wär' mein Paradies
Mamatschi Trauerpferde wollt ich nicht"

Papatschi und die Zeit mit dir vergess ich nicht. So schön, schön war die Zeit.

Ich legte mich noch einmal hin und da erschien mir Papa wieder im Traum. Er sagte: "Sing das nicht, sing: Rosenstock holder blüh." Als ich erwachte, stand die Spieluhr, die ich mir mitgenommen hatte, auf dem bereits gedeckten Frühstückstisch.
Sie spielte die Melodie dieses Liedes:
Rosenstock, holder blüht

Rosestock, holder blüht! Wenn i mei Dirnderl sieh,
lacht mer vor lauter Freud 's Herzerl im Leib.
Tralala, tralala, tralala, tralalalala!
Tralala, tralala, tralalalala

(c) Elfie Nadolny

 
 
 
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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