Hans Volker Holler

Chelo

Chelo

 

Hans Volker Holler

 

 

Vor eineinhalb Jahren lernte ich ihre Mutter kennen. Auf der vom Fluß abgewandten Seite des Hauses war ich mit dem Füttern der Hühner beschäftigt. Wie aus dem Boden gewachsen stand die Indianerin vor mir.

            „Gringo“, sagte sie „bitte setze mich über. Bring mich mit deinem Boot zur anderen Flußseite.“ Ihr spanisch war gebrochen, sicherlich so schlecht wie meines zu dieser Zeit.

Seit ich den Außenborder angeschafft hatte war es schon des öfteren vorgekommen, daß mich die Siedler um Fährdienste baten. Gegen einen kleinen Geldbetrag setzte ich dann die Einheimischen zum anderen Ufer über. Brücken gab es in dieser Region keine, alle Konstruktionen wurden bisher von dem im siebenjährigen Rhythmus wiederkehrenden Hochwasser mitgerissen. Niemand, auch nicht die Regierung im fernen Quito oder die

ansässige Ölfirma versuchte, die Infrastruktur dieser Region zu verbessern.

Zum ersten Male jedoch wandte sich jemand der Eingeborenen Indianer direkt an mich.

Noch immer schaute ich auf zu der Frau und erhob mich aus der Hock-Stellung, die ich inne hatte.

„Einen kleinen Moment noch. Gleich bin ich mit dem Füttern fertig, dann werde ich sie übersetzen.“ Dabei wandte ich mich wieder von der Frau ab und holte aus dem Vorratsraum  eine Schale Mais, die ich den Hühnern vorwarf.

„Leben sie alleine hier“, wollte die Indianerin von mir wissen. „Wo ist ihre Frau?“, fragte sie weiter. Nach einer kleinen Pause und wohl, weil ich keine Antwort gab: „Sind sie Ingenieur bei Texaco?“

Ich war erstaunt über die offenherzige Beredsamkeit der Frau und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„Erst einmal. Ich bin kein Gringo!“ Das schien mir wichtig zu bemerken. Wußte ich doch, daß mit Gringo der Amerikaner schlechthin gemeint war.

„Ich bin Deutscher und lebe alleine hier; das ist das zweite. Und drittens habe ich mit Texaco nicht das Geringste zu tun!“

Mit einem Lächeln hatte ich alle Fragen der scheinbar alterslosen Indianerin beantwortet. Erst jetzt fiel mir auf, daß sie das Wort Texaco fast gehaucht hatte, so leise sprach sie es aus.

„Wie sind sie hier her gekommen?“ wollte sie dann noch wissen.

Als ich ihr zu erklären versuchte, daß ich mit einem Schiff in ihr Land gekommen bin, zeigte sie auf den kleinen Gleiter, der am Ufer festgemacht war. Während unserer Unterhaltung waren wir um das Haus herum gegangen und hatten den Uferkamm erreicht.

Um mir neuerliche Erklärungen zu ersparen ließ ich sie in dem Glauben, ich wäre mit diesem Boot aus dem fernen Land gekommen, das Deutschland heißt.

Übergangslos gab sie mir zu verstehen, daß ein Mann nicht alleine leben darf, nicht ohne eine Frau.

„Wollen sie eine Frau haben“, fragte sie mich überraschend. Ohne meine Antwort abzuwarten fügte sie schnell hinzu: „Ich werde mich darum kümmern. Ich werde mich um eine Frau für sie kümmern. Um eine junge, gesunde Frau!“

Ich war zu überrascht um antworten zu können. Es schien, das etwas nicht in ihr Weltbild paßte. Ein Mann ohne eine Frau?! Nein, das durfte es nicht geben. Ganz fest hat sie sich vorgenommen mir, dem Fremden, zu helfen. Sicher würde das ihrem Gott des Morgens wohl gefallen.

Nachdem ich lächelnd das Halteseil von einem Pfahl gelöst hatte, schob ich den Gleiter in tieferes Wasser bevor wir einstiegen.

 

Drei Monate später war es, als ich die Indianerin wieder sah. An einem kühlen Oktobermorgen, das Thermometer zeigte mit den ersten Sonnenstrahlen nur 19° C, hörte ich von der gegenüber liegenden Flußseite den langgezogenen Ruf, der in den Wäldern an den Flüssen den Fährmännern gilt.

„Caaanooooaaaaa“. Die Stimme hallte fremd, wie nicht hier her gehörend. Das Echo wurde vielfältig von der grünen Wand des Dschungels zurück geworfen und brach sich leise im Nirgendwo.

„Yeeeaaaahhh“. Mit dem gleichen lang gezogenen Ruf antwortete ich der Stimme. Ich verließ die Feuerstelle im Küchentrakt wo es mir nicht gelingen wollte, den Reiser in Brand zu setzen und ging zum Boot um die Leute vom anderen Ufer abzuholen. Schemenhaft konnte ich erkennen, daß es sich jedenfalls um mehr als eine Person handeln würde. Im tieferen Wasser startete ich den Motor und tuckerte langsam über den morgendlichen Fluß einer neuen Zukunft entgegen, von der ich bis dahin noch nichts ahnte.

Nach einer kurzen Begrüßung stieg die mir bekannte Indianerin mit einem sie begleitenden Kind, einem Mädchen, ins Boot. Dort sprach sie in ihrer Sprache auf das Mädchen ein. Dieses verbarg den Kopf in den verschränkten Armen die auf seinen Knien postiert waren. Immer und immer wieder schüttelte es den Kopf und die langen, schwarzen Haare bewegten sich an ihren Spitzen. Das Kind war vielleicht vierzehn, vielleicht aber auch fünfzehn, keinesfalls älter als sechzehn Jahre. Manchmal, wenn es aufschaute, verdeckten die Haare das Gesicht. Ich konnte aber bemerken, daß es sich nicht wohl in seiner Haut fühlen mußte und ich glaubte Tränen in den Augen gesehen zu haben. Die Alte schien mich während der kurzen Überfahrt gar nicht zu bemerken, redete sie doch die ganze Zeit über auf das Kind ein das, als wir am Ufer vor den Hütten ankamen, nun doch ein Einverständnis für etwas zu geben haben schien, was ich mir nicht erklären konnte.

Gemeinsam erklommen wir den Uferkamm. Oben angekommen sprach mich die alte Indianerin an.

„Das ist jetzt deine Senora.“ In ihren Augen blitzte etwas auf, als sie mit der linken Hand den Unterarm des Mädchens erfaßte und mit der rechten Hand das verängstigte Kind in meine Richtung schob.

Mir fiel es schwer zu glauben, was da im Moment vor sich ging. Das nun konnte doch nicht wahr sein!

„Das muß ein Mißverständnis sein“, stotterte ich, „ich... ich brauche keine Frau!“ Langsam dämmerte mir, was die Alte von mir wollte.

„Ich will hier alleine leben, Senora. Ich brauche und will keine Frau! Ich brauche niemanden hier.“

Von der Alten schaute ich zu dem Kind, dessen Gesicht und Blick auf den Erdboden gerichtet waren. Langsam dämmerte mir, was sich während der Überfahrt zwischen den beiden abgespielt haben muß.

„Du hast jetzt eine Senora, die auf dich aufpassen wird. Und du bist jetzt verantwortlich für sie.“

Mit diesen Worten schob die Alte das Mädchen noch näher an mich heran.

Sie ließ dessen Unterarm los, drehte sich um und ging rasch auf den Pfad zu, der zur Dschungelpiste führte.

„Hey“, rief ich ihr hinterher, „so geht das aber nicht. Hey du, komm jetzt sofort zurück!“ Ich machte eine kleine Pause und schaute der Indianerin hinterher. Als sie keine Anstalten machte zurück zu kommen, sich noch nicht einmal umdrehte, rief ich lauter.

„Ich will keine Senora! Ich will niemanden hier haben!“

Die Alte schien mich nicht mehr zu hören, sie verschwand aus meinem Blickfeld.

„Los Kleine, lauf ihr nach! Schnell, lauf ihr nach! Ich brauche hier keine Frau!“

Jetzt wurde mir erst bewußt, wie lachhaft die ganze Situation eigentlich war.

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und war mir sicher, das Mädchen mit ein paar Worten hier weg komplimentieren zu können. Deshalb sage ich ihr, mehr belustigt als ärgerlich:

„Komm, es hat doch keinen Zweck, daß du hier bleibst. Lauf ihr nach. Du wirst sie schnell einholen. Schnell jetzt, lauf ihr nach.“

Sie bewegte sich nicht von der Stelle. Wieder und wieder versuchte ich sie mit zuckersüßen Tönen zum Verlassen des Anwesens zu überreden. Sie schien mich nicht zu verstehen, rührte sich nicht vom Fleck und schaute weiter stur auf den Boden. Dann wurde ich doch ärgerlich.

„Hau nun endlich ab, Na los! Ich brauche keine Frau, verdammtnochmal!

Los jetzt! Zieh endlich Leine!“ Ich machte eine kleine Pause bevor ich weiter auf sie einredete wobei ich hoffte, daß meine Worte sie auch erreichen würden.

„Eine Frau ja... aber doch kein Kind. Eine Frau, ja das wär mal was anderes. Aber du bist eben noch ein Kind.“ Ich grinste bei der Vorstellung an all das, was man doch mit einer Frau hätte anstellen können. Als ich dann meinte, sie würde mich unter dem Schwall ihrer Haare beobachten, wurde mein Blick wieder finsterer. Trotzdem begann ich wieder etwas sanfter.

„Komm, ich bringe dich zu anderen Flußseite, dann kannst du nach hause laufen. Wo lebst du eigentlich?“ Sie antwortete nicht auf meine Frage. Vielleicht konnte sie mich ja gar nicht verstehen. Noch hatte ich kein spanisch klingendes Wort von ihr vernommen. Mit der Alten sprach sie in einem mir unverständlichen Idiom. Vielleicht aber war sie nur bockig.

Jetzt muß ich wohl andere Saiten aufziehen. Das dachte ich bei mir, als ich sie am Oberarm packte um sie zum Boot zu ziehen oder auch nötigenfalls zu schleifen. Geschickt entwand sie sich meiner wohl halbherzigen Umklammerung. Es lag mir fern, ihr irgendwie weh zu tun. Vor mir sank sie in die Hocke und starrte weiter auf den Erdboden. Ihre zerschlissene Hose und der viel zu große langärmelige Pulli aus Kunstfaser ergaben zusammen mit den entblößten Füßen und dem wirren Haar einen ziemlich verwahrlosten, erbärmlichen Eindruck.

Sie hatte die Beine in der Hocke auseinander gewinkelt und die Unterarme auf die Oberschenkel gelegt, so, daß die Fingerspitzen der nach unten weißenden Hände fast die Erde berührten. Ihr Blick war, wie schon zuvor, starr nach unten gerichtet.

„Ach, was geht mich das alles eigentlich an? Mach doch was du willst. Hierbleiben kannst du jedenfalls nicht!“

Mit diesem Satz drehte ich mich von ihr weg und ging zur Küche um mir das längst überfällige Frühstück zu bereiten. Erneut versuchte ich das Feuer zu entfachen. Scheinbar wollte mir an diesem Morgen einfach gar nichts gelingen. Nebenbei mußte ich Coco beruhigen, der mit einem drohenden Krächzen zur Eile mahnte. Scheinbar war ihm mehr an seinem Frühstücksei gelegen als an meinen Problemen.

„Ein schöner Freund bist du“, ließ ich einen Teil meiner Wut an dem Vogel aus, der sich daraufhin meckernd in eine Ecke verzog. Verdammt! Heute geht auch alles schief, dachte ich bei mir.

Neugierig schaute ich nach einer Weile wieder zu dem Mädchen hinüber, das immer noch an der gleichen Stelle saß und meine vergeblichen Versuche, das Feuer zu entfachen, beobachtete. Fast schien mir, als lache sie mich aus.

Ich kratzte meinen Kopf als ich die wieder schwächer werdende Flamme in der Feuerstelle sah. Wieder schweifte mein Blick zu dem Mädchen und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Wie auf ein geheimes Kommando hin kam Leben in den kleinen Körper, der sich in die Höhe schraubte, die bei einsachtundvierzig aber jäh endete. Sie kam zu mir herüber, kniete sich neben mich vor der Feuerstelle, ordnete den Reisig neu und entzündete ihn mit den Streichhölzern, die sie mir aus der Hand nahm. Nur Sekunden später prasselte das schönste Feuerchen.

„Wow“, entschlüpfte es mir.  Dabei sah sie mich zum ersten Mal an und strahlte über ihr durchaus hübsches Gesicht aus dem sie mit beiden Händen die schwarzen Haare strich. Dann sah ich ihre Augen. Wie zwei Opale funkelten sie. Grüne Augen mit dem Feuer des Regenbogens!

Im selben Moment wurde mir aber auch klar, daß ich hier der Fremde war. Wußte, daß sie hier her in dieses Land gehörte. Für einen kleinen Moment empfand ich so etwas ähnliches wie Schuld. So wie früher.

Immer noch lächelnd stellte das Mädchen den Topf mit dem Wasser auf den Rost, teilte die auf dem Tisch liegende Papaya in zwei gleich große Hälften und wars die Kerne im Inneren der Frucht in hohem Bogen über die Brüstung den Uferkamm hinunter.

„Vielleicht brauche ich doch eine Senora“, sagte ich leise und nachdenklich mehr zu mir selbst.

„Para servirle - zu Diensten“, erwiderte sie mit heller Stimme und begann, die Kochbananen zu schälen.

Der Papagei beobachtete mit verdrehtem Kopf die Szene und schien sich seine eigenen Gedanken zu machen.

 

Ihr Name war Consuelo. Ihre Mutter, die alte Indianerin, nannte sie Chelo. Und mir trug sie an, sie auch so zu nennen. So, wie ihre Mutter es tat und wie ihre Freunde es taten.

Zum ersten Mal ließ ich sie alleine, als ich wegen verschiedener Besorgungen nach Lago Agrio fuhr, um die notwendigen Einkäufe zu erledigen. Von dieser ersten Reise brachte ich ihr eine Jeans und zwei Hemdblusen mit.

Es gab mir einen Stich tief im Herzen als ich miterleben durfte, wie sie sich über diese Dinge freute. Es war das erste Mal, so gestand sie mir später, daß sie neue Kleidungsstücke trug. Chelo entpuppte sich als wunderschöne Kind-Frau, als eine wirkliche Schönheit. Sie war figürlich zierlich, dabei aber geschmeidig wie eine Raubkatze. Nur scheinbar harmoniert das nicht mit der filigranen Zerbrechlichkeit des Anscheins. Doch bei ihr war alles perfekt; vielleicht wollte nur ich selbst es aber auch so sehen.

Das Gesicht bestimmten die hochstehenden aber nicht zu stark ausgeprägten Wangenknochen. Die schmale Nase mit den kleinen Öffnungen und der geschwungene, feinsinnigkeit vermittelnde Mund mit den stark durchbluteten Lippen erinnerten mich an das Bild der ägyptischen Nofretete, das ich irgendwo einmal gesehen habe. Das faszinierende aber waren ihre Augen!

Sie hatten das Feuer von kleinen Opalen, sie konnten eine bedingungslose Zärtlichkeit vermitteln. Aber auch erschrecken, wenn sie zornig dreinschauten. Ihre Augen waren es, die mich in ihren Bann zogen und die mich zum Träumen animierten. Eingerahmt war dieses Gesicht von fast hüftlangem, blauschwarzem Haar.

 

In den ersten beiden Monaten unseres so nahe beieinanderlebens hatten wir uns aneinander gewöhnt. Chelo schlief in der mittleren Lodge, ich drinnen im Haupthaus, dort, wo wir jetzt zusammen lebten.

Wir ertappten uns manchmal dabei, wenn wir uns bei den verschiedensten Tätigkeiten gegenseitig beobachteten. Wir lachten uns dann an und schienen kurz darauf wieder zu vergessen, daß es den anderen gab. So ging das fast drei Monate. Bis zu dem Tag, als wir uns zum ersten Mal liebten. Körperlich meine ich. Geliebt haben wir uns schon viel vorher, ohne uns dessen wirklich bewußt zu sein. Diesen Tag werde ich wohl nie in meinem Leben vergessen können und erscheint mir noch heute wie die Gleichung zweier Unbekannten.

 

            An dem bewußten Tag hatte ich am Morgen, nach dem gemeinsamen Frühstück begonnen, in der Bananen Plantage zu arbeiten. Nun, eine wirkliche Plantage war es dann nun doch nicht. Dort hatte ich so an die zweihundert Stauden gepflanzt, die sechs verschiedene Bananensorten trugen und unseren täglichen Bedarf lieferten.

Der Schweiß lief in kleinen Bächen vom Haaransatz über Gesicht und  Nacken und von dort über Rücken und Brust bis hin zum Bund meiner Jeans. Die Gürtellinie war rot durch das Kratzen mit dem ich versuchte, den aufkommenden Juckreiz zu bekämpfen.

Von der Küche her kam Chelo zur Plantage und brachte kalten Tee aus „yerba luisa“, einem wild wachsenden, aromatischen, nach Zitrone schmeckendem Gras. In der anderen Hand hielt sie eine Schale aus der Hälfte einer Kokosnuß, die mit einer grünbraunen, ölig wirkenden Flüssigkeit gefüllt war. Wortlos nahm sie mir das leere Teeglas ab, das ich in einem Zug geleert hatte. Dann reichte sie mir die Schale.

„Was ist das“, wollte ich wissen.

„Das gibt dir Kraft, damit du weiter Arbeiten kannst. Trink es ganz aus!“

Ich schaute sie an, roch an dem Getränk und nahm einen vorsichtigen ersten Schluck. Nicht, daß ich Angst vor einer Vergiftung gehabt hätte. Ich wollte nur vermeiden, irgend etwas übel riechendes oder schlecht schmeckendes zu schlucken.

„Was ist das für ein Gebräu“, fragte ich, nachdem ich nichts mir Bekanntes aus dem Getränk herausschmecken konnte. Dann nahm ich einen zweiten, größeren Schluck.

„Das schmeckt ja nach gar nichts“, meinte ich enttäuscht.

„Es gibt dir Kraft, neue Kraft“, erklärte Chelo nur lapidar „trink es ganz aus!“ Gehorsam schluckte ich auch den Rest hinunter.

„Jetzt setze dich! Ruhe dich einen Moment aus.“

Ich mußte grinsen, setzte mich dann aber doch auf die kühlen, großen Bananenblätter, die ich kurz zuvor abgeschlagen hatte. Ich harrte nun dem, was da kommen sollte.

Langsam zuerst, ganz langsam begann sich die Welt zu verändern. Nicht nur das. Auch das Universum war nicht mehr das selbe. Ausgestreckt lag ich auf den Bananenblätter und fühlte mich dabei wie aus einem Kokon entstiegen. Ich blickte hinauf zu einer fremden Sonne, die an einem purpurnen Himmel tanzte. Mir wurde mit einem Male ganz warm. Keine körperliche Wärme war es, die ich empfand. Diese Wärme, die ich verspürte, kam direkt aus meinem Innern. Ein absurder Gedanke durchschoß meinen Kopf, nistete sich in meinem Hirn ein und war letztendlich die Ursache für dieses Gefühl.

Ein kleiner Junge sitzt an einem kalten Wintertag vor einem wärmenden Ofen während eine Frau, ihm den Rücken zugekehrt, Weihnachtsplätzchen bäckt. Dann dreht die Frau sich um und ich sehe in das Gesicht meiner Mutter. In ihr Gesicht vor dreißig Jahren. So, wie sie damals ausgesehen hatte. Der kleine Junge, mit dessen Augen ich das alles sah, der war ich. Was hätte ich dafür gegeben, dieses Bild festzuhalten, diese Bild Realität werden zu lassen. Ich wollte wieder zurück, zu diesem Gefühl, das ich vor so langer Zeit erfahren hatte. Wie nah es doch war, jetzt und hier im Dschungel von Ekuador. So nah. Und doch war es eine Realität, die ihren Ursprung in einer anderen, in einer parallelen Dimension hatte.

 

„Magst du mich denn kein bißchen?“ Ganz deutlich hörte ich Chelos Stimme an meinem Ohr. „Kein ganz kleines bißchen?“

Ich drehte langsam, unendlich langsam meinen Kopf und schaute in das Gesicht des Indianermädchens. Aber an Stelle der Augen sah ich in weite, weite Ferne. Da waren zwei Universen, zwei Welten, die durch unbekannte Galaxien zu rasen schienen um sich in denen tief drinnen zu verlieren und um dann wiedergeboren zu werden. Dort, wo Paradies und Hades so dicht beieinander liegen, dort, wo Legenden und Mythen geboren werden, genau dort befand ich mich jetzt. Irgend etwas Irreales und doch wunderschönes passierte gerade mit mir. Ich ließ es zu und ließ es geschehen.

Aus den beiden Welten wurden Augen. Augen mit unzähligen glitzernden Punkten. Opalaugen. Sie schienen ihre Energie an mich weitergeben zu wollen durch den Brand, der in meinem Innersten entfacht wurde. Plötzlich, ganz urplötzlich empfand ich eine tiefe, alles um mich herum vergessend machende Liebe für dieses Mädchen an meiner Seite. Eine Urkraft die ich nie kennen gelernt habe packte mich und stülpte, vollkommen schmerzlos, meine Seele nach außen. Jetzt war ich verwundbar, das war mir klar. Aber klar war mir auch, daß ich in diesem Moment diese schwache Seite nicht verstecken, sondern sie ganz im Gegenteil für alle sichtbar zeigen wollte.

„Doch Chelo. Ich mag dich sehr“, hörte ich meine Stimme. Damit hatte ich ausgesprochen, was ich vorher nie gedacht hatte. Meine Seele hatte gesprochen, ohne von meinem Gehirn einen Befehl dazu erhalten zu haben. Und noch einmal wiederholte meine Seele das vorher Gesagte und fügte hinzu:

„Dich liebe ich. Diese Welt, dieses Universum. Ich liebe Gott, Allah und Budda. Ich liebe alle Menschen auf dieser Welt und all den anderen Welten und all deren Götter.“

Ich spürte wie sie sich über mich beugte und sich ihr Kopf auf meine schweißnasse Brust legte. Der Schwall langer Haare wurde zu Armen die nach mir griffen und mich liebkosten. Ich spürte die Tränen die sich mit dem Körperschweiß vermischten und hörte die klaren Worte, die die Kind-Frau zu mir sprach:

„Ich wußte es. Ich habe es immer gewußt, daß du mich irgendwann lieb haben würdest. Ich habe davon geträumt, die ganze Zeit über habe ich davon geträumt.“

Sie machte eine kleine Pause. Ich hörte und verstand alles, was sie sagte. Trotzdem war ich weit, weit weg. Und ihr wohl näher, als ich irgend einem Menschen je zuvor gewesen bin.

„Es hat sehr weh getan, als du mich nicht beachtetest. Aber jetzt ist alles gut. Ich habe gewußt, daß du mich gern haben würdest. Seit dem Tag, als du mich wegschicken wolltest. Es ist aber alles so gekommen, weil ich es so gewollt habe. Und auch, weil du es so gewollt hast, ohne es zu bemerken und ohne es zu wissen.“

Nach einer kleinen Pause: „Ich hab dich sehr, sehr lieb.“

Mit den letzten Worten hob sie ihren Kopf. Als sie mir in die Augen sah spürte ich wie ihre Haare meine Wangen streichelten.

„Ich habe nie viel darüber nachgedacht“, sagte meine Seele, „über uns, meine ich. Doch es hat alles so kommen müssen, weil es irgendwann einmal schon ganz genau so gewesen ist und irgendwann einmal genau so sein wird.“

Wir küssten uns zum ersten Mal. Zärtlich erst, dann fordernder. So, wie Mann und Frau sich küssen. Die Zeit existierte nicht mehr, die Sonne war eine andere und die Welt schien ein kleines Bambushaus zu sein, als wir uns auf den großen Bananenblättern liebten.

 

            Chelo zog zu mir ins Haupthaus. Das war das Resultat dieser Eindrücke, die ich von unserem zukünftigen Zusammensein hatte. Es ist nicht vermessen und ich will auch niemandem zu nahe treten wenn ich behaupte, daß diese Zeit die schönste meines Lebens gewesen ist.

Wie ich genoß auch sie die mondhellen Nächte in denen wir mit dem Boot über den Fluß fuhren. Sie lag vorne auf dem Bug. Nackt und hell lachend, wenn ihr Gischt über Gesicht und Körper spritzte. Wir liebten uns an den unmöglichsten Stellen. In der einsamen Bucht, dort, wo ich manchmal fischte, auf dem mit feuchtem Laub bedeckten Urwaldboden oder auf der Sandbank, die das Mondlicht weißlich im Fluß markierte.

Mit der Droge, deren Rezept seit Menschengedenken im Besitz ihres Stammes ist, hat sie mir einen ersten Eindruck von der Unendlichkeit des Universums vermittelt und mit unseren Gesprächen führte sie meine Seele spazieren auf den Planeten der Unmöglichkeiten.

Noch hört niemand meinen stillen Schrei: Gebt den Indianern der Wälder die Möglichkeit sich zu artikulieren! Und hört ihnen zu!!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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