Gesa Birkel

Schweigen

Stille. Unglaublich laute Stille.

 

Ihr Blick schweift durchs Zimmer, während sie wartet.

Sie sucht die Erinnerung. War es nicht heute vor einer Woche? Gefühlt war es fast wie nie geschehen, so weit weg, so unglaublich, ein Wimpernschlag.

 

Doch, es war vor einer Woche und fühlte sich an wie vor einer halben oder ganzen Ewigkeit.

 

Der Fernseher in der Ecke läuft monoton vor sich hin, ein spannender Film, doch sie kann sich nicht darauf konzentrieren. Was war heute für ein Tag? Neujahr. Wie ein innerlicher Stich schmerzt es sie. Warum nur ist sie so empfindlich? Tut es so weh? Verursacht solche Unsicherheit?

 

Er kam an einem Dienstag, abends, kurz nach 18 Uhr, der Zug hatte 5 Minuten Verspätung, war es auf der Anzeigentafel am Bahnsteig zu lesen. Wie sehr hatte sie diesem Treffen entgegengefiebert, wie oft hatte sie sich ein Wiedersehen ausgemalt - so sehr, dass sie schon gar nicht mehr wusste, ob sie es überhaupt noch wollte weil sie sich nicht sicher war, ob sie es aushalten könnte. Er stieg aus dem Zug, Distanz, ein Kuss, eine Umarmung, mehr nicht.

 

Er blieb bis Samstag, dann musste er zurück, zurück in sein Leben, knapp 1000 km entfernt von ihr, in eine andere Welt, in seine Welt.

 

Sie liebten sich, sie liebte ihn. Ob er sie auch so sehr liebte? Sie sprachen nie darüber. Als er ging sagte er, dass er immer bei ihr ist. Das reichte ihr für den Augenblick. Nein, sie forderte nichts von ihm, ließ nur geschehen. Er fragte nie, was sie sich wünschte. Sie hoffte, er würde es wissen.

 

Ihr Blick fällt auf die Couch, die ihnen ausgezogen als Bett diente. „Sie steht jetzt so unschuldig da", denkt sie, während sie unruhig wartet. Nichts deutet auf ihr Innenleben und ihr bewegtes Leben hin. Könnte die Couch sprechen, hätte sie viel zu erzählen.

 

Der ausgezogene Couchteil war so hart, dass ihr morgens die Schulter schmerzte, während sie sich in seine Richtung drehte und ihn im trüben Dunkel eines nebligen Dezembermorgens betrachtete. Schlief er? Er lag mit dem Rücken zu ihr und sie tastete ihn mit ihrem Blick ab. Wie gern hätte sie ihn jetzt berührt, aber es erschien ihr nicht angemessen. Wie gern hätte sie sich eng an ihn geschmiegt, aber dann wäre er aufgewacht. Wecken wollte sie ihn auf gar keinen Fall. So lag sie da und ihr Blick wanderte vom Kopf abwärts seinen Rücken bis zur Hälfte hinunter, wo die Bettdecke die Sicht begrenzte und anschließend wieder hinauf. Wie schön er war.

 

Werbepause im Fernsehen, furchtbar laut und schrill.

 

Letzten Samstag fuhr er wieder fort. Einen Teil von ihr hatte er mitgenommen. Sie hatte ihn nicht halten können, auch wusste sie nicht, ob sie ihn jemals wieder sehen würde. Sie sprachen nicht darüber. Ob sie es wollte wusste sie aber auch nicht, sie war so leer, zu keinem klaren Gedanken und Gefühl fähig. Er sagte er brauche einen Tag, um sich wieder einzuleben, bevor er am Silvesterabend auf einer Party Musik machte.

 

Sie telefonierten am Tag vor Silvester liebevoll miteinander und er sagte, dass er sie morgen nicht anrufen würde, weil er es nicht schafft. Seit jenen Tagen im Juli, als sie ihm aus dem Maislabyrinth die erste SMS sendete, telefonierten sie fast täglich miteinander, immer gegen 22 Uhr. Die Tage, an denen er nicht angerufen hatte, konnte sie noch zählen. Es waren die Tage, die ihre Unsicherheit schürten.

 

Ein Blick zur Uhr, gleich Mitternacht.

 

Er hatte ihr keinen guten Rutsch ins neue Jahr gewünscht. Nein, das fand sie nicht so schlimm, denn er hatte ja gesagt er würde nicht anrufen. Sie mailte ihm ihre guten Wünsche.

 

Die Stille ist erdrückend. Ist etwas geschehen? War etwas in der Silvesternacht geschehen?

 
Ihr war etwas geschehen, was sich nicht gut anfühlte: Ein Poltern im Flur wurde durch das Herunterfallen eines Bildes verursacht, welches direkt neben der Telefonsteckdose landete. Beim Aufheben sah sie, dass der Telefonstecker nicht mehr darin steckte und ihr erster Gedanke galt ihm und dem instinktiven Gefühl, dass sie ihn nie wieder hören würde.

 

0:15 Uhr, heute er würde nicht mehr anrufen.

 

Schrille Stille erfüllt den Raum, erfüllt sie.

 

Neujahr ist vorüber.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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