Gina Grimpo

(K)ein Tag jeder andere (letzter Teil)

Ich bin tot. Das war das Erste, was sie dachte, als sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Sie musste Tot sein. Anders konnte sie es sich nicht erklären, dass die Schmerzen und das Fieber wie weggewischt waren.
 Auch spürte sie keine Kälte. Eine wohlige Wärme lag wie eine schwere Decke über ihr und hinderte sie daran, die Augen zu öffnen. Sie wollte hier liegen bleiben, die Augen für immer geschlossen halten und dieses Gefühl genießen auf einer Wolke dahinzuschweben.
 Ihr Magen knurrte. Kayla öffnete vorsichtig ein Auge. Tote verspürten keinen Hunger.
 Ihre Umgebung nahm sie nur verschwommen war und so öffnete sie, wenn auch widerwillig, das andere Auge.
 Das Erste, was sie wahrnahm, war ein riesiger Kronleuchter, der an der Decke in der Mitte des Zimmers hing. Kayla setzte sich langsam auf. Zimmer? Der gesamte Raum war größer, als die Hütte, in der sie mit Isabeau und ihrer Mutter gelebt hatte und strotzte nur so vor Prunk.
 Sie erinnerte sich an das Letzte, was sie gehört hatte, bevor sie das Bewusstsein verloren hatte (wie lange war das nur her?). Hoheit. Valerian war nicht der Neffe des Königs, er war der Thronfolger höchstpersönlich.
 Kayla verkrampfte sich, als sie daran dachte, wie sie sich dem Prinzen gegenüber benommen hatte. Was würde man nun mit ihr machen?
 Sie kam nicht dazu, ihre neue Situation zu bedenken, denn plötzlich öffnete sich die Tür und zwei Frauen kamen herein. Sie trugen lange, einfache Kleider aus einem Stoff, den Kayla sich nie hatte leisten können, doch hier in diesem Raum wirkten sie schon fast schäbig.
 Die Jüngere der beiden lächelte nur scheu, während die Andere strahlend an Kaylas Bett gewuselt kam.
 „Ihr seid wach. Dem Himmel sei Dank. Ich dachte schon, das Fieber würde über Euch triumphieren.“
 Noch während Kayla sich über die förmliche Anrede wunderte, öffnete die Jüngere der Frauen eine Tür gegenüber dem Bett, in dem Kayla lag, knickste einmal kurz und sagte dann: „Euer Bad ist bereit.“
 Als Kayla sich nicht sofort rührte, kam die Ältere der beiden auf sie zu, schlug die Hände zusammen und rief: „Ihr seid wahrscheinlich noch zu erschöpft von den Strapazen, die ihr überstehen musstet. Wie dumm von mir.“
 Und ehe Kayla wusste, wie ihr geschah, saß sie in einer Badewanne, die bis zum Rand mit heißem, duftendem Wasser gefühlt war und ließ zu, dass die beiden Frauen, ihr die Haare wuschen und die verfilzten Strähnen auskämmten. Sie bekam heraus, dass der Name der Jüngeren Anna war, der der Älteren Hiltrud.
 Kayla ließ alles über sich ergehen und versuchte zu verstehen, was hier geschah. So behandelte man doch niemanden, der den Thronfolger geschlagen hatte. Der nächste Satz den Hiltrud sagte, ließ sie aufhorchen: „…wollt doch sicher hübsch sein, für Euren zukünftigen Gemahl.“
 Hiltrud und Anna bemerkten Kaylas verwirrtes Gesicht nicht, als sie ihr aus der Wanne halfen, abtrockneten und ihr dann mehrere Lagen von Unterröcken und schließlich ein prachtvolles Kleid überstreiften.
 „Mein zukünftiger Gemahl?“, fragte sie schließlich nach und schnappte nach Luft, als Anna ihr das Korsett zuschnürte.
 Hiltrud nickte eifrig, drückte Kayla auf einen Stuhl und begann damit, ihr Haar zu frisieren.
 „Sicher, sicher. Ihr könnt nicht glauben, wie froh der Hof ist, dass Prinz Valerian sich nun doch zur Heirat entschieden hat. Wir befürchteten alle schon, er wolle bis Ende seiner Tage Junggeselle bleiben, doch dann traf er Euch.“
 „Mich?“ Kaylas Kopf schwirrte. Was erzählte diese Frau da? Ihr Daumen tastete nach Faramonds Verlobungsring, doch sie erfühlte noch etwas anderes. Ungläubig hob sie ihre Hand vors Gesicht und starrte auf den riesigen Edelstein, der an ihrem Finger glitzerte.
 „Wunderschön, nicht wahr?“, plapperte Hiltrud weiter, „Eine wahrhaft glückliche Fügung des Schicksals nach den Qualen, die Ihr zu erleiden hattet. Auf Grund einer Intrige aus dem Palast getrieben, irrtet ihr tagelang durch finstere Wälder, bis Valerian euch schließlich fand und Euch rettete.“
 Intrige? Kayla glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Was hatte der Prinz da nur für eine haarsträubende Geschichte zusammen gesponnen? Und Hiltrud war noch nicht fertig.
 „Es ist wirklich eine so romantische Geschichte. Wisst ihr, was der Prinz mir anvertraute? An dem Tag, als er von der Brautschau flüchtete, tat er das, weil sein Herz ihm sagte, dass er das, was er begehrte, irgendwo dort draußen in der Welt finden würde. Ein inneres Gefühl trieb ihn voran und ließ ihm keine Ruhe, bis er Euch gefunden hatte. Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick“
Kayla wurde übel.
 „Und übermorgen ist nun schon die Hochzeit.“
“Was?“

*

Valerian schritt eilig den Gang entlang, zufrieden mit sich und der Welt. Endlich hatte er den Luxus wieder, den er gewohnt war.

Kurze Zeit später hatte er sein Ziel erreicht. Er wandte sich nach links und betrat das sonnendurchflutete Zimmer. Sein Blick fiel auf Kayla, die am Fenster saß. Erstaunt blieb er stehen. Von dem Bauernmädchen war nichts mehr in ihr zu erkennen. Das eng geschnürte Kleid betonte ihre Figur, unter all dem Schmutz war ein hübsches Gesicht zum Vorschein gekommen und ihre langen Haare waren kunstvoll auf dem Hinterkopf zusammen gesteckt.
 Im nächsten Moment traf ihn etwas Kleines, Hartes an der Stirn. Er bückte sich und hob es auf. Kopfschüttelnd betrachtete er den funkelnden Ring.
 „Du hast gerade ein Vermögen fort geworfen.“
 „Heirat?“, rief Kayla, raffte ihr Kleid und marschierte energisch auf ihn zu Valerian.
 Valerian lächelte. Die Hofdamen hatten es ihr also schon erzählt. Wie schade, nun war die Überraschung dahin.
 „Wie ich sehe, freust du dich“, sagte er und betrachtete ihr vor Wut verzerrtes Gesicht.
 „Ich werde dich nicht heiraten. Wie kommst du überhaupt dazu, solche Märchen zu erzählen?“
 Valerian hob eine Augenbraue. „Sind wir also zum Du übergegangen?“
 „Warum nicht. Schließlich werde ich in zwei Tagen deine Gemahlin sein, wenn es sich nicht irgendwie vermeiden lässt.“
 Valerian grinste. „Es wird sich nicht vermeiden lassen, glaub mir. Endlich liegt mir mein Vater nicht mehr in den Ohren, dass ich die richtige Frau finden soll und du solltest froh sein, dass ich dich aus der Gosse geholt habe.“
 Es freute ihn zu sehen, wie Kayla mit jedem seiner Worte wütender wurde.
 „Denk doch mal nach: Dein Familie wurde wahrscheinlich in die Sklaverei verkauft, in dein Dorf kannst du nicht mehr zurück und du weißt genau, was allein umherreisenden Frauen widerfährt.“
“Du willst mich aus Mitleid heiraten?“
 Valerian lachte auf. „Nein, ich werde dich heiraten, damit ich endlich vor Vater meine Ruhe habe. Wir lassen uns hin und wieder auf gesellschaftlichen Anlässen sehen und die restliche Zeit bleibst du in diesem Zimmer. Schließlich will ich nicht, dass du es dir anders überlegst und mich bereits kurz nach der Hochzeit sitzen lässt. Immerhin hat man dich aus deinem alten Palast gejagt, weil die nachgesagt wurde, dass du deinen Verlobten mit dem Stallburschen betrogen hast. Zwar warst du das Opfer einer Intrige, aber ist der Ruf erst ruiniert…“ Er sprach nicht weiter und wartete Kaylas Reaktion ab.
 „Was macht dich so sicher, dass man dir diese Geschichte abkaufen will?“
“Ich bin der zukünftige König“, sagte Valerian, drehte sich um und verließ das Zimmer. Zufrieden mit sich und der Welt schritt er den Gang entlang.
  
*
 
 Morgen würde die Hochzeit sein. Kayla hatte alle Möglichkeiten, den Palast unbemerkt zu verlassen ausgeschöpft. Es gab keinen Weg hinaus.
 Resigniert ließ sie sich auf das Bett fallen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. War sie denn die Einzige, die Valerians erfundene Erzählung und seine plötzliche Wandlung für unglaubwürdig hielt?
 Sie richtete sich auf, als es an der Tür klopfte. Sekunden später öffnete sie sich und eine Gestalt trat herein. Kayla wunderte sich einen Moment, dass sie eine Frau vor sich sah, die offensichtlich Hosen und das Hemd eines Mannes trug, als sie erkannte, dass es tatsächlich ein Mann war, der vor ihr stand. Ein recht dünner Mann, mit blasser Haut und einem schmalem Gesicht, der unter dem Gewicht des Tabletts, das er trug, fast zusammen zu brechen schien.
 „Verzeiht“, sagte er und hob seinen Hut an, „mein Name ist Ardan, ich bin Diener des Palastes. Prinz Valerian hat mir aufgetragen, euch das Essen zu bringen.“
 Kayla betrachtete Ardan, wie er schüchtern, fast verängstigt in der Tür stand und das reich beladene Tablett hielt. Die enge Hose betonte seine dünnen Beine und in dem weiten Hemd ging er fast unter.
 Sie stand auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Er war nur ein kleines Stück größer als sie selbst und schien immer kleiner zu werden, je näher sie ihm kam. Eine Idee keimte in Kalyas Kopf.
 „Ardan“, sagte Kayla und lächelte ihm freundlich zu, „es freut mich, dich kennen zu lernen. Würdest du das Essen bitte dort abstellen?“
 Sie wies auf einen kleinen Tisch neben dem Bett.
 „Natürlich.“
 Als Ardans schlanke Gestalt an ihr vorbeieilte, lächelte Kayla und schloss die Tür hinter sich.

*

Valerian stand am Fenster und blickte nach draußen auf  die Grünfläche, die sich vor dem Palast erstreckte.

Kaum zu glauben, dass es erst einige Tage her war, seit er aus dem Palast entflohen war, um seinen Problemen zu entkommen. Und nun hatte sich alles fast wie von selbst gelöst. Zumindest beiahe alles. König Alaric drängte bereits vor der Hochzeit auf einen baldigen Erben.
 Valerian schmunzelte bei dem Gedanken, was Kayla wohl dazu sagen würde. Doch er war sich sicher, dass es nicht allzu lange dauern würde, bis ihr Wille gebrochen war und sie sich ihm fügen würde.
 Ein weißer Punkt störte das einheitliche Grün, das ihn zum Nachdenken verleitet hatte. Er kniff  die Augen zusammen und sah genauer hin. Der weiße Punkt entpuppte sich als Soltan, der Richtung Osten galoppierte.
 „Was zum…“
Doch wer war der Reiter, der dort auf seinem Rücken saß?
 Die dünnen Beine, die in der engen Hose steckten, das viel zu große Hemd, dazu dieser alberne Hut, das konnte doch nur…
 „Ardan! Du Dieb machst dich mit meinem Pferd davon.“
 „Ähm, Hoheit?“
 Valerian drehte sich verärgert um. „Wer stört…“
 Weiter kam er nicht. Sein ungläubiger Blick fiel auf Ardan, der in einem langen Kleid steckte und kläglich dreinschaute.
 „Aber du warst doch gerade noch…“, murmelte Valerian und schaute wieder aus dem Fenster. Gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie der Hut vom Kopf des Reiters flog und lange, hellbraune Haare entblößte, die im Wind flatterten.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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