Nicolai Rosemann

Der Krieger und der Tod

Teil 1 – Der Fürst und die Schlacht

Die Schlacht ist zu Ende, die rauchenden Ruinen der Schwarzen Festung im dunklen Gebirge sind das letzte Zeugnis für das Ende der Ära eines gefürchteten Fürsten. Jahrelang waren er und seine Getreuen durch die umliegenden Lande gezogen, willkürlich raubend, mordend und brennend.

Eigentlich war ich nur ein kleiner Landbesitzer gewesen, obwohl Landbesetzer besser gewählt wäre. Der eigentliche Besitzer war einem Raubzug des Fürsten und seiner verkommenen Kumpane zum Opfer gefallen. Erdolcht aus dem einfach Grund, dass sein Gesicht einem Berittenen der Raubritter nicht gefallen hatte. Ich war der erste Mensch gewesen, der die Leiche um ihren Besitz erleichtert hatte. Ringe und Gold wechselten schnell wieder den Besitzer, nur das Land blieb mein Eigen.
Beinahe fünf Jahre lebte ich wie die Made im Speck. Meine vier Kleinbauern versorgten mich gut, und mein kleiner Besitz war zu unwichtig als dass irgendein Halsabschneider sich dafür interessiert hätte.
Ein paar Banditen, Halsabschneider und sonstige Halunken lagerten bestimmt in den Wäldern. Sie blieben aber mir fern, so ließ ich sie unbehelligt leben.

Nur eines schönen Spätherbsttages stand dann doch dieser verfluchte Fürst mit seinen Kettenhunden auf meiner Schwelle und verlangte Unterkunft und Verpflegung für die Nacht, ansonsten würden sie meinen kleinen Besitz niederbrennen.
Die Hundertschaft ausreichend zu verpflegen erwies sich schon als schwierig genug, in der Nacht musste ich mit meinen Bediensteten im Stall übernachten.
Als die Hausbelagerer am Morgen die Eisblumen vom Harnisch kratzten und ihre Pferde sattelten, atmeten wir schon wieder auf, erst recht als die Vorhut im Galopp verschwand.
Nur der letzte der Berittenen warf mir zum Abschied eine Fackel aufs Dach und ritt dann schallend lachend seinen Kameraden hinterher. Das hässliche Gesicht des Bastards werde ich meinen Lebtag nicht mehr vergessen.
So sah ich an diesem Tag Anfang November meinen Besitz in Flammen aufgehen. Das Maß war voll, das war der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Ich nahm mir die stärksten Knechte, meine letzten Geldreserven und das alte Schwert meines Großvaters und zog aus das Treiben des Fürsten zu beenden.
Den Nachbarn war es kaum besser ergangen als mir, so wuchs meine Gefolgschaft schnell an. Bald folgten meiner Gesellschaft einige hundert Leute – Bauern, Händler, Knechte.
Wir waren nur schlecht bewaffnet, kaum einer wusste zu kämpfen und vor allem zog der harte Winter herauf.
Der zuletzt eiserne Wille meiner Gefolgschaft schmolz schnell dahin und Unmut machte sich breit. Der Ruf nach einem neuen Führer wurde laut, nicht wenige tauschten ihren Hass nur allzu gerne gegen ein Feuer in einer wärmenden Stube ein.
Verzweifelt bat ich um ein Wunder, und irgendjemand erhörte mein Flehen.

Der Raubfürst erhob seinen Arm gegen einen, der es wagte offen Widerstand zu leisten. Der Verwalter einer Stadt verweigerte dem Fürsten das Recht seine Lande zu betreten, und als der Fürst kurzum mit Getreuen sich gewaltsam Einlass verschaffen wollte, wartete der Verwalter dem Angreifer mit ausgebildeten Kämpfern auf. Diese schlugen den Raubritter samt seinen Begleitern in die Flucht, wobei diese nicht nur ein Pferd zu Schaden ritten.
Als wir davon hörten, lenkte ich meine Begleiter zu dieser Stadt, in der wir schnell Unterschlupf fanden.
Den restlichen Winter verbrachten wir in der Kaserne und lernten unsere Waffen zu führen. Warme Betten, regelmäßige und ausreichende Mahlzeiten und ein kleiner Sold stärkten wieder die Moral, sodass mit dem ersten Tag des neuen Frühlings beinahe 3.000 Mann gegen den Raubfürsten zogen, der sich noch immer die Wunden leckte.

Die ersten Zusammenstöße erfolgten immer auf offenem Felde und verliefen einseitig. Die zahlenmäßig unterlegenen Angreifer zogen sich immer bald nach ihrem Angriff Hals über Kopf zurück, meist mit beträchtlichen Verlusten an Mensch und Material.
Das große Finale aber spielte sich an den Hängen des dunklen Gebirges, am Fuße der Schwarzen Festung, ab. Mühevoll arbeiteten wir uns nach oben, bis zum letzten Tor der Feste.
In der Schlacht schwang ich mein Schwert tapfer und genau. Die Berittenen des Fürsten warfen sich in purer Verzweiflung gegen unsere Flanken. Lange, starke Speere hielten sie jedoch auf Distanz, während unsere zahlreichen Bogenschützen die Feste in Brand steckten.Wir sahen den Fürst überhastet fliehen und setzten ihm nach. Dabei kam das Pferd, das ich genommen hatte, ins Straucheln und fiel. Ich landete hart und verlor das Bewusstsein.

Teil 2 – Der Krieger und der Tod

Nun liege ich da auf dem Schlachtfeld, den Geruch der brennenden Festung in der Nase und das Stöhnen der Verwundeten im Ohr. Mein Pferd liegt schwer auf meinen Beinen, mein Arm ist unter einem Soldaten begraben, der bereits sein Leben ausgehaucht hat.
In der Nähe ziehen Männer mit Bahren und Gnadenbringer vorbei. Ein schwer verwundetet bittet mit schwacher Stimme um die letzte Ehre. Sie laden ihn danach auf einen Karren und rollen weiter.
Ich hebe meinen freien Arm um nicht für einen weiteren Toten gehalten zu werden.
Da tritt ein Mann näher und geht neben mir in die Hocke. Er liegt mir die Hand auf die Schulter, die sehr knochig ist. Er riecht nach Moder und Tod.
„Es ist Zeit“, sagt er mit schnarrender Stimme.
„Wozu?“ Meine Stimme ist kratzig und rau.
„Zu gehen. Es ist Zeit.“ Er weißt mit seiner knöchernen Hand zu meiner Brust und richtet mich etwas auf. Erst jetzt sehe ich die Pfeile, die darin steckten. Sie waren wohl der Grund für meinen Fall. Die ganze Umgebung ist damit gespickt, und bei genauerer Betrachtung brachten diese Pfeile auch dem Mann auf meinem Arm den Tod.
„Heute hast du mir viele gebracht, die es verdient hatten. Mörder, Diebe, Halsabschneider. Ich respektiere deine Taten, für einen kleinen Mann eine ansehnliche Leistung. Zu schade, dass der König der Halunken entkommen ist“, erklärt der Tod und schüttelt dabei den Kopf. Danach rückt er die Kapuze wieder zurecht und steht auf. „Also, es ist Zeit.“
„Der Fürst ist entkommen?“
„Ja. Nicht weit weg sitzt er im Wald, zittert und bibbert vor Angst, und hofft dass ihn die Häscher nicht finden. Zu schade“, seufzt der Tod. „Und jetzt komm, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Es warten noch viele.“
„Mein Leben gegen das des Fürsten!“, rufe ich verzweifelt.
„Mit mir verhandelt man nicht“, antwortet der Tod.
„Du hast doch selber gesagt es sei schade, dass er entkommen ist. Ich verlange nur etwas Zeit um zu vollenden, was ich begonnen habe.“
Der Tod kratzt sich am Kinn und überlegt laut: „Ich habe noch viel zu tun. Also gut. Du hast Zeit ihn zu finden, bis ich hier fertig bin.“
Der Tod verschwindet und im selben Moment beugt sich einer meiner ersten Begleiter dieses Kreuzzugs über mich. „Dieser hier lebt!“
Sie rollen den Toten von meinem Arm und zerren ihn auf den Karren. Danach zerren sie das Pferd weg.
„Keine Verletzungen?“, wundert sich der eine. „Etwa einer von denen, oder ein Drückeberger?“
„Wohl kaum. Er war lange unser Anführer. Er heißt…“
„Ihr da, weitermachen!“, ruft jemand. Die beiden Sammler helfen mir auf die Beine und verabschieden sich.
Ich laufe zum Lager zurück und melde mich freiwillig zur Verfolgung des Raubfürsten. Ich bekommen eine frisches Pferd, ein neues Schwert und eine Karte.

Zusammen mit einem Dutzend anderer Krieger durchkämme ich dann den Wald. Wir stehen im Rufkontakt und durchsuchen jede Ritze, jedes Kaninchenloch. Nicht selten schrecken wir ein solches auf. Die Suche bleibt aber erfolglos, der Reihe nach verschwinden meine Begleiter total enttäuscht.
Da bricht plötzlich mein Bein im Boden ein und ich falle in ein Erdloch, das mit Ästen und Laub verdeckt war.
In der Ecke sitzt, wie vom Tod beschrieben, der Fürst. Er strampelt und versucht von mir wegzukommen. Langsam ziehe ich mein Schwert und hole zum Streich aus.
Der Schlag ist ungeheuer stark, der Fürst will ihn abblocken, doch meine Klinge zerschmettert seine Waffe und durchtrennt seinen Unterarm. Das Blut spritzt und er schreit.
Mein zweiter Strich reißt seine Kehle auf, erstickt seine Schreie. Gurgelnd fällt er nach hinten und stirbt.
Ich höre verhaltenen Applaus durch knochige Hände. Über mir steht der Tod auf seine Sense gestützt. Neben ihm steht ein schwerer Sack, die Ausbeute des Tages.
„Gut gemacht. Er hatte mir viele gebracht, doch nun war es genug.“ Der Tod steigt nach unten und nimmt etwas vom Körper und steckt in den Sack.
„Also gut. Gehen wir. Es ist Zeit.“
„Aber ich habe dir den Fürst gebracht. Wie vereinbart, innerhalb der Zeit“, stammle ich.
„Ich musste ja noch herkommen“, antwortet der Tod und deutet auf sein knochiges Pferd. „Also komm jetzt. Krieg hat seinen Durst für heute gestillt und gibt einen aus. Pest und Krankheit kommen auch und ich will nicht der letzte von uns Vier sein.“ Der Tod öffnet seinen Sack. „Hinein mit dir!“
Ich springe aus dem Loch und renne. „Ich habe ihn dir gebracht! Ich bin frei!“, rufe ich.
„Immer dasselbe mit euch Helden“, jammert der Tod und holt mit seiner Sense aus.
Meine Schritte werden schwer, die Wunden an der Brust brechen wieder auf und meine Schienbeine brechen. Die Zeichen der Schlacht.Das Pferd des Todes trabt langsam heran und er steigt ab. „Immer dasselbe mit euch Helden. Ihr wisst nie, wann es zu Ende ist.“
Dieses Mal entkomme ich seinem Sack nicht.

Die letzte Deutschschularbeit, die ich geschrieben habe. Das Thema war einfach: Tod, mindestens 300 Worte. Das Ergebnis ist wohl nicht ganz was der Lehrer erwartet hat. Inspiriert wurde das ganze durch eine Liedsammlung der Band Subway to Sally (Bannkreis, Hochzeit, Foppt den Dämon, Herzblut und Nord Nord Ost)Nicolai Rosemann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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