Norbert Schimmelpfennig

Die Ziegengans und der Schneesturm

Es begab sich zwischen Herbst und Winter, ein paar Schneeflocken waren schon gefallen.
Unter diesen befand sich eine, die irgendwann beim Herabrieseln mutiert war, deren Kristalle also nur vier statt der üblichen sechs Zacken aufwiesen, sie quasi nur zu zwei Dritteln vollständig war. Eine andere Flocke, die neben ihr lag, fragte sie daher:
„Kannst du mit diesen zwei Lücken denn gut in die Hocke gehen?“
Worauf die zweidrittlige Flocke erwiderte:
„Glaub ich kaum!“
„Und wenn ein Mensch auf dich tritt, so wie der dort drüben?“ fragte ihre Nachbarin weiter, worauf sie entgegnete:
„Dann würde es mir auch nichts nützen, wenn ich mich hinhocke!“
„Und wenn ein gewaltiger Schneesturm kommt?“ fragte ihre Nachbarin noch, und da meinte die zweidrittlige Flocke:
„Dann könnte es mir schon eher von Vorteil sein, fang ich am besten gleich an zu üben!“
 
Der Mann, der auf die Schneeflocke in der Nähe getreten war, war der Fernsehtechniker Felix Theodor, der die kleine Firma Fernsehtechnik FeTe gegründet hatte und hier einen Bauernhof mit einem Kabelanschluss ausstatten sollte. Der Bauer, dem dieser Hof gehörte, hatte als Kind gerne mit den Zähnen an den vielen freiliegenden Wurzeln in der Umgebung genagt, wenn er sauer war, weshalb er der "Zahnwurzelbauer" genannt wurde. Der Techniker war mit ihm zur Schule gegangen und war daher neugierig, wie es nun bei ihm aussehen könnte, und spürte schon Hummeln unterm Po beim Gedanken an ein Vorhaben, das er heimlich zusätzlich bei ihm ausführen wollte.
Als er also in der Wohnstube des Zahnwurzelbauern mit seiner Arbeit begonnen hatte und dieser ihm anfangs noch zusah, fragte er den Bauern, wobei er auf eine seltsame Tonfigur auf dem Fenstersims deutete:
„Du hast also immer noch diese Ziegengans?“
„Ja, dieses Mischwesen aus Ziege und Gans, mit den Beinen einer Gans und dem Oberkörper einer Ziege. Ist doppelt nutzlos – kann weder Eier legen, noch hat sie einen Euter, um Milch zu geben! Aber dies gehört doch in das Handbuch über nutzloses Wissen! Nur ist diese Figur ein Andenken, drum bewahre ich sie weiter auf.“
Doch FeTe meinte:
„Wenn aber der Mond zwischen Neptun und Uranus steht, so sagt man, kann diese Figur zum Leben erwachen und sich rächen!“
„Ach, Blödsinn“, entgegnete der Bauer. „Und jetzt mach deine Arbeit weiter!“
Daraufhin verzog sich der Bauer erst einmal. FeTe aber wusste, dass momentan der Mond tatsächlich zwischen Neptun und Uranus stand.  Als er seine Arbeit beendet hatte, tippte er gegen die Tonfigur, welche mit einer schrillen Stimme ausrief:
„Ihhh, der doofe…“
Rasch hielt ihr der Techniker den Mund zu, worauf sie verstummte.
 
Wieder daheim, lud er einen Freund ein, dem er erzählte:
„Heute habe ich beim Zahnwurzelbauern nicht nur einen Kabelanschluss gelegt…“
„Und war er sauer?“ fragte sein Freund, worauf FeTe fortfuhr:
„Ein wenig grießgrämig war er schon, ähnlich wie früher. Was ich aber sagen wollte: Ich habe zusätzlich noch heimlich eine Kamera in seiner Stube installiert. Also sehen wir doch mal, was er jetzt in der Nacht so treibt!“
Auf dem Bildschirm seines Computers erschien nun ein Bild, auf welchem der Zahnwurzelbauer zu erkennen war, der auf seinem Sessel vor dem Fernseher eingenickt war. Schließlich aber folgte im Fernsehen eine Werbepause, und zwar, wie im Nachtprogramm häufig: Mit nackten Mädchen, die ihre Dienste über Telefonhotlines anboten. Da ertönte in der Stube eine schrille Stimme, leicht bayrisch:
„Dem Bauern sein Schwanz
verhält sich wie a dumme Gans,
und die Hummeln unter seinem Po
sind ihres Daseins grad nicht froh.
Der ach so gewaltige Schneesturm
scheint eingesperrt in einem Turm,
will absolut nicht kommen,
sondern lieber im Stillen frommen!“
 
Der Zahnwurzelbauer wollte sich erst erbost nach der Stimme umdrehen, konnte dann aber seinen Blick nicht vom Fernseher losreißen.
Da meinte der Fernsehtechniker zu seinem Freund:
„Sieh mal auf seine Hose!“
„Ja, darin baut er nun doch ein Zelt!“
 
Draußen aber ließen sich die Windgeister nicht in der Weise wie der Bauer ablenken und reagierten verärgert auf die Worte der Ziegengans, sagten sich:
„Das lassen wir uns nicht bieten!“
„Ja, schicken wir den Menschen und Tieren, auch denen aus Ton, einen ganz starken Schneesturm, dass ihnen Hören und Sehen und solche Worte vergehen!“
Nun drehte der Wind auf Nord und frischte heftig auf, fing laut an zu heulen, so dass die weiteren Worte der Ziegengans vollkommen übertönt wurden:
 
„So wird das ganze Land nun weiß,
und hier drinnen wohl bald nicht mehr heiß.
Nichtsdestotrotz der Zahnwurzelbauer
ist über dieses Wetter gar nicht sauer.
Denn da ihm im Nachtprogramm die Werbung gefällt,
baut er in seiner Hose ein Zelt.
Die zweidrittlige Schneeflocke
geht vor dem Blizzard in die Hocke.
Ja, und die Hummeln unterm Po
sind ihres Daseins wieder froh.
Mähähähä – gack gack gack!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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