Ingrid Grote

Holidays in Kampodia Kapitel I

Okay! Es ist ein Roman, ein ziemlich langer Roman. Außerdem ist er absolut trivial, absolut gefühlsduselig, absolut unmöglich und irgendwie märchenhaft. Das reicht eigentlich, um ihn sicher zu verschließen, aber wir haben ja e-stories, und ich möchte mich hiermit bei e-stories dafür bedanken, dass ich so etwas hier veröffentlichen kann. Kuss und Gruß!

KAPITEL I - Teil 1 ANKUNFT

 

Auf dem letzten Stück der Reise ging es immer höher hinauf.

„Mein Gott! Wie hoch liegt das hier?“ fragte Sabine. Aber es war wohl eher eine Feststellung als eine Frage.

„Ziemlich hoch“, sagte Rebekka ausnahmsweise humorlos, während sie die Scheibenwischer einschaltete, denn die anfänglich zarten Regentropfen hatten sich zu einem handfesten Landregen ausgewachsen. „Ich glaube, hier fällt schon Schnee, wenn es woanders noch regnet.“

„Sind wir bald da?“

„Oh ja, hoffentlich“, meinte Rebekka, die ziemlich genervt aussah. Nicht die vierstundenlange Reise hatte sie geschafft, sondern die Streitereien hinter ihr. Warum hatte sie dieses Pärchen mitfahren lassen? Okay, Sammy war ein netter Kerl, aber leider hatte er im letzten Jahr diese Tussi auf einer Busreise kennen gelernt, sich in sie verknallt und kurz darauf geheiratet. Männer über fünfunddreißig waren wohl sehr anfällig für so was... Rebekka verdrängte den Gedanken an diese hölzerne Hochzeit, falsch, hölzerne Hochzeit oder Holzhochzeit gab es bestimmt in einem anderen Zusammenhang, sie meinte eher dieses Steife, diese Familiengedönse, den Nudel- und den Kartoffelsalat, die Würstchen und den Rest. Alles wurde eilig zusammengepackt, als man den gemieteten Gemeindesaal um Mitternacht nach guter Christenart räumen musste. Und der Vater von Sammy hatte anscheinend gar nichts von der Hochzeit mitbekommen. Sammy hatte ihn nämlich gefragt, wie er denn die Hochzeitsfeier fände. Sein Vater hatte geantwortet: „Wie, ’ne Hochzeit! Wer hat denn geheiratet?“ „Ich, Vater!“ hatte Sammy gesagt, „und du kennst doch die Biggi, meine Braut!“ „Pffff!“ hatte sein Vater verächtlich geschnauft, „du willst mich wohl veräppeln! Du und heiraten!“

Anscheinend hatte der Vater ziemlich viel Durchblick trotz seiner Demenz, und Rebekka hätte sich köstlich darüber amüsiert, wenn es nicht so traurig gewesen wäre...

Immerhin hatten die beiden Morgaine ein wenig unterhalten, wenn sie sich nicht gerade stritten oder abknutschten. Morgaine war trotz ihrer seltsamen Macken ein so liebes Mädchen, und sie war Rebekkas ein und alles. Nie hätte Rebekka gedacht, dass sie jemanden so lieb haben könnte wie ihre kleine Tochter. Und noch besser war: Es gab keinen Vater, den mutmaßlichen hatte sie nämlich hinausgeworfen aus ihrem Leben. Er war so ein absoluter Blödmann gewesen, und sie brauchte keine Alimente, sie hatte einen Job, der es ihr ermöglichte, die Kleine im neu geschaffenenen Betriebskindergarten unterzubringen, während sie ihre fünf Stunden herunterarbeitete, und sie verdiente ganz gut, nicht berauschend natürlich, aber sie war auch nicht sehr anspruchsvoll.

„Sind wir da, Mammi?“ Morgaines süße Stimme erklang, und Rebekka warf einen Blick nach hinten, wo die Vierjährige angeschnallt in ihrem Kindersitz saß. Es war bestimmt sehr eng hinten, andererseits waren Sammy und Biggi beide recht dünn. Kam wahrscheinlich vom vielen Rammeln. Oder vom Streiten?

„Noch nicht ganz, Morgy, aber bald...“

Jedenfalls ging es die letzten paar Kilometer ständig bergauf. Zum Arsch der Welt, wie Rebekka meinte. Gott, was hatte sie sich nur dabei gedacht, hierhin zu fahren. Nur auf eine vage Einladung von einem gewissen Max, den sie von früher kannte. Er hatte vor ein paar Jahren in ihrer Stammkneipe gearbeitet. War damals schon ein Eigenbrötler gewesen. Er hatte eine Freundin gehabt – wie hatte sie ausgesehen, Rebekka konnte sich nicht daran erinnern, es war aber eine klassische Schönheit gewesen - und er war immun gegen Sabine gewesen. Ein harter Charakter, dachte Rebekka und musste unwillkürlich lächeln. Allerdings hatte Max sie, Rebekka, manchmal so seltsam angeschaut, als ob sie jemanden ähnelte, den er kannte. Aber er hatte immer knapp neben ihr vorbeigeschaut, vielleicht wollte er die Illusion nicht zerstören durch genaues Hinsehen. Und er hatte nie versucht, sie anzumachen. Das erklärte sich Rebekka so: Entweder gab sie ihm keine Impulse dazu, das hatte sie perfekt im Griff, keine Impulse zu geben, oder er fand sie überhaupt nicht anziehend oder... ach was, sie hatte keine Ahnung. Jedenfalls hatte er auf Sabines teilweise heftige Übergriffe sehr ausweichend reagiert, und das imponierte Rebekka wirklich, obwohl es ihr auch leid tat für Sabine. Sabine machte zwar allgemein den Eindruck eines männermordenden Weibes, aber sie war sehr empfindlich, hatte schon viel Scheiße erlebt, soff ab und zu recht ordentlich, war dann unausstehlich, hing Männern um den Hals und machte sie unbarmherzig an. Aber sie war vertrauenswürdig. War sie das wirklich? Bis jetzt hatte Sabine noch keine ernsthaften Proben ihrer Vertrauenswürdigkeit abliefern können, denn Rebekka lebte seit zwei Jahren wie eine Nonne. Sie musste lächeln und korrigierte sich im Geiste: Wie eine Nonne mit Kind. Lustig irgendwie...


Mittlerweile konnte sie die Straße fast nicht mehr sehen, weil der Regen so dicht geworden war.

„Ich will nach Hause!“ Das kam vom Rücksitz.

„Sei doch endlich ruhig!“ Das kam auch vom Rücksitz. Anscheinend war der Honigmond der ersten Ehewochen vorbei.

Der Wagen rumpelte über irgendetwas, Rebekka erkannte ein verregnetes Bahngleis und sah am Straßenrand ein Schild: Kampodia 3 km.

Sie hatten es endlich geschafft. Es ging zwar immer noch bergauf, aber der Regen ließ auf einmal schlagartig nach, als ob sie eine magische Grenze passiert hätten, und tatsächlich ahnte man durch die grauen Wolken hindurch die Sonne.

Zur Linken sah man eine lange Bergkette und viele Orte, die sich an diese Bergkette schmiegten, zur Rechten sah man ein Sägewerk, in dem man heftig sägte und fräste. Die Luft roch nach Holz– und Sägespänen.

Kurz danach sah man ein weiteres Sägewerk. Diesmal zur Rechten. Auch in diesem sägte und fräste man heftig.

Die Holzwirtschaft in diesem Ort ist wohl der wichtigste Arbeitgeber für die Eingeborenen, dachte Rebekka spöttisch.

Dann endlich vor einer scharfen Rechtskurve ein Schild mit dem Namen ‚Kampodia’.

Der Ort sah nett aus, wenn man Verfall als nett bezeichnen konnte – aber in diesem Fall war der Verfall wirklich nett und malerisch und durch die Jahreszeit in ein frisches Grün getaucht. Rebekka fühlte sich an ihre Heimat erinnert, in der auch so ein malerischer Verfall herrschte. Ihre Eltern grenzte sie bei diesen Erinnerungen automatisch aus, denn die hätten das Malerische nur gestört. Ihre Eltern wussten auch nichts von Morgaine, sie hatte es ihnen verschwiegen, sie wollte nicht, dass sie Morgaine in ihre Finger bekamen und sie verkorksten, so wie sie... Rebekka verdrängte den Gedanken und konzentrierte sich auf die Straße.

Nach ein paar Sekunden Fahrt ging es dann nur noch nach rechts oder nach links, weil ein großer idyllischer Teich die Weiterfahrt versperrte. Auf der anderen Seite des Teiches sah man ein großes, nein, Schloss konnte man dazu nicht sagen ... ein großes altes Haus, das war der passende Ausdruck.

Rebekka entschied sich instinktiv, nach links zu fahren.

Und wo wohnte nun dieser von Kampe, der Chef von Max?

Rebekka fuhr die geschlängelte Hauptstraße entlang bis zum Ortsende, was circa zwei Minuten dauerte, sah das Schild ‚Landsende 5 km’, musste automatisch lachen, denn ‚Landsende‘ war zu komisch, das sah so aus, als ob der Ozean ganz nahe wäre. Dann wendete sie das Auto, fuhr langsam zurück und versuchte krampfhaft einen Eingeborenen zu finden, der ihr Auskunft geben konnte. Was gar nicht so einfach war, denn es befand sich kein Mensch auf der Straße.

Dieses Kaff Kampodia war anscheinend nicht sehr groß. Rebekka schätzte es auf vielleicht tausend Einwohner, also auf sehr klein.

Endlich sah sie ein verhutzeltes Weiblein, das gerade aus einem kleinen Laden herauskam, möglicherweise handelte es sich bei diesem Laden um eine Bäckerei, denn die Frau trug unter dem Arm ein glänzendes hellbraunes Brot, das mit einem kleinen Stück Fettpapier umwickelt war. Der Laden sah nicht aus wie eine Bäckerei, sondern eher wie eine normale Wohnung mit einem winzigen Schaufenster ohne jede Auslage.

Rebekka hielt kurzentschlossen an und schwang sich aus dem Auto.

„Tschuldigung. Archibald von Kampe? Wo wohnt der?“ fragte sie für ihre Gemütsverfassung sehr höflich – Rebekka hatte nämlich den Verdacht, dass man sie verarscht und ihn in dieses Kaff gelockt hatte, wo es nicht die Spur eines Archibald von Kampe geben würde. Und diese Einladung von Max war bestimmt ein übler Scherz. Dagegen stand allerdings: Sie hatte mit Max telefoniert. Aber das konnte fingiert worden sein...

„Die von Kampes?“ fragte das verhutzelte schwarz gekleidete Weiblein, und ein Lächeln überzog sein mit tausend Knitterfalten übersätes Gesicht. „Fahren sie dort hinten an der Strulle links ab und dann sofort wieder rechts. Da ist das Gut.“

Das waren seltsam kryptische Worte, mit denen Rebekka nicht viel anfangen konnte.

Strulle? Gut? Was gut? Rebekka hatte keine Ahnung, was das Weiblein meinte, bedankte sich aber trotzdem höflich bei ihm – es sah seltsam blass aus, aber wahrscheinlich hatte die hiesige Landbevölkerung eine Abneigung gegen eine gewisse Körperbräunung – stieg wieder in den Volvo und sagte entnervt zu Sabine: „Manchmal möchte ich mir wirklich das Rauchen wieder angewöhnen...“

Sabine unterdes beharrte auf ihrer guten Laune, hielt die Klappe und freute sich auf die Dusche, die eventuell auf sie warten würde. Von hinten kam kein Kommentar, und Rebekka war froh darüber.

Sie fuhr langsam die Dorfstraße entlang, schaute aufmerksam nach links, bemerkte eine kleine Straße, das heißt einen größeren asphaltierten Trampelpfad, setzte den Blinker und fuhr nach links. Fuhr langsam an einer ... ja was war das... schwer zu sagen, es war möglicherweise die Strulle, es war ein mit Steinen ummauertes Wasserchen, und es mündete wahrscheinlich in den Teich, den Rebekka bei ihrer Einfahrt in den Ort bemerkt hatte. Der Teich war wohl so versandet und versifft, dass die Strulle – wenn es denn die Strulle war – sicherlich nur noch ganz langsam floss.

Egal! Was hatte das Weiblein gesagt: Dann direkt rechts. Rebekka riss das Steuer herum und fuhr direkt rechts.

...Und landete zu ihrem Erstaunen in einem riesigem Hof. Links am Eingang des Hofes befand sich ein Torhüterhäuschen, Neuere Generationen hätten es vielleicht als Gästehaus bezeichnet. Sie waren in einem riesigen Gutshof gelandet. Ein Gut, natürlich. Jetzt verstand sie, was das Weiblein gemeint hatte.

Sie fuhr ganz vorsichtig weiter. Vor allem fuhr sie vorsichtig, um keins von den gackernden Hühnern platt zu fahren, die gemächlich über den riesigen Hof stolzierten. Das wäre kein guter Einstand gewesen. Vor Rebekkas geistigem Auge erschien das Bild, wie sie dem Besitzer des Gutes ein vollkommen flaches Huhn überreichte – und wie der Besitzer des Gutes dann sagte: Nein, das ist keins von unseren. So platte Hühner haben wir nicht...

Zur Rechten erstreckten sich riesige Stallungen.

In der Mitte erstreckte sich ein riesiger Misthaufen mit dem ihm typischen Landgeruch. Der Misthaufen roch in der Tat ziemlich angenehm, zumindest im Vergleich zu stinkendem Kunstdünger. Für eine gewisse Geruchskulisse ist auf jeden Fall gesorgt, dachte Rebekka belustigt

Sabine träumte währenddessen immer noch von einer Dusche und sagte nichts.

Das Ehepärchen auf dem Rücksitz sagte auch nichts, was wohl daran lag, dass es sich gerade abknutschte.

Und von der kleinen Morgaine war auch nichts zu hören, sie war nämlich im entscheidenden Augenblick der Ankunft ein wenig eingenickt.

Zur Linken, der Weg gabelte sich nämlich, und der Misthaufen war in der Mitte, befand sich eine kleine aus Natursteinen gemauerte Kirche, eine protestantische und schmucklose Kirche im Miniformat. Hatten die von Kampes etwa eine Privatkirche?

Aus den Stallungen eilte gerade ein gut aussehender großer Mann heraus, er trug Gummistiefel und einen blauen Overall, hatte widerspenstig aussehendes schwarzes, kurz geschnittenes Haar, eine gute athletische Figur und einen energischen Gang. Er winkte den Insassen des Autos kurz zu und verschwand dann mit langen Schritten in dem Torhüterhäuschen, in dem Gästehaus, oder je nachdem, was es nun wirklich war.

„Der sah aber gut aus“, meinte Sabine verträumt.

„Das war doch Max!“ sagte Rebekka.

„Sag’ ich doch! Der sah verdammt gut aus!“

„Wolltest du nicht ’ne Dusche?“ fragte Rebekka und schaute sie von der Seite an. „Dann nimm am besten gleich ’ne kalte.“

Ein paar Leute, größtenteils ältere blasse schwarz gekleidete Frauen kamen gerade aus der Kirche, denn der Gottesdienst war wohl vorbei. Rebekka schloss aus der Menge der Kirchgänger, dass es in Kampodia nicht gerade vor gläubigen Christen wimmelte. Die Kirchenglocke ertönte leise und melodisch, und es roch nach Koteletts...

 

Die Kirchenglocke ertönt leise und melodisch, und es riecht nach Koteletts. Am Sonntag gibt es zum Mittagessen fast immer Koteletts mit irgendwelchen Gemüsen, die in einer fetten Mehlsoße liegen. Die Mutter ist stinksauer, weil der Vater noch in der Kneipe ist und lässt ihren Zorn an Rebekka aus. Eigentlich ist sie immer sauer auf Rebekka, und manchmal schlägt sie ihre Tochter mitten ins Gesicht, sogar vor irgendwelchen Nachbarn, und das demütigt Rebekka mehr als die Schläge. Der Vater kümmert sich nicht viel um sie und das, was die Mutter mit ihr anstellt. Aber manchmal lässt er sich von der Mutter aufhetzen, und Rebekka bekommt Stubenarrest. Der einzige Trost ist, dass sie in der Schule gut ist. Sie ist zwar nicht die Klassenbeste, dazu hat sie zu wenig Ehrgeiz, aber sie könnte es sein, das meinen zwei ihrer Lehrer. Ihre Deutschlehrerin ermuntert sie, zu studieren und vielleicht Tierärztin zu werden. Sie weiß, dass Rebekka Tiere liebt, vor allem Katzen. Der Vater hat das kleine Kätzchen getreten, das Rebekka mitgebracht hat. Und es lag dann leblos auf dem Boden. Er meinte zwar, es wäre ein Versehen gewesen, aber Rebekka glaubt ihm nicht. Und studieren wird sie wohl nie. Die Realschule gönnt man ihr allerdings noch, und sie absolviert sie leicht. Aber ein Abitur ist nicht geplant für sie. Sie ist nur ein Mädchen. Mädchen heiraten und müssen keinen aufwändigen Beruf erlernen...

 

Nach Koteletts? Allerdings war es bis zum Mittagessen noch ein wenig Zeit. Und diese Zeit nutzten die Ehemänner und natürlich auch die Junggesellen des Ortes, die sich um den Kirchgang gedrückt hatten, um in der vielleicht einzigen Kneipe des Ortes ein ausgiebiges Bier zu inhalieren. Und die meisten Koteletts würden kalt und die meisten Frauen sauer sein, wenn die Männer endlich nach Hause kamen.

Rebekka lenkte den Volvo in eine der Parkbuchten, die vor dem Herrenhaus angelegt waren. Die beiden Wege vereinigten sich nämlich vor dem Herrenhaus, und man konnte entweder wieder zurückfahren – diesmal auf der anderen Seite – oder vor dem Herrenhaus parken. Eine andere Möglichkeit gab es nicht, bis auf einen Fußweg, den Rebekkas scharfe Augen erspäht hatten, aber da würde sie mit dem Auto nicht entkommen – was dachte sie denn da – durchkommen können meinte sie natürlich.

Das Herrenhaus - dieses Wort ‘Herrenhaus’ drängte sich einem förmlich auf - war recht groß, und es war altrosa. Das lag an dem Schiefer, mit dem es beschlagen war und der wohl in der Nähe abgebaut wurde. Und es hatte viele Fenster, und vor den Fenstern waren viele Fensterläden angebracht, die weiß gestrichen waren.

Das Haus war zweigeschossig, oder sagte man dreigeschossig? Jedenfalls gab es eine Art Souterrain mit tiefliegenden Fenstern, das Erdgeschoss, den ersten Stock und einen ausgebauten Dachboden, der bestimmt auch nicht gerade klein war. Vor dem Haus führten links und rechts zwei Treppen hoch, die sich vor der großen geschnitzten dreiflügeligen Eingangstür vereinigten. Untenherum gab es Säulen, welche eine große Galerie im ersten Stock stützten, die um das ganze Haus herum führte. Und irgendwie erweckte dieses riesige Haus den Eindruck einer klassizistischen Behausung, dem alten Athen nachempfunden, oder dem alten Sparta vielleicht oder dem alten Rom? Keine Ahnung. Es hätte kitschig aussehen müssen, aber vielleicht wirkte es durch sein Alter – Rebekka schätzte es auf dreihundert Jahre – schön und großartig.

Hinter dem Haus - Rebekka hatte so eine Vermutung – gab es sicher einen riesigen Garten mit hohen Bäumen. Bei gutem Wetter würden dort Liegestühle aufgestellt werden, und die weniger Sonnenhungrigen würden sich der Sonne entziehen, den dunklen Schatten der riesigen Bäume aufsuchen und coole Drinks zu sich nehmen...

 

Rebekka wollte gerade die Autotür öffnen, als sie neben sich einen älteren Mann auftauchen sah, der ihr freundlich zulächelte. Außerdem schaute er sie ein wenig erstaunt an, aber das war bestimmt nur Einbildung.

„Du musst Rebekka sein“, sagte er zu ihr, während sie sich aus dem Auto schälte und ihre Glieder reckte, die von der langen Autofahrt ziemlich steif geworden waren.

 „Wieso sind Sie nicht beim Stammtisch?“ fragte Rebekka und lächelte ihn an.

„Es heißt, wieso bist DU nicht beim Stammtisch?“ Auch er lächelte. „Ich habe ihn natürlich ausfallen lassen, weil ich euch unbedingt begrüßen wollte. Und nenn' mich bitte Archie...“ Er zog kurz ihre Hand an seine Lippen, und sie musste fast lachen über diesen ersten Handkuss ihres Lebens.

„Dann sind Sie äääh… bist du Archie van Kampe!“ Rebekka ging automatisch zum Du über, es fiel ihr ungewohnt leicht, ihn sofort zu duzen, und sie wunderte sich etwas darüber.

Archie machte den Eindruck eines klugen erfahrenen Mannes. Er sah ein wenig aus wie der ältere Sean Connery. Gar nicht übel - auch seine Stimme klang so ähnlich wie die von Sean Connery, zumindest wie die in der Synchronisation. Rebekka mochte ihn vom ersten Augenblick an. Vermutlich war er ein Drecksack, wie er im Buche stand. Und vermutlich mochte sie Drecksäcke, denn sie war im Laufe ihres Lebens schon auf ein paar herein gefallen. Allerdings waren die alle ein bisschen jünger gewesen, denn Rebekka hatte noch nie nach Vaterfiguren gesucht...

Sie stellte dem Herrn des Gutshofes das muntere Ehepärchen Sammy und Biggi vor – und auch Sabine, die mittlerweile aus dem Auto geklettert war und ihre zarten Glieder provozierend reckte. Sabine starrte Archibald mit ihren großen braunen Augen an. Und der küsste ihr natürlich auch die Hand und hielt sie ein wenig länger fest als zuvor bei Rebekka und bei Biggi. Es machte Sabine verlegen, stellte Rebekka erstaunt fest. Ihre Freundin schien schwer beeindruckt zu sein. War ja auch zu verstehen, Archie wirkte trotz seiner altmodischen Höflichkeit kein bisschen verweichlicht, nein ganz im Gegenteil. Dieser Junker, sie schätzte ihn auf fünfundvierzig bis fünfzig Jahre, wirkte absolut männlich. Sogar sein leichter Landgeruch, eine Mischung aus Misthaufen, Pfeifentabak und Pferdedunst war nicht abstoßend, sondern Vertrauen erweckend und angenehm. Es hieß doch Pferdedunst, oder? Rebekka fühlte sich zwar im Grunde als Landkind, aber so genau wusste sie das auch nicht...

 

„Ja, und wer ist denn das?“ Archibalds Blick richtete sich auf die kleine Morgaine, die Rebekka gerade aus ihrem Kindersitz befreit hatte.

  „Morgaine?“ sagte Morgaine neckisch. Ach Morgaine, ich liebe dich so sehr, dachte Rebekka.

  „Du bist aber eine Hübsche!“ Archibald streckte die Arme aus, und Morgaine ließ sich willig hochheben, was Rebekka ein wenig wunderte, denn normalerweise verhielt sich Morgaine gegenüber Unbekannten sehr reserviert. Andererseits fasste sie manchmal auch sofort Vertrauen zu wildfremden Leuten, aber das geschah selten. Verstehe einer Morgaine!

  „Andromeda ist schon sehr gespannt auf euch“, erklärte Archibald gerade mit seiner sonoren Sean Connery-Synchronisationsstimme. „Ich frage mich übrigens, wo das Mädel steckt. Sie wird wohl in den Ställen sein, wo sonst...“

  Sabine schaute Rebekka fragend an.

  „Max hat am Telefon von ihr gesprochen...“, erklärte Rebekka ihr.

  „Oh, da kommt sie ja“, sagte Archibald und blickte zu den Ställen herüber.

  Aha, das Töchterchen, dachte Rebekka. Sie war etwas neugierig auf die Tochter von Archie, denn Max’ Stimme hatte so seltsam geklungen, als er von ihr sprach.

 

Rebekka sah ein Mädchen aus der Stalltür herauskommen, es war fast schon eine junge Frau, und diese junge Frau kam ihr so bekannt und vertraut vor, als würde sie sich selber flüchtig im Spiegel betrachten. Sie trug verwaschene blaue Jeans, Reitstiefel und eine strahlend weiße Bluse. So weiß würde ich eine Bluse nie kriegen, dachte Rebekka bedauernd. Sie hatte das gleiche lange braune Haar mit den gleichen goldenen Lichtreflexen wie Rebekka. Ihre Lockenpracht war zu einem Pferdeschwanz zusammengerafft, aber trotzdem fielen ihr vorwitzige Strähnen in den Nacken. Sie hatte fast die gleiche Figur wie Rebekka, nur war sie ein wenig größer und robuster.

Als sie mit langen geschmeidigen Schritten näher kam, sah Rebekka, dass sie große graugrüne schräggestellte Augen hatte. Tatsächlich ähnelte sie einer wunderschönen Katze.

  „Meine Tochter Andromeda. Wir nennen sie Andy“, sagte Archibald von Kampe, der immer noch Morgaine auf dem Arm hatte, wo sie sich sichtlich wohl zu fühlen schien.

Rebekka lächelte ein wenig unsicher. Sie hatte das Gefühl, das Mädchen zu kennen. Es war wie ein Déjà Vu, aber das konnte nicht sein, denn die realitätsbewusste Rebekka wusste, dass solche Gefühle irrationaler Quatsch waren. Gut, sie sah ihr ein bisschen ähnlich, aber das Haar von dieser Andy war viel lockiger als ihres, und ihre Augen waren auch viel schöner und ganz anders als ihre.

  „Du bist ja süß!“ Andromeda schaute Morgaine an und streckte ihr einladend die Arme entgegen.

  „Ich bin süß!“ krähte Morgaine und rutschte willig von Archibalds Armen in Andromedas Arme.

 

Rebekka seufzte auf. Bei ihrer Tochter war sie wohl abgemeldet.

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KAPITEL I - Teil 2 HERRENHAUS

 

Archibald hatte sie in eine Wohnung im ersten Stock geführt. Es handelte sich um eine richtig abgeschlossene Wohnung, sie war gut aufgeteilt, hatte zwei kleine Schlafzimmer mit in die Wand eingebauten Schränken, einen recht großen Wohnraum mit einer Kochnische und natürlich ein Badezimmer mit Wanne und Dusche. Von den Schlafzimmern aus konnte man auf die Galerie gehen, die rund ums Haus lief und die durch Holzspaliere abgeteilt war von den anderen Wohnungen in diesem Stockwerk. Man sah vom Balkon aus auf einen riesigen parkähnlichen Garten mit vielen großen Bäumen, und man sah auf eine Terrasse, die sich eine Etage tiefer auf ungefährer Gartenhöhe befand. Rebekka hatte also recht gehabt mit ihrer Vermutung.

Das muntere Sammy-Biggi-Ehepärchen bekam die Wohnung zur Linken. Und nachdem sie alle ihre Sachen provisorisch in den Schränken verstaut hatten, denn für fünf Tage nimmt man ja einiges mit, führte Archibald sie im Haus herum. Kalle und Biggi waren nicht bei der Führung zugegen, wahrscheinlich hatten sie Wichtigeres zu tun. Archibald entschuldigte ihre Abwesenheit mit einem wissenden Grinsen. Er hatte Morgaine an die Hand genommen, und sie führte sich vorbildlich auf, wie Rebekka feststellte.

Archibald fing ganz unten im Haus an, welches offenkundig ein Hotel war, aber anscheinend kein besonders typisches, denn die Besucher waren eher Familienmitglieder als zahlende Gäste, und sie mussten anscheinend auch viel Eigenleistungen erbringen, wie Archibald mehrmals andeutete.

Im Souterrain befanden sich die Wirtschaftsräume.

„Wie praktisch“, meinte Rebekka.

„Wenn ihr etwas waschen wollt, findet ihr hier die Waschmaschinen und die Trockner, Archibald deutete auf drei Waschmaschinen und drei Trockner. „Natürlich könnt ihr auch eure Wäsche zum Waschen hier abgeben. Mansell bringt nichts durcheinander.“

Rebekka und Sabine sahen sich an und entschieden, ohne darüber gesprochen zu haben, dass sie ihre Wäsche selber waschen wollten. Zumindest größtenteils, wenn es denn bei den fünf geplanten Urlaubstagen bliebe. Max hatte ihnen geschrieben, dass sie unendlich verlängern könnten, wenn es ihnen gefallen würde. Allerdings musste Sabine nach den fünf Tagen nach Hause fahren, ihr Urlaub war dann nämlich vorbei. Und Rebekka war auch sehr skeptisch, sie würde bestimmt froh sein, wenn die fünf Tage um wären und bestimmt nicht das Verlangen zur Verlängerung haben. Das Verlangen zur Verlängerung, das war witzig, und sie musste lächeln.

Archibald zeigte ihnen die Vorratskammern, zwei an der Zahl, die so groß waren, dass man sich darin verlaufen konnte. Darin hingen riesige geräucherte und ungeräucherte Schinken und Würste aus eigener Schlachtung, standen jede Menge Konserven und jede Menge mit Obst und Gemüse gefüllter Einmachgläser. Ein kleines Kühlhaus war auch dabei. Darin stapelten sich jede Menge Kisten mit Mineralwasser, Bier und Limonade.

„Hast du eine Brauerei?“ fragte Rebekka, verwundert ob der überaus großen Anzahl von Bierkästen.

„Ja“, sagte Archibald van Kampe, „und sie ist die eigentliche Quelle unseres Wohlstandes, wenn man einmal von den Einnahmen aus dem Gutshof und dem Hotel absieht...“

Ferner gab es im Souterrain die Räume für das Personal. Archibald sprach von Tante Bernadette, der Köchin, wieder von Mansell, die wohl eine Art Hausdame war - und von zwei Stubenmädchen.

„Ihr könnt eure Wohnung selber saubermachen, wenn ihr wollt, ihr könnt es aber auch einem der Mädchen überlassen.“

Das alles hörte sich gar nicht schlecht an.

„Und das hier?“ fragte Sabine aufgeregt, als sie eine Tür sah, auf der sich ein Schild befand, auf dem ‚Swimming Pool’ stand. „Ist da etwa ein Swimming Pool drin?“

„Er ist nicht besonders groß“, gab Archibald von Kampe zu, „nur sieben mal vier Meter. Aber wenn man die Gegenstromanlage einschaltet, kann man ganz nett schwimmen.“

Daraufhin war Sabine zum ersten Mal wirklich beeindruckt. Nur sieben mal vier Meter! Eine Pfütze von einem Swimming Pool war das...

„Ich kann swimmen!“ Morgaine ließ sich hören.

„Ich hätte es nicht anders erwartet“, entgegnete Archibald charmant. „Dann werden wir bestimmt mal zusammen swimmen...“ Er sah die Kleine anerkennend an, und sie blickte irgendwie stolz zurück. Bis jetzt habe ich nie gemerkt, dass Morgaine ein bisschen kokett ist, dachte Rebekka verwundert.

„Also weiter“, Archibald fing nun an, den Tagesablauf auf dem Hotelgut zu erklären: „Frühstück gibt es ab sieben und bis zehn Uhr. Danach kann man sich selber etwas aus dem Kühlschrank holen, wir haben immer eine Reserve da für Spätaufsteher. Sieben Uhr hört sich vielleicht früh an“, Archibald lächelte, „aber die meisten unserer Gäste stehen ganz früh auf, um irgend etwas zu unternehmen, seien es Ausflüge oder Reiten oder Erbsenpflücken... Manche wollen schon um sechs Uhr geweckt werden.

Erbsenpflücken? Rebekka überlegte. Was zum Geier sollte das für eine tolle Unternehmung sein? Und Archibald hatte eine schöne Stimme, sie klang wirklich wie die von Sean Connery, dem Älteren...

„Kannst du reiten, Rebekka?“ fragte Archibald sie gerade mit seiner schönen Stimme.

„Nein, ich glaube nicht“, gab Rebekka verlegen zu. Sie hatte mal auf einem dicken Bauernpferd gesessen, aber das konnte man wohl nicht reiten nennen.

„Du solltest es lernen. Natürlich erst einmal drinnen in der Reithalle. Wir haben da ein besonders gutmütiges kleines Pferdchen. Ein richtiges Schaukelpferdchen.“

„Schaukelferdchen? Ich mag Schaukelferdchen!“ Morgaines süße Stimme meldete sich wieder zu Wort, und alle wendeten sich ihr zu.

„Ach Morgi, du kennst doch nur die aus Holz“, gab Rebekka zu bedenken.

„Wir haben hier ein ganz winziges Pony“, sagte Archibald und zwinkerte Morgaine zu. „Das könnte für dich passen. Aber du hast doch bestimmt Angst, auf einem Pony zu sitzen?“

„Wer ich, nööö!“ sagte Morgaine lakonisch.

„Aber ich habe Angst, du bist doch noch so klein...“, gab Rebekka zu bedenken.

„Andy pässt auf!“

„Na gut, wenn Andy aufpässt...“ Rebekka musste lachen. „Und Archibald pässt bestimmt auch auf.“

„Ich habe keine Angst“, sagte Morgaine und blickte ihre Mutter mutig an.

Archibald von Kampe lächelte. „Und du Sabine? Wie steht’s mit dir?“

„Ach du lieber Himmel! Auf so ein Biest kriegt mich keiner rauf! Das gehe ich lieber schwimmen.“ Sabines Stimme klang entschlossen.

„Na gut, wenn du nicht willst. Aber du weißt nicht, was dir entgeht.“

„Doch ich weiß!“ Sabine lachte aufreizend. „Aber ich denke, ich kann drauf verzichten.“

Auf diese klare Aussage hin fuhr Archie mit seinen Ausführungen fort: „Also weiter: Mittagessen gibt es nicht bei uns, wer mittags Hunger hat, kann immer noch die Reste vom Frühstück essen. Am frühen Nachmittag reichen wir eine so genannte Vesper. Es gibt dann hausgemachten Kuchen, Brote mit Schmalz, Mettwurst und Schinken. Die Gäste sind ganz wild danach.“

„Mein Cholesterinspiegel steigt schon beim bloßen Zuhören, Archie“, sagte Rebekka lächelnd und schüttelte sich ein wenig. Sie sah, dass Morgaine gerade in den Vorratskammern verschwunden war. Hoffentlich stellte sie dort keinen Unsinn an. Seltsam, Morgaine schien sich mit den Räumlichkeiten gut auszukennen, obwohl sie noch nie hier war. Aber Morgaine war eben außergewöhnlich...

„Der Cholesterinspiegel ist hier kein Thema. Hier wird einem körperlich soviel abverlangt, dass das ganze Fett vollständig verbrannt wird und man sogar noch abnimmt. Ich glaube, das macht der viele Sauerstoff in der Luft.“

„Echt?“ fragte Sabine ungläubig.

„Echt! Natürlich haben wir auch Gäste, die es vorziehen, den ganzen Tag in ihrem Zimmer zu bleiben und zu lesen oder fernzusehen. Jeder wie er will. Es gibt natürlich auch kalorienreduzierte Nahrungsmittel für diese Gäste“, sagte Archibald, wie Rebekka zu hören zu meinte, eine Spur herablassend. Rebekka musste automatisch an das Ehepärchen denken, wahrscheinlich verlangten die sich körperlich auch sehr viel ab, ob sie nun stritten oder was anderes taten...

„Die Aktivitäten haben wir jetzt durch, zumindest einen Teil davon. Oh, da fällt mir noch ein, man kann hier in der Nähe Segelfliegen oder mit dem Gleitschirm was machen, Es gibt hier eine wunderbare Thermik. Oder einfach nur wandern oder joggen. Und so weiter und so fort. Und wir bieten noch ganz besondere Aktivitäten, ich nenne mal ein Beispiel: Ein weiblicher Gast, eine reiche Industrielle liebt es, der Köchin zu helfen.“

Rebekka und Sabine schauten sich verblüfft an.

„Jawohl, sie findet Vergnügen daran, Brot zu schneiden, Gemüse zu schnetzeln, Kartoffeln zu schälen, der Köchin bei ihrer Arbeit zuzuschauen, ihr was abzugucken, einen Speiseplan aufzustellen und natürlich auch für mehrere Leute zu kochen. Das ist so eine Art Kochkurs für Großfamilien, nach dem Motto: Man nehme zwanzig Eier...“ Archibald lachte auf. „Übrigens sind die Köchin genauso wie auch Mansell Schwestern von mir, die hier leben und sich die Langeweile vertreiben mit ihrer Arbeit, man kann die Tanten also nicht als Personal bezeichnen.“

„Vielleicht wäre das mit der Küche was für dich“, schlug Sabine vor und schaute Rebekka hinterhältig von der Seite an.

„Möglicherweise“, sagte Rebekka nachdenklich. Sie sah sich im Geiste schon ein wunderbares Mahl für mehrere Personen kochen, wenn sie wieder zu Hause wären. Alle würden begeistert sein und sie für ihre Kochkünste loben. Na gut, es wären nur ein paar Leute da, Sabines Eltern, mit denen sie sich gut verstand und ihre ältere Nachbarin, die manchmal Morgaine betreute, wenn Rebekka arbeitete. Und mit Sabine und Morgaine wären sie dann tatsächlich sechs Personen, fürwahr eine Großfamilie in den heutigen Zeiten...

„Wir hätten vielleicht doch die Schürzen einpacken sollen“, sagte Sabine, als sie Rebekka so in Gedanken verloren sah. Das war natürlich ein Witz von ihr, denn sie hatten doch gar keine Schürzen, weder dabei noch überhaupt.

„Möglicherweise“, sagte Rebekka, immer noch in Gedanken verloren. Bis aus ihrem Großfamilienkochtraum aufwachte und Morgaine sah, die gerade aus einer der beiden Vorratskammer herauskam, und sie hatte etwas im Mund und kaute darauf herum. Rebekka wollte sie nicht fragen, was das war.

„Wenn jemand lesen möchte, steht ihm unsere Bibliothek zur Verfügung. Meine Vorfahren haben allerlei Schätze im Laufe der Jahre zusammengetragen, von Ovid bis Shakespeare... Aber wir haben natürlich auch neuere Literatur, amerikanische Literatur, Chrichton und Grisham zum Beispiel, falls jemand das mag...“ Von Kampe zog ein Gesicht, als würde er diese beiden Technokraten unter den Schriftstellern nicht besonders mögen.

„Eine Bibliothek?“ Rebekka, die ihren Lesedurst wegen Geldmangels immer nur in öffentlichen Bibliotheken hatte stillen können, wirkte jetzt voll aufgekratzt. „Wo ist sie?“

„Im Erdgeschoss ganz hinten, sie ist sozusagen der Wurmfortsatz des Ballsaals.“

~~~

Man ging die gewundene Treppe zum Parterre hoch.

Der Ballsaal wurde, wie Archie erzählte, nur selten als ‚Ballsaal‘ benutzt. Er wurde eigentlich nur im Spätsommer für den Sommerball geöffnet – und der fand in vierzehn Tagen statt, wie er erzählte - und zu Weihnachten für die Galaweihnachtsfeier. Ansonsten diente der kleinere Teil des Ballsaals – abgetrennt durch eine Schiebetür von dem größeren Teil – als Frühstücksraum, Speisezimmer und Aufenthaltsraum. Außerdem sahen sie eine kleine Bar. Und einen Billardtisch...

„Wunderbar!“ begeisterte sich Rebekka. Der Billardtisch hatte Löcher und war Gott sei Dank keiner von diesen beknackten Quadre33-ohne-Löcher-Billardtisch. Dreiband, gute Güte, wer hatte denn Spaß bei so was? Löcher musste er haben!

Eine zweiflügelige Glastür führte nach draußen auf eine geräumige halbrunde Steinterrasse, auf der zwei große Tische und viele Stühle aus wetterfestem Holz standen. Das Holz hatte durch die Witterung eine silberne Farbe angenommen. Mehrere Deck-Chairs aus dem gleichen Holz befanden sich auf der linken Seite der Terrasse an einer Backsteinmauer, die von wucherndem Efeu fast verdeckt wurde. Zwischen den Efeu hatte sich wilder rankender Wein gedrängt.

„Bei gutem Wetter frühstücken und vespern wir natürlich draußen“, erklärte Archibald gerade und wies auf die Tische und Stühle hin, die jetzt natürlich unbesetzt waren.

Eine Steintreppe führte hinunter in den riesigen Garten mit diesen riesigen Bäumen. „Im Augenblick ist es wirklich ein bisschen kühl“, Archibald betrachtete skeptisch die dicken grauen Wolken, die eilig über den Himmel wanderten, „aber bis jetzt hatten wir immer Tage, an denen wir draußen gesessen haben.“

„Wundervolle alte Ahornbäume“, sagte Sabine.

Archibald klärte sie darüber auf, dass es sich um Platanen und nicht um Ahornbäume handelte. Sie ähnelten sich zwar sehr, aber die Ahörner hätten als Früchte kleine Propeller und die Platanen stachelige Kugeln.

„Jetzt bin ich aber verblüfft“, meinte Sabine neckisch. „Ich habe mein Leben lang alles für Ahörner gehalten... Was für ein Irrtum!“ Dabei sah sie Archibald mitten in die Augen.

Sie ist an ihm interessiert, dachte Rebekka verblüfft. Eigentlich zog Sabine immer jüngere Männer vor und hatte für Tattergreise nichts übrig. Aber Archibald war bei Gott kein Tattergreis trotz seiner fünfundvierzig bis fünfzig Jahre, er war unglaublich attraktiv und anscheinend auch sehr intelligent. Und darauf legte Sabine wohl den meisten Wert, auf die Intelligenz ihrer Gespielen. Zumindest, wenn sie nüchtern war...

 

Der riesige Park war an seinen äußeren Rändern ummauert. Rebekka war neugierig, wie es außerhalb des Gartens aussah und ging nach rechts bis an den Rand der Mauer. Morgaine lief ihr hinterher. Die Mauer war recht hoch, und man konnte gerade noch drüberblicken. Rebekka hob Morgaine hoch, setzte sie auf die Mauer und hielt sie ganz fest. Mutter und Tochter sahen auf einen Teich, auf dem mehrere Schwäne majestätisch daher schwammen und der teilweise mit einem grünen Zeug bedeckt war. Rebekka wusste nicht, ob es der gleiche Teich war, den sie beim Ankommen gesehen hatte. Aber dieses grüne Zeugs, das kannte sie.

„Hühner“, sagte Morgaine.

„Nein nicht direkt, Morgy, Hühner können nicht schwimmen, zumindest nicht die, die Eier legen.“ Quatsch, was erzähle ich da, dachte Rebekka. Es gibt bestimmt viele Hühner, die Eier legen und auch schwimmen können. Nur die Haushühner, die können das nicht mehr... Morgaine schaute sie skeptisch an.

„Ich weiß nicht alles, Morgy“, sagte Rebekka verlegen, und Morgaine strahlte sie an und legte die Arme um ihren Hals. Sie konnte jetzt auf Rebekkas Armen in die andere Richtung schauen.

„Ein kleines Haus mit vielen Leuten!“ rief sie fröhlich.

Rebekka drehte sich um und sah es nun auch. Es war ein aus verzierten Steinquadern gebautes Häuschen mit einer Eisentüre, und es war fast ganz verdeckt durch die Rhododendronbüsche, die hier wucherten.

Wie auf einem Friedhof, dachte Rebekka, die Friedhöfe mochte, denn sie hatte sich schon auf manchen gesonnt. Klar doch, in Ermangelung eines Balkons...

„Das Häuschen sieht nicht gemütlich aus“, sagte sie zu Morgaine. „Und wer sollte da schon wohnen?”

„Es ist schön.“ Morgaine hatte wie immer ihre eigene Meinung dazu. Es sah tatsächlich aus, als lausche sie in das Häuschen hinein. Dann verlor sie das Interesse, fing an, mit Rebekkas Haaren zu spielen und fragte dann plötzlich: „Mammi, was ist eine Enkelin?”

„Wie kommst du denn da drauf?” Morgaine erstaunte sie immer wieder, und manchmal hatte sie absolut keine Ahnung, aus welcher unergründlichen Quelle sie ihre spontanen Fragen bezog.

“Hab’ ich gehört...” murmelte Morgaine vor sich hin und spielte weiter mit einer von Rebekkas Haarsträhnen.

“Eine Enkelin ist das Kind eines Kindes von jemandem”, erklärte Rebekka ihrer Tochter, und anscheinend gab sich Morgaine damit zufrieden. Hoffentlich fragt sie nicht eines Tages danach, wessen Enkelin sie ist, dachte Rebekka besorgt. Oder wer ihr Vater ist. Bis jetzt schien sie keinen Vater zu vermissen, und das war gut.

„Entengrütze und Mausoleum!“ sagte Archibald lakonisch, als Rebekka mit Morgaine von ihrer Exkursion zurück war. „Wir haben drei Teiche in Kampodia, den Oberen, das ist der, den man zuerst sieht, wenn man in Kampodia ankommt, den Mittleren, den sieht man ,wenn man nach rechts fährt und dann den Unteren, der ist schon fast im Nachbarort. Dieses ist der Mittlere.“

„Klingt einleuchtend“, sagte Rebekka, die sich in diesem Augenblick vornahm, Kampodia zu Fuß zu erforschen.

„Hey, man kann vom Garten in den Swimming Pool gehen. In den Raum mit dem Pool, meine ich. Das ist aber wirklich praktisch“, stellte Sabine gerade fest.

Rebekka stimmte ihr zu, das war wirklich praktisch. Und nach dem Mausoleum würde sie Archibald später fragen. Irgendwann einmal. Sie fand es nämlich ein bisschen unheimlich.

Sie gingen wieder ins Haus hinein. Es war kühl draußen, obwohl die Sonne ab und zu durch die Wolken schien.

„Der Sommer kann hier ganz plötzlich wiederkommen“, sagte der Hausherr, der wohl das Bedürfnis verspürte, sich für die nicht so tollen Wetterverhältnisse zu entschuldigen, „aber wenn er dann da ist, dann bleibt er auch. Ab und zu gibt es ein paar heftige Gewitter, und es gießt in Strömen, aber danach ist alles wieder fantastisch.“

„Regen kann sehr schön sein“, sagte Rebekka. „Aber auf Dauer nervt er doch ein bisschen."

Archibald deutete auf die kleine Bar.

„Man muss sich hier schon selber bedienen und auch selber schätzen, was man bezahlen sollte“, erklärte er. „Einer unserer Gäste empfindet übrigens ein ausgemachtes Vergnügen dabei, sich hinter die Bar zu stellen, Bier und Wein auszuschenken und Cocktails zu mixen. Leider ist er noch nicht da...“

„Hmmm, da fällt mir was ein. Ich glaube, ich habe die optimale Besetzung für die Bar“, meinte Rebekka nachdenklich.

„Moment mal“, Sabines Stimme klang ein bisschen empört, „so versoffen bin ich nun auch wieder nicht!“

„Du doch nicht, Baby“, Rebekka musste lachen. „Nein, ich meine Sammy natürlich!“

„Natürlich!“, sagte Sabine würdevoll und schaute erleichtert drein. Sie wollte vor Archibald nicht als Schnapsdrossel dastehen, obwohl sie ja manchmal eine war, aber nur aus purer Verzweiflung...

„Und was ist im Dachgeschoss?“ fragte Rebekka.

„Nun, dort wohne ich mit Andromeda. Und mit meiner zweiten Frau natürlich – wenn sie mich mal besucht...“ Archibald sah bei der Erwähnung seiner zweiten Frau nicht gerade glücklich aus, wie Rebekka fand.

„Wie konnte ich nur so blöd sein“, sagte sie. „Irgendwo müsst ihr ja wohnen...“

„Andy? Andy mag ich!“ sagte Morgaine sehr bestimmt.

„Andy ist mein Schatz, du Süße, genauso wie du der Schatz von deiner Mutter bist“, erklärte Archie ihr, und die Kleine schaute erstaunt aber wissend darein, während sich Archie und Rebekka anblickten und Sabine sich ein wenig überflüssig vorkam.

„Außerdem befindet sich dort unsere Hochzeitssuite, aber die ist nur selten belegt“, fuhr Archibald mit seinen Erklärungen fort. „Kommen wir zum Abendessen. Also, das Abendessen ist für uns die wichtigste Mahlzeit des Tages. Es wird alles aufgetischt, was unsere Ställe und Felder hergeben. Meistens gibt es ein Büffet mit warmen und kalten Speisen, denn die Gäste sind so ausgehungert nach einem arbeitsamen und mit Aktivitäten voll gestopften Tag, dass sie viel mehr essen, als sie jemals beabsichtigt haben. Aber sie nehmen nicht an Gewicht zu, nein...“

„Im Gegenteil“, sagten Rebekka und Sabine wie aus einem Munde. „Sie nehmen sogar ab!“ Sie schauten sich an und mussten lachen.

„Wir nehmen sogar ab“, krähte Morgaine.

Auch Archibald von Kampe fing an zu lachen: „Ganz genau. Wir nehmen sogar ab.“

Sie gingen durch die große dreiflügelige Eingangstür nach draußen, und Archibald wies auf die Stallungen zur Linken:

„Wir züchten jetzt nur noch Pferde. Max hat das veranlasst. Ich glaube, der Junge hasst es, Vieh nur zu züchten, um es zu schlachten. Natürlich füttern wir noch ein paar Schweine durch, aber ich denke, die haben es ganz gut...“

„Ich denke, Schwein sein auf Kampodia hat bestimmt seinen besonderen Reiz“, sagte Sabine ein wenig spöttisch, aber das war eben ihre Art. Archibald von Kampe schaute sie an und fing wieder an zu lachen.

„Kein Schwein ruft mich an...“ Rebekka meldete sich zu Worte.

„Keine Sau interessiert sich für mich“, fuhr Sabine fort.

„Schwein? Ich will die Schweine sehen!“ Morgaine stampfte trotzig mit dem rechten Fuß auf.

„Du wirst sie schon sehen, die Schweine, aber heute nicht mehr“, sagte Rebekka und nahm Morgaine auf den Arm. Die Kleine schien ziemlich müde zu sein.

„Sie ist müde“, sagte sie zu Archie. „Ich bringe sie gleich ins Bett. Aber wo ist eigentlich Max? Könnte er uns nicht mal begrüßen?“

„Der hat immer viel zu tun“, sagte Archibald. „Aber spätestens zum Abendessen wird er da sein. Heute gibt es übrigens kein Büffet, sondern serviertes Essen.“

„Wir werden es verkraften“, meinte Rebekka tapfer. „Ich meine, dass er erst zum Abendessen kommt...“ Sie sah, dass Andromeda gerade über den Hof in Richtung Torhäuschen lief, und wieder hatte sie das Gefühl, das junge Mädchen zu kennen, aber das war natürlich Blödsinn.

 

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KAPITEL I - Teil 3 DINNER

 

Der Traum ist verschwommen, als würde er in einen fließenden Bach hineinschauen.

Ein aus Marmorsteinen gemauerter Kamin ist undeutlich zu sehen. Über dem Kamin hängt ein gerahmtes Bild, das möglicherweise ein Hochzeitspaar darstellt. Die Personen sind aber nicht zu erkennen. Alles verfließt sich drehend zu irrationalen Farben.

Am Kamin steht oder vielmehr wogt ein großer junger Mann mit dunklem Haar und mit sehr blauen Augen.

Sie wollen mich, aber ich weiß nicht ob ich es machen soll... Die dunkle Stimme klingt, als ob eine Schallplatte rückwärts abgespielt wird.

Eine andere, jedoch hellere Stimme sagt in einem seltsamen Singsang: Du bist der Richtige dafür David jeder der nicht nach der Macht strebt ist der Richtige dafür.

Die helle Stimme gehörte vielleicht zu der jungen Frau, die verschwommen vor einem Klavier sitzt und einige Töne anspielt, die trotz der Verzerrungen melodisch klingen. Morgaine, denkt er. Es muss Morgaine sein. Aber wer ist Morgaine?

Mein Sohn möge die Macht dann mit dir sein, sagt eine Stimme, die sich anhört wie seine eigene, und alles um ihn herum bricht in Gelächter aus, bis er sich die Ohren zuhält und unbedingt aufwachen will aus diesem Traum…

 

In diesem Augenblick fuhr ein weiteres Auto in den Hof ein, und alle bis auf die total übermüdete Morgaine beobachteten es interessiert.

Ein stämmiger mittelgroßer bärtiger Mann, der recht sympathisch wirkte, stieg aus dem Auto, und ihm folgte auf der anderen Autoseite eine dralle untersetzte Brünette, die recht resolut aussah.

„Schau mal, Georg mit Frau ist da...“ sagte Rebekka vieldeutig.

„Die Zigarettenschnorrerin? Ich lach’ mich kaputt! Wie gut, dass wir uns damals das Rauchen abgewöhnt haben...“ Sabine musste kichern. „Ich hab’ mich immer totgeärgert, wenn die ankam. War ja angeblich Nichtraucherin und hat nur ganz ganz selten eine geraucht...“

„Von wegen selten! Die kam alle paar Minuten an. Das ist schon 'ne komische Nudel.“ Rebekkas Stimme klang amüsiert, obwohl sie sich bei näherem Nachdenken darüber ärgerte, dass diese Person immer noch geraucht hatte, als Morgaine schon auf der Welt war. Aber sie konnte wenigstens nichts mehr schnorren... „Wie heißt die überhaupt? Ich kann mir den Namen einfach nicht merken.“ „Die heißt kettenrauchende Schnorrernudel“, nahm Sabine den Faden auf, und wieder mussten beide lachen.

Dann stieg noch jemand aus dem Auto aus, und Rebekka wurde stumm. Der sah ja fast aus wie... Nein, das konnte nicht sein! Ihre Augen waren ja nicht so gut, und sie trug aus Eitelkeit keine Brille, also musste sie sich täuschen. Denn diesen Typen hätte sie als Allerletzten hier erwartet, oder besser gesagt, gar nicht erwartet. Es musste ein Irrtum sein! „Ich krieg’ die Krise“, sagte sie entgeistert zu Sabine, die selber ein wenig entgeistert dreinschaute. „Ich glaube nicht, was meine Augen mir sagen. Sag’ du mir, dass es nicht wahr ist!“

„Sorry, aber er ist es“, war Sabines lakonische Antwort. Und Rebekka glaubte ihr aufs Wort, denn Sabine besaß im Gegensatz zu ihr ein ausgezeichnetes Sehvermögen.

„Das darf echt nicht wahr sein!“ Rebekka versuchte, ihre Haltung zu bewahren. Das erwies sich als etwas schwierig, denn sie hatte die müde Morgaine auf den Arm genommen, und das war ziemlich anstrengend auf Dauer.

Der Mann, der als letzter Passagier aus dem neu angekommenen Auto stieg, war recht groß, hatte relativ kurz geschnittenes dunkelblondes Haar – darunter war zu verstehen, dass es vorne ein wenig länger war als hinten - und er sah einfach blendend aus mit seinem fast klassischen Profil. Ein Typ, den alle Frauen gut finden mussten... Na ja, fast alle!

„Oh mein Gott! Scheiße!“ zischte Rebekka in sich hinein. Das war ja wohl das Letzte und der Letzte, was hatte der hier zu suchen? Er war ein Relikt aus der Vergangenheit, also beunruhigend. Jetzt hatte sie gerade ihren Frieden, Frieden war vielleicht nicht das richtige Wort, sie hatte eine gewisse Gelassenheit gefunden, zog nicht mehr durch die Kneipen wie vor fünf Jahren, immer auf der Suche nach, nein Liebe war es nicht, es war wohl eher Selbstbestätigung. Und es ging auch ohne Männer, klar doch, gut sogar. Und dann das?

~~~

Andromeda, die gerade aus dem Torhüterhäuschen kam, sah das Auto und natürlich auch seine Insassen. Und dann fiel ihr dieser Mann auf. Sie blickte ihn an, und ihr Blick verriet, dass sie bis ins Herz betroffen war. Sie schaute schnell zu Boden, um diesen Blick zu verbergen. Aber den Blitz, der in sie gefahren war, als sie ihn zum ersten Mal sah, den konnte sie nicht vor sich verbergen. Er war überaus real.

Es war Liebe! Es musste Liebe sein! Andromeda war zwar noch sehr jung, aber da sie so etwas noch nie erlebt hatte, war sie bereit, es zu akzeptieren. Und er sah so gut aus...

Rebekka hatte trotz ihrer leichten Kurz- und Weitsichtigkeit, tatsächlich war ein Auge war weit- und das andere kurzsichtig, Andromedas Blick mitbekommen. Na super! Halleluja! Er hatte also immer noch diese Wirkung auf Frauen. Und auch auf Kinder, denn dieses Mädchen mit dem seltsamen Namen Andromeda war so wundervoll jung, und sie war unschuldig, das ahnte Rebekka irgendwie. Andromeda war vielleicht körperlich keine Jungfrau mehr, aber sie war noch unberührt von der Liebe und auch so anfällig für die Liebe. Für die Liebe zu diesem Mann?

Verdammt! Man konnte ihm nicht trauen! Wie kann man einem Mann trauen, der seine Freundin in der gemeinsamen Wohnung im gemeinsamen Bett mit einer anderen betrügt?

Rebekka wandte sich mürrisch ab und ging mit Morgaine ins Haus zurück, ohne die frisch Angekommenen zu begrüßen. Nein danke, jetzt nicht, dachte sie. Heute Abend vielleicht, und außerdem war Morgaine müde. Rebekka hatte es so eilig, ins Haus zu kommen, dass sie gar nicht bemerkte, wie verwirrt Morgaine sie anschaute.

~~~

Andromeda lag auf dem Bett in ihrem Zimmer. Ihre Gedanken waren seltsam verschwommen, und sie musste unaufhörlich lächeln. Sie hatte Angst, dass jedermann ihre wunderbare Stimmung spüren würde, ihre Benebelung und ihr Glück. Sie wollte nicht dabei sein, wenn ihr Vater Daniel, so hieß er und den anderen beiden das Haus zeigen würde. Sie hätten vielleicht ihre Gefühle erraten.

„Komm her, Alfonso“, sagte sie zärtlich zu dem kleinen getigerten Kater, der gerade durch die nur angelehnte Tür hereinkam und sie frech anschaute. Alfonso war Andys bevorzugter Liebling. Sie hatte ihn bei seiner Geburt praktisch aus seiner Mutter herausgezogen, weil er mit seinem dicken Kopf im Geburtskanal stecken geblieben war. Sie hatte ihn trockengerieben und ihm ihre eigene Atemluft in das winzige Mäulchen geblasen, bis er endlich angefangen hatte zu atmen.

Dieser Daniel schien den gleichen Blick wie Alfonso zu haben.

Alfonso durfte im Haus bleiben, er wurde der unumstrittene King von Kampodia, der Schrecken aller Hunde und ein wirklich unausstehliches verwöhntes Vieh.

„Mein Süßer“, flüsterte Andy ihm ins Ohr, denn er war natürlich sofort auf ihr Bett gesprungen und trampelte auf ihrem Magen herum. „Wie findest du ihn?“

Alfonso schnurrte laut in Andys Gesicht und schaute sie aus seinen großen grünen Augen an, er schaute sie intelligent an, denn Alfonso war kein Blödmann... äääh Kater. Alfonso wusste nur noch nicht, was er werden sollte, ein Huhn, eine Ente, ein Hund oder ein Mensch vielleicht? In diesem Alter war alles möglich.

„Er sieht so gut aus“, seufzte Andy. „Ich fühle mich schwach, wenn ich in seiner Nähe bin. Ich hoffe, er merkt nichts davon. Was meinst du, Alfons?“

Alfons bezog diese bewundernden Worte natürlich auf sich selbst, nach dem Motto: Ich bin schön, ich bin klug – als Haustier bin ich überqualifiziert – er legte noch einen Gang zu im Schnurren und ließ ein leises heiseres Krähen hören.

„Er ist wunderbar“, sagte Andy. „Ich wusste, dass du auch so denkst, mein süßer Alfi.“

„Kräääh!“ Alfi rieb sein wunderbar getigertes Schnäuzchen an Andromedas Nase und dachte: Ich bin so wunderbar... und der Größte unter dem Ding, das so schön warm ist...

~~~

Morgaine schlief fest. Sie war wohl total übermüdet.

Kann ich da runtergehen, fragte sich Rebekka. Was ist, wenn sie aufwacht? Rebekka verfluchte das Abendessen, sie verfluchte auch ihren Hunger. Schon jetzt kam der Sauerstoffüberschuss in der Luft Kampodias zum Tragen, und sie fühlte sich permanent hungrig. Und das nach nur ein paar Stunden! Hoffentlich stimmte das mit den Kalorien, die hier angeblich zu Asche verbrannt werden würden...

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. Rebekka dachte im ersten Augenblick, es könnte Daniel sein, aber was sollte der hier wollen?

Also öffnete sie die Tür – und stand überrascht einer älteren Frau gegenüber.

„Ich bin Mansell“, sagte diese. Sie schaute Rebekka irgendwie erstaunt an, bevor sie hinzufügte: „Genauer gesagt, bin ich Claudia Mansell.“

„Und ich bin Rebekka“, sagte Rebekka irgendwie verwirrt, „äääh Steiner, Rebekka Steiner“, und sie wunderte sich, warum Claudia Mansell sie so erstaunt anschaute, aber manche Leute schauten eben so. „Ich hatte mir schon gedacht, dass Sie nicht Nigel heißen.“

Claudia Mansell guckte sie verständnislos an.

„Wie der Rennfahrer“, sagte Rebekka erklärend.

Claudia Mansell fing an zu lachen, und sie sah auf einmal sehr jung aus mit ihrem blonden Haar, das sie aufgesteckt trug und mit ihren blauen Augen, die allerdings schon ein wenig verblichen wirkten. Rebekka schätzte sie auf fünfzig Jahre. Oder auf jünger oder auf älter. Es war schwer zu schätzen, denn manchmal sah Mansell sehr jung aus, und dann sah sie wieder älter aus. Ihre Figur war allerdings tadellos, soweit man das beurteilen konnte. Außerdem bewies sie kleidungsmäßig einen guten Geschmack, sie trug nichts Hypermodernes, aber auch nichts Altmodisches. Hauptsächlich trug sie Schwarz. Wie eine Witwe, dachte Rebekka, die auch schwarze Kleidung mochte.

„Ich bin eigentlich nur hier“, wieder schaute Claudia sie eindringlich und forschend an, „um Ihnen meine Hilfe anzubieten. Sie haben ein kleines Mädchen...“

„Oh ja, das habe ich“, bestätigte Rebekka.

„Archie hat Ihnen doch sicher gesagt, dass ich Kinder sehr liebe. Und dass ich gerne auf Ihre Tochter aufpassen würde.“

„Das ist nett von Ihnen“, sagte Rebekka zögernd und überlegte, ob sie dieser Frau trauen konnte. Vom Gefühl her sicher, sie war ihr sehr sympathisch, und das war ungewöhnlich. Normalerweise hatte sie eine lange Aufwärmphase gegenüber fremden Leuten, und meistens endete diese Aufwärmphase im Nichts...

„Darf ich sie einmal sehen?“ Mansells Gesicht drückte eine ungewisse Sehnsucht aus.

„Na gut, warum nicht.“ Rebekka führte Claudia Mansell in ihr Schlafzimmer und wies auf die kleine Gestalt, die in dem großen Bett selig schlummerte. Was für ein Engel Morgaine doch war, mit ihrem langen lockigen Haaren und ihren goldbraunen Augen, von denen man jetzt allerdings nicht viel sehen konnte...

„Oh Gott, sie ist so süß“, sagte Claudia Mansell neben ihr und betrachtete Morgaine hingerissen. In diesem Augenblick gab Rebekka ihr ohnehin nicht großes Misstrauen auf, und sie sagte zu Claudia: „Das ist sie! Und ich werde sie beschützen, egal was passiert!“

Beide Frauen schauten sich an, es war ein seltsames Einverständnis in diesem Blick.

Warum kann meine Mutter nicht so sein, dachte Rebekka, und sie schaute verlegen weg. Dann allerdings merkte sie, dass Claudia Mansells Mundwinkel anfingen zu zucken und dass ihre Augen sich veränderten.

„Ich konnte es nicht beschützen“, sagte sie schließlich tonlos, und Tränen erschienen in ihren Augen.

„Was meinen Sie? Was ist denn los?“ fragte Rebekka bestürzt. Sie hoffte, dass sie sich nicht in dieser Frau getäuscht hatte, denn die schien ja etwas labil zu sein.

„Ich habe lange nicht mehr daran gedacht“, murmelte die ältere Frau vor sich hin. „Aber als ich eben dieses Kind sah, da kam alles wieder hoch...“

“Aber was denn?“

„Ich habe es doch gesehen, ich habe es doch gehört...“ Claudia Mansell wiegte leicht ihren Oberkörper hin und her, als ob sie in Trance wäre. „Aber es war tot.“ Sie starrte mit blassen Gesicht vor sich hin. „Es war doch tot!“

„Sie hatten ein Kind?“ fragte Rebekka betroffen und legte den Arm um Claudia.

„Ich hatte eins, und ich hatte keins. Ich habe es gehört und auch kurz gesehen. Dann war es tot, als ich aufwachte, und es war nicht mein Kind.“

Rebekka war verwirrt. Das hörte sich für sie wie eine Psychose an. Sie überlegte kurz. Eine Mutter verliert ihr Kind, es wird tot geboren oder es stirbt kurz nach der Geburt. Die Mutter will es nicht glauben, sie hat das Kind gehört und auch gesehen, sie will nicht wahrhaben, dass es tot ist... Trotzdem glaubte sie Mansell irgendwie.

„Ich weiß mittlerweile, dass ich mir wahrscheinlich alles eingebildet habe.“ Claudia hatte sich anscheinend gefangen und trocknete mit einem Taschentuch ihre Tränen. „Die Ärzte haben mich schließlich überzeugt. Und ich war bei vielen Ärzten...“

“Okay, wenn Sie also wollen, können Sie auf sie aufpassen“, sagte Rebekka schließlich locker, denn es war ihr ein wenig peinlich, dass sie Claudias Tränen gesehen hatte. „Außerdem bin ich ja nicht weit weg, und dieses Babyphon, ich weiß, das ist übertrieben für eine Vierjährige, aber das würde auch klappen...“

„Ich weiß“, sagte Claudia Mansell. „Aber sicher ist sicher! Ich werde also alle paar Minuten nach Morgaine schauen.“

„Kommen Sie nicht zum Abendessen?“ fragte Rebekka. Seltsamerweise mochte sie diese Frau, und sie würde sich bestimmt sicherer fühlen, wenn sie beim Abendessen dabei wäre.

„Nein nein“, Claudia schüttelte den Kopf. „Normalerweise ja, aber heute nicht. Es sind nur junge Leute da, außer Archie natürlich, aber der ist auch sehr jung...“

„Das ist schade, aber vielleicht morgen?“

„Natürlich, Rebekka.“ Claudia lächelte, und auf einmal sah sie sehr jung aus. „Aber erst einmal wollen wir dafür sorgen, dass Morgaine sich nicht einsam fühlt, falls sie wach werden sollte.“ Sie wandte sich zur Tür.

„Danke, Claudia“, sagte Rebekka und sah Claudia Mansell nach, als sie zur Tür hinausging.

Na gut, für Morgaine war gesorgt, und diese Claudia war ihr sehr sympathisch, obwohl sie nicht genau wusste weshalb.

Aber was sollte sie anziehen zum Abendessen? Wie eitel! Und was sollte das werden? Für wen sollte sie sich gut anziehen? Für den? Das war lächerlich. Außerdem hatte sie nicht viel an Kleidung mitgenommen. Also zog sie nur ein anderes Oberteil an, es war weiß und zufälligerweise weit ausgeschnitten und ärmellos. Es würde ihre wunderbaren Arme zeigen, Rebekka war stolz auf ihre Arme, sie waren perfekt, nicht zu dünn, nicht zu muskulös und nicht zu weiblich, sie waren perfekt, und das konnte sie von ihren anderen Körperteilen nicht behaupten, die waren gerade mal Mittelmaß – aber immer noch viel ausdrucksvoller als ihr Gesicht. Die schwarze lässige Leinenhose behielt sie an, sie war so bequem und stand ihr außerdem.

Sie schminkte sich nicht. Wozu auch? Ihre Haut war nicht blässlich, sondern leicht bräunlich getönt, und sie war klar und rein. Ihre Haare trug sie offen, lang und braun mit goldenen Strähnchen, die Sabine gefärbt hatte, denn Geld für teure Frisörbesuche hatte sie nicht. Ihre Augen, na ja, die waren nicht gerade klassisch schön, eher schlitzig angelegt, aber ihre Farbe war strahlend blau, ihre Nase war zu breit und zu stupsig, ihr Mund war nicht übel, weder zu schmal noch zu üppig. Ihre Wangenknochen waren auch okay, sehr ausgeprägt, und das Kinn war eindeutig vorhanden. Und bei aller Liebe zu Sabine, ihrer besten Freundin, fand sie Sabines Kinn ein wenig schwächlich. Aber trotz dieses Mangels war Sabine viel hübscher als sie. Und sie konnte sich gut verkaufen, etwas das Rebekka vollkommen gegen den Strich ging. Denn wie kann man sich gut verkaufen, wenn man von der Ware ‚ICH’ nicht besonders überzeugt ist.

~~~

Sabine erschien endlich, und sie sah recht aufgekratzt aus. Kein Wunder, dachte Rebekka, so viele tolle Männer und dazu noch in jeder Altersklasse...

„Ich finde ihn hinreißend“, waren Sabines erste Worte. „Er ist wirklich intelligent!“

„Nein, nicht das! Du weißt genau, dass das, was du für Intelligenz hältst, manchmal nur pures einstudiertes Geschwafel ist.“ Rebekka hatte da so ihre Erfahrungen mit Sabines Liebhabern gemacht. Und mit ihren eigenen Liebhabern auch.

„Diesmal nicht!“ Sabines Stimme klang überzeugt. „Dieser Mann hat jede Menge Bildung und Kultur.“

„Meinst du das im Ernst?“ sagte Rebekka ironisch. Was faselte Sabine da eigentlich?

„Archibald ist wirklich intelligent!“

„Archibald? Du meinst Archibald? Okay, da hast du recht!“

„Natürlich meinte ich Archibald! Wen meintest du denn?“ Sabine überlegte angestrengt, bis sie drauf kam: „Du meintest Daniel, gelle?“

„Nicht wirklich“, sagte Rebekka ein wenig verlegen.

„Er ist also wieder da, der Daniel, er wohnt bei uns in der Nähe, und er arbeitet wieder in seinem eigentlichen Beruf.“

„Wie denn, was denn? Er hat keine Kneipe mehr?“

„Nein, keine Kneipe mehr. Diese Phase seines Lebens ist vorbei. Hat er gesagt.“

„Ich freue mich für ihn und hoffe, dass er sich nicht wieder blind in irgendeine Tussi verliebt.“ meinte Rebekka spöttisch.

„Ach was, ich glaube, er hat seine Lektion gelernt.“ Sabine machte bei diesen Worten einen überzeugten Eindruck.“

„Na wenn du meinst....“

„Ist mir aber auch egal, was Daniel macht.“ Sabines knabenhaftes Gesicht überzog sich mit dem Hauch einer Röte. „Ich finde ihn hinreißend! Archibald meine ich natürlich...“

Rebekka seufzte auf. Denn jetzt fing Sabine an, sich zurechtzumachen. Und das dauerte und dauerte...

~~~

Eine Stunde später gingen sie gemeinsam hinunter. Diese Treppe war fantastisch und fürchterlich zugleich! Jeder konnte sie sehen, und das galt sogar für die Ahnen der Familie Kampe, deren Portraits auf dem Treppenaufgang hingen. Ein bestimmtes Bild schien Rebekka ganz intensiv anzusehen. Es stellte eine blonde Frau dar, sie trug eine unscheinbare Schale in der Hand, und sie sah Morgaine ein wenig ähnlich. Ihre Augen schienen Rebekka zu verfolgen, aber sie fand das irgendwie tröstlich und zwinkerte der Dame unauffällig zu.

Sie waren alle da, wie Rebekka kurz aus den Augenwinkeln heraus feststellte. Und zwar an einem riesigen Tisch, den man wohl aus mehreren anderen zusammengestellt hatte und der aussah wie König Arthurs Tafel.

Max war da, er saß neben Andromeda. Sammy war da, er saß neben Archie. Georg war da, er saß neben der Zigarettenschnorrerin, nämlich seiner Ehefrau. verdammt, wie hieß die noch? Carola? Evi? Erika? Rebekka wusste es einfach nicht. Sammies Frau Biggi saß neben Max. Fehlte da noch wer? Ach ja, Daniel war auch da... Er saß rechts neben Biggi, und somit war der Kreis fast geschlossen, fast aber nur, denn es waren noch zwei Plätze frei. Ein paar andere Gäste des Hotelguts saßen an kleineren Tischen, die würde sie vielleicht auch kennen lernen, aber nicht jetzt. Jetzt überlegte Rebekka krampfhaft – während sie an Sabines Seite die scheinbar endlos gewundene Treppe hinunter stieg – wo sie sich hinsetzen sollte. Es waren also noch zwei Lücken frei in der Besetzung der Sitzplätze, nämlich der zwischen Archie und Daniel. Nein vollkommen undenkbar! Und der zwischen der namenlosen Schnorrerin, also der Ehefrau von Georg und dem Mädchen Andromeda. Es blieb ihr sowieso keine Wahl. Neben Daniel, das wäre zu peinlich. Aber Andromeda war ihr sympathisch, sie kam ihr so vertraut vor, als wäre sie ein jüngeres ICH von ihr.

Natürlich bemerkte sie, dass alles auf sie starrte. Nein, sie starrten bestimmt alle auf Sabine. Sabine war süß, sie hatte eine knabenhafte Figur, die zu ihrem knabenhaften Gesicht mit den großen braunen Augen passte. Sabine bewegte sich provokant, man hatte bei ihr sofort den Eindruck: Die Frau ist geil! Ihre Augen sagten das, ihr Blick sagte das, und ihre ganz Haltung sowieso.

Und Rebekka tat das, was sie gut konnte, das was sie gelernt hatte. Nämlich sich unscheinbar bis zu Unsichtbarkeit zu machen, also gar nicht zu existieren...

 

Schau mal, wie hübsch dieses Mädchen ist, schau mal, was sie für wunderschöne große braune Augen hat! Natürlich hat sie ein bisschen Pech gehabt mit ihrem Mann, der ein Trunkenbold und Versager ist, aber hübsch ist sie, das muss man ihr lassen... Rebekka fühlt sich verletzt. Warum sagt die Mutter so etwas? Das muss nicht sein. Natürlich ist sie nicht hübsch, ihr unerwünschtes exotisches Aussehen ist ungewöhnlich für die Mutter und die anderen Kleinstadtbewohner. Und ihre schrägen, nicht sehr großen Augen sind bestimmt nicht das Schönheitsideal dieses Landes, obwohl sie lichtblau sind. Die dunklen Haare gehen gerade mal so durch, blond wäre natürlich besser. Herrgott, sie ist hässlich! Und wenn die eigene Mutter das sagt, dann muss es auch stimmen, denn warum soll die eigene Mutter sie so heruntermachen? Ich bin ein Nichts, denkt sie, ich bin hässlich, und warum sollte mich überhaupt jemand sehen wollen?

 

„Ich setze mich neben Andromeda und die.... äääh Schnorrergurke“, sagte Rebekka leise und mit freundlichem Gesicht zu Sabine, die sofort kapierte und freundlich zurück nickte.

Rebekka war froh, dass sie ohne großes Stolpern den auserwählten Sitzplatz erreichte. Andromeda lächelte ihr zu, und sie lächelte zurück. Sie bemerkte, dass Sabine mittlerweile zwischen Daniel und Archie saß. Und sie stellte fest, dass Sabine aussah wie eine Katze, die an Sahne geschleckt hat. Sie ist in ihrem Element, dachte sie.

Der Wein war schon eingeschenkt, und Rebekka stürzte sich förmlich auf ihn. Er hatte eine beruhigende Röte und schmeckte außergewöhnlich frisch und fruchtig.

„Er schmeckt gut, nicht wahr?“ Andromeda nickte ihr zu. Sie trank allerdings keinen Wein sondern Orangensaft.

„Woher weißt du das?“ fragte Rebekka.

„Genascht habe ich!“ Andromeda zwinkerte ihr zu, und wieder spürte Rebekka eine Verbindung zwischen ihr und diesem jungen Mädchen, welche aber nur blöde Einbildung war. Denn Rebekka hatte festgestellt, dass solche Sachen eben nur Einbildungen sind, geboren vom Kleinhirn, vielleicht aus dem Verlangen nach so etwas, aber letztendlich ohne Sinn und Verstand und vor allem im Sande verlaufend...

„Ich habe so einen Hunger!“ Das kam jetzt von der anderen Seite. Da saß nämlich die, Himmel wie hieß sie noch, ach ja, die Zigarettenschnorrerin.

„Die werden uns schon versorgen“, meinte Rebekka lässig, obwohl sie selber auch großen Hunger verspürte.

„Rehterrine, das hört sich toll an!“ Die Zigarettenschnorrerin ohne bestimmten Namen klopfte mit ihrem Löffel demonstrativ auf den Tisch, was aber im allgemeinen Gesprächsgemurmel unterging.

„Ich glaube nicht, dass man davon richtig satt wird“, sagte Rebekka ein wenig anzüglich.

„Doch! Das hört sich gut an. Wie ein fetter Eintopf mit viel Wild und Pilzen!“ Wieder klopfte die Zigarettenschnorrerin mit dem Esslöffel auf den Tisch.

„Nein...“ Rebekka fiel einfach der Name dieser Frau nicht ein. „Das ist kein fetter Eintopf...“

In diesem Augenblick wurde der erste Gang aufgetragen. Ein junges Mädchen in Jeans servierte ihn, und die Frau ohne Namen war sehr enttäuscht, als sie ihn erblickte. Es war nämlich nur die Scheibe von einer Pastete. Zugegebenermaßen vielleicht mit ein bisschen Rehfleisch darin, aber es war kein fetter Eintopf. Sie ließ enttäuscht den Löffel fallen.

Und es gab wieder Wein. Rebekka stürzte sich förmlich auf ihn. Er hatte eine beruhigende Röte und schmeckte außergewöhnlich frisch und fruchtig.

Nach der Rehterrine ging es aber Schlag auf Fall: Eine köstliche Hühnerbrühe wurde serviert. Danach kam der Hauptgang, Medallions auf Brokkoli-Gratin.

Und es gab wieder Wein, diesmal einen trockenen Weißen. Rebekka stürzte sich auch auf diesen, und er war nicht so trocken, dass er sauer war, nein im Gegenteil, er war pikant und vor allem appetitanregend. Nicht dass sie das nötig gehabt hätte. Ich habe immer noch ein bisschen Hunger, das war das einzige, was sie denken konnte, obwohl sie ab und zu nach links lugte, wo Sabine saß, die sich im Übrigen köstlich zu amüsieren schien. Kein Wunder, sie saß zwischen zwei ungewöhnlichen Männern, egal in welcher Beziehung. Rebekka musste lächeln, aber das Lächeln fiel ein wenig säuerlich aus.

„Warum lachst du?“ Andromeda hatte ihr Lächeln wahrgenommen – und anscheinend auch den Blick nach links.

„Ach nur so...“

„Kennst du ihn?“ Andromedas Gesicht wurde eine Spur röter und somit noch frischer und lebendiger.

„Wen meinst du?“ Rebekka wusste natürlich genau, wen Andromeda meinte

„Daniel natürlich!“

„Ach so...“ Rebekka überlegte krampfhaft. Was sollte sie sagen? Die Wahrheit etwa, dass er ein Scheißkerl war, unzuverlässig und untreu und sich in jede Tussi verlieben würde? Nein, das konnte sie diesem Kind nicht erzählen.

„Ich kenne ihn. Zwar nicht so richtig“, das war einwandfrei gelogen, „aber ich glaube, er hat schon einiges hinter sich.“ Das war zwar nicht gelogen aber vieldeutig gesagt.

„Hmmm...“ Andromeda überlegte sichtlich, aber dann wechselte sie zu Rebekkas Erleichterung das Thema: „Willst du mal meinen Alfonso kennen lernen?“

„Ist das ein Freund von dir“, fragte Rebekka lächelnd.

„Na ja, ein Freund ist er schon, aber er ist ein Kater...“

„Ooooh ja! Ich liebe Kater. Leider kann ich keinen halten, der Vermieter erlaubt es nicht. Aber als Kind hatte ich einen...“ Rebekka verstummte, denn ihr fiel ein, dass ihr Vater den kleinen Kater wahrscheinlich umgebracht hatte, egal ob aus Versehen oder aus Absicht.

War es ein Wunder, dass sie seit Jahren nicht mehr ihre Eltern besucht hatte? Es war auch gar kein Zuhause dort, eigentlich war es immer die Hölle gewesen. Aber ein gewisses Pflichtgefühl verleitete sie immer noch dazu, dann und wann ihre Mutter anzurufen, sich deren Krankheitsbeschreibungen anzuhören und dann schnell aufzulegen. Die Pflicht erfüllt, aber die Gleichgültigkeit der Mutter gegenüber blieb oder verstärkte sich noch.

„Du wirst ihn kennen lernen!“ sagte Andromeda. „Und du wirst ihn lieben!“

Wenn du das sagst...“ Rebekka blickte Andromeda in die Augen und fühlte wieder diese Vertrautheit zu dem jungen Mädchen. Es war ungefähr, als hätte sie eine jüngere Schwester, obwohl sie das Gefühl gar nicht kannte. Sie kannte nur das Gefühl mit einem sehr viel jüngeren Bruder, den sie mit vierzehn bekommen hatte, als sie gerade in die Pubertät einstieg und absolut kein Geschwisterchen mehr haben wollte. Und der verwöhnte Kleine spürte sofort, dass Rebekka das Schlusslicht in der Hierarchie der Familie war – und er nahm sich einiges gegenüber ihr heraus. Rebekka liebte ihren kleinen Bruder nicht besonders, obwohl er ja nichts dafür konnte, so verwöhnt zu werden. Sie ging fort, als sie volljährig war und die Lehre aus hatte. Sie hatte ein bisschen Geld gespart, um woanders leben zu können. Und Rebekka war hart geworden im Laufe ihrer Jugend. Das glaubte sie zumindest.

 

Das Essen wurde weiterhin zelebriert. Es gab nun kleine Zwiebelküchlein, die aber ungemein sättigend waren. Zumindest in den ersten fünf Minuten, na gut, man musste sich ja nicht unbedingt voll fressen bis zum Platzen. Außerdem lief alles recht locker ab beim Essen. Während der Pausen zwischen den Gängen besuchten sich manche Leute. Georg besuchte zuerst Sabine und hatte viel mit ihr zu reden – was von seiner Ehefrau misstrauisch beäugt wurde. Dann besuchte Georg Max und hatte auch viel mit ihm zu reden, während er sich über Max’ Stuhl beugte. Na klar, Georg war einer von Max’ Stammgästen gewesen, übertroffen von Sammy natürlich. Sammy hatte damals einen „Deckel“ gehabt, den er nur einmal im Monat bezahlen musste, das war ein Service des Hauses. Manchmal belief sich dieser Deckel auf über 800 Mark. Seit Sammy mit Biggi verheiratet war, soffen die beiden nur noch zu Hause, das war natürlich viel billiger, aber auch sehr viel ungeselliger... Biggi war zwar eine seltsame Nudel, aber auf ihre Weise recht amüsant. Sie war von der fernen Nordsee ins Ruhrgebiet gezogen, um Sammy zu heiraten, den sie bei einer Busfahrt an die Costa Brava kennen gelernt hatte, in einem so genannten Samba-Bus. Biggi war eine anständige Frau! Bei diesem Ausdruck verzog Rebekka unauffällig ihren Mund. Denn manchmal erzählte Biggi so Sachen wie: Ich habe soviel gute Freunde in C. gehabt. Und wenn einer bei mir übernachtet hat, bei mir im Bett, meine ich, habe ich immer gesagt, nein, ich will nicht...

Eine Schlampe, aber irgendwie eine nette Schlampe, dachte Rebekka. Bildet sich was drauf ein, mit einem Mann ins Bett zu steigen, ihn heiß zu machen und dann ‚nein, ich doch nicht!’ zu sagen. Aber ich bin, glaube ich, noch mehr Schlampe. Ich sage nie nein, wenn ich mal in die Verlegenheit komme, es sei denn, ich schlafe ein...

Sie überlegte, wen sie am Tisch besuchen könnte, und dann fiel ihr natürlich Max ein, er saß ja nicht weit entfernt, nämlich links neben Andromeda, und Georg war weitergewandert zu Sammy. Rebekka erhob sich und ging die zwei Meter zu Max hin.

„Es scheint dir gut zu gehen, Max“.

Max lächelte und sagte: „Ich bin ja schließlich zuhause hier.“

„Na ja, so richtig viel hast du nie von deinem zuhause erzählt“, meinte Rebekka ein klein wenig ironisch.

„Ich bin eben ein schweigsamer Typ“, sagte Max nach einer kleinen Pause.

„Ja, das bist du wohl. Übrigens finde ich Andy sehr nett!“

Max schien leicht zu erröten, wie es Rebekka vorkam. Er warf schnell einen Blick nach rechts zu Andy hin, die aber mit ihrem Orangensaft beschäftigt war und heimliche Blicke an Daniel sandte.

„Es ist seltsam, dich nicht hinter einer Theke zu sehen“, fuhr Rebekka fort.

Sie fand ihn immer noch so attraktiv und genauso verschlossen wie damals. Auch als er einmal total betrunken war, konnte er sich gegen Sabines Übergriffe wehren und sie abschmettern, ohne unhöflich zu ihr zu sein. So einen Mann möchte ich haben, hatte Rebekka damals gedacht, einen Mann, der anderen Frauen widerstehen kann, der nicht auf jede Tussi hereinfällt wie gewisse andere Leute. Und damit hatte sie nicht ihren Freund Michael gemeint, obwohl ihre Beziehung in den letzten Zügen lag, sondern einen anderen, von dem sie gewisse Dinge gehört hatte.

Wie Max allerdings die junge Andromeda ansah war schon ungewöhnlich. Wieder fiel ihr der Name auf, Andromeda, woher kam der Name? Aus der griechischen Sagenwelt etwa? Und wieso beschäftigte Andromeda sie so? Aber Max schien sie auch zu beschäftigen. Warum? Andy war doch noch ein Kind irgendwie, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass Max irgendwie pädophil war. Sie korrigierte sich: Nein, Andy war kein Kind mehr.

„Meine Kneipenzeit war eher zufällig“, sagte Max und lächelte sie an. Rebekka hatte wie früher das Gefühl, dass er zwar wohlgefällig auf sie schaute, aber irgendwie haarscharf daneben. Dann kam ihr der Gedanke: Er schaut wohlgefällig aber haarscharf daneben, weil ich Andromeda ein wenig ähnlich sehe, und durch das haarscharfe Danebenblicken will er sich die Illusion bewahren, dass er auf Andromeda schaut...

„Aber es hat dir doch Spaß gemacht?“ fragte sie.

„Klar doch, aber im Grunde war es nur wegen der Kohle“, sagte Max lakonisch.

„Und warum hast du dann uns, die wir ja nur zufällige Kneipenbekanntschaften sind, eigentlich hierhin eingeladen?“ Rebekka konnte es sich nicht verkneifen, Max ein wenig in Verlegenheit zu bringen.

„Na ja, erstens, weil ich euch mag“, sagte Max irgendwie verlegen, und nach einer Pause fuhr er dann fort: „Außerdem hat mich Daniel drum gebeten.“

„Häääh!?“ sagte Rebekka entgeistert. Was zum Teufel hatte Daniel mit der ganzen Sache zu tun? Dazu fiel ihr nun überhaupt nichts ein.

„Könnte es sein, dass er dich wiedersehen wollte?“ Max schaute ihr nun voll in die Augen, und sie stellte fest, dass seine grauen Augen undurchschaubar waren. Rebekka hoffte aber, dass ihre blauen Augen ebenso undurchschaubar waren.

„Warum sollte er?“ fragte sie. Also wirklich, Max kam ja auf seltsame Ideen.

„Warum sollte er was?“ Neben ihr ertönte eine bekannte Stimme. Sie drehte sich langsam nach links – und sah Daniel direkt in die Augen. Oh nein, nicht das! Aber sie musste da irgendwie durch, und sie konnte nicht immer davor weglaufen. Nein, nicht vor ihm, er war überaus gut aussehend, er war ihr Typ als Mann, er war großartig im Bett... Und wovor sollte sie eigentlich weglaufen? Das hatte sie nicht nötig.

„Oh Daniel! Was machst du denn hier?“ Das war blöde gesagt, dachte Rebekka und trachtete danach, die Scharte auszuwetzen. „Ich meine, was machst du hier bei mir?“ Das war noch blöder gesagt...

„Jetzt labere nicht so ein blödes Zeug, Rebekka!“ Tatsächlich legte er ihr seine Hand auf die Schulter.

Sie schüttelte ihn ab. Sie wollte das nicht. „Ich labere blödes Zeug? Na toll! Aber du musst es dir ja nicht anhören, das blöde Zeug!“ Rebekka wunderte sich in einem verborgenen Winkel ihres Gehirns darüber, wieso er sie so zornig machen konnte. Das war doch vollkommen irrelevant. Wer sagte das immer? Genau, Seven of Nine im Raumschiff Voyager.

„Ich dachte, wir könnten uns hier mal unterhalten.“ Seine Augen waren messingfarben wie die einer Katze, es war ein seltsamer Kontrast zu seinem dunkelblonden Haar.

„Worüber denn?“

„Über unsere Beziehung!“ Er schaute ihr direkt in die Augen.

„Wir haben keine Beziehung, und wir hatten nie eine Beziehung!“ Rebekka blickte ihn aufgebracht an.

„Ich denke schon. Es war etwas Besonderes!“ sagte Daniel, und seine Stimme war so weich und so verlangend, dass sie fast eingelenkt hätte – aber sie tat es nicht. Typen wie Daniel konnten gefährlich sein. Sie schwatzten einem von Liebe, und nach einem Jahr war dann Schluss mit der Liebe. Nein, sie wollte nur noch streng rational leben, nur noch nach Vernunftgründen handeln, und fast hätte sie das auch schon getan. Dieser fantastisch nette Mann vor zwei Jahren, tatsächlich dachte sie bei ihm an eine festere Bindung, also an Heirat. Warum? Vielleicht war es der finanzielle Druck, der auf ihr lastete, denn sie bekam vom Jugendamt keinen Unterhalt für Morgaine. Das war der Preis für den Eintrag ‚Vater unbekannt’ in Morgaines Geburtsurkunde. Und ihre Tochter hatte bestimmt ein besseres Leben verdient, als sie ihr bieten konnte...

 

Ein ernsthafter Mann, beständig und vertrauenswürdig. Sie denkt darüber nach, seinen Antrag anzunehmen. Er verspricht Sicherheit, kombiniert mit Beständigkeit, was soviel heißt: Seine sexuellen Anlagen sind nicht sehr ausgeprägt, nur bei ihr empfindet er heftiges Begehren. Und gewissenhaft wie sie ist, stellt sie sich vor, wie es wäre, mit ihm verheiratet zu sein: Am Anfang ist es bestimmt wunderbar, sie fühlt sich sicher, und beschützt durch den warmen Mantel der Liebe, den er um sie hängt. Alles ist in Ordnung. Sie ist glücklich, und Morgaine ist glücklich. Aber dann unmerklich, aber immer sicherer sagen ihre Instinkte: Wenn man schon ohne Liebe heiratet, sollte man dafür sorgen, dass zumindest körperlich alles stimmt. Aber da stimmt nichts. Zuerst missachtet sie ihre Instinkte, die ihr so klar sagen: Es klappt nicht mit ihm. Sie missachtet ihren unmerklichen Abscheu, mit ihm intim zu werden, sie missachtet den anfangs leisen, aber immer lauter werdenden Ekel vor seinem Geruch. Der warme Mantel der Liebe, er wird immer schwerer und lastet unerträglich auf ihr, nein, sie will diesen Mantel nicht. Sie will ihn von niemanden, sie kommt besser ohne Mann und Mantel klar. Aber er würde Morgaine wie eine Tochter aufnehmen. Nein, nein, nein, das ist nicht genug. Es geht nicht, es geht nicht, so leid es ihr auch tut, denn er ist ein ganz besonderer Mann. Sie weist ihn zurück.

 

„Etwas Besonderes? Für mich nicht!“ Das war natürlich gelogen, es war doch irgendwie besonders für sie gewesen, denn es war eine ihrer verkorksten Aktionen, also von vorneherein vergiftet, vermurkst und vor allem falsch gewesen...

„Rebekka, bitte...“ Er sieht verletzt aus, und automatisch hebt sie schon die Hand, um ihn zu streicheln...

 

„Hallo Becky! Wir geht’s dir denn so?“ Georgs Bassstimme lässt. aus ihrer Gefühlsduselei aufwachen.

„Tachchen Georg! Mir geht’s gut. Und dir? Was machen deine Verrückten... äääh... Betreuten?“ Rebekka ist ziemlich froh darüber, dass der gute Ritter Georg rechtzeitig erschienen ist, um sie von ihren peinlichen irrelevanten Gefühlen abzulenken.

„Die werden immer verrückter...“

Georg war ein netter Kerl. Seine Mutter hatte ihn und den Vater verlassen, als er noch ganz klein war. Und die Sehnsucht nach einer Familie hatte ihn in die Arme der leidenschaftlichen... äääh Schnorrergurke getrieben. Aber er weigerte sich, deren sexuelle Ambitionen zu befriedigen, er wollte einfach keinen Sex mit ihr haben, es reichte ihm, dass sie einen Sohn hatte. Er sehnte sich wahrscheinlich nur nach einer Familie...

 

Daniel hat sich verkrümelt, aber jetzt fühlt Rebekka sich plötzlich etwas leer. Himmel, was will sie eigentlich? Sie ist etwas geistesabwesend, während sie versucht, Georg zuzuhören. Und sie schafft es, denn Georg ist nett, und er erzählt interessante Sachen von seinen Betreuten. Er arbeitet bei der Stadtverwaltung und muss geistig verwirrte Leute betreuen und verwalten. Er erzählt von Verwirrten, die sich aus eigenen Exkrementen Entlein kneten und sie in der Badewanne schwimmen lassen. Rebekka muss lachen, obwohl das schrecklich absurd und traurig ist.

Rebekka trinkt wieder Wein und amüsiert sich köstlich. Sie geht in Richtung Sammy und unterhält sich mit ihm über den Wirt des E-body, der tot ist, gestorben am Suff. Seitdem ist auch das E-body geschlossen, und es gibt keinen Ersatz dafür. Sie waren so wunderbar gewesen, diese vielen Stunden im E-body.

Sie schwelgen in Erinnerungen, und Rebekka fragt irgendwann: „Was ist denn eigentlich mit Lipinski passiert?“

„Der arbeitet jetzt als Kellner im German House“, berichtet Sammy, der noch Kontakt zu dem durchgeknallten Dichter hat. Lipinski arbeitet nämlich manchmal als Kellner und manchmal als Platzanweiser im einem Pornokino...

„Ich habe da einen Reim für sein Gedicht gefunden“, Rebekka zieht ihre Nase kraus und überlegt sichtlich. „Wie ging es noch mal? Lass mich überlegen, es hatte was mit vielen Aaaa’s zu tun.“ Aus den Augenwinkeln sieht sie, dass Daniel sich mit Sabine unterhält. Das passt ihr nicht, weil Sabine vielleicht dummes Zeug erzählt. Aber wen juckt’s? Außerdem ist es ihr wieder eingefallen, dieses Gedicht:

„Harald, das war Annas Mann

trank am Samstag mal acht Alt.

Danach gab Harald ganz stark an...“

 

An dieser Stelle hörte Rebekka auf, Lipinski zu rezitieren (wir werden wohl nie erfahren, wie das Gedicht weiterging) und starrte stattdessen auf die Treppe, auf der gerade Claudia Mansell erschienen war, die ein kleines Mädchen an der Hand hatte. Es handelte sich um ein entzückendes kleines Mädchen, es hatte helle gelockte Haare und hellbraune Augen, die weit aufgerissen waren und suchend umherschauten.

„Oh Gott, Morgy!“ Rebekka eilte die Treppe empor und umarmte Morgaine. „Es ist doch nichts passiert?“ fragte sie die ältere Frau.

„Nein, überhaupt nicht“, sagte Claudia Mansell gelassen. „Morgaine hatte nur das Bedürfnis, ihre Mutter zu sehen. Sonst nichts.“

Morgaine schmiegte sich in die Arme ihrer Mutter und horchte in sie hinein. Mammi war ein bisschen durcheinander, wie es schien. So hatte sie Mammi noch nie erlebt. Was war wohl der Grund dafür? Jemand, der hier war?

Sie sah ihn wieder, sie erkannte ihn sofort, denn sie hatte ihn schon öfter in den Bildern ihrer Mami gesehen, er war hier... Sie schaute in die Runde der lustigen Gesellschaft und fand ihn. Er starrte sie an, und sie starrte ihn an. Dann musste sie lachen, er war nicht schlimm, und er hatte keine bösen Gedanken, ganz im Gegenteil.

Sie starrte ihn immer noch an, als Rebekka mit ihr die Treppe hochging und sich schließlich umdrehte, um sich von der Gesellschaft zu verabschieden. Seine Blicke hingen immer noch an ihr, und sein Gesicht sah so dumm aus, dass Morgaine ihn beruhigend anlächelte. Sie konnte das gut...

 

Eine andere, jedoch hellere Stimme sagt in einem seltsamen Singsang: Du bist der Richtige dafür, David. Jeder der nicht nach der Macht strebt, ist der Richtige dafür.

Diese helle Stimme gehört vielleicht zu der jungen Frau, die verschwommen vor einem Klavier sitzt und einige Töne anspielt, die trotz der Verzerrungen melodisch klingen.

Er kennt die junge Frau, er hat sie schon oft gesehen, aber normalerweise sieht er sie als Kind. Es muss Morgaine sein, denkt er. Aber wer ist Morgaine?

 

Jetzt weiß Daniel es. Das süße kleine Mädchen – Rebekka trägt es gerade gerade die Treppe empor – das ist Morgaine.

 

Ende KAPITEL I  Holidays in Kampodia   © Ingrid Grote 2007

Fortsetzung folgt

Und hier ist es nun, eventuell zum Drucken oder zum Gucken... www.ingridgrote.de/Roman/H.i.K.KapitelI.htm

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.01.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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