Hermann Weigl

Die Mondgöttin - Weißer Sand

Weißer Sand  

 
Den Großteil des Tages verbrachte Cassandra bei ihren Lehrern. Deswegen hatte ich viel Zeit, um mich mit der Geschichte des Ordens zu beschäftigen. Das Kloster war über Jahrtausende hinweg in vielen Baustufen entstanden. Im Zentrum des Komplexes befand sich das Hauptgebäude, das mit der Gründung des Ordens entstanden war. In weiteren Bauabschnitten waren kreisförmig um das Hautgebäude herum, neue Gebäude entstanden. Nördlich des Klosters, durch einen flachen Hügel von direkter Sicht getrennt, lag der Friedhof des Ordens. Eine etwa mannshohe Mauer, aus unbearbeiteten Steinen errichtet, umgab den Friedhof. Ein hoher Torbogen überspannte den einzigen Eingang des Friedhofes. Auf ihm konnte ich eine stark verwitterte Inschrift in Zeichen einer mir unbekannten Sprache erkennen. Uralte Kletterpflanzen hatten sich um den Torbogen gewunden. Ich hielt kurz an und ließ die Stille dieses Ortes auf mich einwirken. Ich wusste nicht, warum mich meine Schritte hierher geführt hatten. War es eine unbewusste Sehnsucht nach dem Tod? Oder empfand ich Schuldgefühle gegenüber denjenigen, die sterben mussten, während ich weiterleben durfte? Ich ließ meinen Blick über die endlosen Reihen von Gräbern schweifen. Zögernd betrat ich den Friedhof. Große alte Bäume warfen ihre schweren Schatten auf die Gräber. Langsam ging ich weiter. Je tiefer ich unter den Schatten der alten Bäume hindurch in den Friedhof eindrang, umso älter wurden die Gräber. Die Grabsteine waren vom Alter dunkel verfärbt und von Moosen und Flechten überwachsen. Farne und große Pilze wuchsen zwischen den Gräbern. Langsam und darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, ging ich weiter. Es erschien mir, als würde ich in die Vergangenheit reisen. Manche Grabsteine standen schief oder waren teilweise in den Boden eingesunken. Grabplatten zeigten Risse. Inschriften waren bis zur Unkenntlichkeit verwittert. Ich ging weiter, noch tiefer in die Vergangenheit. Manche der Grabsteine waren kaum noch zu erkennen, von Kletterpflanzen überwuchert, so als wollten die Pflanzen die Grabsteine unter die Erde ziehen. Dann kam ich an einen Teich. Ruhig lag die Wasseroberfläche da, undurchdringlich für meine Blicke, tief und schwarz.
 
Plötzlich wurde es merklich wärmer. Ich blickte von der ruhigen Wasseroberfläche auf und sah, wie die Umgebung sich zu verändern begann. Die Grabsteine wurden durchsichtig und lösten sich schließlich ganz auf. Ich stand nun am Fuß einer hohen Düne aus weißem Sand. Mein Blick wanderte über den endlosen Sand, glitt am Horizont entlang und wanderte die Düne hinauf. Eine Vision! Aber welche Welt war das? Mühselig stieg ich die Düne hinauf. Ich fing an zu schwitzen. Immer wieder rutschte ich im weichen Sand zurück. Meine Kleidung war schon schweißgetränkt, als ich endlich den Kamm der Düne erreichte. Ich hielt an und suchte die vor mir liegende Landschaft nach Details ab, die mir vielleicht verraten konnten, auf welcher Welt ich mich befand. Aber ich sah nur Sand, endlosen weißen Sand und darüber schien eine hellgelbe Sonne, die erbarmungslos auf mich herab brannte. Ich hielt Ausschau nach der nächsten großen Düne deren Kamm ich besteigen konnte. Nach einem Sinn dieser Vision fragte ich mich gar nicht mehr. Viele solcher Prüfungen hatte ich schon erlebt. Ich hätte genauso gut warten können, bis die Vision wieder verschwindet. Aber meine Neugier trieb mich weiter. So kämpfte ich mich über Stunden hinweg von einer Düne zur nächsten und erblickte vor mir immer wieder nichts als endlose Wüste mit weißem Sand. Meine Augen begannen immer mehr von der Helligkeit des durch den Sand reflektierten Sonnenlichtes zu schmerzen. Die Augenbrauen konnten den Schweiß nicht mehr aufhalten, der mir von der Stirn lief und er lief mir in die Augen.
 
Vom Kamm der nächsten Düne aus erblickte ich in einer Senke ein paar verdorrte Sträucher, die etwas Schatten warfen. Da dies der einzige Schutz vor der Sonne weit und breit war, beschloss ich dort hinzugehen. Eine kurze Rast konnte nicht schaden. Näher kommend bemerkte ich, dass sich bereits jemand oder etwas im Schatten aufhielt. Neugierig geworden beschleunigte ich meinen Schritt. Vielleicht konnte die Lebensform mir verraten, wo ich mich befand. Als ich um den Busch herum ging, erkannte ich, dass es sich um eine Frau handelte. Sie war in ein langes Tuch gehüllt und trug Armreife um die Handgelenke. Sie lag auf dem Rücken und der Sand unter ihr hatte sich rot verfärbt. Blut! Ich beugte mich über die Frau. Vorsichtig drehte ich ihren Kopf zur Seite und erkannte ihr Gesicht: Menyr! Einst war sie meine Frau gewesen. Vorsichtig hob ich ihren Kopf an. Sie lebte noch. Aber ihr langes schwarzes Haar war mit Blut verklebt und aus ihrer Nase flossen zwei feine Blutfäden. Langsam öffnete sie die Augen und noch einmal wurde ihr Blick klar. Erkennen zeigte sich in ihren Augen und sie verzog den Mund zu einem feinen Lächeln. Dann brach ihr Blick und ihr Kopf fiel zurück.
 
Übergangslos fand ich mich auf dem Friedhof wieder. Ich blickte auf meine linke Hand in der ich Menyrs Blut verklebtes Haar gespürt hatte: keine Spur von Blut. Ich stand auf, ging zurück ins Kloster in unser Zimmer, legte mich ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Ich wollte nur noch alleine sein.  
 
Nach meinem Unterricht eilte ich voll Ungeduld zu unserem Zimmer. Sicher wartete Harpon schon auf mich. Es war ein schöner Tag und vielleicht konnten wir noch etwas unternehmen, vielleicht spazieren gehen und gemeinsam den Sonnenuntergang beobachten. Harpon war genauso romantisch veranlagt wie ich. Lächelnd öffnete ich die Tür zu unserem Zimmer und baute eine Verbindung zu ihm auf. Mein Lächeln gefror jedoch, als ich seine Gedankenbilder sah. Wer war sie? Hatte er mich womöglich betrogen? Das schmerzliche Gefühl eines drohenden Verlustes machte sich in meiner Brust breit. Doch da sah ich, wie ihr Kopf leblos zurückfiel. Was war das? Eine alte Erinnerung? Ich ging zum Bett, kniete mich nieder und zog die Decke von seinem Kopf. „Ihr Name war Menyr.“ „War?“ „Ja, sie ist schon seit vielen Jahrhunderten tot.“ Harpon zeigte mir die Gedankenbilder seiner Vision. Grauenhaft. Ich war entsetzt. „Ist sie wirklich so gestorben? So jung?“ „Nein, sie wurde sehr alt. Als sie starb hatte sie schneeweiße Haare.“ „Was hatte diese Vision dann zu bedeuten?“ „Das wissen nur diejenigen, die mir diese Vision schickten.“ Nach einiger Zeit fügte er hinzu: „Jede Liebe war tief in meinem Herzen verwurzelt. Mit dem Tod wurde diese Wurzel herausgerissen und es blieb eine tiefe Wunde zurück. Es dauerte immer sehr lange, bis die Wunde verheilt war. Aber heute wurde eine alte Wunde wieder aufgerissen.“ „Und ich werde meine Wurzeln in diese Wunde senken und sie dadurch wieder verschließen.“ Ich schlüpfte zu ihm unter die Decke und umarmte ihn. „Schlafe jetzt, schlafe und wenn du wieder erwachst wird dein Schmerz vergessen sein.“  
 
Als ich am nächsten Tag aufwachte, fühlte ich mich viel besser. Ich versuchte mich an den Vortag zu erinnern. Die Vision, Menyrs Tod, Cassandra. Was hatte Cassandra mit mir gemacht? Ich fühlte keinen Schmerz mehr bei der Erinnerung an Menyrs Tod. Ich erinnerte mich daran, aber diese Erinnerung schien hunderte von Jahren alt zu sein. Ich blickte zur Seite. Cassandra schlief noch tief. Sie lag auf dem Rücken, ihr Kopf war von mir weggedreht. Ich küsste sie auf ihre nackte Schulter. Dann küsste ich sie auf den Hals und dann auf die linke Wange. Sie verzog den Mund zu einem Lächeln, drehte den Kopf zu mir und öffnete die Augen. Die Augen einer Comyn. Ich konnte mir keine schönere Frau vorstellen. Ich beschloss, die Frage nach ihrer Behandlungsmethode zu verschieben. Dieser schöne Augenblick sollte nicht gestört werden. Ich griff um ihre Taille, zog sie zu mir heran und rollte mich auf den Rücken. Sie küsste mich und warf kurz einen Blick auf die Uhr. „Wir haben noch fast zwei Stunden bis mein Unterricht beginnt“, meinte sie. „Wie kann ich dir dafür danken, dass du mir gestern geholfen hast?“ „Ich wüsste da etwas ...“ Sie schickte mir ein Gedankenbild und lächelte. „Oh, sehr gerne werde ich mich so bedanken.“ Ich zog die Decke über unsere Köpfe.
 
Nachdem Cassandra zu ihrem Unterricht gegangen war, beschloss ich die Bibliothek aufzusuchen. Als ich meine Schuhe anziehen wollte, merkte ich, dass sie eigenartig schwer waren. Ich drehte sie um und Sand rieselte heraus, weißer Sand.
 

Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Roman 'Der Preis der Unsterblichkeit'.
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Hermann Weigl, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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