Ursula Mori

das andere Weihnachtsfest

 
 
Das andere Weihnachtsfest
 
Herrlich diese Ruhe! Es eilt ihr nicht mit dem Aufstehen. Genüsslich dreht sie sich um, kuschelt sich in die Bettdecke und schaut hinaus in die tief verschneite Winterlandschaft.
 
Vor drei Tagen hatte sie die Türe ihrer Wohnung geschlossen, ist mit dem Zug in den Jura gefahren und vom Bahnhof aus mit den Schneeschuhen an den Füssen hinauf zur Hütte gestiegen. Nur wenig packte sie in den Rucksack ein - warme Kleider, Lebensmittel, ein spannendes Buch, ein paar Kerzenhalter und Kerzen.
 
Wie hatte sie es genossen, die ersten Stunden in der Hütte am Fenster zu sitzen, den Blick durch die friedliche Gegend schweifen zu lassen und genüsslich in ihrem Buch zu lesen. Am Abend setzte sie sich in den alten Lehnstuhl, lagerte die Beine hoch und verlor sich im Anblick der züngelnden Flammen des Kaminfeuers.
 
Sie erinnerte sich, dass  heute Heiligabend ist. Einmal ein Weihnachtsfest ohne Hektik. Sie hatte beschlossen, dieses Jahr mal jede Familienfeier auszulassen und Weihnachten ganz für sich alleine zu feiern.
 
Am Nachmittag schnallte sie sich ihre Schneeschuhe an, am Rücken einen kleinen Rucksack, gefüllt mit einer Thermosflasche mit heissem Tee, einem Schokoriegel, einer Stirnlampe, den Kerzen und Kerzenhaltern. Wie verwunschen lag die verschneite Landschaft vor ihr. Ein kühler, frischer Wind liess sie ihre Mütze tiefer ins Gesicht ziehen. Einsam zog sie eine Spur durch die verschneiten Wiesen. Die mächtigen Äste der dunklen Tannen hingen unter der Last des Schnees bis weit hinunter zur Schneedecke. Ein Rabe flog, erschreckt durch das Knirschen ihrer Schneeschuhe, krächzend aus einer der Tannen auf. Ansonsten störte kein Lärm noch ein Geräusch die herrliche Ruhe. Durch die dichten Schneewolken blickte milchigweiss die Sonne. Gedankenversunken zieht sie ihres Weges. Ihr Blick schweift durch die Landschaft. Insgeheim ist sie auf der Suche nach ihrem diesjährigen Tannenbaum. Nicht gross muss er sein, nein, das sicherlich nicht, nur einfach die paar Kerzen tragen sollte er, die sie in ihrem Rucksack mitführte. 
 
In der Ferne entdeckt sie ein einsam gelegenes altes Steinhaus. Aus dem kleinen Fenster scheint ein warmes Licht. Magisch wird sie von dessen Schein angezogen, sie bleibt aber in einer gewissen Distanz zum Haus stehen. Welche Geborgenheit dieses Licht ausstrahlt. Gebannt von diesem Anblick, vergisst sie weiterzugehen und bemerkt dabei nicht, wie sich die Türe langsam öffnet.
 
Der kühle Winterwind verschluckt die Stimme des alten Mannes fast gänzlich, der ihr etwas zuruft. Aber auf sein Winken hin, nähert sie sich langsam  dem Haus. Mit einem freundlichen Lächeln bittet der Mann sie einzutreten. Zusammen mit seiner Frau sitzt er in der niedrigen, rauchgeschwärzten Küche am schweren Holztisch. In der Suppenschüssel dampft eine Gemüsesuppe, der ganze Raum ist von ihrem Geschmack erfüllt. Ohne viel Aufsehen zu erheben, stellt ihr die Frau einen Teller hin und schöpft ihr Suppe. Nach dem langen Marsch draussen in der Kälte, ist die Suppe ein wahrer Genuss. Viel gesprochen wird nicht. Noch bevor es zu dämmern beginnt, verabschiedet sie sich herzlich von den alten Leuten. 
 
Sie zieht weiter ihre Spur durch die einsame Landschaft und da steht er plötzlich vor ihr, der allerschönste aller Weihnachtsbäume. Sie schüttelt seine tief verschneiten Äste und steckt ihm die Kerzenhalter und Kerzen an. Die Dämmerung verliert sich rasch in der dunklen Nacht. Der Tannenbaum strahlt in voller Pracht. Der Wind hat sich gelegt, so dass die Flammen ruhig brennen. In ihren Augen spiegelt sich der Glanz der Kerzen. Welche eine Wohltat, sie vergisst sich ganz und gar in dieser wunderbaren Stimmung. Langsam brennen die Kerzen nieder, es wird dunkel. Doch fast wie durch ein Wunder lichten sich die dunklen Schneewolken und tausende Sterne funkeln wie Diamanten am Himmel. Hinter einer hohen Tanne schleicht sich die Sichel des Mondes hervor und verbreitet seinen silbernen Schein auf der weichen, weissen Schneedecke und weist ihr den Weg zurück zur Hütte. 
 
Glücklich und zufrieden legt sie sich unter die warme Decke und schläft bald, in Gedanken an diese ganz besondere Weihnachtsfeier, wohlig ein.
 
Doch was schreckt sie da auf! Ganz verwirrt schaut sie sich um. Sie hebt den Kopf und findet sich im Zugsabteil wieder. Neben ihr stappeln sich verschiedenste Plastiktaschen mit ihren Weihnachtseinkäufen. Sie erinnert sich, wie sie sich erschöpft aber zufrieden, weil nun endlich alle Geschenke eingekauft waren, in den Zug gesetzt hatte. Nach all dem Trubel in den Geschäften muss sie bald einmal eingenickt sein. Die Durchsage im Zugsabteil hat sie aus ihrem wunderbaren Traum aufgeweckt. 
 
Mit einem entschuldigenden Blick schaut sie der ältere Herr auf der gegenüberliegenden Bank an. "Sie haben wohl ihren Aussteigeort verpasst", meinte er. "Ich wollte und konnte sie aber nicht wecken, sie sahen so glücklich aus in ihrem Traum". Sie war ihm noch lange dankbar dafür, packte ihre Einkäufe unter den Arm und fuhr zurück nach Hause. 
 
Gedankenversunken blickte sie durchs Zugsfenster hinaus in die graue Winterlandschaft. Unter einmal lichteten sich die schweren Regenwolken und liessen den Blick frei auf die Hügel des Juras. Sie schwor sich dabei, sich einmal in ihrem Leben diese "andere Weihnachtsfeier" im Jura ganz für sich alleine zu gönnen. 
 
©Ursula Mori  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.12.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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