Christian Maeder

Nobodys perfect

Eigendlich verspürte ich keine grosse
Lust auf diese Party zu gehen.

Scheiß Typen, scheiß Musik.

Dazu noch dämliche Weiber die arrogante
Fressen zogen und in der Hoffnung herumstolzierten, dass sich irgend ein Arsch im
Ton vergriff, um eine nicht standesgemäße Bemerkung über ihre Titten, die sie
wie Einkaufskörbe vor sich hertrugen, zum Besten zu geben.

Wider besseren Wissens ließ ich mich
letztendlich, wie so oft, doch noch zu diesem Event überreden. Die Freundin
eines alten Freundes hatte ihr erstes Buch veröffentlicht und lud zum
offiziellen bewundern ein. Wenn das kein Fest ist dachte ich, während ich mir
die Schuhe besonders stark festzurrte, um Notfalls einen Blitzstart hinlegen zu
können.

Ich konnte mich noch sehr gut an sie erinnern.
Sie hatte sich ein paar von diesen Piercings in ihr verhärmtes Gesicht nageln
lassen um hipper zu wirken und ihr fettes Hinterteil schlingerte beim gehen wie
ein Kettcar der von einem Besoffenen gesteuert wurde.

-“ Du bist doch der Typ der diese komischen
Kurzgeschichten schreibt“ sagte sie bei unserem ersten (und letzten) Kontakt mitleidig.
Und um mir mitzuteilen was für `ne traurige Type ich bin, schüttelte sie ihr
Dichterhaupt auf besonders herzerweichende Art und Weise. Ihr Klempnergeschirr
rasselte dabei unentwegt, ich verspürte damals nicht übel Lust dazu, eine
Gardine in ihre mit Ringen übersäten Augenbrauen einzuhaken.

Nobody`s perfect dachte ich und zog
los.

Sie bewohnte mit ihrem tunesischen
Freund ein mondänes Loft und drückte mir zur Begrüßung ihren Schinken mit den
Worten “ ein kleines Präsent für unseren Rimbaud“ in die Hand.

Die Bude war rappelvoll und ich
erkannte hier und da ein paar bekannte Gesichter, das übliche Kroppzeug eben.

Während ich mich fragte warum ich mich
zum wiederholten Male zu so einer bescheuerten Aktion hatte rumkriegen lassen,
schaute ich mich zwanglos in der Bude um. Die Wände waren goldfarben gestrichen
und mit bunten Tüchern drapiert.

Hier und da entdeckte ich in Form
einiger Kandinsky Drucke, die mit Reißzwecken in die Tapete gedrückt waren, das
höhere Wesen der Kunst.

Im Buchregal lieferten sich Grisham und
Crichton eine erbarmungslose Schlacht um die vorderen Plätze und natürlich
waren einige Klassiker wie die Shakespeare Edition aus dem Readers Digest
dekorativ zur Schau gestellt.

Nach dem dritten Drink und einigen
belanglosen small talks ging ich ins Bad und betete inständig darum, dass
RAMMSTEINS Gejohle nicht lauter gedreht wurde.

Diese Art von Musik erforderte meiner
Meinung nach eine gewisse Willenlosigkeit und verlangte nach Uniformen. Aber es
sollte schlimmer kommem: noch bevor ich abgeschüttelt hatte wurde die neue PUR
ins Fach geschoben und ab ging `s.

Ich erschrak so, daß ich mir zu diesen
Klängen fast mein Ding abgerissen hätte!

Als ich mir den Schweiß von der Stirn
getupft hatte, bemerkte ich das Miniaturaquarium in dem ein einzelner Guppi
einsam seine Runden drehte und ging näher an die Glasscheibe heran, um meinen
neuen Freund besser sehen zu können. Ich hatte das komische Gefühl das wir uns
von irgendwoher kannten und war gerade dabei unsere Sprachbarriere durch kleine
Morsezeichen auf den Glasbehälter zu durchbrechen, als mein Freund mit
blutgetränktem Hemd zur Tür hereintaumelte.

-“ Scheiße Mann was ist dir denn
passiert!“ wollte ich wissen, aber er zog es vor zu schweigen und drückte sich
den Waschlappen auf die aufgeplatzte Lippe.

-“ Komm schon“ zog ich ihn auf “
menschliche Tragödien sind schließlich mein Metier.“

Doch er schwieg verbissen weiter und
funkelte mich nur wütend an.

Später fand ich heraus das dieser Idiot
mein Geschenk für die Gastgeberin gerne selber vorführen wollte und sich dabei
ordendlich die Fresse poliert hatte. Ich hatte der Kuh aus reiner Bosheit einen
alten ausgeleiherten Expander der in meiner Garage vor sich hingammelte mitgebracht, um mitanzusehen zu können, wie
sie sich mit diesem Antiquariat langsam erdrosselte.

Das Leben kann nicht anders als
grausam, was Wunder wenn es hier und da den falschen erwischt.

Ich schaute betreten auf den Guppi der
inzwischen völlig unbemerkt seine Richtung geändert hatte und bewunderte ihn um
diese einfache Gabe. 


 

  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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