Katja Heinrich

Sodbrennen - 7. Mein Freund

 

Mein Freund – nennen wir ihn einmal Klaus - ist Ende 30 und Anwalt mit eigener gut gehender Kanzlei.
Reicht das? Nein, denn bestimmt möchten Sie erfahren, wie ich überhaupt zu einem Freund komme – und wieso er es mit mir aushält (oder ich mit ihm?).
Ich lernte Klaus kennen, weil ich einen Anwalt brauchte, das war vor ungefähr vier Jahren. Warum ich seine Dienste in Anspruch nehmen musste, ist uninteressant!
Zu dieser Zeit war ich bereits soziophob, Klaus akzeptierte das. Den größten Teil unserer Zusammenarbeit handelten wir per Email ab, das machte ihn mir schon sympathisch. Leider ließ es sich trotz aller Versuche von Klaus nicht umgehen, dass ich nach etwa einem halben Jahr bei einer Verhandlung persönlich anwesend sein musste und so standen wir uns zum ersten Mal persönlich gegenüber.
Klaus sah gut aus, blonde mittellange Haare, braune Augen – und ein männliches Gesicht. Unter seinem Talar erahnte ich eine sportliche Figur, außerdem war er größer als ich – eine wahre Leistung, denn ich bin 1,80m groß (das alles ist er natürlich auch heute noch!)
Manche Frauen würden ihn sicher als Leckerbissen bezeichnen.
Nun, er war mir zumindest auch vom äußeren Erscheinungsbild auf Anhieb sympathisch – eine Neuheit für mich, denn nur selten sind mir Menschen sofort angenehm.
Sein Aussehen wurde allerdings noch von seinem bestimmten Auftreten bei der Verhandlung getoppt. Der Mann lässt sich durch nichts einschüchtern – damals wie heute.
Nachdem er meinen Rechtstreit zu meiner absoluten Zufriedenheit gewonnen hatte, fragte er mich, ob wir das gemeinsam feiern würden.
Kurz schwankte ich zwischen Mann und Phobie – und entschied mich dann für Klaus.
 
Während unseres ersten gemeinsamen Essens stellte ich mit Erstaunen fest, dass er mir Informationen über mich entlockte ohne dass ich es verhindern konnte. Aber was noch viel erstaunlicher war, es schreckte ihn offensichtlich nichts ab, obwohl ich schonungslos bei der Wahrheit blieb und ihm so ziemlich alle meine Phobien und Kontrollzwänge gestand.
Er fand es interessant und ich glaube, seine Unerschrockenheit brachte mich letztendlich dazu, mich auf ihn einzulassen und so wurde Klaus zu einem festen Bestandteil in meinem Leben.
 
Er ist einer der wenigen Menschen, die meine Wohnung betreten dürfen und die ich selbst auch besuche. Er ist außerdem der einzige, mit dem ich es aushalte ohne mich aufzuregen, ohne Kopfschmerzen oder Herzrasen zu bekommen und der nicht ungeheuren Dreck in meiner Lebensblase hinterlässt.
Er ist der einzige Mensch auf der Welt, der mein Vertrauen bis zur Schmerzgrenze genießt, bei dem ich mich förmlich fallen lassen (soweit mir das möglich ist natürlich) und geben kann, wie ich wirklich bin und der mich ungestraft auch einmal aufregen darf.
Dennoch behalte ich innerlich eine gewisse Distanz – und das weiß und toleriert er auch. Denn sollten wir uns trennen, kann ich nicht in einem Trauerdelirium versinken, das würde ich nicht durchstehen.
Er ist einer der wenigen, erlesenen Menschen, mit denen ich es schaffe, einigermaßen relaxed auszugehen und sogar wenn ich bei ihm bin, stehe ich nicht kurz vorm Suizid, denn er ist ein sehr ordentlicher und sauberer Mann.
Er hat nicht nur eine wirklich ausgezeichnete Zugehfrau, sondern er ist auch selbst sehr penibel – eine Macke, mit der ich prima auskomme!
Er indes findet mich nach all den Jahren noch immer liebenswert bescheuert und einfach interessant. Eine zweite Macke von ihm, mit der ich gut zurechtkomme.
Wer würde noch so denken von mir? Sie etwa?
Sehen Sie, ich nämlich auch nicht!
 
Nun werden Sie sich aber sicher auch intimere Dinge wissen wollen, habe ich Recht?
Wie sieht es denn bei einer soziophoben Durchgeknallten mit der körperlichen Nähe aus?
Kurz bin ich versucht, Ihnen meinen Energydrink überzuschütten und meine Zigarette auf Ihrem Arm auszudrücken wegen dieser Neugier, aber wissen Sie was? Ich lasse es, denn ich habe ja selbst davon angefangen.
 
Nun, um Ihre Frage zu beantworten, ich kann bei Klaus sogar körperliche Nähe zulassen.
Aus Rücksicht auf meine Gefühle duscht er nämlich vorher extra – egal ob es nur ums Kuscheln auf der Couch geht (fast wie bei normalen Menschen, nicht wahr?) oder gar um mehr (natürlich nur mit Kondom, was anderes kommt ja gar nicht in Frage).
 
Klaus akzeptiert auch, dass ich unmittelbar nach dem Sex aufspringe und in die Dusche renne – er weiß ja, dass ich es nicht persönlich meine! Anschließend muss ich die Bettwäsche wechseln.
 
Wenn ich ihn in den seltensten Anwandlungen von Selbstkritik frage, wie er es mit mir überhaupt aushält, dann erklärt er, dass er glücklich ist mit mir, weil er diese künstlichen Frauen mit falschen Wimpern, Fingernägeln, Haaren und obendrein noch Brüsten verabscheut – und genau die hängen dann meist noch wie eine Klette am Mann, können selbständig weder denken noch ihren Tag verbringen und suchen doch nur immer nach einem Ernährer.
 
Und das ist doch mal ein Kompliment!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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