Hermann Weigl

Die Mondgöttin


Mein Name ist Cassandra. Ich bin die Mondgöttin. Und ich verfüge über die Macht, mit meinem Sternenstein Wunden zu heilen. Mein Sternenstein, der die Kräfte der Sterne in sich sammelt, wurde mir vom geheimnisvollen Volk der Waldmenschen auf dem Planeten Asgaard übergeben. Die Sternensteine sind sehr mächtig, aber auch sehr gefährlich. Die Waldmenschen hatten mich gewarnt, den Stein niemals als Angriffswaffe zu verwenden. Ich dürfe mich damit verteidigen, hatten sie mir erklärt, aber niemals dürfe ich ihn zum Angriff verwenden, sonst würde er sich gegen mich selbst wenden.
Jetzt arbeitete ich als Heilerin im Krankenlager des Schlosses des Königs Ardrin von Asturis auf einem fernen Planeten. Das feindliche Königreich Escator hatte Coronado angegriffen. Die Bestie hatte viele Krieger verwundet. Ich behandelte die am schwersten Verletzten mit meinem Sternenstein. Ich konnte die Verletzungen nicht völlig heilen. Aber ich konnte zumindest dafür sorgen, dass die Verwundeten nicht verbluteten. Niemand schwebte noch in Lebensgefahr. Plötzlich hörte ich draußen im Burghof aufgeregte Stimmen laut werden. Ein Mann stürzte ins Krankenlager und rief mit strahlendem Gesicht: „Heilerin, die Bestie ist tot. Die Bestie ist tot.“ Auch vom Burghof hörte ich immer wieder den Ruf: „Die Bestie ist tot!“ Immer mehr Stimmen wurden laut und Männer, Frauen und Kinder eilten auf den Hof hinaus. Auch ich lief aus dem Krankenlager in den Tumult hinaus. Die Freude der Leute wirkte ansteckend und mehrmals wurde ich umarmt und vor Freude herumgewirbelt. Dann aber bemerkte ich einen Wagen, von der Art, mit dem sie die Verwundeten vom Schlachtfeld gebracht hatten, durch das Tor rollen. Sofort erwachte wieder mein Pflichtgefühl als Heilerin in mir und ich ging auf den Wagen zu. Ein Reiter kam mir entgegen. Er stieg vom Pferd und kam auf mich zu. Jetzt erkannte ich in ihm den Hauptmann.
„Heilerin, Ihr müsst jetzt sehr tapfer sein“, sagte er zu mir.
„Ist es mein Gemahl?“, fragte ich mit vor Angst geweiteten Augen und ging auf den Wagen zu.
„Er hat sich sehr tapfer geschlagen, wie ein Held.“
„Was ist mit ihm?“, stammelte ich.
„Euer Gemahl hat die Bestie getötet. Aber er wurde dabei schwer verletzt. Wir haben ihn sofort auf den Wagen geladen, um ihn zu Euch zu bringen.“
Der Wagen hielt neben uns an. Der Hauptmann führte mich hinter die Ladefläche des Wagens. Ein Mann lag auf dem Wagen.
„Harpon!“ Ich blickte in das totenblasse Gesicht meines Gatten. Die Wangen waren eingefallen, das Gesicht blutverschmiert und die Augen geschlossen. Ich tastete den Puls an der Halsschlagader.
„Es ist noch Leben in ihm. Lasst ihn auf mein Zimmer bringen. Beeilt Euch!“, bat ich den Hautmann.
Unter dem großen Fenster meines Wohnraumes stand eine breite Liege. Dort lag nun mein tödlich verwundeter Gemahl. Ich hatte den Hauptmann und seine Leute weggeschickt. Vorsichtig entfernte ich die blutgetränkte Kleidung von Harpons Körper. Mir wurde fast übel beim Anblick der zerschmetterten Schulter. Geronnenes Blut und zerfetztes Gewebe bildeten eine blutige, rote Masse. Ich bemühte mich, die Verletzung mit den Augen einer Heilerin zu sehen, nicht mit den Augen seiner Geliebten. „Demeter, Mutter, bitte hilf mir, damit ich das durchstehe.“
Eine Schlagader war verletzt worden. Deswegen hatte er so viel Blut verloren. Ich holte meinen Sternenstein hervor und versuchte meinen Blick in ihn zu senken. Aber der Stein war bereits zu schwach. Ich hatte heute schon zu viele Wunden geheilt. Ich konnte Harpon nicht mehr helfen und ließ meine Hände kraftlos in meinen Schoß sinken. Mein Blick wanderte über das Gesicht meines Geliebten. Das Leben schien schon aus ihm gewichen zu sein. Sollte unser Weg zwischen den Sternen hier schon zu Ende sein? Sollte ich ihn wieder verlieren, kaum dass wir wieder zueinander gefunden hatten?
Mein Blick glitt aus dem Fenster und über den Zinnen der Burg erblickte ich die fahle Scheibe des Mondes. Ich öffnete die Fenster so weit wie möglich. Dann erhob ich mich, den Sternenstein vor mein Gesicht haltend.
„Ich, die Göttin des Mondes, bitte dich, Gestirn der Nacht, gib mir deine Kraft, auf dass ich meinem Gemahl heilen kann!“
Und ich senkte den Blick in den Stein, tauchte in den Stein ein, bis sich das schwache Leuchten des Steines um mich schloss, weiter als jemals zuvor. Irgendwann verschwand das blaue Leuchten des Sternensteines und ich war nur noch von unendlicher, sternenloser Schwärze umgeben. Die Schwärze sog die Wärme aus meinem Körper und ich begann zu frieren, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Weit vor mir leuchtete ein heller Punkt, auf den ich immer schneller werdend zu trieb. Der Punkt vergrößerte sich zu einem Tor. Ich hielt auf der Schwelle des Tores an, sah hindurch und erblickte vor mir die funkelnde Pracht der Sterne. Zuerst zögerte ich, durch das Tor zu treten, und die Schwärze hinter meinem Rücken stach mit eisigen Nadeln in mein Fleisch. Aber ich fühlte die wärmende Strahlung der Sterne auf meinem Gesicht, und mit einem beherzten Schritt trat ich durch das Sternentor und schwebte im freien Weltraum. Die Sterne umgaben mich und wärmten mich mit ihrer Strahlung. Langsam wich die Kälte aus meinem Körper. Ich drehte mich um mich selbst und das Angesicht des Mondes wanderte in mein Blickfeld. Ich streckte dem Mond meine Hände entgegen und das Leuchten des Mondlichtes hüllte mich ein. Ich spürte seine Kraft, und ich nahm diese Kraft in mich auf, erst langsam und vorsichtig, dann schneller, gierig. Plötzlich riss der Energiefluss ab und eine unsichtbare Kraft trieb mich behutsam, aber bestimmt zurück durch das Sternentor. Ich ließ die Schwärze hinter mir und das Leuchten des Sternensteines umgab mich. Plötzlich befand ich mich wieder in meinem Zimmer und fühlte die beruhigende Wärme des Sternensteines in meiner Hand. Ich öffnete meine Hand und erschrak. Der Sternenstein leuchtete heller als jemals zuvor. Ich drückte die Hand mit dem Sternenstein an meine Brust.
„Ich danke dir, Mond, Gestirn der Nacht.“
Dann senkte ich wieder meinen Blick in den Stein und begann mit der Heilung meines Geliebten. Zuerst verband ich die durchtrennten Blutgefäße. Dann setzte ich Knochensplitter zu Knochen zusammen, verband zerfetzte Sehnen und Bänder, verheilte Muskeln, Gewebe und Haut. Es war bereits heller Vormittag, als mein Werk beendet war. Noch einmal kontrollierte ich meine Arbeit. Dann steckte ich zufrieden den Stein in den Stoffbeutel.
Harpon atmete tief und ruhig. Der Schimmer des Todes war aus seinem Gesicht gewichen. Ich holte mir aus dem Schlafraum ein Kissen und eine Decke und fiel vor der Liege in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

© 2007 Hermann Weigl.

Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Roman 'Die Rache der Seth-Anat'.
Auf meiner Homepage biete ich einige Leseproben meiner Romane an.
Hermann Weigl, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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