Gesa Birkel

Sturm

Das linke Ohr ganz warm.
 
Sie lauscht.
 
Hinter ihr flattern unruhig die Plastikplanen zwischen den Eisenpfeilern, umgeben von einem metallenen Bauzaun auf dem Bahnsteig, in der Mitte zwischen Gleis 1 und 2.
 
„Es ist wieder stürmisch heute", denkt sie, während sie hinauf in den Himmel schaut. Weiße, grauweiße, dunkelgraue und fast schwarze, mal fedrige und mal feuchtschwere Wolkenfetzen jagen über den Himmel, der in einem verführerischen hellblau dazwischen hindurchschimmert. Das blau ist schön, so leicht, es passt so gar nicht zu dem Sturm.
Das rechte Ohr ganz kalt. Es ist frisch, feuchte Kühle kriecht mit jeder Windböe durch die Kleidung unter die Haut. Von fern zieht ein Glockenläuten herüber. Gleich 14.55 Uhr.
 
Gegenüber von Gleis 1, wo früher dunkle, teilweise eingeworfene, schmutzige Scheiben in einem Eisentorso der gleichen düsteren Tristesse den Bahnhof begrenzten, steht jetzt ein graues Stahlskelett, dessen fehlenden Glaswände noch durch Planen ersetzt sind, welche ebenfalls im Sturm zittern. Es sind Löcher darin, die Planen erscheinen irgendwie gewebt. Warum fehlt geradeaus direkt gegenüber im oberen Bereich solch ein großes Stück? Ausgefranst...
 
Vor ihr einige Männer und solche, die einmal welche werden wollten - mit 0,5 l Dosenbier in den Händen, dessen Schwaden in der Luft wabern - sich laut unterhaltend, manchmal lachend. Es ist wohl nicht das erste Bier heute?
 
„Es ist viel los heute nachmittag", denkt sie und schmiegt sich noch etwas enger in seine Arme, das linke Ohr warm an seinen Mantel gedrückt, auf der Suche nach seinem Herzschlag. Sie schließt kurz die Augen. „Hätte ich nur das linke Ohr", überlegt sie, "wäre die Welt ganz leise." Sein wärmender Mantel ist zu dick, überall Lärm, kein Herzschlag zu hören. Zu laut.
 
„Vielleicht noch einige Sekunden?" Wieder löst sich eine Träne und macht sich heiß auf den Weg die Wange hinunter in Richtung Oberlippe, um sich von dort abgebremst, wie ein Kuss, zwischen die Lippen zu drängeln. „Es ist einfacher zu gehen..." Kann ein Augenblick zu einer Ewigkeit werden?
 
Die Plastikplanen hinter ihr und gegenüber flattern laut und wild, der Wind pfeift stürmisch durch den kalten Bahnhof, Menschen rennen mit Koffern und Trollys vorbei, betrunkene Männer unterhalten sich, Glocken läuten von fern, Wolken hetzen über den Himmel, Stimmengewirr. Alle sprechen durcheinander, der Sturm, die Männer, der Himmel, die Plastikplanen, die Glocken, die Reisenden – gleichzeitig, niemand versteht die Sprache des anderen...
 
Das linke Ohr ist warm und leise. Wie hält man die Zeit an?
„Nein, so will ich das nicht – so nicht. Das Leben ist so unfair..." Zu spät, grollend fährt der Zug ein, um mit schleifendem Geräusch zu halten.
 
Seine Muskeln spannen sich, es ist soweit.
 
Das linke Ohr, so warm, es löst sich von diesem wärmenden Mann. Noch ein Blick in seine Augen, ein letzter Kuss.
 
Tränen bahnen sich ihren Weg. Bleiben und zusehen wie der Zug wegfährt würde sie innerlich zerreißen. Keine Erinnerung an immer kleiner werdende Rücklichter bitte, deren Bilder sie nie wieder loslassen - kein Kopfkino bitte, nur Leere. Wie kann dieses nichts eigentlich so schwer sein, während andererseits der Überfluss an Glück so unendlich leicht ist?
 
Sie dreht sich um und geht. Das linke Ohr ist kalt.
 
Es ist Winter.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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