Hans Volker Holler

Günstlinge der Pacha Mama




 
Der Tag war bewölkt. Unter der
Wolkendecke staute sich die Hitze und der Schweiß lief in kleinen Bächen über
den Nacken und den Oberkörper, wo ihn der dünne Baumwollstoff des Shirts
aufsaugte. Dazu kam, dass ich den leichten Staubmantel immer noch an hatte und
mir selbst so diesen heißen Sommertag fast unerträglich machte. Das kalte Licht
der Neonlampen in der Halle ließ die Umgebung diffus erscheinen und ich
bemerkte fast nicht die Betriebsamkeit vor dem Counter. Ich stieß eine dicke
Frau an und wurde gleichzeitig von einem Indio hinter mir angerempelt.
Unwillkürlich berührte meine Hand die Stelle am Mantel, wo sich meine Geldbörse
befand und auch meine Papiere untergebracht waren. Ich war beruhigt, als ich
das warme Leder an meinen Fingerkuppen spürte, nahm meine Tasche auf und hielt
nach einem Sitzplatz Ausschau. Zwischen meinen Fingern hielt ich ein Kuvert,
das man mir gerade am Tresen der Braniff-Airlines übergeben hatte. Jetzt war es
durchmeine schwitzigen Hände an den Stellen feucht, die ich berührt
hatte. Feucht und schwarz waren die Flecken die sich auf meinem Namen gebildet
hatten, der auf dem Umschlag stand. Hans Herl, Braniff-Airlines, Flughafen
Lima. So stand es dort. Hans Herl bin ich.

Die Nachricht war am Morgen des selben Tages in Quito aufgegeben
worden. Bei der Rückbestätigung meines Weiterfluges hatte man mir das Kuvert am
Schalter der Fluggesellschaft übergeben.

            «Das fängt ja gut an», dachte ich so
bei mir, «so hatte ich mir unser Wiedersehen eigentlich nicht vorgestellt».

Ich
erblickte beides gleichzeitig. Erst den freien Sitzplatz, als sich eine
Indiofamilie mit einer Kinderschar erhob und in einer Entfernung von zirka
dreißig Metern die großen Buchstaben der VIP-Lounge.

Ich
dachte nicht darüber nach, ob ich nun ein VIP bin und setzte mich in Richtung
der Lounge in Bewegung. Sie versprach klimatisierten Aufenthalt und leidlich
kalte Getränke. Vor dem Eingangsbereich stand ein Wachmann mit einem schweren
43er Colt aus argentinischer Fabrikation. Er schaute schläfrig auf als ich am
ihm vorbeischritt und auf seine sich formulierende Frage, was ich hier in
diesem Bereich wolle gab ich nur eine lapidare Antwort ohne meinen Schritt zu
verlangsamen.

«Esta
bien compadre, todo bien y tenga un buen dia.»

Und
schon war ich an ihm vorbei.

Die
Lounge lag im Halbdunkel und auch hier war es stickig und heiß. Ich schaute
mich kurz um und ging zielstrebig auf die Bar zu.

Aus
der Manteltasche holte ich das Telegramm hervor und öffnete es. In
Großbuchstaben stand dort:

MUSS
DRINGEND NACH MEXICO STOP SAMSTAG ZURÜCK STOP FÜR ABHOLUNG AM FLUGHAFEN Q IST
GESORGT STOP  T


 
Ich faltete das Papier zusammen und dachte an die vergangene Zeit.
Dachte an die vergangenen drei Jahre, seit wir uns getrennt hatten. Nun führte
uns der Zufall wieder zusammen, besser gesagt, fast wieder zusammen. Am Samstag
also, in vier Tagen, würden wir uns gegenüber stehen. Eine Männerfreundschaft
sollte neu belebt werden... oder vielleicht neu beginnen, unter günstigeren,
besseren Vorzeichen.


 
Die
Braniff- Stewardeß und jetzige Bardame in der Lounge fragte mich lächelnd nach
meinen Wünschen. Ich sah sie an und grinste über das ganze Gesicht.

«Wollen
Sie etwas trinken, Senor?»

Jetzt
hatte sie die Frage unmissverständlich gestellt. Aber das provozierte mein
Grinsen nur noch mehr.

«Ja,
ein Bier bitte», gab ich dann doch endlich meine Bestellung auf.

Sie
fixierte mich und in einem routinierten, entschuldigenden Tonfall versicherte
sie mir, dass die Klimaanlage gerade an diesem Morgen ganz plötzlich
ausgefallen sei.

Ich
erwiderte ihren Blick, verkniff es mir aber sarkastisch zu werden mit der
Bemerkung, dass dieser Flughafen noch nie eine funktionierende

Klimaanlage
hatte.

Die
junge Frau merkte, dass ich ihr nicht glaubte und verschwand ohne weitere
Erklärungen durch eine Tür hinter dem Tresen.


 
Schon
vor meinem Abflug aus Buenos Aires hatte ich mich auf das Wiedersehen mit Tomas
eingestimmt.

Mich beschlich eine ungewisse, keinesfalls bequeme Vorfreude. Ich
fühlte mich wie jemand, der sich nach wochenlangen Zahnschmerzen auf den Besuch
beim Dentisten freut.

Statt
Milkshakes oder Fruchtsäften trank ich erneut Bier, genau so, wie mein Freund
und ich während der Zeit unserer Partnerschaft. Nach einigen Flaschen war mir
dann, als ob wir uns wieder träfen, unsere Ausrüstung zusammen packten und
nochmals in irgend einen Dschungel am Fuße der Anden eindrängen, um nach Gold
zu suchen.

 Schon vor meinem Abflug aus Buenos Aires hatte
ich mich auf das Wiedersehen mit Tomas eingestimmt. Mich beschlich eine
ungewisse, keinesfalls bequeme Vorfreude. Ich fühlte mich wie jemand, der sich
nach wochenlangen Zahnschmerzen auf den Besuch beim Dentisten freut.

Statt
Milkshakes oder Fruchtsäften trank ich erneut Bier, genau so, wie mein Freund
und ich während der Zeit unserer Partnerschaft. Nach einigen Flaschen war mir
dann, als ob wir uns wieder träfen, unsere Ausrüstung zusammen packten und
nochmals in irgend einen Dschungel am Fuße der Anden eindrängen, um nach Gold
zu suchen.


 
            Das Mädchen brachte das Bier und
schenkte ein Glas halb voll. Den Rest der Flasche stellte sie auf der Holztheke
ab und servierte dann am anderen Ende der Bar. Es war sehr heiß in dem Raum.
Doch gerade in dieser Hitze fühlte ich mich wohl. Sie erleichterte es mir, die
Erinnerungen aufzufrischen. Ich brauchte nur die Augen zu schließen und schon
hatte ich die ganze Umgebung wieder nah vor mir.


 
           

            Die
Siedlungen Guanay und Tipuani zogen an meinem geistigen Auge vorbei.
Drückend-schwüle Abende in einer der vielen Tropenbars des bolivianischen
Amazonastieflandes.

Einfache
Bretterhütten ohne sanitäre Anlagen oder elektrisches Licht, Benzinlaternen und
Kühlschränke, die mit Kerosin betrieben werden. Schmalzige Musik von Batterie
betriebenen Plattenspielern. Biergelage, die uns den Schweiß der harten
Tagesarbeit aus den Poren trieben. Raue Männergesellschaften bei denen
Streitigkeiten mit den Fäusten, manchmal auch mit Messern ausgetragen wurden.

Wenn
ein Abend besonders schön war, wir also besonders betrunken, ballerten wir mit
den Polizei-38ern, wir hatten sie gegen Whisky eingetauscht, Löcher in das
rostige Wellblechdach der Bar.

Die
Eigentümer der Etablissements baten uns nach solchen Gelagen mit schöner
Regelmäßigkeit zur Kasse. Oft überstiegen die Reparaturrechnungen den
eigentlichen Zechbetrag. Hatten wir dann unseren Spaß gehabt oder das, was wir
dafür hielten, stolperten wir, uns gegenseitig stützend, zurück  zu unserem Lager. Über der Dschungelsiedlung
schwebte noch am drauf folgenden Morgen unser Geruch wie Smog über der
Großstadt. Männergeruch. Eine Mischung aus Bier und Bananenschnaps, Schweiß,
Verdautem und Frauen. Zu dieser Zeit glaubten wir, dass dort, wo wir uns gerade
befanden, der Nabel der Welt sei.


 
Tagsüber
holten wir aus unserem Hügel am Fluss die goldhaltige Erde und schleppten sie
zum Ufer. Dort schütteten wir sie auf die primitive, aus Brettern und Steinen gebaute Waschanlage.

Die
Vormittage hindurch trugen, zogen oder hievten wir Sack um Sack zum Fluss. Die
schwere Arbeit und die hohen Temperaturen ließen unsere Körper ausfließen, so
schwitzten wir. Und die jeweils voraus gegangene Nacht forderte auch ihren
Tribut. Gegen Mittag, wenn die Sonne am höchsten stand, fielen wir stets
todmüde in unsere Hängematten im Schatten der oberhalb am Uferhang stehenden
hohen Bäume.

Myriaden
von Moskitos zerstachen Gesicht und Oberkörper wenn wir nachmittags unter der
tiefer stehenden Sonne das Gold aus dem Quarzsand und    -kies wuschen, der in der Waschanlage
zurück geblieben war. Bis zu den Hüften im Flusswasser stehend schwenkten wir
die batea, die hölzerne Goldwaschschüssel, bis es zu dunkeln begann.

Höchstens
die Hälfte des Goldes, das wir in einem Tagewerk heraus wuschen, wollten wir
versaufen. Jedenfalls hatten wir das irgendwann einmal so vereinbart und so
hielten wir es auch.

Je
länger wir jedoch arbeiteten und buddelten, um so unmöglicher wurde es, das
Gold in Trinkgelagen und in den damit verbundenen Schadensersatzansprüchen
auszugeben. Während wir die größeren Stücke und die Nuggets teilten und in
unsere Flaschen füllten, schütteten wir den gelben Staub und die kleineren
Partikel in winzige Papierumschläge, die Tomas in seinem Gürtel deponierte.
Zwischen zwei Lederschichten hatte dieser über seine gesamte Länge eine Art
Geheimfach. der Gürtel war bald so voll und so schwer, dass ich meinen Freund
manchmal scherzhaft «El Dorado» nannte, was soviel
bedeutet wie Der Vergoldete. Nie redeten wir über unseren verhältnismäßigen
Reichtum, nie über Geld. Auch schienen wir kein Bedürfnis zu haben über etwaige
Pläne, über das Danach zu sprechen. Für uns zählte nur das Heute, und davon
auch nur der Moment.

Trotz
unserer nächtlichen Eskapaden arbeiteten wir kontinuierlich ohne uns um
Sonntage oder Feiertage zu kümmern. Wir aßen nicht viel, eine Mahlzeit am

Tag
reichte uns.

Es
war stets die, die wir in der Siedlung zu uns nahmen. Und es war fast immer das
selbe.

Lomo
a lo pobre ist eine gebratene Fleischschnitte, vorzugsweise vom Filet oder der
Hüfte des Rindes, die mit zwei Spiegeleiern, Reis und gebackenen Bananen
serviert wird. Nicht zu vergessen, das picante. Das ist eine scharfe Soße, bei
der die kleinen, roten Pfefferschoten mit feingehackten Tomaten und Zwiebeln
mit Olivenöl vermischt werden. Das Rezept schien Luzifers Chefkoch persönlich
erfunden zu haben. Tagsüber aßen wir die Früchte der Region wie Papayas,
Mangos, Avokados und Bananen. Als eiserne Reserve hatten wir noch ein paar
Konserven mit Fleisch und Bohnen. Die rührten wir aber nie an.

Wenn
wir dann abends nach Einbruch der Dunkelheit die Nuggets, die kleinen
Goldstücke und die noch feineren Goldschuppen auf der Federwaage teilten, waren
wir ganz still. Heute fällt mir auf, dass keiner von uns je ein Wort sagte oder
auch nur eine Bemerkung machte wie «heute war ein guter Tag» oder Ähnliches.
Jeder füllte nur seinen hälftigen Anteil in seine
Flasche und verschloss sie.

Abwechselnd
gingen wir danach in den angrenzenden Dschungel, um die kostbaren Behältnisse
zu verstecken. Derjenige, der warten musste, blieb nahe am Lagerfeuer. Seine
Schemen waren für den anderen noch nach vielen Metern sichtbar, er selbst aber
vom Grün des Dschungels und der Dämmerung verschluckt um den Anteil in Ruhe an
irgend einer, nur ihm bekannten Stelle zu

 verbergen. Dann verfuhren wir umgekehrt.
Tagsüber vermieden wir in den Teil des Busches zu gehen, den der andere am
Abend vorher aufgesucht hatte, um ein geeignetes Versteck zu finden. Das Ganze
hatte mit Misstrauen nichts zu tun. Es war ein stillschweigendes Übereinkommen,
das von uns beiden als Sicherheitsstandard respektiert wurde. Nicht selten
wurden die Lager der Goldsucher überfallen und diese dann ausgeraubt. Gegen uns
beide hätte man keine allzu große Chancen gehabt, wir fühlten uns gemeinsam
einfach zu stark und unsere Waffen waren beeindruckend. Neben den 38ern hatten
wir auch noch eine Schrotflinte, die wir mit selbst hergestellter Munition
bestückten. Alleine damit hätten wir einen Panzer aufhalten können, so unsere
felsenfeste Überzeugung.

Hätte  mich Tomas damals um meinen Anteil gebeten,
ich hätte ihn ihm gegeben, ohne auch nur nach dem Grund zu fragen. Ich bin ganz
sicher, umgekehrt wäre es genau so gewesen. Einmal, als wir noch ganz am Anfang
unserer gemeinsamen Buddelei standen und noch nicht mehr als ein oder zwei
Gramm täglich herauswuschen, schworen wir, uns
gegenseitig zu helfen mit der jeweiligen Hälfte des anderen, sollte dessen Gold
gestohlen werden oder anderweitig abhanden käme. Nie mehr danach wurde darüber
geredet.


 
            «Noch ein Bier, Senor?»

Das
Barmädchen schaute mich fragend an.

            «Braniff übernimmt die Kosten des
Verzehrs in der Lounge.»

Ich
war überrascht. Als sie weiter sprach wusste ich,

dass
ich noch einen längeren Aufenthalt im heißen Lima hatte.

            «Übrigens hat die Maschine nach
Miami, mit der sie nach Quito fliegen, etwa zwei Stunden Verspätung.»

Mit
ihrem schmalen Kinn wies sie in eine der hinteren Ecken des Raumes.

            «Es ist ein kaltes Buffet
angerichtet. Sie können sich bedienen.»

Mit
schlanken Fingern begann sie an der Theke, mir direkt gegenüber, Servietten zu
falten. Es waren genau diese Servietten, die ich abgrundtief hasse. Diese
kleinen einlagigen, die einem gar keine Chance lassen die Finger auch nur
annähernd sauber zu halten.  Trotzdem
griff ich zu und versuchte, meine schweißnassen Hände damit zu trocknen. Außer
dass sich ein dreckiger, nasser Film auf dem Papier bildete, hatte ich nichts
erreicht. Die Finger blieben feucht und schmutzig, wie sollte es auch anders
sein?

            «Hunger habe ich keinen. Aber noch
Durst! Bringen sie mir doch bitte noch ein Bier!»Ich schaute auf, direkt in
ihre braunen Augen. «Und sagen sie dem Mister Braniff
ein Dankeschön in meinem Namen.»

Sie
erwiderte zum ersten Mal mein Lächeln und alles Professionelle war aus ihren
Zügen verschwunden. Aus ihrem Dialekt hörte ich heraus, dass sie eine Limena
war, eines dieser vielen hübschen Mädchen aus der Hauptstadt Perus.

«Eigentlich
ist es schade», dachte ich so bei mir, «eine so anziehende Figur in ein so
klassisches Out-fit wie das einer Uniform zu verpacken.»

Wenigstens
ein Ausschnitt hätte mich animiert, ein längeres Gespräch mit ihr zu
beginnen... aber so, nicht einmal ihre Beine konnte ich wegen des Baraufbaus
sehen. Ich begnügte mich damit, ihr in die Augen zu schauen und sie
anzulächeln.

Schade
dass sich die Lounge langsam füllte; wohl der kostenlosen Getränke wegen. Die
Stewardess ließ mich alleine und begann, am anderen Ende der Bar zu servieren
und bediente Neuankömmlinge an den Tischen im Halbdunkel. Eine Weile
beobachtete ich sie dabei. Es schien noch heißer geworden zu sein. Zu der Hitze
kam, dass sich die Luft in dem nun fast vollen Raum nicht zu bewegen schien.


 
Trotz
der Verspätung der Maschine nach Miami waren die meisten Gäste in einer für
mich unverständlichen Eile. Dieses Phänomen kann man in allen Flughäfen dieser
Welt gleichermaßen beobachten.

Ich
wischte mit der Hand über das kalte, beschlagene Bierglas und trank in kleinen
Schlucken. So wie damals mit Tomas, in den Bars im Goldgräberland. Meist gab es in den Bretterbuden wegen der zerstörerischen
Nächte keine vernünftigen Gläser. Oft klebten noch die Etiketten von Senf oder
Marmelade auf unseren Trinkgefäßen. Uns war es gleichgültig und ein kleines
bisschen amüsierte es auch.

Die
Bierflaschen wurden eiskalt serviert. Das meine ich wörtlich. Ein Pfropfen aus
gefrorenem Bier verstopfte nicht selten den Flaschenhals. Wir legten


 
unsere
Hände darum und brachten das Hindernis so zum schmelzen. Höchstens zwei Finger
breit füllten wir die Gläser, warteten kurz bis sich der wenige Schaum gesetzt
hatte, tauchten dann den Zeigefinger in das Bier und opferten der pacha mama
indem wir die Flüssigkeit auf den festgestampften Lehmboden der Bar tropfen
ließen. Alle barranquilleros, so werden die freien Goldsucher genannt,
erhoffen sich dabei dass ihnen die Erdgöttin die Stelle zeigt, wo die
goldführende Ader verläuft.

Die
anderen barranquilleros hatten sich an uns, die Fremden, gewöhnt, an die
animales, wie sie uns nannten. Zu diesem Namen kamen wir als Tomas eines
abends, wir waren mal wieder völlig betrunken, in einer dieser Bars gerufen
hatte.

            «Senorita, noch eine Runde auf die
Rechnung der animales....»

Statt
alemanes, der Deutschen, hatte er ein paar Buchstaben durcheinander
geworfen. Durch diesen Versprecher wurden aus uns los animales - die
Tiere!


 
Unser
Ruf als standfeste Trinker öffnete uns die Kreise an den Tischen der
zechfreudigen aber weniger alkoholgewohnten
Einheimischen. Oft waren Tomas und ich noch nicht richtig berauscht, wenn
unsere Saufkumpane um uns herum schon auf ihren Bänken und Stühlen
eingeschlafen waren. Fast immer verschwand dann einer von uns zu dieser späten
Stunde, um in irgend einer Bananenplantage oder bei weniger gutem Wetter in
einem stickigen Bretterverschlag zu vögeln. In den meisten Fällen kannten wir
noch nicht einmal die Namen der Frauen und Mädchen die uns die entspannende
Gesellschaft leisteten. Schnell hatten wir neben dem zweifelhaften Ruf in der
Männerwelt ein paralleles Image bei den Frauen aufgebaut. Da wir bei den
Gelagen mit unserem Gold nicht geizten waren in unseren Runden auch immer
einige Mädchen, die dem ältesten Gewerbe nachgingen. Stadtbekannte Huren, wie
sie in jedem Goldgräbernest anzutreffen sind, halfen uns, die Verabredungen mit
den ehrenwerten Damen zu machen, auf die wir ein Auge geworfen hatten.

Selbst
uns wurde nach kurzer Zeit klar dass wir die Ehefrauen und Töchter unserer
Zechkumpanen fickten, während diese ihren durch uns mitfinanzierten Rausch
ausschliefen. Wir scherten uns den Teufel drum!


 
In
diesen Tagen hatte jeder von uns schon so an die drei Kilo Gold in der Flasche.
Aber wie schon erwähnt, wir sprachen nie darüber.

Am
Anfang war das alles nur ein Spaß für uns.

Dann,
es ist schwer im Nachhinein den exakten Zeitpunkt dafür zu bestimmen, wurde aus
diesem in-der-Erde-graben wie zu einem Fieber. Das Abenteuer, das uns ein sorgloses, verrücktes Leben erlaubte, trat
immer mehr in den Hintergrund. Es wurde verdrängt von einem unbekannten Faktor,
der nur sehr schwer zu beschreiben ist. War es uns doch nie nur um das Gold
gegangen, nie darum, reich zu werden oder materielle Werte zu schaffen.
Trotzdem hatte es uns, ganz besonders mich, dann doch gepackt.  Von diesem Fieber, das mehr einer
Gemütskrankheit ähnelt, wurde ich geschüttelt und total vereinnahmt. Tomas
beobachtete mich manchmal müde lächelnd, sagte jedoch nichts, erwähnte mit
keinem Wort seine Beobachtungen an mir, an meiner Seele. Ganz im Gegenteil. Er
ließ sich von meiner Psychose anstecken. Es wurde, wie soll ich es anders
erklären, plötzlich wie ein Zwang zum Machen! Es stand nicht mehr die Buddelei
und die Ausbeute im Vordergrund.

Mit
einem Male war der Aspekt der Masse wichtig. Schleppten wir zu Beginn unserer
Arbeit jeder etwa sechs Säcke mit der goldhaltigen Erde zur Waschanlage, waren
es während dieser Krankheit fast zwanzig. Wenn Tomas sich ausruhen wollte, fuhr
ich ihn ziemlich ruppig an, er solle sich wie ein Partner verhalten und auch so
viel arbeiten wie ich es tat. Dabei sah er mich nur an und lächelte, schüttelte
verständnislos den Kopf und tat seinen Teil. Dass mein Freund zu diesem
Zeitpunkt schon eine Krankheit ausbrütete, konnte ich nicht ahnen. Nicht einmal
er selbst hat es ja gewusst. Mit keinem Ton erwähnte er, dass es ihm schlecht
ginge oder dass ihm die Arbeit schwer fiele. Direkt am Flussufer entfachten wir
ein großes Feuer und wuschen in dessen Schein bis tief in die Nacht das Gold
aus dem Quarzsand. Verärgert über das scheinbare
Desinteresse meines Freundes entging uns, davon war ich felsenfest überzeugt,
ein großer Teil des wertvollen Metalls.

Dann,
ganz unvorbereitet für mich, kam der Zusammenbruch! Der meiner Psyche und der
des Körper meines Freundes.


 
Es
begann an einem frühen Morgen.

Tomas
stand einfach nicht mehr auf. Er lag in seiner Hängematte und schien mich zu
beobachten. als ich mich über ihn beugte, sah ich die blutig gebissenen Lippen
und die schwarz umränderten Augen, die tief in den Höhlen lagen. Die blaue Iris
und die dunkle Pupille glänzten fiebrig und ließen das drängende Feuer
vermissen, das die Person meines Freundes mit ausmachte. Wie ein Fremder
erschien er mir in diesem Moment.

Das
letzte Logische, was ich an diesem Tag noch vollbrachte war, einen Arzt zu
holen.

Auf
dem Weg in die Siedlung schossen mir die merkwürdigsten Gedanken durch den
Kopf; sie drehten sich um Tomas und mich.

So
kam ich am Hause des Doktors an, den ich aus seinem Rausch aufwecken musste.
Als sich der untersetzte, dickliche Arzt dann auch noch weigerte, mit mir zum
Lager zu kommen und meinen Freund zu helfen, wurde ich fast bösartig. In meiner
Rage zog ich ihn ganz dicht an mich heran wobei ich ihm das fleckige, ehemals
weiße Unterhemd zerriss.

«Mein
Freund braucht deine Hilfe- du bist Arzt und kommst jetzt mit mir mit zu
unserem Lager!» knurrte ich, bereit, ihn auf der Stelle umzubringen.

Ich
hatte langsam und drohend gesprochen und das gab wohl
den Ausschlag für den Sinneswandel des Arztes. Gemeinsam machten wir uns auf
den zirka zwanzigminütigen Weg zu Tomas.

Nach
einer kurzen Untersuchung diagnostizierte der Doktor einen schweren
Malariaanfall und dass der Patient dringend in ein Krankenhaus müsse.

Als
der Medikus ausgeredet hatte, begann ich zu fluchen. Ich schrie meinen Freund
an.

«Du
Schwein hast nur keine Lust zu arbeiten... Wie stellst du dir das jetzt vor mit
uns du kleiner

Wichser..»

Ich
benutzte alle geläufigen und weniger bekannten Fäkalausdrücke der deutschen und
spanischen Sprache. Tomas hörte sich das alles mit geschlossenen Augen an.

Während
ich mich in eine mir heute unverständliche Wut hineinsteigerte, holte ich zu
guter Letzt unseren Revolver hervor, der uns gegen eventuelle Überfälle
schützen sollte. Als ich damit auf Tomas zielte, ihn anfuhr, er solle sich
gefälligst auf die Beine machen, verlor der Arzt die Nerven und floh aus
unserem Camp. Ich habe ihm wohl noch irgend etwas nachgeschrieen.

            Dann verstieg ich mich in die Idee,
mein Freund wolle die Partnerschaft aufkündigen mit seinem Verhalten und
versuche nun, mich auf irgend eine Art zu hintergehen.

Klares
Denken war mir unmöglich und wirre Panik erfasste mich. Ich erinnere mich
daran, dass ich in der ersten Stunde nach dem Verschwinden des Arztes
verschiedene Male in den Busch rannte, meine Flasche mit dem Gold aus dem
Versteck holte und sie erneut an einer anderen Stelle verbarg. Angst verbreitete sich in meinem Inneren bei dem Gedanken, mein
Freund hätte mich beim Verstecken beobachtet. Wie irre und Angstschweiß
verklebt hastete ich zum Lager zurück. Mein Partner lag jedoch wie vor in der
Hängematte, stöhnend und fiebernd.

«Verstell
dich nicht», schrie ich ihn an «ich habe dich gesehen, wie du mir gefolgt bist
und wie du mich beobachtet hast!»

Ich
wollte so seine Reaktion prüfen, doch die war gleich Null.

Erneut
bedrohte ich ihn mit der Waffe, schwor, ihn abzuknallen, falls er auch nur in
die Richtung schaue, in die ich jetzt verschwinden würde. Sein Stöhnen und das
kranke Aussehen ließen mich kalt. Heute weiß ich, dass er von all dem nichts
mitbekommen haben konnte.

            Wieder verschwand ich im Busch, um
das Gold erneut zu verstecken. Tief drang ich in den dichten Dschungel ein. Mit
der rechten Hand führte ich die Machete, mit der linken hielt ich die Flasche
mit meinem Schatz. Als hinter mir Zweige knackten, ließ ich das Buschmesser
fallen und zog den schweren 38er aus dem Bund meiner Jeans. Auf gut Glück rief
ich Tomas an und feuerte, als ich keine Antwort bekam, zwei Schüsse ins
Unterholz. Er solle sich endlich stellen, schrie ich, wartete einen Augenblick
und hastete dann weiter.

Ich
rannte in Bereiche des Waldes, in denen ich vorher noch nicht gewesen war,
trotzdem lief ich weiter. Beim schlagen gegen einen kleinen Ast verschätzte ich
mich. Die Machete sauste hindurch und knallte mit voller Wucht gegen einen darunter liegenden Ast, prallte ab und schlug gegen die
Flasche. Mit einem Geräusch, ähnlich dem entweichenden Vakuums, zerplatzte das
Glas. Das Gold und die Scherben fielen auf den Waldboden. Ein Zittern durchlief
meinen Körper und ich begann zu weinen.

Ich
spürte, wie mir die Tränen über die Wangen liefen und schmeckte deren Salz auf
der Zunge.

Als
ich in unserem Lager ankam, dunkelte es bereits. Tomas war nicht mehr in seiner
Hängematte und auch sonst nirgends zu finden. Obwohl meine unerklärliche Wut
nun verraucht war, blieb, gerade jetzt, ein Rest des vormittags verspürten
Misstrauens. Die ganze Situation erschien mehr als seltsam. Nach kurzem
Überlegen lud ich den Revolver nach und legte mich in meine Hängematte. Mit der
Waffe auf der Brust schlief ich ein.


 
            Die Sonne stand schon hoch am Himmel
und der 38er lag unter mir auf dem Erdboden als ich erwachte. Gleich dem
vergangenen Abend war Tomas Hängematte leer. Ich begann nun endlich, mir Sorgen
um ihn zu machen. Ich lief die Strecke bis Tipuani. Mir schien, als ob sich etwas
verändert hätte, obwohl mich die wenigen Leute, denen ich unterwegs begegnete,
wie gewohnt grüßten. Das Haus des Doktors war verlassen als ich es erreichte.
Ich klopfte gegen die der Straße zugewandten Fenster. In der Bretterbehausung
rührte sich nichts. Aus der gegenüber liegenden Bar klang Musik zu mir herüber.
Javier Soliz, ein mexikanischer Schauspieler und Liedermacher, sang auf einer
schon recht ramponierten Platte ein Lied, das von Freundschaft,
Verrat und Tod erzählte. Die Schwermut des Gesangstückes wurde noch
unterstrichen von den schwachen Batterien die es nicht mehr so ganz schafften,
die erforderliche Umdrehungszahl des Plattentellers zu erreichen.

In
den Rahmen der Tür trat die Hure Maria und blinzelte in die Sonne. Zögerlich
begann sie auf meine drängenden Fragen hin zu berichten, was sich in meiner
Abwesenheit ereignet hatte.


 
 Am Nachmittag des gestrigen Tages war Tomas
auf den Weg nach
La Paz
geschafft worden. Entgegen der vorschnellen ärztlichen Diagnose hatte es sich
nicht um eine Malariainfektion gehandelt. Tomas war an Gelbfieber erkrankt, wie
sich nach einer gründlicheren Untersuchung herausstellte. Diese Krankheit
konnte aber wegen der schlechten medikamentösen Versorgung in der Region hier
nicht behandelt werden. Nach der Schilderung des Doktors über seine Erlebnisse
bei uns im Camp sind Maria und eine Freundin zum Lager gelaufen. Sie beide
hatten Tomas, der seiner Sinne nicht mehr mächtig war, in den Ort geschleppt
und ihm auf einem Lastwasen, der nach
La
Paz fahren sollte, ein provisorisches Krankenbett
hergerichtet. Nach Anraten des Mediziners brauchte mein Freund unbedingt eine
Infusion. Die konnte er, ein wenig Glück vorausgesetzt, schon im
Behelfskrankenhaus von Caranavi bekommen. Knappe zweihundert Kilometer waren
das von hier aus. Staubige und tückische Buschpiste. Die Gefahr, den Transport
oder die Nacht nicht zu überleben, war für Tomas sehr groß. Der
Flüssigkeitsverslust durch das hohe  Fieber, den sich einstellenden Durchfall und das
einsetzende Erbrechen war schon zu hoch. Alleine durch normale Wassergaben
konnte in seinem Körper kein Ausgleich mehr geschaffen werden.

            So in etwa lautete Marias
Kurzbericht. Ich glaube dass sie bemerkte, dass ich mich in meiner Haut nicht
wohl fühlte und dass ich in diesem Moment nicht alleine sein wollte. Ich bat
Maria, wie schon so oft mit Tomas zusammen, mir beim Trinken Gesellschaft zu
leisten. Ich musste mit jemandem reden. Sie blickte mich stumm an und nickte.


 
Ich
bestellte Singani. Den hochprozentigen Traubenbrandy verdünnte ich mit Lemonensaft
und reichte Maria ein Glas.

Auf
die Frage ob Tomas etwas mitgenommen hätte, ein Bündel, eine Flasche oder
Ähnliches, verneinte die Frau mir gegenüber. Sie hatte ihn mit ihrer Freundin
so, wie er dalag, aus der Matte genommen und dann, wie erwähnt, zur Siedlung
gebracht.

Auf
dem Plattenteller drehte sich immer noch die Scheibe des Mexikaners, der sich
über ihm widerfahrenes Leid und die Ungerechtigkeiten des Lebens beklagte.

Dann
begann ich zu trinken. Sehr viel und sehr schnell zu trinken...


 
Drei
Tage hielt ich mich in der Bar auf. Maria war die meiste Zeit an meiner Seite,
manchmal auch eine ihrer Freundinnen. Ich erinnere mich auch noch, dass andere
Leute, die meisten kannte ich, an meinem Tisch gesessen haben. Alle hielt ich
zu einem Toast auf Tomas an. Die Bekannten und auch die Fremden lud ich ein zu einem Drink, auf die Gesundheit meines
Freundes.

Mit
meiner Trunkenheit erschienen mir die Bemerkungen meiner Saufkumpane mit einem
Male anzüglicher, kritischer, ordinärer, zotenhafter. Wie durch einen Nebel
verwandelten sich die Gesichter in gemeine Fratzen, versöhnlich Gemeintes hörte
ich als Anschuldigung. Dann, als ich glaubte die Worte mieser Freund zu hören,
erhob ich mich mit trunkener Kraft und zog den Revolver aus dem Bund meiner
Hose.

An
mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, es wurde dunkel um mich.


 
Irgendwann
erwachte ich mit schrecklichen Kopfschmerzen.

Durch
den mit einem Vorhang abgetrennten Durchgang in der fremden Bambushütte hörte
ich Marias Stimme und das Lachen eines Kindes. Ich muss wohl gestöhnt haben,
denn der Vorhang wurde zur Seite geschoben und Maria kam herein. Das kleine
Mädchen an ihrer Hand stellte sie mir als ihre Tochter vor. Ungeschminkt hatte
ich die Frau noch nie gesehen. Trotz der mörderischen Kopfschmerzen stellte ich
fest, dass Maria hübsch war. Sie war eine Kreolin mit langen Beinen und überaus
allen Attributen der Weiblichkeit. Unwillkürlich musste ich grinsen. Das
Hämmern und Pochen in meinem Schädel verstärkte sich dadurch allerdings noch
mehr.

Maria
konnte sich das Lachen nicht verkneifen als sie mir gestand dass genau da, wo
ich mir den Kopf jetzt hielt, der Schlag mit der halbvollen  Brandyflasche
gesessen hatte.

Nach
und nach kamen die Erinnerungen wieder und ich ließ mich nachdenklich in das
Kissen zurück sinken.


 
«Ich
fliege nur, wenn sie auch mitfliegen, alleine habe ich immer so schreckliche
Angst.» Das war meine Antwort auf den Aufruf durch die Lautsprecheranlage. Mein
Flug sollte endlich in fünfundvierzig Minuten abgefertigt werden. Als erwartete
ich eine Antwort, schaute ich der Stewardess in die braunen Augen. Zugegeben,
das war nicht die originellste Anmache. Für mein Gegenüber aber Anlass genug,
sich nahe zu mir herüber zu beugen.

«Ganz
sicher bin ich mit an Bord. Als ihre ganz persönliche Flugbegleiterin bis
Quito», vertraute sie mir lächelnd an. Dann erfuhr ich den wahren Grund. Erst
in Bogota würde ihr Dienst beginnen. Dort sollte sie für eine erkrankte
Kollegin einspringen.

Mit
einem leeren Glas prostete sie mir scherzhaft zu und blinzelte mit dem linken
Augenlid.


 
Zur
Vervollständigung der Geschichte muss ich noch einmal von Maria erzählen.

Ihr
Vater ist Eigentümer einer kleinen Finca, einer Farm also, die mit etwa zehr
Hektar Kakaobäumen bepflanzt ist. Das Anwesen liegt ungefähr vierzig Kilometer
östlich von Tipuani. Durch eine Krankheit des alten Mannes verkam jedoch das
Stückchen Land. Maria wurde zur Hure, um das Geld zum Überleben für die
Tochter, den Vater und für sich zu verdienen. Und
dort, wo das Geld am lockersten sitzt, ist eben das Land der barranquilleros.


 
Seit
dem Tag, an dem wir in der Bar zusammen saßen und sie mich vor noch größeren
Dummheiten bewahrte, waren wir ein Paar. Ich holte, ohne jemandem gegenüber
etwas zu erwähnen, meine Goldflasche aus dem Versteck. Damit konnten wir uns
einen neuen behutsamen Start leisten in ein neues Leben. Marias Tochter
besuchte eine Grundschule, die Dank einer Spende eines Unbekannten gebaut
werden konnte. Die Schule trug den Namen «Los Animales».

Maria
hatte sich seinerzeit mit Vehemenz für diesen nicht alltäglichen Namen
eingesetzt.

Die
Plantage ihres Vaters produzierte wieder Kakaonüsse, wobei zwei Hilfskräfte für
einen planvollen Ernte- und Pflegeeinsatz sorgten. Marias kleine Tochter nannte
mich Papa, und manchmal saß ich mit meinem Schwiegervater in spe vor der Hütte
und trank Mangomilch oder Bananenshakes.

Es
ist gerade erst eine Woche her, dass er mich fragte, ob ich die Geschichte
meiner Landsleute kennen würde, die eine Tagesreise von hier gelebt hätten.
Dabei hat er, glaube ich, mit den Augen gezwinkert. Weder Maria noch ich haben
dieses Thema je angeschnitten. Für einen Augenblick schienen sich die trüben
Augen des alten Mannes neu zu beleben.

Er
fragte unvermittelt: «Wer soll eigentlich die Patenschaft für das Kind
übernehmen, das Maria unter dem Herzen trägt und in Kürze zur Welt kommt?» Ohne eine Antwort abzuwarten und vollkommen übergangslos
begann er, seine eigene Geschichte zu erzählen.

Anfang
der fünfziger Jahre kam er mit einer Gruppe junger Leute hier in dieses Gebiet.
Es waren keine Straßen vorhanden und der ganze Verkehr wurde über den Fluss
abgewickelt. Sie gaben diesem Niemandsland einen Namen, Eldorado. Erst im Zuge
der vielen Land- und Bodenreformen erhielt sie von irgend einer der genau so
zahlreichen Regierungen in
La Paz
den heutigen Namen: Alto Beni.

Während
des Erzählens merkte ich, dass dieser Mann mir gegenüber dieses Land mit
geprägt hatte, dass Männer wie er diesem Dschungel ihren Willen aufgedrückt
haben.

Er
war einer der ersten, die dieses Land für sich beanspruchten. Mit eigenen
Händen und dem Preis der Gesundheit urbanisierten diese Menschen das Land und
machten es bewohnbar.

Er
erzählte von seinen drei Frauen und der Einsamkeit, seit dem Tod von Marias
Mutter. Sie war damals gerade zehn Jahre alt. Die drei ältesten Söhne waren
schon lange zuvor in die Stadt gezogen und hatten sich nie wieder sehen lassen
bei ihm.

Bis
zum Tod seiner dritten Frau war er einer dieser barranquilleros gewesen,
die auf der Suche nach dem, was sie la suerte nennen, die Erde durchwühlen.
Als er sich dann um seine kleine Tochter alleine kümmern musste, fing er an,
das Land zu bebauen. Eine kleine Bambushütte zuerst, dann der Gemüsegarten, die
Bananenstauden. Später kamen ein paar Hühner hinzu. Seit acht Jahren hatte er
die Plantage. Schon über Jahre standen die Kakaopreise
verhältnismäßig gut und die Ernten hätten ein gutes Auskommen gesichert, wenn
die Jahre am Wasser und die hohe Luftfeuchtigkeit nicht langsam zum Verfall
seines Körpers geführt hätten. Dabei zeigte er auf seine wie verkrüppelt
aussehenden Hände und die deformierten Gelenke seiner Beine.

Gicht
in ihrer schwersten Form und immer wiederkehrende Rheumaschübe mit fast
unerträglichen Schmerzen hinderten ihn daran, auch nur die leichtesten Arbeiten
zu verrichten.

So
verbrachte er die Tage damit in der wärmenden Sonne zu sitzen. Sie verhieß
Linderung der Schmerzen. Die nächste anstehende Regenzeit aber verfluchte er.

Als
sich seine Erzählung dem Ende zuneigte, legte er besondere Betonung in seine
Worte:

«Ich
habe das Gold gesucht. Ja, ich habe auch ein wenig davon gefunden. Ich habe
gesät und es sind mir die Pflanzen gewachsen. Das alles verdanke ich der pacha
mama. Sie ist die Göttin dieses Landes. Eine der wenigen Götter, die nur
Güte kennen.» Er lächelte jetzt fast.

«Sogar
Humor hat sie. Mir ist sie in vielfältiger Weise begegnet.»

Sein
verdorrter Zeigefinger wies von der Veranda über den angrenzenden Dschungel.

            «Den Tieren gibt sie Schutz und
Heimat, den campesinos lässt sie die Feldfrüchte wachsen und dem
Abenteurer gibt sie von ihren Schätzen. Seien es nun Edelsteine oder etwa das
Gold. Doch es sei Dir versichert», er machte eine kleine Pause, bevor er weiter
sprach «es ist nicht der Mensch, der das Gold sucht. Umgekehrt ist es: Das Gold
sucht den Menschen!» Er schloss seine Augen; der
Monolog schien ihn angestrengt zu haben. Auch mich beschlich eine wohltuende
Müdigkeit. Aber nur ganz kurz. Mit einem Schlage erschien mir alles so einfach
und klar. Ich sah auf und blickte in die Augen des alten Mannes.

«Ich
werde zurück kommen», sagte ich unvermittelt.

Er
nickte und ein Lächeln huschte über das runzelige Gesicht. Ohne dass wir das
Thema berührt hätten, verstand er mich.

Danke
alter Mann! Danke pacha mama!

Noch
am gleichen Abend sprach ich mit Maria. Fast wunderte es mich, dass sie nicht
versuchte, mich von meinen Plänen abzubringen. Nicht einmal Bedenken äußerte
sie.


 
Bepackt
mit einem Rucksack und der Hängematte verließ ich am frühen Morgen die Hütte
und zog ein letztes Mal in den Dschungel im Nordwesten. Zu dieser Tageszeit hing
über den hohen, dunkelgrünen Baumwipfeln noch weißer Nebel.

Knapp
eine Woche später nahm ich Tomas Spur auf. Im Institut für Tropenkrankheiten in
La Paz gab man
mir nach einigem Hin und Her und einem Zwanzig-Dollar-Schein die benötigten
Auskünfte. Im Minenministerium besorgte ich mir eine Ausfuhrgenehmigung für
Edelmetalle, bevor ich den Flug nach Buenos Aires buchte. In einem kleinen
Hotel im argentinischen Strandbad Punta del Este war ich am vorläufigen Ende
meiner Nachforschungen.

Über
die Auslandsauskunft erhielt ich die Telefonnummer von Tomas Vater, der als
Rechtsanwalt in Hamburg tätig ist. Der Mann war nicht
begeistert, als ich ihn gegen vier Uhr morgens weckte. Letztendlich rückte er
aber mit der aktuellen Anschrift seines Sohnes heraus. Vor meinem Abflug nach
Quito avisierte ich telegrafisch mein Kommen. Als Zwischenstopp brachte mich
die Lineas Aereas Argentinas nach Lima.


 
            «Gleich kommt der letzte Aufruf,
Senor! Haben sie ihr Gepäck schon aufgegeben?»

Die
hübsche Stewardess, die nun ja auch noch meine persönliche Flugbegleiterin war,
drängte zum Aufbruch. Sie lächelte mich an, als sie die Bordtasche über die
Schulter streifte.

«Ja,
schon vor Stunden», bemerkte ich und rutschte vom Barhocker. Den leichten
Staubmantel, der bis dahin über meinen Oberschenkeln lag, zog ich trotz der
Hitze über und ordnete das verschwitzte T-Shirt, indem ich es wieder in den
Bund der Jeans steckte.

«Also,
dann nichts wie los! Sicher sind sie der letzte Passagier. Kommen sie mit mir
durch die Sonderabfertigung für das Flugpersonal, Sie haben ja kein
Handgepäck.»

Die
junge Frau drehte sich um und ich folgte ihr zum Ausgang der Lounge.

Der
wiegende Gang des Mädchens war, wie ich grienend feststellte, verschärfte
Anmache. Meine Phantasie wurde erneut, diesmal jedoch in einer durchaus
angenehmen Weise angeregt.

«Mensch
Tomas, ich komme....», dachte ich noch, als ich hinter der Stewardess die
Gangway emporstieg. Der  Flug verlief angenehm. Plaudernd
nebeneinander  sitzend verging die Zeit,
im wahrsten Sinne des Wortes, wie im Fluge. Ab und zu erlaubte ich mir den Spaß
die Hand meiner charmanten Reisebegleiterin, wie unbeabsichtigt, zu berühren.
Aus ihrer Reaktion hoffte ich zu erkennen, wie weit ich gehen konnte und wie
weit sie zu gehen bereit war. Sehr weit, war mein Schluss.


 

 
Doch
zu kurz war die Zeit, die uns blieb. Sie kritzelte ihre Adresse und
Telefonnummer aus Lima auf eine dieser kleinen, fiesen Servietten während ich
versprach, bei der nächsten Gelegenheit anzurufen.

Nach
zwei Stunden landete die Maschine auf dem ekuadorianischen Flughafen der
Andenstadt Quito.

Hätte
ich die Nachtmaschine genommen wäre mir verständlich geworden, warum sie den
Beinamen trägt Der Diamant der Kordilleren.


 
            Am Flughafen erwartete mich Liz.
Eine rassige Mischung aus einer Quetschua-Indianerin und einem Weißen. Wir
machten uns miteinander bekannt und ich ließ mich von ihrer unkomplizierten
Fröhlichkeit anstecken. Obwohl ich am Ende meiner Reise war, war ich doch noch
nicht am Ziel. Noch wusste ich nicht, wie mein Freund reagieren würde. Ob er
mir mein Verhalten damals in Bolivien nachtragen würde? Obwohl ich versucht
hatte, das alles zu verdrängen, musste ich ihn einfach aufsuchen. Ich musste
reinen Tisch machen. Zudem war mir klar, dass ich es aus einem gewissen
Egoismus heraus tat. Es wäre schwer für mich gewesen so zu tun, als ob nichts passiert wäre. Ich wollte Tomas um Verzeihung
bitten.

            Liz erzählte mir den Rest der
Geschichte von Tomas, mit dem sie seit zwei Jahren gegenüber Quitos
Stierkampfarena auf der Avenida Los Shyris zusammen lebte. Auf der kurzen Fahrt
zu dem gemeinsamen Haus, ließ sie sich lachend die gemeinsame wilde Zeit, wie
sie es nannte, bestätigen. Mir wurde dabei klar, dass Tomas mit keinem Wort die
Umstände unserer Trennung ihr mir zusammen arbeiten können. Laut Liz`s Aussagen
hatte man Tomas zunächst in
La Paz
ins Generalhospital gebracht. Dort lag er fast eine Woche im Koma, dem Tod
näher als dem Leben. Dann, als die Ärzte das Fieber unter Kontrolle hatten,
wurde er ins Tropeninstitut zu weiteren Untersuchungen eingeliefert. Nach
zahlreichen Untersuchungen, Blutentnahmen und Kontrollen entließ man ihn dort
auf eigenen Wunsch. Der behandelnde Arzt riet ihm, zur Rekonvaleszenz einen
Aufenthalt am Meer in Betracht zu ziehen und sich keinesfalls wieder dem
tropischen Reizklima auszusetzen.

Tomas
verkaufte in
La Paz
das Gold, das sich noch in seinem Gürtel befand und reiste in das argentinische
Mar del Plata. Dort suchte er zur Sicherheit nochmals einen Arzt auf und
erholte sich verhältnismäßig schnell.

Bei
einer seiner täglichen Strandwanderungen lernte er Liz kennen, die für ihr Land
eine Ausstellung des ekuadorianischen Inkagoldes organisierte. Tomas verliebte
sich in die Frau und reiste mit ihr nach Quito, da er
ohnehin kein festes Ziel und auch noch keine neuen Pläne hatte.


 
Obwohl
Liz sich alle Mühe gab, verfloss die Zeit bis Tomas`s Rückkehr am Samstag zäh.
Nichts konnte mich ablenken. Immer wieder stellte ich mir vor, wie unser
Wiedersehen ablaufen könnte. Die Gedankensprünge ließen mich fast phantasieren.
Obwohl ich verschiedene Male nachbohrte wusste Liz anscheinend tatsächlich
nicht, warum mein Freund so kurz vor meiner Ankunft nach Mexiko geflogen war.
Seine


 
 Entscheidung traf er, das wurde mir klar,
nachdem er mein Telegramm aus Buenos Aires erhalten hatte. Ich dachte hin und
ich überlegte her, konnte jedoch keine Erklärung für sein Verhalten finden.


 
Bis
zum Freitag brachte ich täglich zwei Stunden in der ekuadorianischen
Zentralbank zu. Abends von fünf bis um sieben hielt ich mich in einem
öffentlichen Bereich des Kunstmuseums auf, für den Liz als Geschäftsführerin
zuständig war. Sie nahm ihre Arbeit sehr ernst. Als ich aber zum x-ten Male die
Lebens- und Familiengeschichte Atahualpas hörte, glaubte ich fast, dieser
letzte Inka-König wäre ein älterer Bruder von mir gewesen. Die junge Frau
konnte ununterbrochen referieren. Bestimmt ergänzte sie sich hervorragend mit
meinem eher stillen Freund.


 
Dann
endlich war es Samstag. Ich hatte schlecht geschlafen und Liz meinte, es läge
sicherlich an der Höhenluft. Ich ließ sie in dem Glauben, dass die zweitausendsechshundert Höhenmeter meinen Schlaf
beeinflusst haben könnten. Dass ich in
La Paz, das ja bekanntlich auf über
dreitausendsechshundert Metern Höhe liegt, nie Probleme hatte, verschwieg ich
ihr.

Es
wurde, den ganzen Vormittag über wollte ich es nicht glauben, tatsächlich
sechzehn Uhr. In der Halle des Flughafengebäudes fiel mir spontan mein erstes
Rendevouz ein und ich musste lächeln. Damals muss ich mich so ähnlich gefühlt
haben.

Dann
war es endlich soweit. Der gefürchtete und doch so herbei gesehnte Augenblick
war gekommen.

Als
Tomas uns sah winkte er kurz, schaute durch die Glasscheibe, die Ankömmlinge
und Besucher trennte und verschwand gleich darauf in dem uneinsehbaren
Abfertigungsraum des Zolls.

Wir
standen uns gleich darauf gegenüber. Tomas war ruhig wie immer. Meine
Aufgeregtheit versuchte ich mir nicht anmerken zu lassen. Wir gingen
aufeinander zu und nahmen uns in die Arme. Kein Wort wurde dabei gesprochen,
trotzdem schien es, als sei alles ausgesprochen worden in diesem Moment. Selbst
Liz hatte ihren Schnabel gehalten und uns gewähren lassen. Der Pick-up parkte
direkt am Eingang und wir stiegen ein.

«Wie
ist Deine Reise gewesen?», wollte ich von Tomas wissen. Mein freund lächelte
nur als er sagte:

«Das
besprechen wir bei einem Bier. Das, die vergangenen Zeiten, das Heute und das
Morgen. Ok?» Er sah mich an als er weiter sprach: «Wir haben viel Zeit, hoffe
ich. Du hast doch Zeit mitgebracht.» Eigentlich wollte ich noch etwas sagen,
hielt aber den Mund und Liz und Tomas unterhielten
sich während der kurzen Strecke zur Avenida Los Shyris.


 
            Ohne irgend etwas zu verschweigen
erzählte ich Tomas, wie sich aus meiner Sicht die Dinge im Goldgräberland
zugetragen hatte. Ich erzählte von meinen Bedenken, meinen Ängsten, wie ich
mich fühlte und wie ich damals dachte. Schweigend hatte er sich alles angehört.
Ich trank einen Schluck von meinem Bier, stand dann auf. In dem mir
zugewiesenen Schlafzimmer öffnete ich den mitgebrachten Rucksack und kam mit
einem länglichen Päckchen, das in zwei Handtücher eingeschlagen war, ins
Wohnzimmer zurück. Während ich mich in den Sessel zurück rutschen ließ, legte
ich das Bündel vor Tomas. Er besah es ohne es anzufassen, hob seinen Kopf und
schaute mir direkt in die Augen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin steckten wir
fast gleichzeitig unsere Zeigefinger der rechten Hand in das vor uns stehende
Bier, zogen sie dann heraus und ließen ein paar Tropfen auf den Teppichboden
fallen.

«Trinken
wir auf pacha mama» meinte Tomas und hob sein Glas.

«Auf
pacha mama», erwiderte ich, Tomas dabei zuprostend.

Er
schlug die Handtücher zurück und betrachtete lange die Flasche, die fast zu
dreiviertel mit kleinen Nuggets und Goldschuppen gefüllt war. Auf dem
Flaschenboden hatte sich gelber, glitzernder Staub abgesetzt.

«Du
hast sie also gefunden! Du hast sie wirklich gefunden!» Als könne er es nicht
glauben, wiederholte er sich. Mit der Hand strich er
fast liebevoll über das Glas der Flasche, die all seine Erinnerungen zurück
brachte.

«Oft
habe ich daran gedacht, das Gold selbst zu holen.» Er machte eine kleine Pause.
«Doch dann hatte ich Angst, das Versteck leer zu finden. Das ganz allein war
der Grund, warum ich nicht wieder zurück bin. Die Angst vor dem leeren
Versteck.» Er atmete tief durch. «Ich dachte was wäre, wenn ich nach all der
gemeinsamen Zeit hätte feststellen müssen, dass ich Dir nicht hätte trauen
dürfen!?» Das Sprechen schien ihm schwer zu fallen. Er unterbrach sich
nochmals.

«Hans,
glaubst Du mir wenn ich Dir sage dass es mir nicht um das Gold ging? Lieber
wollte ich darauf verzichten als mir eingestehen müssen, dass ich mich in dir
getäuscht habe.» Pause.

«Jetzt
schäme ich mich für meine Gedanken. Wirklich. Wahrscheinlich bin ich es gar
nicht wert, dein Freund zu sein.»

Ohne
uns anzusehen tranken wir von unserem Bier. Wir schwiegen. er wusste nicht,
dass ich ähnlich zweifelnde Gedanken hatte, dass auch ich bis heute gelitten
habe. Er ahnte nichts von meinen Selbstvorwürfen, wusste nicht, dass meine
Seele wund war.

Ich
merkte, dass mir leichter wurde, dass der Inkobus, dieser widerliche,
zerstörerische Dämon, der Besitz von meinen Tagträumen ergriffen hatte und der
meine Handlungen dirigierte, sich aus meinem Innersten verflüchtigte.

Tomas
und ich sprachen uns aus. Wie nicht anders zu erwarten, verstanden wir uns auch
dieses Mal. Nichts bedurfte großartiger Erklärungen.
Das eben war es auch, was einen Großteil unserer Freundschaft ausmachte.


 
Es
war nicht leicht, die Flasche zu finden.

Als
ich unser ehemaliges Camp erreichte, stand die Sonne schon höher und ich
versuchte im Schatten der  hohen Bäume
mein weiteres Vorgehen zu planen. Lange hielt ich mich mit Überlegungen aber
nicht auf und suchte Meter um Meter den angrenzenden Waldboden des Dschungels
ab. Ich besah mir das Wurzelwerk der Bäume; vielleicht war sie zwischen den
über der Erde wachsenden Luftwurzeln versteckt? Mal stocherte ich mit der
Machete mal hier mal da. Nichts! Schließlich erweiterte ich den Bereich meiner
Suche, gab mir alle Mühe, ja nichts auszulassen oder zu übersehen. So verging
der erste Tag als ich mich am  Abend
erschöpft aber keinesfalls entmutigt in die Hängematte legte. Lange fand ich
keinen Schlaf. Fast war ich versucht, den Namen meines Freundes zu rufen, wurde
mir doch der Irrwitz des von mir angestrengten Unterfangens bewusst.

Auch
der zweite Tag verlief, wie der erste. Am Vormittag scheuchte ich unter einem
vermodernden Baumstamm eine Korallenschlange auf  und erschreckte mich vor der davonzüngelnden
Viper. Nur ein paar Minuten später stocherte ich gedankenverloren mit der
Machete in ein Wespennest. Glücklicherweise wurde mir vor dem Ausschwärmen das
bedrohliche Summen der angriffslustigen Insekten bewusst. Ich lief, so schnell
ich konnte, weiter in das Unterholz, bis ich an ein Rinnsal
geriet, das uns während unserer Goldsuche als Trinkwasserreservoir diente und
zirka zweihundert Meter weiter in den Hauptfluss mündete. So verging der erste
Tag und als es zu dunkeln begann, wärmte ich eine der mitgebrachten Konserven
über einem offenen Feuer und trank von dem klaren, kühlen Wasser des Bächleins.
Über einen Felsvorsprung plätscherte das Wasser etwa achtzig Zentimeter tiefer
auf die darunter liegenden Kiesel und pieselte dann munter dem Fluss entgegen.

Ab
und zu nahm das Fließende Wasser Blätter oder Holzstückchen mit, die auf der
Oberfläche des kleinen Beckens schwammen. Dieses Becken war nicht größer als
eine Waschschüssel. Ich schöpfte mit beiden Händen das  kalte Nass und begann, Abendtoilette zu
machen.

Auch
in dieser Nacht fand ich nur wenig Schlaf.

Hundert
Meter mal hundert Meter hatte ich schon abgesucht. Glaube nicht, lieber Leser,
dass es sehr viele Möglichkeiten gäbe, etwas von der Größe einer Weinflasche zu
verstecken, nur, weil man sich im Dschungel befindet. Abgesehen davon, dass
mein Freund die Flasche eingegraben hätte - das konnte ich mir aber nicht
vorstellen- gab es nicht viel, was als geeignetes Versteck infrage kommen
konnte. Mein Blick streifte nach oben, bis hoch in die Baumkrone eines
Urwaldriesen. Einen daraus resultierenden hoffnungsvollen Gedanken verwarf ich
jedoch gleich. Nein! Der Schatz war hier ganz in der Nähe, ich konnte ihn mit
einem Male förmlich spüren. Mir war, als wolle pacha mama Schabernack
mit mir treiben. Im Geiste redete ich mit ihr und schlug ihr vor, das Spiel
doch jetzt zu beenden, versprach ihr alles Mögliche
und noch ein bisschen mehr! So vor mich hin phantasierend, nicht mehr wissend,
wo ich weiter suchen sollte, nahm ich einige Kiesel vom Bachufer auf und warf
sie gedankenverloren schräg in die Höhe. Sie platschten in eben dieses
Wasserbecken das unterhalb der Felsnase lag. Plumpsend tauchten sie ein,
teilten für einen Augenblick die aufschwimmenden Blätter und Holzstückchen und
brachten Aufregung in eine Familie spinnenartiger Wasserläufer. Als ich
gelangweilt einen etwas größeren Kiesel in eben dieses Wasser warf, hörte ich
die Stimme von pacha mama! Es war der Klang eines Steines auf
Glas. Stark gedämpft zwar durch das Wasser aber eben noch vernehmbar. Ich erhob
mich nicht sofort sondern streckte mich auf dem Waldboden aus und lachte; leise
zuerst, dann lauter und immer lauter. Gleich meinem Echo antwortete mir die
grüne Unendlichkeit Amazoniens. Vögel schienen in mein Lachen einzufallen, und
aus der Tiefe des Dschungels vernahm ich das Schreien einer Gruppe von
Brüllaffen. Als ich mich wieder in der Gewalt hatte, schienen sogar die
Insekten lauter zu grillen und zu zirpen als zuvor. Ich hatte einige Aufregung
in das Reich der pacha mama gebracht!

                        Fast vierzig Zentimeter
war das Becken tief, das sich im Laufe der Zeit durch das stetige Nachfließen
des fallenden Wassers gebildet hatte. Bis zum Bizeps tauchte ich den Arm in die
feuchte Kühle als meine Hand das glatte Glas berührte. Die Flasche war wegen
ihres Gewichtes und der vergangenen beiden Jahre der Lagerung schon etwas eingesunken.
Es schien, als wolle sich die Erdgöttin das zurück holen, was ihr einmal gehörte.


 
Liz starrte auf die Flasche und schien nicht zu glauben was sie da
sah. Auch verstand sie wohl nicht, wovon wir redeten. Sie sah mich an, als ich
meine Hand auf Tomas Schulter legte und sagte:

            «Wenn mir ein alter, auf den Tod
wartender Goldgräber nicht auf seine Art und Weise die Augen geöffnet hätte,
läge die Flasche noch immer dort, wo du sie versteckt hattest und wo ich sie
schließlich gefunden habe. Bei der Suche danach bin ich dir sehr nahe gewesen.
Ich wusste, dass, wenn ich sie fände, der Tag der Abrechnung kommen würde.
Tomas, ich schulde dir nicht mehr und nicht weniger als meine Freundschaft. Für
mich soll dieses Treffen hier eine Art Rehabilitation sein. Das, was ich dir
hier bringe ist kein Geschenk; es ist etwas, was dir so wie so gehört.»

Tomas blieb stumm. Ich hörte nur den Atem
von Liz. Ich fühlte, wie ihr Gehirn arbeitete, merkte, dass hier etwas ihr
Verständnis überstieg. Andererseits aber war es eine Situation, die nur Tomas
und mich wirklich berührte. Um sie zu begreifen, hätte man sie als
erfahrungswert selbst erleben müssen.
Schweigend
tranken wir unser Bier und vergaßen dabei nicht, pacha mama zu danken.
Und wieder kamen mir die Worte des alten Mannes aus dem Dschungel Boliviens in
den Sinn: Das Gold sucht den Menschen - es ist niemals umgekehrt!

Liz
legte eine Schallplatte auf. Sie wählte einen Titel von Javier Soliz, dem
mexikanischen Sänger. Es war das selbe Lied, das ich an dem Tag in der Bar
gehört hatte, als ich Tomas suchte. Ich bin ein Mensch, der nicht bedingungslos an einen Gott glauben will; doch an
diesem Abend schien mir, als hätte sich ein Kreis in der Vorsehung meines
ureigensten Schicksals geschlossen. Es wurde mir Gelegenheit gegeben von einem
fahrenden Zug abzuspringen der mich unweigerlich dazu verdammt hätte, für immer
und ewig sein Passagier zu sein - auf einer Strecke, die für alle Zeiten durch
ein Fegefeuer geführt hätte.


 
Tomas
erhob sich und kramte in seinem Seesack, der seit seiner Ankunft in einer Ecke
des Wohnzimmers gestanden hatte. Er brachte ein Briefkuvert zum Vorschein,
faltete es auseinander und öffnete es. Vorsichtig klopfte er mit dem
Zeigefinger gegen den Rand des Umschlags und kam dabei ganz dicht an mich heran.
Kleine, glitzernde, im vielen Farben punktierte Steine kullerten heraus und
rutschten über die glatte Tischplatte.

«Opale»,
kommentierte Tomas emotionslos. Ohne ein Wort zu sagen sah ich ihn an und
entdeckte das fordernde und wissende Feuer in seinen Augen. Mir stockte der
Atem bei dem Gedanken daran, was jetzt kommen würde.

«Die
verlassenen Minen liegen in der Sierra Madre, nordöstlich von Guadalajara in
Mexiko. Nur ein paar einheimische campesinos arbeiten sporadisch in den
von den Spaniern vor Jahrhunderten angelegten Stollen. Jetzt sind sie als
unergiebig befunden worden und in Vergessenheit geraten.» Mein Freund hatte
seinen Blick nicht von mir gelöst während er zu mir sprach. Meine
Speichelproduktion war wie lahmgelegt und ich brauchte unbedingt schnell etwas zu trinken.

«Hast
Du eine Landkarte hier von dem Gebiet? fragte ich, als ich mein Glas absetzte.
Eine Frage, die ich mir hätte sparen können, weil ich die Antwort schon wusste.

«Hab
auf der Rückreise im Flugzeug schon alles eingezeichnet. Eine Liste der
Ausrüstung, die wir brauchen werden ist auch dabei.»

Er
ging nochmals zum Seesack und kam mit einem braunen Din-A-4 Umschlag zurück,
holte zwei engbeschriebene Blätter heraus und faltete sie auseinander. Dabei
sagte er:

«Als
ich Dein Telegramm erhielt erinnerte ich mich an ein Gespräch, das ich vor
längerer Zeit mit einem Mexikaner hatte.» Er machte eine Pause, bevor er
verschmitzt lächelnd den Satz vervollständigte: «Seitdem warte ich auf dich.»

Etwas
Verstehendes zeichnete sich auf Liz Gesicht ab. Und der Anflug von Panik.
Obwohl sie kein Deutsch verstand wurde ihr immer klarer, was da am Tisch vor
sich ging.

«Ihr
wollt doch nicht etwa...», wagte sie einzuwerfen, ließ den Satz dann aber doch
offen.


 
Die
Geburt meines Sohnes und die anschließende Taufe feierten wir in Bolivien. Liz
begleitete uns. Sie verstand es als eine Zeit des Abschiednehmens. Und so
verstand es auch Maria.

Ihr Vater
meinte, man solle niemals weghören, wenn die pacha mama ruft.


Günstlinge der Pacha Mama


 
Der Tag war bewölkt. Unter der
Wolkendecke staute sich die Hitze und der Schweiß lief in kleinen Bächen über
den Nacken und den Oberkörper, wo ihn der dünne Baumwollstoff des Shirts
aufsaugte. Dazu kam, dass ich den leichten Staubmantel immer noch an hatte und
mir selbst so diesen heißen Sommertag fast unerträglich machte. Das kalte Licht
der Neonlampen in der Halle ließ die Umgebung diffus erscheinen und ich
bemerkte fast nicht die Betriebsamkeit vor dem Counter. Ich stieß eine dicke
Frau an und wurde gleichzeitig von einem Indio hinter mir angerempelt.
Unwillkürlich berührte meine Hand die Stelle am Mantel, wo sich meine Geldbörse
befand und auch meine Papiere untergebracht waren. Ich war beruhigt, als ich
das warme Leder an meinen Fingerkuppen spürte, nahm meine Tasche auf und hielt
nach einem Sitzplatz Ausschau. Zwischen meinen Fingern hielt ich ein Kuvert,
das man mir gerade am Tresen der Braniff-Airlines übergeben hatte. Jetzt war es
durchmeine schwitzigen Hände an den Stellen feucht, die ich berührt
hatte. Feucht und schwarz waren die Flecken die sich auf meinem Namen gebildet
hatten, der auf dem Umschlag stand. Hans Herl, Braniff-Airlines, Flughafen
Lima. So stand es dort. Hans Herl bin ich.

Die Nachricht war am Morgen des selben Tages in Quito aufgegeben
worden. Bei der Rückbestätigung meines Weiterfluges hatte man mir das Kuvert am
Schalter der Fluggesellschaft übergeben.

            «Das fängt ja gut an», dachte ich so
bei mir, «so hatte ich mir unser Wiedersehen eigentlich nicht vorgestellt».

Ich
erblickte beides gleichzeitig. Erst den freien Sitzplatz, als sich eine
Indiofamilie mit einer Kinderschar erhob und in einer Entfernung von zirka
dreißig Metern die großen Buchstaben der VIP-Lounge.

Ich
dachte nicht darüber nach, ob ich nun ein VIP bin und setzte mich in Richtung
der Lounge in Bewegung. Sie versprach klimatisierten Aufenthalt und leidlich
kalte Getränke. Vor dem Eingangsbereich stand ein Wachmann mit einem schweren
43er Colt aus argentinischer Fabrikation. Er schaute schläfrig auf als ich am
ihm vorbeischritt und auf seine sich formulierende Frage, was ich hier in
diesem Bereich wolle gab ich nur eine lapidare Antwort ohne meinen Schritt zu
verlangsamen.

«Esta
bien compadre, todo bien y tenga un buen dia.»

Und
schon war ich an ihm vorbei.

Die
Lounge lag im Halbdunkel und auch hier war es stickig und heiß. Ich schaute
mich kurz um und ging zielstrebig auf die Bar zu.

Aus
der Manteltasche holte ich das Telegramm hervor und öffnete es. In
Großbuchstaben stand dort:

MUSS
DRINGEND NACH MEXICO STOP SAMSTAG ZURÜCK STOP FÜR ABHOLUNG AM FLUGHAFEN Q IST
GESORGT STOP  T


 
Ich faltete das Papier zusammen und dachte an die vergangene Zeit.
Dachte an die vergangenen drei Jahre, seit wir uns getrennt hatten. Nun führte
uns der Zufall wieder zusammen, besser gesagt, fast wieder zusammen. Am Samstag
also, in vier Tagen, würden wir uns gegenüber stehen. Eine Männerfreundschaft
sollte neu belebt werden... oder vielleicht neu beginnen, unter günstigeren,
besseren Vorzeichen.


 
Die
Braniff- Stewardeß und jetzige Bardame in der Lounge fragte mich lächelnd nach
meinen Wünschen. Ich sah sie an und grinste über das ganze Gesicht.

«Wollen
Sie etwas trinken, Senor?»

Jetzt
hatte sie die Frage unmissverständlich gestellt. Aber das provozierte mein
Grinsen nur noch mehr.

«Ja,
ein Bier bitte», gab ich dann doch endlich meine Bestellung auf.

Sie
fixierte mich und in einem routinierten, entschuldigenden Tonfall versicherte
sie mir, dass die Klimaanlage gerade an diesem Morgen ganz plötzlich
ausgefallen sei.

Ich
erwiderte ihren Blick, verkniff es mir aber sarkastisch zu werden mit der
Bemerkung, dass dieser Flughafen noch nie eine funktionierende

Klimaanlage
hatte.

Die
junge Frau merkte, dass ich ihr nicht glaubte und verschwand ohne weitere
Erklärungen durch eine Tür hinter dem Tresen.


 
Schon
vor meinem Abflug aus Buenos Aires hatte ich mich auf das Wiedersehen mit Tomas
eingestimmt.

Mich beschlich eine ungewisse, keinesfalls bequeme Vorfreude. Ich
fühlte mich wie jemand, der sich nach wochenlangen Zahnschmerzen auf den Besuch
beim Dentisten freut.

Statt
Milkshakes oder Fruchtsäften trank ich erneut Bier, genau so, wie mein Freund
und ich während der Zeit unserer Partnerschaft. Nach einigen Flaschen war mir
dann, als ob wir uns wieder träfen, unsere Ausrüstung zusammen packten und
nochmals in irgend einen Dschungel am Fuße der Anden eindrängen, um nach Gold
zu suchen.

 Schon vor meinem Abflug aus Buenos Aires hatte
ich mich auf das Wiedersehen mit Tomas eingestimmt. Mich beschlich eine
ungewisse, keinesfalls bequeme Vorfreude. Ich fühlte mich wie jemand, der sich
nach wochenlangen Zahnschmerzen auf den Besuch beim Dentisten freut.

Statt
Milkshakes oder Fruchtsäften trank ich erneut Bier, genau so, wie mein Freund
und ich während der Zeit unserer Partnerschaft. Nach einigen Flaschen war mir
dann, als ob wir uns wieder träfen, unsere Ausrüstung zusammen packten und
nochmals in irgend einen Dschungel am Fuße der Anden eindrängen, um nach Gold
zu suchen.


 
            Das Mädchen brachte das Bier und
schenkte ein Glas halb voll. Den Rest der Flasche stellte sie auf der Holztheke
ab und servierte dann am anderen Ende der Bar. Es war sehr heiß in dem Raum.
Doch gerade in dieser Hitze fühlte ich mich wohl. Sie erleichterte es mir, die
Erinnerungen aufzufrischen. Ich brauchte nur die Augen zu schließen und schon
hatte ich die ganze Umgebung wieder nah vor mir.


 
           

            Die
Siedlungen Guanay und Tipuani zogen an meinem geistigen Auge vorbei.
Drückend-schwüle Abende in einer der vielen Tropenbars des bolivianischen
Amazonastieflandes.

Einfache
Bretterhütten ohne sanitäre Anlagen oder elektrisches Licht, Benzinlaternen und
Kühlschränke, die mit Kerosin betrieben werden. Schmalzige Musik von Batterie
betriebenen Plattenspielern. Biergelage, die uns den Schweiß der harten
Tagesarbeit aus den Poren trieben. Raue Männergesellschaften bei denen
Streitigkeiten mit den Fäusten, manchmal auch mit Messern ausgetragen wurden.

Wenn
ein Abend besonders schön war, wir also besonders betrunken, ballerten wir mit
den Polizei-38ern, wir hatten sie gegen Whisky eingetauscht, Löcher in das
rostige Wellblechdach der Bar.

Die
Eigentümer der Etablissements baten uns nach solchen Gelagen mit schöner
Regelmäßigkeit zur Kasse. Oft überstiegen die Reparaturrechnungen den
eigentlichen Zechbetrag. Hatten wir dann unseren Spaß gehabt oder das, was wir
dafür hielten, stolperten wir, uns gegenseitig stützend, zurück  zu unserem Lager. Über der Dschungelsiedlung
schwebte noch am drauf folgenden Morgen unser Geruch wie Smog über der
Großstadt. Männergeruch. Eine Mischung aus Bier und Bananenschnaps, Schweiß,
Verdautem und Frauen. Zu dieser Zeit glaubten wir, dass dort, wo wir uns gerade
befanden, der Nabel der Welt sei.


 
Tagsüber
holten wir aus unserem Hügel am Fluss die goldhaltige Erde und schleppten sie
zum Ufer. Dort schütteten wir sie auf die primitive, aus Brettern und Steinen gebaute Waschanlage.

Die
Vormittage hindurch trugen, zogen oder hievten wir Sack um Sack zum Fluss. Die
schwere Arbeit und die hohen Temperaturen ließen unsere Körper ausfließen, so
schwitzten wir. Und die jeweils voraus gegangene Nacht forderte auch ihren
Tribut. Gegen Mittag, wenn die Sonne am höchsten stand, fielen wir stets
todmüde in unsere Hängematten im Schatten der oberhalb am Uferhang stehenden
hohen Bäume.

Myriaden
von Moskitos zerstachen Gesicht und Oberkörper wenn wir nachmittags unter der
tiefer stehenden Sonne das Gold aus dem Quarzsand und    -kies wuschen, der in der Waschanlage
zurück geblieben war. Bis zu den Hüften im Flusswasser stehend schwenkten wir
die batea, die hölzerne Goldwaschschüssel, bis es zu dunkeln begann.

Höchstens
die Hälfte des Goldes, das wir in einem Tagewerk heraus wuschen, wollten wir
versaufen. Jedenfalls hatten wir das irgendwann einmal so vereinbart und so
hielten wir es auch.

Je
länger wir jedoch arbeiteten und buddelten, um so unmöglicher wurde es, das
Gold in Trinkgelagen und in den damit verbundenen Schadensersatzansprüchen
auszugeben. Während wir die größeren Stücke und die Nuggets teilten und in
unsere Flaschen füllten, schütteten wir den gelben Staub und die kleineren
Partikel in winzige Papierumschläge, die Tomas in seinem Gürtel deponierte.
Zwischen zwei Lederschichten hatte dieser über seine gesamte Länge eine Art
Geheimfach. der Gürtel war bald so voll und so schwer, dass ich meinen Freund
manchmal scherzhaft «El Dorado» nannte, was soviel
bedeutet wie Der Vergoldete. Nie redeten wir über unseren verhältnismäßigen
Reichtum, nie über Geld. Auch schienen wir kein Bedürfnis zu haben über etwaige
Pläne, über das Danach zu sprechen. Für uns zählte nur das Heute, und davon
auch nur der Moment.

Trotz
unserer nächtlichen Eskapaden arbeiteten wir kontinuierlich ohne uns um
Sonntage oder Feiertage zu kümmern. Wir aßen nicht viel, eine Mahlzeit am

Tag
reichte uns.

Es
war stets die, die wir in der Siedlung zu uns nahmen. Und es war fast immer das
selbe.

Lomo
a lo pobre ist eine gebratene Fleischschnitte, vorzugsweise vom Filet oder der
Hüfte des Rindes, die mit zwei Spiegeleiern, Reis und gebackenen Bananen
serviert wird. Nicht zu vergessen, das picante. Das ist eine scharfe Soße, bei
der die kleinen, roten Pfefferschoten mit feingehackten Tomaten und Zwiebeln
mit Olivenöl vermischt werden. Das Rezept schien Luzifers Chefkoch persönlich
erfunden zu haben. Tagsüber aßen wir die Früchte der Region wie Papayas,
Mangos, Avokados und Bananen. Als eiserne Reserve hatten wir noch ein paar
Konserven mit Fleisch und Bohnen. Die rührten wir aber nie an.

Wenn
wir dann abends nach Einbruch der Dunkelheit die Nuggets, die kleinen
Goldstücke und die noch feineren Goldschuppen auf der Federwaage teilten, waren
wir ganz still. Heute fällt mir auf, dass keiner von uns je ein Wort sagte oder
auch nur eine Bemerkung machte wie «heute war ein guter Tag» oder Ähnliches.
Jeder füllte nur seinen hälftigen Anteil in seine
Flasche und verschloss sie.

Abwechselnd
gingen wir danach in den angrenzenden Dschungel, um die kostbaren Behältnisse
zu verstecken. Derjenige, der warten musste, blieb nahe am Lagerfeuer. Seine
Schemen waren für den anderen noch nach vielen Metern sichtbar, er selbst aber
vom Grün des Dschungels und der Dämmerung verschluckt um den Anteil in Ruhe an
irgend einer, nur ihm bekannten Stelle zu

 verbergen. Dann verfuhren wir umgekehrt.
Tagsüber vermieden wir in den Teil des Busches zu gehen, den der andere am
Abend vorher aufgesucht hatte, um ein geeignetes Versteck zu finden. Das Ganze
hatte mit Misstrauen nichts zu tun. Es war ein stillschweigendes Übereinkommen,
das von uns beiden als Sicherheitsstandard respektiert wurde. Nicht selten
wurden die Lager der Goldsucher überfallen und diese dann ausgeraubt. Gegen uns
beide hätte man keine allzu große Chancen gehabt, wir fühlten uns gemeinsam
einfach zu stark und unsere Waffen waren beeindruckend. Neben den 38ern hatten
wir auch noch eine Schrotflinte, die wir mit selbst hergestellter Munition
bestückten. Alleine damit hätten wir einen Panzer aufhalten können, so unsere
felsenfeste Überzeugung.

Hätte  mich Tomas damals um meinen Anteil gebeten,
ich hätte ihn ihm gegeben, ohne auch nur nach dem Grund zu fragen. Ich bin ganz
sicher, umgekehrt wäre es genau so gewesen. Einmal, als wir noch ganz am Anfang
unserer gemeinsamen Buddelei standen und noch nicht mehr als ein oder zwei
Gramm täglich herauswuschen, schworen wir, uns
gegenseitig zu helfen mit der jeweiligen Hälfte des anderen, sollte dessen Gold
gestohlen werden oder anderweitig abhanden käme. Nie mehr danach wurde darüber
geredet.


 
            «Noch ein Bier, Senor?»

Das
Barmädchen schaute mich fragend an.

            «Braniff übernimmt die Kosten des
Verzehrs in der Lounge.»

Ich
war überrascht. Als sie weiter sprach wusste ich,

dass
ich noch einen längeren Aufenthalt im heißen Lima hatte.

            «Übrigens hat die Maschine nach
Miami, mit der sie nach Quito fliegen, etwa zwei Stunden Verspätung.»

Mit
ihrem schmalen Kinn wies sie in eine der hinteren Ecken des Raumes.

            «Es ist ein kaltes Buffet
angerichtet. Sie können sich bedienen.»

Mit
schlanken Fingern begann sie an der Theke, mir direkt gegenüber, Servietten zu
falten. Es waren genau diese Servietten, die ich abgrundtief hasse. Diese
kleinen einlagigen, die einem gar keine Chance lassen die Finger auch nur
annähernd sauber zu halten.  Trotzdem
griff ich zu und versuchte, meine schweißnassen Hände damit zu trocknen. Außer
dass sich ein dreckiger, nasser Film auf dem Papier bildete, hatte ich nichts
erreicht. Die Finger blieben feucht und schmutzig, wie sollte es auch anders
sein?

            «Hunger habe ich keinen. Aber noch
Durst! Bringen sie mir doch bitte noch ein Bier!»Ich schaute auf, direkt in
ihre braunen Augen. «Und sagen sie dem Mister Braniff
ein Dankeschön in meinem Namen.»

Sie
erwiderte zum ersten Mal mein Lächeln und alles Professionelle war aus ihren
Zügen verschwunden. Aus ihrem Dialekt hörte ich heraus, dass sie eine Limena
war, eines dieser vielen hübschen Mädchen aus der Hauptstadt Perus.

«Eigentlich
ist es schade», dachte ich so bei mir, «eine so anziehende Figur in ein so
klassisches Out-fit wie das einer Uniform zu verpacken.»

Wenigstens
ein Ausschnitt hätte mich animiert, ein längeres Gespräch mit ihr zu
beginnen... aber so, nicht einmal ihre Beine konnte ich wegen des Baraufbaus
sehen. Ich begnügte mich damit, ihr in die Augen zu schauen und sie
anzulächeln.

Schade
dass sich die Lounge langsam füllte; wohl der kostenlosen Getränke wegen. Die
Stewardess ließ mich alleine und begann, am anderen Ende der Bar zu servieren
und bediente Neuankömmlinge an den Tischen im Halbdunkel. Eine Weile
beobachtete ich sie dabei. Es schien noch heißer geworden zu sein. Zu der Hitze
kam, dass sich die Luft in dem nun fast vollen Raum nicht zu bewegen schien.


 
Trotz
der Verspätung der Maschine nach Miami waren die meisten Gäste in einer für
mich unverständlichen Eile. Dieses Phänomen kann man in allen Flughäfen dieser
Welt gleichermaßen beobachten.

Ich
wischte mit der Hand über das kalte, beschlagene Bierglas und trank in kleinen
Schlucken. So wie damals mit Tomas, in den Bars im Goldgräberland. Meist gab es in den Bretterbuden wegen der zerstörerischen
Nächte keine vernünftigen Gläser. Oft klebten noch die Etiketten von Senf oder
Marmelade auf unseren Trinkgefäßen. Uns war es gleichgültig und ein kleines
bisschen amüsierte es auch.

Die
Bierflaschen wurden eiskalt serviert. Das meine ich wörtlich. Ein Pfropfen aus
gefrorenem Bier verstopfte nicht selten den Flaschenhals. Wir legten


 
unsere
Hände darum und brachten das Hindernis so zum schmelzen. Höchstens zwei Finger
breit füllten wir die Gläser, warteten kurz bis sich der wenige Schaum gesetzt
hatte, tauchten dann den Zeigefinger in das Bier und opferten der pacha mama
indem wir die Flüssigkeit auf den festgestampften Lehmboden der Bar tropfen
ließen. Alle barranquilleros, so werden die freien Goldsucher genannt,
erhoffen sich dabei dass ihnen die Erdgöttin die Stelle zeigt, wo die
goldführende Ader verläuft.

Die
anderen barranquilleros hatten sich an uns, die Fremden, gewöhnt, an die
animales, wie sie uns nannten. Zu diesem Namen kamen wir als Tomas eines
abends, wir waren mal wieder völlig betrunken, in einer dieser Bars gerufen
hatte.

            «Senorita, noch eine Runde auf die
Rechnung der animales....»

Statt
alemanes, der Deutschen, hatte er ein paar Buchstaben durcheinander
geworfen. Durch diesen Versprecher wurden aus uns los animales - die
Tiere!


 
Unser
Ruf als standfeste Trinker öffnete uns die Kreise an den Tischen der
zechfreudigen aber weniger alkoholgewohnten
Einheimischen. Oft waren Tomas und ich noch nicht richtig berauscht, wenn
unsere Saufkumpane um uns herum schon auf ihren Bänken und Stühlen
eingeschlafen waren. Fast immer verschwand dann einer von uns zu dieser späten
Stunde, um in irgend einer Bananenplantage oder bei weniger gutem Wetter in
einem stickigen Bretterverschlag zu vögeln. In den meisten Fällen kannten wir
noch nicht einmal die Namen der Frauen und Mädchen die uns die entspannende
Gesellschaft leisteten. Schnell hatten wir neben dem zweifelhaften Ruf in der
Männerwelt ein paralleles Image bei den Frauen aufgebaut. Da wir bei den
Gelagen mit unserem Gold nicht geizten waren in unseren Runden auch immer
einige Mädchen, die dem ältesten Gewerbe nachgingen. Stadtbekannte Huren, wie
sie in jedem Goldgräbernest anzutreffen sind, halfen uns, die Verabredungen mit
den ehrenwerten Damen zu machen, auf die wir ein Auge geworfen hatten.

Selbst
uns wurde nach kurzer Zeit klar dass wir die Ehefrauen und Töchter unserer
Zechkumpanen fickten, während diese ihren durch uns mitfinanzierten Rausch
ausschliefen. Wir scherten uns den Teufel drum!


 
In
diesen Tagen hatte jeder von uns schon so an die drei Kilo Gold in der Flasche.
Aber wie schon erwähnt, wir sprachen nie darüber.

Am
Anfang war das alles nur ein Spaß für uns.

Dann,
es ist schwer im Nachhinein den exakten Zeitpunkt dafür zu bestimmen, wurde aus
diesem in-der-Erde-graben wie zu einem Fieber. Das Abenteuer, das uns ein sorgloses, verrücktes Leben erlaubte, trat
immer mehr in den Hintergrund. Es wurde verdrängt von einem unbekannten Faktor,
der nur sehr schwer zu beschreiben ist. War es uns doch nie nur um das Gold
gegangen, nie darum, reich zu werden oder materielle Werte zu schaffen.
Trotzdem hatte es uns, ganz besonders mich, dann doch gepackt.  Von diesem Fieber, das mehr einer
Gemütskrankheit ähnelt, wurde ich geschüttelt und total vereinnahmt. Tomas
beobachtete mich manchmal müde lächelnd, sagte jedoch nichts, erwähnte mit
keinem Wort seine Beobachtungen an mir, an meiner Seele. Ganz im Gegenteil. Er
ließ sich von meiner Psychose anstecken. Es wurde, wie soll ich es anders
erklären, plötzlich wie ein Zwang zum Machen! Es stand nicht mehr die Buddelei
und die Ausbeute im Vordergrund.

Mit
einem Male war der Aspekt der Masse wichtig. Schleppten wir zu Beginn unserer
Arbeit jeder etwa sechs Säcke mit der goldhaltigen Erde zur Waschanlage, waren
es während dieser Krankheit fast zwanzig. Wenn Tomas sich ausruhen wollte, fuhr
ich ihn ziemlich ruppig an, er solle sich wie ein Partner verhalten und auch so
viel arbeiten wie ich es tat. Dabei sah er mich nur an und lächelte, schüttelte
verständnislos den Kopf und tat seinen Teil. Dass mein Freund zu diesem
Zeitpunkt schon eine Krankheit ausbrütete, konnte ich nicht ahnen. Nicht einmal
er selbst hat es ja gewusst. Mit keinem Ton erwähnte er, dass es ihm schlecht
ginge oder dass ihm die Arbeit schwer fiele. Direkt am Flussufer entfachten wir
ein großes Feuer und wuschen in dessen Schein bis tief in die Nacht das Gold
aus dem Quarzsand. Verärgert über das scheinbare
Desinteresse meines Freundes entging uns, davon war ich felsenfest überzeugt,
ein großer Teil des wertvollen Metalls.

Dann,
ganz unvorbereitet für mich, kam der Zusammenbruch! Der meiner Psyche und der
des Körper meines Freundes.


 
Es
begann an einem frühen Morgen.

Tomas
stand einfach nicht mehr auf. Er lag in seiner Hängematte und schien mich zu
beobachten. als ich mich über ihn beugte, sah ich die blutig gebissenen Lippen
und die schwarz umränderten Augen, die tief in den Höhlen lagen. Die blaue Iris
und die dunkle Pupille glänzten fiebrig und ließen das drängende Feuer
vermissen, das die Person meines Freundes mit ausmachte. Wie ein Fremder
erschien er mir in diesem Moment.

Das
letzte Logische, was ich an diesem Tag noch vollbrachte war, einen Arzt zu
holen.

Auf
dem Weg in die Siedlung schossen mir die merkwürdigsten Gedanken durch den
Kopf; sie drehten sich um Tomas und mich.

So
kam ich am Hause des Doktors an, den ich aus seinem Rausch aufwecken musste.
Als sich der untersetzte, dickliche Arzt dann auch noch weigerte, mit mir zum
Lager zu kommen und meinen Freund zu helfen, wurde ich fast bösartig. In meiner
Rage zog ich ihn ganz dicht an mich heran wobei ich ihm das fleckige, ehemals
weiße Unterhemd zerriss.

«Mein
Freund braucht deine Hilfe- du bist Arzt und kommst jetzt mit mir mit zu
unserem Lager!» knurrte ich, bereit, ihn auf der Stelle umzubringen.

Ich
hatte langsam und drohend gesprochen und das gab wohl
den Ausschlag für den Sinneswandel des Arztes. Gemeinsam machten wir uns auf
den zirka zwanzigminütigen Weg zu Tomas.

Nach
einer kurzen Untersuchung diagnostizierte der Doktor einen schweren
Malariaanfall und dass der Patient dringend in ein Krankenhaus müsse.

Als
der Medikus ausgeredet hatte, begann ich zu fluchen. Ich schrie meinen Freund
an.

«Du
Schwein hast nur keine Lust zu arbeiten... Wie stellst du dir das jetzt vor mit
uns du kleiner

Wichser..»

Ich
benutzte alle geläufigen und weniger bekannten Fäkalausdrücke der deutschen und
spanischen Sprache. Tomas hörte sich das alles mit geschlossenen Augen an.

Während
ich mich in eine mir heute unverständliche Wut hineinsteigerte, holte ich zu
guter Letzt unseren Revolver hervor, der uns gegen eventuelle Überfälle
schützen sollte. Als ich damit auf Tomas zielte, ihn anfuhr, er solle sich
gefälligst auf die Beine machen, verlor der Arzt die Nerven und floh aus
unserem Camp. Ich habe ihm wohl noch irgend etwas nachgeschrieen.

            Dann verstieg ich mich in die Idee,
mein Freund wolle die Partnerschaft aufkündigen mit seinem Verhalten und
versuche nun, mich auf irgend eine Art zu hintergehen.

Klares
Denken war mir unmöglich und wirre Panik erfasste mich. Ich erinnere mich
daran, dass ich in der ersten Stunde nach dem Verschwinden des Arztes
verschiedene Male in den Busch rannte, meine Flasche mit dem Gold aus dem
Versteck holte und sie erneut an einer anderen Stelle verbarg. Angst verbreitete sich in meinem Inneren bei dem Gedanken, mein
Freund hätte mich beim Verstecken beobachtet. Wie irre und Angstschweiß
verklebt hastete ich zum Lager zurück. Mein Partner lag jedoch wie vor in der
Hängematte, stöhnend und fiebernd.

«Verstell
dich nicht», schrie ich ihn an «ich habe dich gesehen, wie du mir gefolgt bist
und wie du mich beobachtet hast!»

Ich
wollte so seine Reaktion prüfen, doch die war gleich Null.

Erneut
bedrohte ich ihn mit der Waffe, schwor, ihn abzuknallen, falls er auch nur in
die Richtung schaue, in die ich jetzt verschwinden würde. Sein Stöhnen und das
kranke Aussehen ließen mich kalt. Heute weiß ich, dass er von all dem nichts
mitbekommen haben konnte.

            Wieder verschwand ich im Busch, um
das Gold erneut zu verstecken. Tief drang ich in den dichten Dschungel ein. Mit
der rechten Hand führte ich die Machete, mit der linken hielt ich die Flasche
mit meinem Schatz. Als hinter mir Zweige knackten, ließ ich das Buschmesser
fallen und zog den schweren 38er aus dem Bund meiner Jeans. Auf gut Glück rief
ich Tomas an und feuerte, als ich keine Antwort bekam, zwei Schüsse ins
Unterholz. Er solle sich endlich stellen, schrie ich, wartete einen Augenblick
und hastete dann weiter.

Ich
rannte in Bereiche des Waldes, in denen ich vorher noch nicht gewesen war,
trotzdem lief ich weiter. Beim schlagen gegen einen kleinen Ast verschätzte ich
mich. Die Machete sauste hindurch und knallte mit voller Wucht gegen einen darunter liegenden Ast, prallte ab und schlug gegen die
Flasche. Mit einem Geräusch, ähnlich dem entweichenden Vakuums, zerplatzte das
Glas. Das Gold und die Scherben fielen auf den Waldboden. Ein Zittern durchlief
meinen Körper und ich begann zu weinen.

Ich
spürte, wie mir die Tränen über die Wangen liefen und schmeckte deren Salz auf
der Zunge.

Als
ich in unserem Lager ankam, dunkelte es bereits. Tomas war nicht mehr in seiner
Hängematte und auch sonst nirgends zu finden. Obwohl meine unerklärliche Wut
nun verraucht war, blieb, gerade jetzt, ein Rest des vormittags verspürten
Misstrauens. Die ganze Situation erschien mehr als seltsam. Nach kurzem
Überlegen lud ich den Revolver nach und legte mich in meine Hängematte. Mit der
Waffe auf der Brust schlief ich ein.


 
            Die Sonne stand schon hoch am Himmel
und der 38er lag unter mir auf dem Erdboden als ich erwachte. Gleich dem
vergangenen Abend war Tomas Hängematte leer. Ich begann nun endlich, mir Sorgen
um ihn zu machen. Ich lief die Strecke bis Tipuani. Mir schien, als ob sich etwas
verändert hätte, obwohl mich die wenigen Leute, denen ich unterwegs begegnete,
wie gewohnt grüßten. Das Haus des Doktors war verlassen als ich es erreichte.
Ich klopfte gegen die der Straße zugewandten Fenster. In der Bretterbehausung
rührte sich nichts. Aus der gegenüber liegenden Bar klang Musik zu mir herüber.
Javier Soliz, ein mexikanischer Schauspieler und Liedermacher, sang auf einer
schon recht ramponierten Platte ein Lied, das von Freundschaft,
Verrat und Tod erzählte. Die Schwermut des Gesangstückes wurde noch
unterstrichen von den schwachen Batterien die es nicht mehr so ganz schafften,
die erforderliche Umdrehungszahl des Plattentellers zu erreichen.

In
den Rahmen der Tür trat die Hure Maria und blinzelte in die Sonne. Zögerlich
begann sie auf meine drängenden Fragen hin zu berichten, was sich in meiner
Abwesenheit ereignet hatte.


 
 Am Nachmittag des gestrigen Tages war Tomas
auf den Weg nach
La Paz
geschafft worden. Entgegen der vorschnellen ärztlichen Diagnose hatte es sich
nicht um eine Malariainfektion gehandelt. Tomas war an Gelbfieber erkrankt, wie
sich nach einer gründlicheren Untersuchung herausstellte. Diese Krankheit
konnte aber wegen der schlechten medikamentösen Versorgung in der Region hier
nicht behandelt werden. Nach der Schilderung des Doktors über seine Erlebnisse
bei uns im Camp sind Maria und eine Freundin zum Lager gelaufen. Sie beide
hatten Tomas, der seiner Sinne nicht mehr mächtig war, in den Ort geschleppt
und ihm auf einem Lastwasen, der nach
La
Paz fahren sollte, ein provisorisches Krankenbett
hergerichtet. Nach Anraten des Mediziners brauchte mein Freund unbedingt eine
Infusion. Die konnte er, ein wenig Glück vorausgesetzt, schon im
Behelfskrankenhaus von Caranavi bekommen. Knappe zweihundert Kilometer waren
das von hier aus. Staubige und tückische Buschpiste. Die Gefahr, den Transport
oder die Nacht nicht zu überleben, war für Tomas sehr groß. Der
Flüssigkeitsverslust durch das hohe  Fieber, den sich einstellenden Durchfall und das
einsetzende Erbrechen war schon zu hoch. Alleine durch normale Wassergaben
konnte in seinem Körper kein Ausgleich mehr geschaffen werden.

            So in etwa lautete Marias
Kurzbericht. Ich glaube dass sie bemerkte, dass ich mich in meiner Haut nicht
wohl fühlte und dass ich in diesem Moment nicht alleine sein wollte. Ich bat
Maria, wie schon so oft mit Tomas zusammen, mir beim Trinken Gesellschaft zu
leisten. Ich musste mit jemandem reden. Sie blickte mich stumm an und nickte.


 
Ich
bestellte Singani. Den hochprozentigen Traubenbrandy verdünnte ich mit Lemonensaft
und reichte Maria ein Glas.

Auf
die Frage ob Tomas etwas mitgenommen hätte, ein Bündel, eine Flasche oder
Ähnliches, verneinte die Frau mir gegenüber. Sie hatte ihn mit ihrer Freundin
so, wie er dalag, aus der Matte genommen und dann, wie erwähnt, zur Siedlung
gebracht.

Auf
dem Plattenteller drehte sich immer noch die Scheibe des Mexikaners, der sich
über ihm widerfahrenes Leid und die Ungerechtigkeiten des Lebens beklagte.

Dann
begann ich zu trinken. Sehr viel und sehr schnell zu trinken...


 
Drei
Tage hielt ich mich in der Bar auf. Maria war die meiste Zeit an meiner Seite,
manchmal auch eine ihrer Freundinnen. Ich erinnere mich auch noch, dass andere
Leute, die meisten kannte ich, an meinem Tisch gesessen haben. Alle hielt ich
zu einem Toast auf Tomas an. Die Bekannten und auch die Fremden lud ich ein zu einem Drink, auf die Gesundheit meines
Freundes.

Mit
meiner Trunkenheit erschienen mir die Bemerkungen meiner Saufkumpane mit einem
Male anzüglicher, kritischer, ordinärer, zotenhafter. Wie durch einen Nebel
verwandelten sich die Gesichter in gemeine Fratzen, versöhnlich Gemeintes hörte
ich als Anschuldigung. Dann, als ich glaubte die Worte mieser Freund zu hören,
erhob ich mich mit trunkener Kraft und zog den Revolver aus dem Bund meiner
Hose.

An
mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, es wurde dunkel um mich.


 
Irgendwann
erwachte ich mit schrecklichen Kopfschmerzen.

Durch
den mit einem Vorhang abgetrennten Durchgang in der fremden Bambushütte hörte
ich Marias Stimme und das Lachen eines Kindes. Ich muss wohl gestöhnt haben,
denn der Vorhang wurde zur Seite geschoben und Maria kam herein. Das kleine
Mädchen an ihrer Hand stellte sie mir als ihre Tochter vor. Ungeschminkt hatte
ich die Frau noch nie gesehen. Trotz der mörderischen Kopfschmerzen stellte ich
fest, dass Maria hübsch war. Sie war eine Kreolin mit langen Beinen und überaus
allen Attributen der Weiblichkeit. Unwillkürlich musste ich grinsen. Das
Hämmern und Pochen in meinem Schädel verstärkte sich dadurch allerdings noch
mehr.

Maria
konnte sich das Lachen nicht verkneifen als sie mir gestand dass genau da, wo
ich mir den Kopf jetzt hielt, der Schlag mit der halbvollen  Brandyflasche
gesessen hatte.

Nach
und nach kamen die Erinnerungen wieder und ich ließ mich nachdenklich in das
Kissen zurück sinken.


 
«Ich
fliege nur, wenn sie auch mitfliegen, alleine habe ich immer so schreckliche
Angst.» Das war meine Antwort auf den Aufruf durch die Lautsprecheranlage. Mein
Flug sollte endlich in fünfundvierzig Minuten abgefertigt werden. Als erwartete
ich eine Antwort, schaute ich der Stewardess in die braunen Augen. Zugegeben,
das war nicht die originellste Anmache. Für mein Gegenüber aber Anlass genug,
sich nahe zu mir herüber zu beugen.

«Ganz
sicher bin ich mit an Bord. Als ihre ganz persönliche Flugbegleiterin bis
Quito», vertraute sie mir lächelnd an. Dann erfuhr ich den wahren Grund. Erst
in Bogota würde ihr Dienst beginnen. Dort sollte sie für eine erkrankte
Kollegin einspringen.

Mit
einem leeren Glas prostete sie mir scherzhaft zu und blinzelte mit dem linken
Augenlid.


 
Zur
Vervollständigung der Geschichte muss ich noch einmal von Maria erzählen.

Ihr
Vater ist Eigentümer einer kleinen Finca, einer Farm also, die mit etwa zehr
Hektar Kakaobäumen bepflanzt ist. Das Anwesen liegt ungefähr vierzig Kilometer
östlich von Tipuani. Durch eine Krankheit des alten Mannes verkam jedoch das
Stückchen Land. Maria wurde zur Hure, um das Geld zum Überleben für die
Tochter, den Vater und für sich zu verdienen. Und
dort, wo das Geld am lockersten sitzt, ist eben das Land der barranquilleros.


 
Seit
dem Tag, an dem wir in der Bar zusammen saßen und sie mich vor noch größeren
Dummheiten bewahrte, waren wir ein Paar. Ich holte, ohne jemandem gegenüber
etwas zu erwähnen, meine Goldflasche aus dem Versteck. Damit konnten wir uns
einen neuen behutsamen Start leisten in ein neues Leben. Marias Tochter
besuchte eine Grundschule, die Dank einer Spende eines Unbekannten gebaut
werden konnte. Die Schule trug den Namen «Los Animales».

Maria
hatte sich seinerzeit mit Vehemenz für diesen nicht alltäglichen Namen
eingesetzt.

Die
Plantage ihres Vaters produzierte wieder Kakaonüsse, wobei zwei Hilfskräfte für
einen planvollen Ernte- und Pflegeeinsatz sorgten. Marias kleine Tochter nannte
mich Papa, und manchmal saß ich mit meinem Schwiegervater in spe vor der Hütte
und trank Mangomilch oder Bananenshakes.

Es
ist gerade erst eine Woche her, dass er mich fragte, ob ich die Geschichte
meiner Landsleute kennen würde, die eine Tagesreise von hier gelebt hätten.
Dabei hat er, glaube ich, mit den Augen gezwinkert. Weder Maria noch ich haben
dieses Thema je angeschnitten. Für einen Augenblick schienen sich die trüben
Augen des alten Mannes neu zu beleben.

Er
fragte unvermittelt: «Wer soll eigentlich die Patenschaft für das Kind
übernehmen, das Maria unter dem Herzen trägt und in Kürze zur Welt kommt?» Ohne eine Antwort abzuwarten und vollkommen übergangslos
begann er, seine eigene Geschichte zu erzählen.

Anfang
der fünfziger Jahre kam er mit einer Gruppe junger Leute hier in dieses Gebiet.
Es waren keine Straßen vorhanden und der ganze Verkehr wurde über den Fluss
abgewickelt. Sie gaben diesem Niemandsland einen Namen, Eldorado. Erst im Zuge
der vielen Land- und Bodenreformen erhielt sie von irgend einer der genau so
zahlreichen Regierungen in
La Paz
den heutigen Namen: Alto Beni.

Während
des Erzählens merkte ich, dass dieser Mann mir gegenüber dieses Land mit
geprägt hatte, dass Männer wie er diesem Dschungel ihren Willen aufgedrückt
haben.

Er
war einer der ersten, die dieses Land für sich beanspruchten. Mit eigenen
Händen und dem Preis der Gesundheit urbanisierten diese Menschen das Land und
machten es bewohnbar.

Er
erzählte von seinen drei Frauen und der Einsamkeit, seit dem Tod von Marias
Mutter. Sie war damals gerade zehn Jahre alt. Die drei ältesten Söhne waren
schon lange zuvor in die Stadt gezogen und hatten sich nie wieder sehen lassen
bei ihm.

Bis
zum Tod seiner dritten Frau war er einer dieser barranquilleros gewesen,
die auf der Suche nach dem, was sie la suerte nennen, die Erde durchwühlen.
Als er sich dann um seine kleine Tochter alleine kümmern musste, fing er an,
das Land zu bebauen. Eine kleine Bambushütte zuerst, dann der Gemüsegarten, die
Bananenstauden. Später kamen ein paar Hühner hinzu. Seit acht Jahren hatte er
die Plantage. Schon über Jahre standen die Kakaopreise
verhältnismäßig gut und die Ernten hätten ein gutes Auskommen gesichert, wenn
die Jahre am Wasser und die hohe Luftfeuchtigkeit nicht langsam zum Verfall
seines Körpers geführt hätten. Dabei zeigte er auf seine wie verkrüppelt
aussehenden Hände und die deformierten Gelenke seiner Beine.

Gicht
in ihrer schwersten Form und immer wiederkehrende Rheumaschübe mit fast
unerträglichen Schmerzen hinderten ihn daran, auch nur die leichtesten Arbeiten
zu verrichten.

So
verbrachte er die Tage damit in der wärmenden Sonne zu sitzen. Sie verhieß
Linderung der Schmerzen. Die nächste anstehende Regenzeit aber verfluchte er.

Als
sich seine Erzählung dem Ende zuneigte, legte er besondere Betonung in seine
Worte:

«Ich
habe das Gold gesucht. Ja, ich habe auch ein wenig davon gefunden. Ich habe
gesät und es sind mir die Pflanzen gewachsen. Das alles verdanke ich der pacha
mama. Sie ist die Göttin dieses Landes. Eine der wenigen Götter, die nur
Güte kennen.» Er lächelte jetzt fast.

«Sogar
Humor hat sie. Mir ist sie in vielfältiger Weise begegnet.»

Sein
verdorrter Zeigefinger wies von der Veranda über den angrenzenden Dschungel.

            «Den Tieren gibt sie Schutz und
Heimat, den campesinos lässt sie die Feldfrüchte wachsen und dem
Abenteurer gibt sie von ihren Schätzen. Seien es nun Edelsteine oder etwa das
Gold. Doch es sei Dir versichert», er machte eine kleine Pause, bevor er weiter
sprach «es ist nicht der Mensch, der das Gold sucht. Umgekehrt ist es: Das Gold
sucht den Menschen!» Er schloss seine Augen; der
Monolog schien ihn angestrengt zu haben. Auch mich beschlich eine wohltuende
Müdigkeit. Aber nur ganz kurz. Mit einem Schlage erschien mir alles so einfach
und klar. Ich sah auf und blickte in die Augen des alten Mannes.

«Ich
werde zurück kommen», sagte ich unvermittelt.

Er
nickte und ein Lächeln huschte über das runzelige Gesicht. Ohne dass wir das
Thema berührt hätten, verstand er mich.

Danke
alter Mann! Danke pacha mama!

Noch
am gleichen Abend sprach ich mit Maria. Fast wunderte es mich, dass sie nicht
versuchte, mich von meinen Plänen abzubringen. Nicht einmal Bedenken äußerte
sie.


 
Bepackt
mit einem Rucksack und der Hängematte verließ ich am frühen Morgen die Hütte
und zog ein letztes Mal in den Dschungel im Nordwesten. Zu dieser Tageszeit hing
über den hohen, dunkelgrünen Baumwipfeln noch weißer Nebel.

Knapp
eine Woche später nahm ich Tomas Spur auf. Im Institut für Tropenkrankheiten in
La Paz gab man
mir nach einigem Hin und Her und einem Zwanzig-Dollar-Schein die benötigten
Auskünfte. Im Minenministerium besorgte ich mir eine Ausfuhrgenehmigung für
Edelmetalle, bevor ich den Flug nach Buenos Aires buchte. In einem kleinen
Hotel im argentinischen Strandbad Punta del Este war ich am vorläufigen Ende
meiner Nachforschungen.

Über
die Auslandsauskunft erhielt ich die Telefonnummer von Tomas Vater, der als
Rechtsanwalt in Hamburg tätig ist. Der Mann war nicht
begeistert, als ich ihn gegen vier Uhr morgens weckte. Letztendlich rückte er
aber mit der aktuellen Anschrift seines Sohnes heraus. Vor meinem Abflug nach
Quito avisierte ich telegrafisch mein Kommen. Als Zwischenstopp brachte mich
die Lineas Aereas Argentinas nach Lima.


 
            «Gleich kommt der letzte Aufruf,
Senor! Haben sie ihr Gepäck schon aufgegeben?»

Die
hübsche Stewardess, die nun ja auch noch meine persönliche Flugbegleiterin war,
drängte zum Aufbruch. Sie lächelte mich an, als sie die Bordtasche über die
Schulter streifte.

«Ja,
schon vor Stunden», bemerkte ich und rutschte vom Barhocker. Den leichten
Staubmantel, der bis dahin über meinen Oberschenkeln lag, zog ich trotz der
Hitze über und ordnete das verschwitzte T-Shirt, indem ich es wieder in den
Bund der Jeans steckte.

«Also,
dann nichts wie los! Sicher sind sie der letzte Passagier. Kommen sie mit mir
durch die Sonderabfertigung für das Flugpersonal, Sie haben ja kein
Handgepäck.»

Die
junge Frau drehte sich um und ich folgte ihr zum Ausgang der Lounge.

Der
wiegende Gang des Mädchens war, wie ich grienend feststellte, verschärfte
Anmache. Meine Phantasie wurde erneut, diesmal jedoch in einer durchaus
angenehmen Weise angeregt.

«Mensch
Tomas, ich komme....», dachte ich noch, als ich hinter der Stewardess die
Gangway emporstieg. Der  Flug verlief angenehm. Plaudernd
nebeneinander  sitzend verging die Zeit,
im wahrsten Sinne des Wortes, wie im Fluge. Ab und zu erlaubte ich mir den Spaß
die Hand meiner charmanten Reisebegleiterin, wie unbeabsichtigt, zu berühren.
Aus ihrer Reaktion hoffte ich zu erkennen, wie weit ich gehen konnte und wie
weit sie zu gehen bereit war. Sehr weit, war mein Schluss.


 

 
Doch
zu kurz war die Zeit, die uns blieb. Sie kritzelte ihre Adresse und
Telefonnummer aus Lima auf eine dieser kleinen, fiesen Servietten während ich
versprach, bei der nächsten Gelegenheit anzurufen.

Nach
zwei Stunden landete die Maschine auf dem ekuadorianischen Flughafen der
Andenstadt Quito.

Hätte
ich die Nachtmaschine genommen wäre mir verständlich geworden, warum sie den
Beinamen trägt Der Diamant der Kordilleren.


 
            Am Flughafen erwartete mich Liz.
Eine rassige Mischung aus einer Quetschua-Indianerin und einem Weißen. Wir
machten uns miteinander bekannt und ich ließ mich von ihrer unkomplizierten
Fröhlichkeit anstecken. Obwohl ich am Ende meiner Reise war, war ich doch noch
nicht am Ziel. Noch wusste ich nicht, wie mein Freund reagieren würde. Ob er
mir mein Verhalten damals in Bolivien nachtragen würde? Obwohl ich versucht
hatte, das alles zu verdrängen, musste ich ihn einfach aufsuchen. Ich musste
reinen Tisch machen. Zudem war mir klar, dass ich es aus einem gewissen
Egoismus heraus tat. Es wäre schwer für mich gewesen so zu tun, als ob nichts passiert wäre. Ich wollte Tomas um Verzeihung
bitten.

            Liz erzählte mir den Rest der
Geschichte von Tomas, mit dem sie seit zwei Jahren gegenüber Quitos
Stierkampfarena auf der Avenida Los Shyris zusammen lebte. Auf der kurzen Fahrt
zu dem gemeinsamen Haus, ließ sie sich lachend die gemeinsame wilde Zeit, wie
sie es nannte, bestätigen. Mir wurde dabei klar, dass Tomas mit keinem Wort die
Umstände unserer Trennung ihr mir zusammen arbeiten können. Laut Liz`s Aussagen
hatte man Tomas zunächst in
La Paz
ins Generalhospital gebracht. Dort lag er fast eine Woche im Koma, dem Tod
näher als dem Leben. Dann, als die Ärzte das Fieber unter Kontrolle hatten,
wurde er ins Tropeninstitut zu weiteren Untersuchungen eingeliefert. Nach
zahlreichen Untersuchungen, Blutentnahmen und Kontrollen entließ man ihn dort
auf eigenen Wunsch. Der behandelnde Arzt riet ihm, zur Rekonvaleszenz einen
Aufenthalt am Meer in Betracht zu ziehen und sich keinesfalls wieder dem
tropischen Reizklima auszusetzen.

Tomas
verkaufte in
La Paz
das Gold, das sich noch in seinem Gürtel befand und reiste in das argentinische
Mar del Plata. Dort suchte er zur Sicherheit nochmals einen Arzt auf und
erholte sich verhältnismäßig schnell.

Bei
einer seiner täglichen Strandwanderungen lernte er Liz kennen, die für ihr Land
eine Ausstellung des ekuadorianischen Inkagoldes organisierte. Tomas verliebte
sich in die Frau und reiste mit ihr nach Quito, da er
ohnehin kein festes Ziel und auch noch keine neuen Pläne hatte.


 
Obwohl
Liz sich alle Mühe gab, verfloss die Zeit bis Tomas`s Rückkehr am Samstag zäh.
Nichts konnte mich ablenken. Immer wieder stellte ich mir vor, wie unser
Wiedersehen ablaufen könnte. Die Gedankensprünge ließen mich fast phantasieren.
Obwohl ich verschiedene Male nachbohrte wusste Liz anscheinend tatsächlich
nicht, warum mein Freund so kurz vor meiner Ankunft nach Mexiko geflogen war.
Seine


 
 Entscheidung traf er, das wurde mir klar,
nachdem er mein Telegramm aus Buenos Aires erhalten hatte. Ich dachte hin und
ich überlegte her, konnte jedoch keine Erklärung für sein Verhalten finden.


 
Bis
zum Freitag brachte ich täglich zwei Stunden in der ekuadorianischen
Zentralbank zu. Abends von fünf bis um sieben hielt ich mich in einem
öffentlichen Bereich des Kunstmuseums auf, für den Liz als Geschäftsführerin
zuständig war. Sie nahm ihre Arbeit sehr ernst. Als ich aber zum x-ten Male die
Lebens- und Familiengeschichte Atahualpas hörte, glaubte ich fast, dieser
letzte Inka-König wäre ein älterer Bruder von mir gewesen. Die junge Frau
konnte ununterbrochen referieren. Bestimmt ergänzte sie sich hervorragend mit
meinem eher stillen Freund.


 
Dann
endlich war es Samstag. Ich hatte schlecht geschlafen und Liz meinte, es läge
sicherlich an der Höhenluft. Ich ließ sie in dem Glauben, dass die zweitausendsechshundert Höhenmeter meinen Schlaf
beeinflusst haben könnten. Dass ich in
La Paz, das ja bekanntlich auf über
dreitausendsechshundert Metern Höhe liegt, nie Probleme hatte, verschwieg ich
ihr.

Es
wurde, den ganzen Vormittag über wollte ich es nicht glauben, tatsächlich
sechzehn Uhr. In der Halle des Flughafengebäudes fiel mir spontan mein erstes
Rendevouz ein und ich musste lächeln. Damals muss ich mich so ähnlich gefühlt
haben.

Dann
war es endlich soweit. Der gefürchtete und doch so herbei gesehnte Augenblick
war gekommen.

Als
Tomas uns sah winkte er kurz, schaute durch die Glasscheibe, die Ankömmlinge
und Besucher trennte und verschwand gleich darauf in dem uneinsehbaren
Abfertigungsraum des Zolls.

Wir
standen uns gleich darauf gegenüber. Tomas war ruhig wie immer. Meine
Aufgeregtheit versuchte ich mir nicht anmerken zu lassen. Wir gingen
aufeinander zu und nahmen uns in die Arme. Kein Wort wurde dabei gesprochen,
trotzdem schien es, als sei alles ausgesprochen worden in diesem Moment. Selbst
Liz hatte ihren Schnabel gehalten und uns gewähren lassen. Der Pick-up parkte
direkt am Eingang und wir stiegen ein.

«Wie
ist Deine Reise gewesen?», wollte ich von Tomas wissen. Mein freund lächelte
nur als er sagte:

«Das
besprechen wir bei einem Bier. Das, die vergangenen Zeiten, das Heute und das
Morgen. Ok?» Er sah mich an als er weiter sprach: «Wir haben viel Zeit, hoffe
ich. Du hast doch Zeit mitgebracht.» Eigentlich wollte ich noch etwas sagen,
hielt aber den Mund und Liz und Tomas unterhielten
sich während der kurzen Strecke zur Avenida Los Shyris.


 
            Ohne irgend etwas zu verschweigen
erzählte ich Tomas, wie sich aus meiner Sicht die Dinge im Goldgräberland
zugetragen hatte. Ich erzählte von meinen Bedenken, meinen Ängsten, wie ich
mich fühlte und wie ich damals dachte. Schweigend hatte er sich alles angehört.
Ich trank einen Schluck von meinem Bier, stand dann auf. In dem mir
zugewiesenen Schlafzimmer öffnete ich den mitgebrachten Rucksack und kam mit
einem länglichen Päckchen, das in zwei Handtücher eingeschlagen war, ins
Wohnzimmer zurück. Während ich mich in den Sessel zurück rutschen ließ, legte
ich das Bündel vor Tomas. Er besah es ohne es anzufassen, hob seinen Kopf und
schaute mir direkt in die Augen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin steckten wir
fast gleichzeitig unsere Zeigefinger der rechten Hand in das vor uns stehende
Bier, zogen sie dann heraus und ließen ein paar Tropfen auf den Teppichboden
fallen.

«Trinken
wir auf pacha mama» meinte Tomas und hob sein Glas.

«Auf
pacha mama», erwiderte ich, Tomas dabei zuprostend.

Er
schlug die Handtücher zurück und betrachtete lange die Flasche, die fast zu
dreiviertel mit kleinen Nuggets und Goldschuppen gefüllt war. Auf dem
Flaschenboden hatte sich gelber, glitzernder Staub abgesetzt.

«Du
hast sie also gefunden! Du hast sie wirklich gefunden!» Als könne er es nicht
glauben, wiederholte er sich. Mit der Hand strich er
fast liebevoll über das Glas der Flasche, die all seine Erinnerungen zurück
brachte.

«Oft
habe ich daran gedacht, das Gold selbst zu holen.» Er machte eine kleine Pause.
«Doch dann hatte ich Angst, das Versteck leer zu finden. Das ganz allein war
der Grund, warum ich nicht wieder zurück bin. Die Angst vor dem leeren
Versteck.» Er atmete tief durch. «Ich dachte was wäre, wenn ich nach all der
gemeinsamen Zeit hätte feststellen müssen, dass ich Dir nicht hätte trauen
dürfen!?» Das Sprechen schien ihm schwer zu fallen. Er unterbrach sich
nochmals.

«Hans,
glaubst Du mir wenn ich Dir sage dass es mir nicht um das Gold ging? Lieber
wollte ich darauf verzichten als mir eingestehen müssen, dass ich mich in dir
getäuscht habe.» Pause.

«Jetzt
schäme ich mich für meine Gedanken. Wirklich. Wahrscheinlich bin ich es gar
nicht wert, dein Freund zu sein.»

Ohne
uns anzusehen tranken wir von unserem Bier. Wir schwiegen. er wusste nicht,
dass ich ähnlich zweifelnde Gedanken hatte, dass auch ich bis heute gelitten
habe. Er ahnte nichts von meinen Selbstvorwürfen, wusste nicht, dass meine
Seele wund war.

Ich
merkte, dass mir leichter wurde, dass der Inkobus, dieser widerliche,
zerstörerische Dämon, der Besitz von meinen Tagträumen ergriffen hatte und der
meine Handlungen dirigierte, sich aus meinem Innersten verflüchtigte.

Tomas
und ich sprachen uns aus. Wie nicht anders zu erwarten, verstanden wir uns auch
dieses Mal. Nichts bedurfte großartiger Erklärungen.
Das eben war es auch, was einen Großteil unserer Freundschaft ausmachte.


 
Es
war nicht leicht, die Flasche zu finden.

Als
ich unser ehemaliges Camp erreichte, stand die Sonne schon höher und ich
versuchte im Schatten der  hohen Bäume
mein weiteres Vorgehen zu planen. Lange hielt ich mich mit Überlegungen aber
nicht auf und suchte Meter um Meter den angrenzenden Waldboden des Dschungels
ab. Ich besah mir das Wurzelwerk der Bäume; vielleicht war sie zwischen den
über der Erde wachsenden Luftwurzeln versteckt? Mal stocherte ich mit der
Machete mal hier mal da. Nichts! Schließlich erweiterte ich den Bereich meiner
Suche, gab mir alle Mühe, ja nichts auszulassen oder zu übersehen. So verging
der erste Tag als ich mich am  Abend
erschöpft aber keinesfalls entmutigt in die Hängematte legte. Lange fand ich
keinen Schlaf. Fast war ich versucht, den Namen meines Freundes zu rufen, wurde
mir doch der Irrwitz des von mir angestrengten Unterfangens bewusst.

Auch
der zweite Tag verlief, wie der erste. Am Vormittag scheuchte ich unter einem
vermodernden Baumstamm eine Korallenschlange auf  und erschreckte mich vor der davonzüngelnden
Viper. Nur ein paar Minuten später stocherte ich gedankenverloren mit der
Machete in ein Wespennest. Glücklicherweise wurde mir vor dem Ausschwärmen das
bedrohliche Summen der angriffslustigen Insekten bewusst. Ich lief, so schnell
ich konnte, weiter in das Unterholz, bis ich an ein Rinnsal
geriet, das uns während unserer Goldsuche als Trinkwasserreservoir diente und
zirka zweihundert Meter weiter in den Hauptfluss mündete. So verging der erste
Tag und als es zu dunkeln begann, wärmte ich eine der mitgebrachten Konserven
über einem offenen Feuer und trank von dem klaren, kühlen Wasser des Bächleins.
Über einen Felsvorsprung plätscherte das Wasser etwa achtzig Zentimeter tiefer
auf die darunter liegenden Kiesel und pieselte dann munter dem Fluss entgegen.

Ab
und zu nahm das Fließende Wasser Blätter oder Holzstückchen mit, die auf der
Oberfläche des kleinen Beckens schwammen. Dieses Becken war nicht größer als
eine Waschschüssel. Ich schöpfte mit beiden Händen das  kalte Nass und begann, Abendtoilette zu
machen.

Auch
in dieser Nacht fand ich nur wenig Schlaf.

Hundert
Meter mal hundert Meter hatte ich schon abgesucht. Glaube nicht, lieber Leser,
dass es sehr viele Möglichkeiten gäbe, etwas von der Größe einer Weinflasche zu
verstecken, nur, weil man sich im Dschungel befindet. Abgesehen davon, dass
mein Freund die Flasche eingegraben hätte - das konnte ich mir aber nicht
vorstellen- gab es nicht viel, was als geeignetes Versteck infrage kommen
konnte. Mein Blick streifte nach oben, bis hoch in die Baumkrone eines
Urwaldriesen. Einen daraus resultierenden hoffnungsvollen Gedanken verwarf ich
jedoch gleich. Nein! Der Schatz war hier ganz in der Nähe, ich konnte ihn mit
einem Male förmlich spüren. Mir war, als wolle pacha mama Schabernack
mit mir treiben. Im Geiste redete ich mit ihr und schlug ihr vor, das Spiel
doch jetzt zu beenden, versprach ihr alles Mögliche
und noch ein bisschen mehr! So vor mich hin phantasierend, nicht mehr wissend,
wo ich weiter suchen sollte, nahm ich einige Kiesel vom Bachufer auf und warf
sie gedankenverloren schräg in die Höhe. Sie platschten in eben dieses
Wasserbecken das unterhalb der Felsnase lag. Plumpsend tauchten sie ein,
teilten für einen Augenblick die aufschwimmenden Blätter und Holzstückchen und
brachten Aufregung in eine Familie spinnenartiger Wasserläufer. Als ich
gelangweilt einen etwas größeren Kiesel in eben dieses Wasser warf, hörte ich
die Stimme von pacha mama! Es war der Klang eines Steines auf
Glas. Stark gedämpft zwar durch das Wasser aber eben noch vernehmbar. Ich erhob
mich nicht sofort sondern streckte mich auf dem Waldboden aus und lachte; leise
zuerst, dann lauter und immer lauter. Gleich meinem Echo antwortete mir die
grüne Unendlichkeit Amazoniens. Vögel schienen in mein Lachen einzufallen, und
aus der Tiefe des Dschungels vernahm ich das Schreien einer Gruppe von
Brüllaffen. Als ich mich wieder in der Gewalt hatte, schienen sogar die
Insekten lauter zu grillen und zu zirpen als zuvor. Ich hatte einige Aufregung
in das Reich der pacha mama gebracht!

                        Fast vierzig Zentimeter
war das Becken tief, das sich im Laufe der Zeit durch das stetige Nachfließen
des fallenden Wassers gebildet hatte. Bis zum Bizeps tauchte ich den Arm in die
feuchte Kühle als meine Hand das glatte Glas berührte. Die Flasche war wegen
ihres Gewichtes und der vergangenen beiden Jahre der Lagerung schon etwas eingesunken.
Es schien, als wolle sich die Erdgöttin das zurück holen, was ihr einmal gehörte.


 
Liz starrte auf die Flasche und schien nicht zu glauben was sie da
sah. Auch verstand sie wohl nicht, wovon wir redeten. Sie sah mich an, als ich
meine Hand auf Tomas Schulter legte und sagte:

            «Wenn mir ein alter, auf den Tod
wartender Goldgräber nicht auf seine Art und Weise die Augen geöffnet hätte,
läge die Flasche noch immer dort, wo du sie versteckt hattest und wo ich sie
schließlich gefunden habe. Bei der Suche danach bin ich dir sehr nahe gewesen.
Ich wusste, dass, wenn ich sie fände, der Tag der Abrechnung kommen würde.
Tomas, ich schulde dir nicht mehr und nicht weniger als meine Freundschaft. Für
mich soll dieses Treffen hier eine Art Rehabilitation sein. Das, was ich dir
hier bringe ist kein Geschenk; es ist etwas, was dir so wie so gehört.»

Tomas blieb stumm. Ich hörte nur den Atem
von Liz. Ich fühlte, wie ihr Gehirn arbeitete, merkte, dass hier etwas ihr
Verständnis überstieg. Andererseits aber war es eine Situation, die nur Tomas
und mich wirklich berührte. Um sie zu begreifen, hätte man sie als
erfahrungswert selbst erleben müssen.
Schweigend
tranken wir unser Bier und vergaßen dabei nicht, pacha mama zu danken.
Und wieder kamen mir die Worte des alten Mannes aus dem Dschungel Boliviens in
den Sinn: Das Gold sucht den Menschen - es ist niemals umgekehrt!

Liz
legte eine Schallplatte auf. Sie wählte einen Titel von Javier Soliz, dem
mexikanischen Sänger. Es war das selbe Lied, das ich an dem Tag in der Bar
gehört hatte, als ich Tomas suchte. Ich bin ein Mensch, der nicht bedingungslos an einen Gott glauben will; doch an
diesem Abend schien mir, als hätte sich ein Kreis in der Vorsehung meines
ureigensten Schicksals geschlossen. Es wurde mir Gelegenheit gegeben von einem
fahrenden Zug abzuspringen der mich unweigerlich dazu verdammt hätte, für immer
und ewig sein Passagier zu sein - auf einer Strecke, die für alle Zeiten durch
ein Fegefeuer geführt hätte.


 
Tomas
erhob sich und kramte in seinem Seesack, der seit seiner Ankunft in einer Ecke
des Wohnzimmers gestanden hatte. Er brachte ein Briefkuvert zum Vorschein,
faltete es auseinander und öffnete es. Vorsichtig klopfte er mit dem
Zeigefinger gegen den Rand des Umschlags und kam dabei ganz dicht an mich heran.
Kleine, glitzernde, im vielen Farben punktierte Steine kullerten heraus und
rutschten über die glatte Tischplatte.

«Opale»,
kommentierte Tomas emotionslos. Ohne ein Wort zu sagen sah ich ihn an und
entdeckte das fordernde und wissende Feuer in seinen Augen. Mir stockte der
Atem bei dem Gedanken daran, was jetzt kommen würde.

«Die
verlassenen Minen liegen in der Sierra Madre, nordöstlich von Guadalajara in
Mexiko. Nur ein paar einheimische campesinos arbeiten sporadisch in den
von den Spaniern vor Jahrhunderten angelegten Stollen. Jetzt sind sie als
unergiebig befunden worden und in Vergessenheit geraten.» Mein Freund hatte
seinen Blick nicht von mir gelöst während er zu mir sprach. Meine
Speichelproduktion war wie lahmgelegt und ich brauchte unbedingt schnell etwas zu trinken.

«Hast
Du eine Landkarte hier von dem Gebiet? fragte ich, als ich mein Glas absetzte.
Eine Frage, die ich mir hätte sparen können, weil ich die Antwort schon wusste.

«Hab
auf der Rückreise im Flugzeug schon alles eingezeichnet. Eine Liste der
Ausrüstung, die wir brauchen werden ist auch dabei.»

Er
ging nochmals zum Seesack und kam mit einem braunen Din-A-4 Umschlag zurück,
holte zwei engbeschriebene Blätter heraus und faltete sie auseinander. Dabei
sagte er:

«Als
ich Dein Telegramm erhielt erinnerte ich mich an ein Gespräch, das ich vor
längerer Zeit mit einem Mexikaner hatte.» Er machte eine Pause, bevor er
verschmitzt lächelnd den Satz vervollständigte: «Seitdem warte ich auf dich.»

Etwas
Verstehendes zeichnete sich auf Liz Gesicht ab. Und der Anflug von Panik.
Obwohl sie kein Deutsch verstand wurde ihr immer klarer, was da am Tisch vor
sich ging.

«Ihr
wollt doch nicht etwa...», wagte sie einzuwerfen, ließ den Satz dann aber doch
offen.


 
Die
Geburt meines Sohnes und die anschließende Taufe feierten wir in Bolivien. Liz
begleitete uns. Sie verstand es als eine Zeit des Abschiednehmens. Und so
verstand es auch Maria.

Ihr Vater
meinte, man solle niemals weghören, wenn die pacha mama ruft.


 

 

 
             


 

 

 

 

 

 

 

 
             


 

 

 

 

  

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