Jörn Brien

Angsthasen-Power

Nun bin ich kein Angsthase. Wer mich kennt, weiß das. Wenn es sein muss, springe ich mit Salto und zwei Schrauben vom Zehn-Meter-Turm oder mache bei Tempo 180 einen Handstand auf dem Autodach – einarmig selbstverständlich.
Erst letztens habe ich am Steuer eines Ferraris gesessen und bin mit 300 Sachen gegen eine Mauer gerast. Hat mich nicht mal ein müdes Lächeln gekostet. War zwar auch nur auf der Konsole, war aber immerhin eine der neuesten Generation.

Auf einem Trabidach habe ich zumindest schon mal gelegen. Zugegeben bei Tempo 20. Und nur weil meine Eltern mich dort nach dem Windeln liegen lassen haben.

Hauptsache die beschissenen Windeln waren ordnungsgemäß im Kofferraum verpackt. Damals hat man die stinkenden Furzlappen ja noch aufgehoben, ausgekocht und wieder verwendet. Noch heute juckt es mir am Hintern, wenn ich in der Straßenbahn 40-jährige Vollblutmütter mit hängenden Gesichtszügen und verfilzten Haaren über Öko-Windeln fabulieren hören muss.

"Ich wasche seine Windeln jeden Tag – mit der Hand – und schau, was der Lukas für einen süßen weichen Babypo hat. Nicht, Lukas, butzi butzi butzi."
"Ja, stimmt, Brigitte. Ich streichle auch der Lena am liebsten über den Popo. Nicht Lenchen, butzi butzi butzi. Und was wir der Umwelt damit ersparen."
'Was wir der Umwelt damit ersparen.'

Wenn die sich mal waschen würden, dann bliebe uns einiges erspart. Und das ganze 'butzi butzi butzi'. Das kommt davon, dass ich mir wieder einmal keine neuen Batterien für den MP3-Player gekauft habe. Wenn ich als Baby schon die Wahl gehabt hätte, hätte ich die geilen Pampers aus dem Westen verlangt, die meine Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt und sich mit Klettverschluss verschließen lassen hätten. Keine Frage, ich wäre der King in der Kinderkrippe gewesen.

"Kuck mal, der da hinten hat Pampers an, da müssen die Eltern aber eine fleißige Westverwandtschaft haben. Und wie glücklich der kleine Scheißer lächelt. Ach, wie gerne würde ich meinem Christian doch auch solche Superwindeln kaufen und nicht ständig mit dem Waschbrett die ganze Scheiße auswaschen."

Leider hatte ich in der Kinderkrippe gar keine Pampers, sondern nur die Stoffwindeln und eigentlich stimmt das mit dem Trabidach auch nicht. Ich wollte nur betonen, dass ich kein Angsthase bin. Und nur das zählt. Neulich hätte ich mir aber doch beinahe in die Hosen geschissen – zum ersten Mal und nur beinahe - und das kam so:

Wie immer kam ich weit nach Einbruch der Dunkelheit von meinem harten Broterwerb nach Hause, um umhegt und gepflegt von der schönsten Frau der Welt den Feierabend zu genießen und so die Batterien für den nächsten schweren Arbeitstag aufzuladen. Normalerweise steht das Abendessen auf dem Tisch, die Pantoffeln im Flur und das Massageöl ist bereits leicht angewärmt. Diesmal war jedoch alles anders. Schon als ich den Hausflur unseres Mehrfamilienhauses im Grünen betrat, spürte ich eine Veränderung. Ich konnte es nicht festmachen, aber irgendetwas hatte sich gründlich gewandelt, seit ich noch vor Sonnenaufgang das Haus verlassen hatte. Am Geruch konnte es jedenfalls nicht liegen. Es roch nämlich nach genau gar nix.
"AHA", blitzte es in diesem Moment in meinem Gehirn auf. Das war es also. Hatten mich sonst die vertrauten warmen Gerüche eines köstlichen Abendmahls schon im Hausflur in Empfang genommen und mich sanft zur Wohnungstür begleitet, war nun nichts außer den Resten eines alten Bohnerwachses zu riechen, das die alte Müllerin immer auf die Treppenstufen kippt, um ihre bucklige Verwandtschaft, die jeden Samstag nach der Alten sieht, die Treppen hinunter purzeln zu lassen und sich dabei köstlich zu amüsieren. Leider laufen ja am Wochenende nur wenige Talkshows und seien wir mal ehrlich, was bleibt ihr denn übrig, wenn sie nicht an Samstags-Langeweile verenden will.

Vorsichtig erklomm ich also Stufe für Stufe. Hier konnte eindeutig etwas nicht stimmen. Als ich den Schlüssel ins Schloss steckte und so unauffällig wie möglich umdrehte, waberten Bilder von nachgezeichneten Tatort-Leichen auf dem Teppich und Blut überströmten Frauenkörpern in der Badewanne durch meinen Kopf. Auf Zehenspitzen schlich ich ins Wohnzimmer, schaltete kurz entschlossen das Licht ein... Nichts, nicht einmal der Abendbrottisch war gedeckt. Das machte mich vollends stutzig. Auf dem Weg ins Bad ließ ich mir einige Ausreden durch den Kopf gehen, die die schönste Frau für mich parat halten würde:
"Es ist nicht so wie es aussieht, Liebling, ich wollte dich heut mal zum Essen ausführen."

"Fatma von nebenan und ich dachten uns, wir wollen dich heut mal wie einen arabischen Herrscher bedienen. Essen und Massagebank haben wir bei Fatma aufgebaut."

Ich überlegte schon, wie ich gönnerhaft mit den Augen rollen, mich kurz weigern und dann doch mitgehen – insgeheim aber doch einen Eintrag in mein virtuelles Büchlein der Vergehen machen würde - da ließ mich ein Geräusch aus dem Bad aufhorchen. Als ich mit dem Mut der Verzweiflung meinen Kopf durch die Badtür steckte, rammte ich mir die Nase am Spiegel des Spiegelschränkchens. Dessen Tür war nämlich aufgesprungen. Nachdem ich ob meines absolut vom Pech verhagelten Abends einmal kurz aber schwer aufgeseufzt hatte, fiel mein Blick auf das kleine Mülleimerchen in der Ecke. Der Deckel stand offen, ein kurzer Blick genügte, um zu sehen, dass sich da etwas hineingeschmuggelt hatte, was dort absolut nicht hingehörte: Ein Schwangerschaftstest.

Jetzt musste ich doch noch einmal und diesmal sehr viel länger seufzen. Außenstehende hätten dies als Aufheulen deuten können. Ich fing mich aber schnell. Bier, dachte ich, während ich mich zitternd am Waschbecken festklammerte. Ich schwankte in die Küche, griff eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, fingerte mit dem Feuerzeug irgendwie den Deckel ab und soff die Brühe in einem Zug leer.

"PUH", sagte ich und griff nach der nächsten Flasche. Den Kühlschrank hatte ich in weiser Voraussicht gar nicht erst geschlossen. Nachdem auch diese, die nächste und die übernächste Flasche geleert waren, kam ich langsam ins Grübeln. Seit dem Betreten der Wohnung waren gerade 15 Minuten vergangen und ich war völlig blau. Blau wie ein Baby, dessen Nabelschnur sich bei der Geburt um den Hals... Mir wurde übel. Herzrasen, feuchte Hände. Hatte ich der Herzensdame nicht tausend Mal gesagt, dass ich keine Kinder in die Welt setzen will, allein schon wegen der Umwelt oder wie das Ding heißt. Doch ich hatte es ihr gesagt, beruhigte ich mich. Aber was nun, abtreiben ging ja nicht, wegen Gott. Und dabei hatten wir entgegen aller Vorschriften der katholischen Kirche sogar dreifach verhütet. Sie die Pille, ich das Kondom und beide weiße Tennissocken. Nichts hatte geholfen.

Jetzt bekam ich es doch mit der Angst zu tun. Der kleine Schreihals würde nicht nur meine Klamotten voll kotzen, er würde auch ständig meine Aufmerksamkeit, Fußball spielen und die Mathehausaufgaben gemacht bekommen wollen.
Als mit einem lauten Knall die Wohnungstür aufsprang, schreckte ich benommen auf. Zwei kreischende Frauenstimmen sägten an meinem Gehirn. Die dazugehörenden Frauenkörper rannten an der Küche vorbei ins Badezimmer. Ich erhob mich mühsam und schlich hinterher. Allerdings fiel die Badtür ins Schloss, noch bevor ich sie erreicht hatte.

"Was ist denn hier los", fragte ich – ganz Herr des Hauses – und wummerte mit der rechten Faust gegen die Tür.

"Ach Schatzi, dich hab ich ja ganz vergessen. Falls du Hunger hast, in der Küche sind Brötchen."

Ich schwieg.

Dann öffnete sich die Tür einen Spalt. Die schönste Frau schob ihr Köpfchen hindurch und flüsterte mir ins Ohr: "Fatma ist schwanger. Ist das nicht schön?"
"Fatma", brummte ich, aber insgeheim fiel mir doch ein Stein vom Herzen. Hatten die Socken doch gewirkt. Dann wurde die Badtür wieder geschlossen.
Ich rutschte an der Wand hinab auf den Hintern. Und nun wäre es beinahe passiert. "Das Bier muss schlecht gewesen sein", dachte ich noch, hielt mir instinktiv die Hand ans Gesäß und sprang auf und ab, wie einst Rumpelstilzchen, als es noch keine Wasserklos gab. Ich rüttelte wie wild an der Badtür. Fast schrie ich vor Verzweiflung. Das Bier durfte doch nicht für den ersten Reinfall in meiner Unterhose sorgen. Als sich die Tür kurz öffnete, stürmte ich an den Frauen vorbei zur Toilette, riss mir Hose und Unterhose vom Leib, setzte mich auf die Klobrille und ließ - begleitet von einem heftigen Furzkonzert - einfach laufen.

"Das ist doch", japste die schönste Frau und Fatma schlug angeekelt die Hände vors Gesicht und riss sie noch angeekelter wieder weg, als sie sich den Schwangerschaftsteststreifen über die Nase gerieben hatte.
"Das habt ihr nun von eurem Weiberkram", sagte ich erleichtert auf dem Klo thronend.

"Mein Kind kriegt Pampers", schwor sich Fatma. Dann verschwanden die beiden Frauen aus dem Bad.

Ich lächelte und fiel in einen tiefen Schlaf. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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