Saskia Gölz

Rettung in letzter Sekunde

Ich stehe auf der Klippe. Ganz weit oben. Unter mir schlägt das Wasser gegen den Felsen. Gefährlich. Bedrohlich. Angst einflößend. Und dennoch stehe ich da oben. Sehe herunter. Mein Herz rast. Meine Hände zittern. Meine Beine sind weich.

Ich frage mich, was ich mache. Was ich will. Weiß nicht, was ich denken soll. Fühlen soll. Verzweiflung breitet sich aus. Unsicherheit. Unwissenheit.

Ich sehe zum Himmel hinauf. Falte meine Hände. Spreche ein stummes Gebet. Bitte um Vergebung. Verdamme mich für meine Entscheidung. Ändere meine Meinung doch wieder nicht. Wie kam ich darauf? Was war der Grund? Meine Situation? Meine Einsamkeit? Mein Leben?

Ein Schritt näher zum Abgrund. Die Wand fällt steil ab. Sehe hinunter. Bekomme Angst. Verdränge sie. Versuche die Blässe verschwinden zu lassen. Ich muss es tun. Muss mein Leben opfern. Muss anderen alles erleichtern. Muss springen

Ich höre eine Stimme. Von unten. Von der anderen Seite. Warm. Offen. Erschrocken. Stehe weiter dort oben. Die Stimme wird lauter. Eindringlicher. Bittet mich, runter zu kommen. Fleht mich an. Ehrlich. Verängstigt.

Schaue herunter. Kann die Stimme nicht erkennen. Nur verschwommen. Keine klaren Linien. Keine Identifikation. Wer schreit da? Wer glaubt an mich? Wer will mich lebendig? Zweifel kommen auf. Fragen über Fragen. Soll ich es tun? Soll ich nicht?

Eine weitere Stimme kommt dazu. Von rechts unter mir. Fleht wie die erste. Weitere Zweifel. Schmerzensschreie. Unwissenheit kommt auf. Ungläubigkeit. Verzweiflung. Was soll ich tun? Soll ich folgen? Weitermachen? Springen? Leben?

Eine dritte Stimme folgt und eine vierte. Dicht neben meinem Ohr. Sanfte Worte. Gutmütig. Auffordernd. Wollen mich leiten. Führen. Mein Leben in die Hand nehmen. Tränen in meinen Augen. Falle in mich zusammen. Spüre. Lebe.

Hände tragen mich die Klippen hinunter. Liege in einer Art Trance. Werde abgelegt. Erwache. Sehe nur drei Personen. Drei Stimmen. Wo ist die vierte? Wer war sie? Fragen über Fragen. Verursachen mir Kopfschmerzen. Falle in einen tiefen Schlaf.
 

Ich erwachte aus meinem Schlaf. Neben meinem Bett saßen drei Menschen: meine Mutter, meine Schwester, mein Freund. Hatten sie mir etwa das Leben gerettet? Hatten sie mich vor dem Sprung in den Tod bewahrt? Doch wer war Nummer vier? Wer könnte mir noch das Leben schenken wollen?

Als ich den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, kam kein Ton. Ich konnte nicht sprechen. Ich erfuhr, dass ich einige Tage geschlafen hatte. Doch alle seien heilfroh, dass ich nicht gesprungen war. Ich wollte sie fragen, wer noch da war an jenem Tag, doch ich konnte nicht. Mama holte einen Stift und ich schrieb darauf: ‚Wer war Nummer vier an dem Tag?’. Sie sagten, dass sie niemand anderes gesehen hatten. Es konnte nur Gott gewesen sein. 
 

An jenem Abend an meinem Bett erfuhr ich, dass meine Mutter, meine Schwester und mein Freund mein Leben wollten und mich über alles liebten. Genauso wie Gott, der mir mein Leben wiedergab und meinem Freund einen Teil seiner Lasten nahm. Ich danke ihm heute noch dafür, dass er mich nicht fallen gelassen hat, sondern mich in einer absoluten Tiefpunktsituation wieder aufgehoben und mir aufgeholfen hatte.

 

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